Gesammelte Schriften • Interview mit Imke Brodersen

Interview mit
IMKE BRODERSEN

(Idee und Durchführung von Torshavn)

1. Übersetzer haben lange Zeit im Schatten der Autoren gestanden. Bitte stellen Sie sich einmal vor. Wer ist Imke Brodersen?

Ich bin Diplom-Übersetzerin für Englisch und Spanisch mit den Schwerpunkten Belletristik und Medizin / Ernährung. Ich bin 42 Jahre alt, Mutter von 3 Jugendlichen und seit der Schulzeit Fantasy-Fan.

2. Sie sind mit dem Heldenlied als Übersetzerin in die Welt der Drachenlanze eingestiegen. Wie kam es dazu?

Als begeisterte D&D-Spielerin hatte ich mich gezielt bei Goldmann beworben, um Fantasyromane dieser Sparte zu übersetzen. Nach ersten Einstiegsarbeiten wie „Drachenprinz“, Band 3 und 4, von Melanie Rawn kam dann das Angebot, die Drachenlanze-Serie zu übernehmen.

3. Mit den Chroniken, den Legenden und den Geschichten waren die Grundlagen für die deutsche Ausgabe der Drachenlanze gelegt. Die Charaktere hatten ihre Namen, Charakterprofile standen fest usw. War das für Sie eher hinderlich? Konnten Sie auf der Arbeit Ihrer Vorgängerin Marita Böhm aufbauen?

Die Arbeit von Marita Böhm war meine Vorgabe – ich musste zunächst alle bisher erschienenen deutschen Bände lesen und Glossare erstellen, an die ich mich bei der weiteren Arbeit zu halten hatte. Im Rückblick hätte man natürlich manches anders machen können. Allerdings wissen Übersetzer ja noch weniger als die Schriftsteller selbst, in welche Richtung sich eine Fantasywelt oder ein Charakter entwickeln wird – wir haben ein einzelnes Buch vorliegen und können nicht ahnen, was später noch kommt.

4. Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Ich lese zunächst das komplette Buch von Anfang bis Ende durch, um den roten Faden zu haben. Dabei entsteht die erste Interpretation, auf deren Grundlage beispielsweise die Namen von Orten und Charakteren festgelegt werden. Danach schreibe ich in der Regel eine kurze Inhaltsangabe für den Verlag und mache meist auch Titelvorschläge. Die Übersetzung beginnt erst hinterher: Das Buch steht auf dem Schreibtisch, und ich übersetze Seite für Seite direkt in den Computer. Für Namen, Orte und Hintergründe habe ich ausführliche Glossare. Zum Schluss folgt eine Überarbeitung mit besonderem Augenmerk auf Stil und Kontinuität.

Während des Übersetzens tauche ich komplett in die Atmosphäre und die Geschichte ein, probiere Handbewegungen aus, spreche Dialoge oder ahme beschriebene Körperhaltungen nach. Wenn ich nachts an spannenden Stellen arbeite und jemand ins Arbeitszimmer kommt, kann ich mich zu Tode erschrecken. Wenn ich auf Widersprüche treffe, schlage ich in früheren Büchern nach (in der Druckversion, nicht in meiner Computerfassung) oder frage auch mal beim Autor, wie bestimmte Stellen gemeint sind.

5. Haben Sie die Geschehnisse auf der Welt Krynn von Anfang an verfolgt? Oder mußten Sie sich erst einlesen?

Siehe Punkt 3 – ich musste mich einlesen. Als Rollenspielerin habe ich mich mehr in den Forgotten Realms bewegt.

6. Gibt es Lieblingsfiguren? Charaktere, die Sie gar nicht mögen?

Ich liebe die unverwüstlichen, unendlich neugierigen Kender, ganz besonders Tolpan. Einem Buch ohne Kender fehlt einfach das gewisse Etwas. Und ich mag die Drakonier in „Drachennest“ und „Die Grube der Feuerdrachen“ (Die Erben, Band 3 und 4), weil das scheinbar Böse hier eine eigene Stimme bekommt. Mit Dalamar habe ich manchmal Schwierigkeiten; den finde ich sehr undurchschaubar. Aber das soll er wohl auch sein.

7. Das Drachenlanze- Universum ist sehr groß. Zahlreiche Romane beschreiben die Welt. Haben Sie Einfluß auf die Auswahl der Bücher, die übersetzt werden?

In meinem Bücherschrank stehen deutlich mehr Romane, als übersetzt wurden. Manches lese ich zur Abrundung, manches empfehle ich, weil ich finde, dass es unbedingt dazu gehört, wichtige Informationen für die Nebenstränge liefert oder einfach für sich stehen könnte. Aber die Entscheidung, was übersetzt wird, liegt beim Verlag und wird mit Blick auf die Absatzchancen und das Gesamtprogramm gefällt.

