Rezensionen • The Inheritance
Autor: Nanvy Varian Berberick
Titel: The Inheritance
Zyklus: Classics Series
Verlag: Blanvalet

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Besprochen von: Murmel Beutelleer
Bewertung: (9/10)

Was hat man nicht schon alles über dieses Buch gehört. Es wurde schon als unwahr abgestempelt, noch bevor es herausgekommen war. Es würde Geschichte umschreiben, die schon durch die Chroniken etabliert war. Fans aus aller Welt hatte sich der Magen umgedreht. Nicht wenige wollten das Buch gar nicht mal lesen, geschweige denn kaufen. Und einige, die angefangen haben zu lesen, die sprechen davon, sich durchquälen zu müssen oder dass sie es gar nur bis zu einem Drittel des Buches geschafft haben, weiter aber nicht mehr.
Möglicherweise ist es das umstrittenste DL Buch, welches je erschienen ist. Das umstrittenste unter den Fans. Ich habe jedoch auch mal Stimmen von Fans gehört, die das Buch gelesen und genossen haben. Interessanterweise stammte die Idee zu diesem kontroversen Buch von einem Fan.

Wo steckt der Funken, der diesem Buch so eine heftige Kontroverse zwischen den DL Anhängern verleiht? Wahrscheinlich weil das Thema an ganz empfindliche Stellen geht, und zwar buchstäblich unter die Gürtellinie. In einen ganz pesönlichen und essentiell wichtigen Bereich des Lebens eines der großen Helden der Lanze, Tanis Halbelf. Tanis Halbelf, zerissen zwischen der Liebe zu zwei Frauen, zerissen zwischen Entscheidungen, ein sehr gespaltener Charakter, der der Chronik der Drachenlanze eines der so wichtigen Themen in diesen erinnerungswürdigen Büchern liefert. Tanis ist ein Bastard, sein Leben spiegelt seine Herkunft, sein Erbe wieder: Geboren aus einer Vergewaltigung heraus, die seine elfische Mutter von einem menschlichen Wilden erfahren musste. Diese Differenz in der Herkunft, obwohl zu einem immerstarken Baby vereint, sollten Tanis Leben fortan prägen. Und durch diese Konflikte, die sich heiss in ihm bekämpften, wurden seine Qualitäten als Anführer einer Gruppe von Gefährten geschmiedet. Seinen Ursprung, seine Herkunft, seine Erbschaft (engl.: "inheritance") durch dieses Buch umzuschreiben, würde gleichbedeutend damit sein, Tanis Halbelf im Wesen seines Charakters und seines Seins zu verändern.

Hat Nancy Varian Berberick mit ihrem Buch über Tanis Eltern diese, zurecht schreckliche, Befürchtung wahr werden lassen?

Nein. Sie hat es nicht. Tanis Halbelf ist weiterhin das Zeugnis einer Vergewaltigung, selbst wenn einige Menschen (oder Elfen oder Zwerge) aus dem Buch berechtigterweise nicht unbedingt von einer Vergewaltigung sprechen (wollen). Was aber unbestritten gesagt werden kann ist, dass Tanis durch Zwang gezeugt worden ist. Hätte seine Mutter die freie Wahl gehabt, so wäre Tanis nicht auf der Welt gewesen.

Nachdem dieser Befürchtung das Gewicht genommen wurde, sei gesagt, dass das Buch auch sonst ein sehr lesenswertes Buch ist. Ich konnte es kaum aus den Händen legen. Nancy Varian Berberick hat ein sowohl spannendes, als auch sehr schönes Buch geschrieben. Das Lesen war eine schöne Zeit auf Krynn, geschmückt durch die typisch Berberick'sche poetische Schreibweise. Viele interessante Metaphern durchziehen das Buch.

Now began the season of lost things in the west part of Ansalon. The seas lost their ships, all but those few brave craft that hugged the coasts of the New Sea and the Strait of Algoni, mostly fishermen and ferrymen. The winds of winter blew hard and swift from Ice Mountain Bay and around to the top of the world. Even those who lived in the warmer parts of Krynn, away north where there was naught but the mysterious Dragon Isles between them and no one knew what, complained of the cold. This cold blowing went on from H'rarmont and right through the beginning of winter, into the middle months, and looked to blow most cruelly in Rannmont. Out from Tarsis drifted terrible tales of people who went mad from the moan of the wind, the groaning and the unceasing sob.[...]
All over, old people in all places, humans and elves and dwarves and a few goblins proclaimed that there had never been such a winter, and that they didn't think they card to imagine how much colder things could get.[...]
In this season of lost things, Elansa lost sight of the sky. She lost the feel of the wind on her facem and the couldn't remember what birdsong sounded like. She forgot how to taste anything but food either burned black or not cooked enough. In the first weeks, she dreamed of scented baths and wisteria-hung gardens, and she woke forgetting those perfumes. Soon, she lost even the dreams.
Having lost sight of the sky, she lost track of days. Having lost the two moons, bright Solinari and red Lunitari, she didn't know how to track the nights, but she was, after all, a woman, and her body knew how to track the tides of time.

