Persönlichkeiten • Helden der Lanze • Raistlin Majere

Der Erzmagier Raistlin Majere verfügt über einen komplizierten und fesselnden Charakter, von dem sich nur schwer ein Bild zeichnen läßt. Auf jeden Fall liegt der Grundstein zu seinem machthungrigen Wesen in seiner Kindheit vergraben.
Nur Raistlins Halbschwester Kitiara Uth Matar war es zu verdanken, daß er die Zeit unmittelbar nach der Geburt überlebte. Sie focht für ihn diesen ersten Kampf aus. Das schwache Kind hatte immer seinen starken Zwillingsbruder Caramon vor Augen, der Kraft für zwei zu besitzen schien. Auch war er viel beliebter in Solace als der kranke, sonderbare Raistlin, der lieber Bücher laß, als an den anstrengenden Kriegsspielen teilzunehmen.
Caramon liebte seinen Bruder Raist abgöttisch und beschützte ihn vor bösen Streichen und den Monstern, die Raistlins Schlaf störten.
Die magische Begabung, die er durch seine Mutter geerbt hatte, zeigte sich bei Raistlin schon früh und ein Gönner ermöglichte ihm das Studium der Magie.
Ein schwerer Schlag für den angehenden Magier war der Tod der geliebten Mutter. Als Waise schloß er sich gemeinsam mit seinem Bruder den späteren Helden an, obwohl es sich dabei mehr um Caramons Freunde handelte, als um seine. Er wurde als Mitglied der Gruppe akzeptiert, wenn auch mit Argwohn betrachtet. Raist rettete allerdings mehr als einmal einen in Not geratenen Gefährten.
Auch in der Schule hatte er es nicht leicht, denn selbst die anderen jungen Magier betrachteten ihn als Außenseiter. Caramon mußte ihm nach wie vor noch zur Seite stehen, denn Raistlins Macht und Können wuchsen nur langsam.
Von Par-Salian persönlich wurde er zum Turm von Wayreth bestellt, um die gefährliche Prüfung abzulegen, die jeder junge Magier bestehen muß, um weiter studieren zu dürfen. Raistlin überlebte nur knapp, und auch das nur, weil er einen Handel mit der Seele des Fistandantilus, dem mächtigsten Magier aller Zeiten, der zur Zeit der Umwälzung gelebt hatte, schloß.
Raistlin war die Hoffnung der Versammlung der Magier im kommenden Krieg und mußte sich deshalb in so jungen Jahren der Prüfung unterziehen. Man wollte ihn unter anderem Mitleid lehren, aber dieses Gefühl konnte nicht geweckt werden, denn als Caramon in einem Trugbild Raistlin erschien und über das einzige verfügte, was Raistlin bis dahin allein gehört hatte, die Magie, tötete Raistlin mit verbleibender Kraft die Illusion. Er konnte es nicht ertragen, daß Caramon neben seiner Stärke, Beliebtheit und Schönheit nun auch noch über Magie verfügen sollte. Raistlin hatte zwar die Prüfung bestanden, doch als Mahnung erhielt er Stundenglasaugen, die nur Verfall sehen und eine goldenen Haut. Auch seine Gesundheit verschlechterte sich seit dem und er war sehr geschwächt, der Preis für seine Magie.
Er wählte vorerst die roten Roben der Neutralität.
Im Krieg der Lanze spielte Raistlin eine entscheidende Rolle und nur mit seiner Hilfe konnten die Gefährten siegen.
Auch seine Macht nahm permanent zu, zum Beispiel gelang es ihm eine Kugel der Drachen zu beherrschen, allerdings wurde auch sein wahrer Charakter immer offensichtlicher.
Nach dem Krieg kehrte der Magier in den Turm der Erzmagier in Palanthas als Herr über Vergangenheit und Gegenwart mit Macht zurück und brach den Fluch der auf dem Turm lastete. Er trug die schwarze Robe und wurde Herr des Turms und seines Lehrlings Dalamar. Raistlins Wandel zerbrach seinen Bruder fast. Das wichtigste Ziel des Magiers, absolute Macht, war nun in greifbare Nähe gerückt. Er wollte ein Portal zum Abgrund öffnen, um Takhisis die dunkle Königin herauszufordern, und sie auf seine Existenzebene locken, wo sie nicht so mächtig sein würde. Doch dazu benötigte er die Hilfe eines Klerikers von Paladin. Er fand Crysania... Raistlin reiste in die Zeit vor der Umwälzung und rächte sich an Fistandantilus, der seine Lage während der Prüfung ausgenutzt hatte, und nahm seinen Platz ein.
Durch Raistlins Intrigen gelangte auch Crysania, verehrte Tochter Paladins, in die Vergangenheit. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Raistlin zu bekehren, und zum Guten zu führen. Als er ihr davon erzählte, daß er Takhisis töten will, sah sie darin nur den Weg, das Böse zu vernichten und erkannte in ihrer Blindheit und Verliebtheit nicht, nach was der Magier wirklich strebte. Raistlin trachtete danach ein Gott zu werden, und die Klerikerin war nur Mittel zum Zweck, auch wenn Raistlin Gefühle für sie hegte.
Er verfolgte seinen Weg oder besser den Weg, den eigentlich Fistandantilus gegangen wäre. Die Zwergentorkriege fanden so statt, wie sie die Geschichte schon geschrieben hatte, nur das der Magier nicht, wie Fistandantilus vor ihm, vernichtet wurde. Ihm gelang es unter großen Anstrengungen gemeinsam mit Crysania, die Hölle zu betreten, und während ihrer Suche beschützte sie ihn mit ihrem Glauben. Als sie jedoch durch unendliche Schmerzen verwundet im Sterben lag, ließ Raistlin sie zurück, denn sie hatte ihren Nutzen verloren.
Caramon hatte die Zukunft gesehen und wußte, daß Raistlin sein Ziel erreichen würde. Der Magier würde zum Gott werden, doch um welchen Preis... Krynn wäre vernichtet, die Götter geschlagen und Raistlin wäre allein, einziger Gott einer toten Welt, unfähig selbst etwas zu erschaffen, denn das Böse allein kann nicht erschaffen. Das Gleichgewicht wäre zerstört gewesen.
Um das Ende der Welt zu verhindern, betrat Caramon den Abgrund, um Raistlin zu töten, und um zu verhindern, daß Takhisis den Abgrund verlassen kann. Als er Raistlin gegenüberstand erkannte dieser, daß alles so geschehen würde, wie Caramon es prophezeite. Er gab Caramon die Möglichkeit Crysania zu retten, und durch das Portal zurückzukehren. Caramon fiel es bis zu letzt schwer den Bruder zu verlassen, und erst als die finstere Königin nahte, verschloß er mit Hilfe des Stabes von Magus das Portal.
Raistlins Entscheidung rettete die Welt vor dem Untergang. Aber ganz selbstlos war sein Handeln nicht, denn die Leere die ihn aufgefressen hätte, erschien ihm wohl schlimmer, als die Höllenqualen die Takhisis ihm von nun an bereiten würde. Jeden Tag aufs neue durchlebte er ihre Folter, ohne auf die Erlösung durch den Tod hoffen zu können.
Der Magier Raistlin Majere vollbrachte Schreckliches, Grausames aber auch Gutes, solange es seinen Zielen dienlich war. Eine faszinierende Persönlichkeit, die nicht in Vergessenheit geraten sollte, denn Jahre später nahm Raistlin Kontakt mit seinem Neffen Palin auf, einem jungen Magier in der Ausbildung. Er sollte sogar wieder auf Krynn wandeln, eine lebende Legende, allerdings hatte er das wichtigste verloren, daß er besaß, seine Magie.

