Rezensionen • Die Stunde des Skorpions
Die Stunde des Skorpions

Autor: Michael Williams
Zyklus: Das Heldenlied der Drachenlanze 6
Original: Heroes Vol. III: Weasel's Luck

Verlag: Goldmann
ISBN: 3-442-24595-8

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Besprochen von: Gunter Weigand
Bewertung: (9/10)

Diese Rezension bezieht sich gleichzeitig auf den 1. Teil der Geschichte: Unter dunklen Sternen

  „Schaut mal, ich weiß nicht, wer Ihr seid, aber tut mir nichts. Ich steh viel zu weit unten, ich bin noch nicht mal gut genug für eine Entführung. Wenn Ihr Vater sucht, der ist unten beim Bankett, aber Ihr erwischt ihn wahrscheinlich hervorragend, wenn er in den frühen Morgenstunden die Treppe hochkommt. Er hatte übrigens vor einem halben Jahr einen Jagdunfall und schont immer noch sein linkes Bein, also zielt auf das rechte.“
  Ich fing an zu weinen und zu stottern und plapperte weiter.
  „Oder wenn Ihr hinter meinem Bruder Brithelm her seid, der meditiert wahrscheinlich in seinem Zimmer. Irgend so ein religiöser Feiertag. Den Gang runter, dritte Tür links.“
  Brithelm war harmlos, gutmütig und der, den ich von der ganzen Familie und allen Gästen am liebsten mochte. Aber nicht genug, um mich einem möglichen Mörder in den Weg zu stellen. Rasch fuhr ich fort.
  „Sonst ist hier oben nur noch unser Lehrer Gileandos, der nichts hören wird, weil er sich von seinen Verbrennungen und inzwischen wahrscheinlich auch vom Brandy erholt.“
  Während dieses Verrats blieb ich unterm Bett, von wo aus ich den Eindringling von den Knien abwärts sehen konnte, wie er erst auf der Schwelle stand, dann den Raum betrat und sich auf einen Stuhl am Fenster setzte. Durch das gewölbte Glas der umgeworfenen Lampe wirkten seine Beine riesig, und er trug schwarze Stiefel mit silbernen Skorpionen daran, als wenn schwarze Stiefel an sich nicht schon fies genug ausgesehen hätten. Ich errichtete einen Wall aus Knochen, Tonscherben und Fusseln um mich herum und preßte mich enger und enger an die Wand, an der Alfriks Bett stand.


  - Michael Williams (Unter dunklen Sternen)

Galen Pfadwächter ist das Paradebeispiel für einen nichtsnutzigen Teenager solamnischer Abstammung, an Feigheit und Bauernschläue kaum zu überbieten. Ein geheimnisvoller Fremder zwingt Galen dazu, den Ritter Bayard Blitzklinge auf seinem Weg zu einem Turnier so zu behindern, dass jener nicht rechtzeitig dort erscheinen kann. Aus Angst gehorcht Galen zunächst diesen Befehlen, doch auf der Reise gewinnt er durch seine Erlebnisse an Reife und entwickelt schließlich den Mut, sich seinem Auftraggeber zu widersetzen. Am Ende liegt es an ihm und Bayard Blitzklinge, die Erfüllung eines alten Fluchs zu verhindern.

„Weasel’s Luck“ (dt. Unter dunklen Sternen / Die Stunde des Skorpions) ist meines Wissens in der stattlichen Anzahl von Drachenlanze-Romanen einzigartig. Statt einer traditionellen Heldengeschichte, wie es der Titel der Reihe, „Heroes“ bzw. „Heldenlied“ suggeriert, handelt es sich hier um eine köstliche Parodie dieses Genres. Es wimmelt nur so von skurrilen Figuren, die häufig unvorteilhafte Charaktereigenschaften an den Tag legen. Selbst die edleren, tapferen Gestalten haben hier in der Regel einen Hau weg. Michael Williams gelingt es häufig, sogar selbstlose Handlungen ins Lächerliche zu ziehen. Die meiste Zeit sieht man die Geschehnisse aus der Sichtweise des feigen Galen, der sämtliche Situationen mit beißendem Wortwitz kommentiert.

Selten haben die Ritter von Solamnia gleichzeitig so aufgeblasen und würdelos gewirkt, was einen fast dazu veranlassen könnte, dem bösen Widersacher bei seinem perfiden Plan Erfolg zu wünschen. Die Wandlung Galens vom Verräter zum Helden wider Willen ist ein weiterer Pluspunkt, denn sie geschieht schrittweise und ist glaubwürdig dargelegt. Denn selbst zum Ende der Geschichte mutiert Galen keineswegs zum Supermann, sondern stolpert mit Glück als Verstand durch die Weltgeschichte.

„Weasel’s Luck“ ist neben seiner Parodie auf klassische Fantasy im Allgemeinen und die Drachenlanze-Welt somit ein Loblied auf den durchschnittlichen Jedermann, der zwar keine Drachen tötet, aber durchaus über sich hinauswachsen kann.

© Drachenlanze.de / © Rezension: Gunter Weigand