 - Nancy Varian Berberick, The Inheritance

Spannende Stellen werden mit langen Sätzen und detaillierten Beschreibung so deutlich und greifbar ausgeschmückt, dass man es nicht mehr aushalten kann, bis das nächste geschieht. Nicht Ungeduld ist es, was drängt, sondern das schon fast wie in Zeitlupe ablaufende Geschehen, was dadurch in seiner Spannung hervorgehoben wird.

Die Charaktere sind sehr interessant: Elansa, Tanis Mutter, entführt von Brand, den man als Tanis Vater in nicht wenigen Zügen erkennt, und seinen Schergen, unter deren insbesondere Char, der einäugige Zwerg heraussticht und dem Leser wirklich ans Herz wächst. Interessant ist auch die Beziehung zwischen Tianna und Ley, erstere eine Halbelfe, letzterer ein Dunkelelf, die jedoch nicht zentral beleuchtet, sondern nur nebenbei erwähnt wird, sie ist nicht Teil dieser Geschichte, aber sie ist eine Geschichte für sich, die noch erzählt werden muss. Das jedoch beflügelt die Phantasie und wenn man bei Nancy Varian Berberick die Seiten umblättert, so ist man gespannt darauf, was es als nächstes zu entdecken gibt.
Lindenlea ist die zweitrangige in der elfischen Armee, dem Ehemann Kethrenan, der verzweifelt seine geliebte Ehefrau Elansa sucht, unterstellt. Auch Lindenlea sticht unter den Charakteren hervor, man möchte mehr über sie wissen, sie mehr kennenlernen.
Mit von der Partie sind auch Goblins als dritte Partei des Konfliktes, die zwar in stereotyperweise geschildert werden, das Lesen des Buches aber durch ihre eigene Sicht der Dinge erfrischen. Leider bekommt nur der Goblin Ithk eine größere Rolle, der zum Ende hin leider aber in der Kategorie "ferner liefen" vergessen wird, ebenso wie die Goblins insgesamt zum Ende des Buches eher nur (trotz der Anzahl einer Armee samt mächtigem Anführer) eine Nebenrolle bekommen.

Es gibt einen großen Schnitzer, den sich Berberick erlaubt hat: Qualinesti-Elfen, die lachend und höhnend eine Bauernfamilie von ihrem Grundbesitz vertreiben und sie in den kalten Wintertod schicken. Nicht einmal mit einem sehr sehr schlechten Tag bei den Elfen lässt sich so ein Verhalten erklären. Dies wäre nicht so schlimm, wenn dieses Ereignis nicht eine prägende Erinnerung für einen der Hauptcharaktere wäre. Man stellt sich die Frage, was geschehen wäre, wenn die Elfen nicht so kaltblütig gehandelt haben, wie sie hier dargestellt wurden. Aber vielleicht wäre das Ergebnis dasselbe gewesen. In den Tod geschickt oder nicht, die Elfen haben die Menschen aus ihrem Heim nur deswegen vertrieben, weil sie ein wenig zu nahe an den elfischen Grenzen gewohnt haben. Das eine ist aus Perspektive der Menschen genauso unverständlich wie das andere.

Dieses Buch hat kleine Schwächen, die Sache mit den Elfen und der Bauernfamilie und das zum Ende des Buches langsame Vergessen der Goblincharaktere bzw. der gesamten Goblins an sich. Dennoch ist für mich der Kern dieses Romans die Entführung von Elansa durch Brand und seine Bande, Elansas Leben und Überleben in dieser räuberischen Gruppe und Kethrenans Streben und Drängen nach Elansas sicherer Heimkehr. Die Goblins machen das Buch zusätzlich noch interessanter, auch wenn sie dann doch noch wieder in den Hintergrund geraten. So seien also nur die Elfen, die eine Bauernfamilie in den Wintertod vertreiben, ein Tintenfleck, der den zehnten Stern auf dem Manuskript dieser Rezension auslöscht und nur neun zurücklässt. Neun Sterne, für ein Buch, das jedem empfohlen ist, der vorurteilsfrei dieses Buch lesen möchte.

Drachenlanze.de / Rezension: Murmel Beutelleer