Zitat

"Finstere Verbrechen hatte dieser Erzmagier begangen, um bis hierher zu gelangen - auf  den Gipfel seines Ehrgeizes. Die Schwarzen Roben, die er trug, waren mit Blut befleckt, und einiges stammte von ihm selbst. Dennoch kannte dieser Mann auch das menschliche Herz. Er wußte, wie er die Herzen verdrehen und verzerren und jene, die ihn eigentlich verschmähen und verachten mußten, dazu bringen konnte, ihn statt dessen zu bewundern. So geschah es auch Crysania aus dem Haus Tarinius. [...]
„Raistlin!“ schrie sie, und ihre Hand griff entsetzt ins Leere. „Du hast meinem Zweck gut gedient, Verehrte Tochter“, sagte Raistlin, und seine Stimme klang so glatt und kalt wie die silberne Klinge des Dolches, den er an seinem Handgelenk trug. „Die Zeit drängt. Schon jetzt kommen jene dem Portal in Palanthas immer näher, um mir Einhalt zu gebieten. Ich muß jetzt die Königin herausfordern und meine letzte Schlacht mit ihren Lakaien austragen. Aber nach meinem Sieg muß ich zum Portal zurückkehren und es betreten, bevor es jemandem gelingt, mich aufzuhalten.“ „Raistlin, verlaß mich nicht! Bitte, laß mich nicht allein in der Dunkelheit!“ Raistlin stützte sich auf den Stab des Magus, der jetzt in einem hellen, leuchtenden Licht strahlte, und richtete sich auf. „Leb wohl, Verehrte Tochter“, sagte er mit einem sanften, zischenden Flüstern. „Ich brauche dich jetzt nicht mehr.“"

- Der Hammer der Götter -

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