Persönlichkeiten • Weitere Personen • Jenna

Angefüllt mit den exotischsten Kräutern, die du je wahrgenommen hast, ist der kleine Laden, in den du dich verirrt hast. Eine undefinierbare, würzige Mixtur aus den verschiedensten Gerüchen strömt in deine Nase, während dein Blick über die vollen Regale wandert. Hängend, liegend und in kleinen Schalen findest du die getrockneten Gewächse. