Rezensionen • Die Geschichte der Drachenlanze 3 + 4
Die Geschichte der Drachenlanze 3 + 4
(Die Jagd des Toede + Der Zauber des Palin)

Autor: Margaret Weis & Tracy Hickman (Hrsg.)
Zyklus: Die Geschichte der Drachenlanze
Original: Tales Vol. II - Kender, Gully Dwarves, and Gnomes

Verlag: Blanvalet
ISBN: 3-442-24291-6

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Besprochen von: Gunter Weigand
Bewertung: (9/10)

Die von Margaret Weis und Tracy Hickman herausgegebene Tales-Reihe beinhaltet Kurzgeschichten verschiedener Autoren, in denen die Welt der Drachenlanze in all ihren Fassetten geschildert wird. Obwohl die Helden der Lanze in einigen dieser Geschichten im Mittelpunkt stehen, liegt das Augenmerk in diesen Anthologien auf Figuren, die bisher gänzlich unbekannt waren oder in der Chronik und den Legenden nur eine Nebenrolle gespielt haben.
„Tales Volume II: Kender, Gully Dwarves And Gnomes“ wurde bei uns gemäß der damals üblichen Veröffentlichungspolitik des Goldmann-Verlags in zwei Bände aufgeteilt, wobei man das von Weis und Hickman verfasste Vorwort weggelassen hat und im zweiten Band das Inhaltsverzeichnis fehlt. Trotzdem werde ich die beiden Bände als Einheit behandeln, wie es im Original gedacht war und bei einer Wiederveröffentlichung jetzt auch bei uns realisiert worden ist.

Das Lied im Schnee (Nancy Varian Berberick)
Nancy Varian Berberick schreibt mit Vorliebe über frühere Abenteuer der Gefährten. In dieser Erzählung stecken Tanis, Flint, Tolpan und der junge Sturm in einem schweren Schneesturm fest. Tolpan sorgt mit einer magischen Hirtenflöte dafür, dass alle das Unwetter heil überstehen. Auch wenn hier nicht alle Gefährten vertreten sind, hat es Berberick trotzdem geschafft, die innere Dynamik der Gruppe darzustellen. Die Kabbeleien zwischen Flint und Tolpan stehen denen in der Chronik in nichts nach.

Die Brille des Zauberers (Morris Simon)
Ein alter Zwergen-Einsiedler nimmt den verletzten Dalamar bei sich auf und erhält von ihm zum Dank eine magische Brille, mit deren Hilfe er wieder richtig sehen kann. Der Zwerg benutzt jedoch die Schriftrollen, die ihm Dalamar zur sicheren Verwahrung übergeben hatte, um die unfreundlichen Bewohner des in der Nähe gelegenen Dorfs einzuschüchtern. Die Handlungen der Hauptfiguren sind nachvollziehbar, und die Atmosphäre des Dorfs mit seinen hinterwäldlerischen Einwohnern stimmig in Szene gesetzt.

Der Geschichtenerzähler (Barbara Siegel und Scott Siegel)
Der Geschichtenerzähler Spinner Kenro sitzt im Gefängnis der von Drachenfürstin Kitiara kontrollierten Stadt Treibgut und sieht seiner Hinrichtung entgegen. Seinem Mitgefangenen erzählt er, wie es zu seiner Verhaftung gekommen ist, während draußen seine aus Kendern, Gnomen und Zwergen bestehende Zuhörerschaft seine Befreiung vorbereitet. Eine großartige Geschichte in einer Geschichte, die im Wesentlichen ein Appell ist, Vorurteile gegenüber Fremden zu überwinden und gemeinsam für eine gute Sache zu kämpfen. Zudem gelingt es den Autoren, ein kitschiges Ende zu vermeiden.

Der Hund von Wayreth (Danny Peary)
Hauptmann Gorat befindet sich auf der Jagd nach seiner entflohenen Sklavin und findet eine Frau fürs Leben. Die klischeehaften Übertreibungen sind mit Sicherheit darauf zurückzuführen, dass der Erzähler dieser Geschichte kein geringerer als Tolpan Barfuß ist. Trotzdem ist die Geschichte meiner Meinung nach die Schwächste in diesem Band.

Die Jagd des Toede (Harold Bakst)
Beim Lesen der Chronik haben sich viele bestimmt gefragt, wie Drachenfürst Toede denn eigentlich ums Leben gekommen ist. Harold Bakst zeigt in seiner amüsanten Erzählung, dass es unter den Kendern auch Helden gibt, die nicht Tolpan Barfuß heißen. Kronin Distelknot und Talorin bilden das gewitzte Duo, das Toede ständig an der Nase herumführt. Allerdings fragt man sich nach Lesen dieser Geschichte erst recht, wie es der ehemalige Truppführer Toede überhaupt geschafft hat, Drachenfürst zu werden.

Von Ruhm und Ehre (Richard A. Knaak)
Ein absoluter Klassiker unter den ganzen Kurzgeschichten, der bedeutsame Aussagen zu Themen wie Toleranz und Fremdenfeindlichkeit macht. Ein junger Ritter aus Solamnia namens Torbin kommt auf der Suche nach Heldentaten in ein abgelegenes Fischerdorf. Die Einwohner beauftragen ihn, einen in der Nähe lebenden Minotaurus zu töten, obwohl dieser nie Anzeichen von Feindseligkeit gezeigt hat. Torbin sucht den Minotaurus mit der Absicht auf, ihn zu töten, da er ebenfalls der Meinung ist, dass alle Minotauren böse sind. Es kommt jedoch nicht zum Kampf und Torbin freundet sich mit dem Minotaurus an. Durch die vielen Gespräche gelangt er zu neuen Erkenntnissen über sich selbst und seinen Begriff von Ehre.

Von Eichhorn und Zaunkönig (Nancy Varian Berberick)
Ein sprechender Zaunkönig, der in Wirklichkeit eine verzauberte Frau ist, bittet die Gefährten ihren Verlobten aus den Klauen eines bösen Magiers zu retten, der auch Tolpan gefangen genommen hat. Um den Magier auszutricksen, verwandelt Raistlin seine Freunde in Tiere und begibt sich mit ihnen auf Jagd. Die Handlung gibt zwar nicht allzu viel her, aber die Charakterisierung der Gefährten und ihrer Beziehung untereinander ist Berberick wieder einmal gut gelungen. Die Verwandlung der Gefährten in Tiere, die ihren Persönlichkeiten entsprechen, ist zudem eine interessante Idee.

Sollen wir wetten? (Margaret Weis und Tracy Hickman)
Selten waren Weis und Hickman so komisch wie hier. Zum ersten Mal darf Caramons jüngster Sohn Palin seine beiden Brüder Tanin und Sturm bei einem Abenteuer begleiten. Nach einem Trinkgelage mit dem Zwerg Dugan Rothammer finden sich die drei mit einem üblen Kater auf einem Gnomenschiff wieder, das sich unter Dugans Kommando auf der Suche nach dem Graustein von Gargath befindet. Auf der Insel von Gargath erleben die Brüder haarsträubende Abenteuer und wachsen zu einer echten Einheit zusammen. Die Geschichte ist leichtfüßig und die Chemie zwischen den drei Brüdern und Dugan Rothammer stimmt einfach.

Der Kern der Geschichte (Michael Williams)
Als ich diese Erzählung damals im Alter von 14 Jahren erstmals gelesen hatte, konnte ich zugegebenermaßen nicht viel damit anfangen. Mittlerweile gehört sie jedoch zu meinen Favoriten und außerdem ist sie von ihrer Konzeption her einzigartig in den Drachenlanze-Büchern. Im Stil einer wissenschaftlichen Abhandlung zerpflückt Autor Michael Williams in der Rolle eines gnomischen Schriftstellers eins seiner eigenen Gedichte, das allerdings nur im englischen Original der Chronik zu finden ist. Dieser gnomische Schriftsteller enthüllt eine allgemeine Verschwörung, gegen die Rasse der Gnome im Allgemeinen und den Dichter Armavir im besonderen, dessen Leistungen im Krieg der Lanze aus der Geschichtsschreibung getilgt worden sind. Die Gefährten kriegen alle ihr Fett ab und werden als egoistisch und verlogen dargestellt.

Der Schwarzzahn (Nick O’Donohoe)
Ein Dolch, der über ein Bewusstsein verfügt, erfährt, dass er Mitglied einer uralten Rasse von intelligenten Dolch-Wesen ist. Er bekommt von Takhisis den Auftrag, die Gefährten zu töten und so den Bestand seiner Art zu erhalten, was ihm natürlich nicht gelingt. Eigentlich eine ziemlich abstruse Geschichte, aber trotzdem ganz nett.

Fazit:
Bei manchen Geschichten handelt es sich augenscheinlich um Seemannsgarn, andere wiederum wurden durch spätere Veröffentlichungen widerlegt und einige kann man innerhalb des Drachenlanze-Kosmos durchaus als Realität betrachten. Ob die einzelnen Geschichten kanonisch sind oder nicht, ist meines Erachtens nicht so wichtig. Dieser Band enthält einige sehr gute Geschichten und weist kaum Schwachstellen auf. Eine Top-Wertung gibt es nur deshalb nicht, weil sich beim besten Willen kein übergeordnetes Konzept erkennen lässt.

© Drachenlanze.de / © Rezension: Gunter Weigand