8. Gibt es Drachenlanze- Romane, die Sie gerne übersetzen würden?

Natürlich will ich immer wissen, wie es weitergeht – momentan bin ich sehr gespannt, was aus Mina wird (Jünger der Drachenlanze, letzter Band). Eine schöne Ergänzung wäre „Draconian Measures“ von Don Perrin und Margaret Weis, in dem die Drakonier aus Kangs Regiment Drakonierfrauen groß ziehen und diese ebenfalls Eigenleben entwickeln. Interessant finde ich auch „Wizards’ Conclave“ von Douglas Niles, wo der Werdegang der weißen Zauberin Coryn und der Wiederaufbau der Orden der Magie nach der Rückkehr der Götter erklärt wird.

9. In den letzten Jahren kamen nur sehr wenige Übersetzungen heraus. Ein Schwerpunkt scheint auf den Büchern von Margaret Weis und Tracy Hickman zu liegen. Warum erscheinen so wenige Romane? Nach welchen Kriterien werden sie ausgewählt?

Margaret Weis und Tracy Hickman sind die Zugpferde der Drachenlanze. Diese Welt ist mittlerweile so verästelt, dass neuen Lesern der Einstieg schwer fällt, zumal etliche Bücher eine Zeit lang mit dem Argument „Taschengeldpreis“ in zwei Bände geteilt wurden. Die zentralen Helden wie Raistlin, Tanis oder Goldmond ziehen die Leser nach wie vor in ihren Bann; hier liegt sicher auch das Hauptinteresse.

10. Mögen Sie Fantasy- Romane?

Ja. Ich habe schon als Jugendliche zur Fantasy gefunden und kann mich für gute Fantasy immer wieder begeistern. Wobei es mir in erster Linie auf vielschichtige, glaubwürdige Helden und eine interessante Welt ankommt, weniger auf Action. Wenn Helden blind von einem Abenteuer ins nächste stolpern, komme ich damit nicht so gut zurecht. Besonders spannend finde ich es, wenn ein Autor konsequent neue Gesellschaftsentwürfe zu Ende denkt oder eine in sich stimmige Welt mit eigenen Naturgesetzen entwickelt. Zusammen mit meinen lesewütigen Kindern stöbere ich immer wieder Büchereien und Buchhandlungen durch.

11. Übersetzen Sie auch andere Bücher innerhalb des Genres?

Lange Zeit habe ich ausschließlich Fantasy übersetzt. Besonders schön war die Drachenprinz-Serie (Melanie Rawn), das „Lied des Deneir“ um den Kleriker Cadderly (R.A. Salvatore) oder „Die Dämonen der Nacht“ (Catherine Webb), wo eine junge englische Autorin eine phantastische Traumwelt entwickelt.

12. Wenn Sie die freie Wahl hätten, welchen Roman oder Autor würden Sie gerne ins Deutsche übertragen?

Mit Blick auf den Familienetat natürlich den letzten Harry Potter-Band – wobei Klaus Fritz hier in meinen Augen unter hohem Zeitdruck wunderbare Arbeit geleistet hat und ein Übersetzerwechsel durch nichts zu rechtfertigen wäre. Aber ich würde auch sehr gern einmal ein Buch der amerikanischen Ärztin Rachel Naomi Remen übersetzen. Sie schreibt leise, sehr genau beobachtete Geschichten, die sich tief ins Gedächtnis brennen.

13. Ihre Übersetzungen sind spannend und flüssig zu lesen. Dennoch sind Sie in Fankreisen umstritten. Charakteränderungen und Oberflächlichkeit sind einige der Vorwürfe. Wie sehen Sie ihre Arbeit?

Übersetzen ist immer Interpretation. Auf Grundlage meiner Sprachkenntnisse schreibe ich so, dass der Leser im Idealfall dieselben Bilder entwickelt wie ein englischsprachiger Leser, der das englische Original liest. Er soll ein gutes Fantasybuch lesen und ganz in diese Welt eintauchen können. Aber nicht alles lässt sich 1:1 in eine andere Sprache transportieren – das beginnt schon bei Namensänderungen und den damit verbundenen Assoziationen (Kendernamen erwecken nun einmal durch Klang und Bedeutung bestimmte Assoziationen) und setzt sich fort bei Abwägungen zwischen denkbaren Formulierungen: Schreibt man Elfenfrau – Elfe – Elfin ? Was erlaubt die Sprache, was sage ich dazu, was mein Lektor, was die Rollenspielverlage, und wer entscheidet am Ende? Ist ein großes, verschlagenes Monstrum wie Malystryx tatsächlich ein Drachenweibchen oder klingt das nicht wie eine Verniedlichung? Übersetzen bedeutet stets auch Abwägen, was jeweils im Gesamtzusammenhang angemessen ist.

14. Aktuell sind die ersten beiden Bände der Jünger erschienen. Der abschliessende englische Roman läßt noch auf sich warten. Das erste Buch der Lost Chronicles- Reihe von Weis und Hickman um die Helden der Lanze ist im Mai in den USA erschienen. Können Sie uns sagen, wie es in Deutschland weitergeht? Welche Romane erscheinen als nächstes?

Die Lost Chronicles sind bereits in Arbeit und sollen dem deutschen Leser natürlich nicht vorenthalten werden. Ebenso werden wir ganz sicher erfahren, wie es mit Mina bei den Jüngern weitergeht. Aber ich habe keinen Einfluss auf das Schreibtempo von Margaret Weis.

Ich danke Ihnen sehr für dieses Interview.

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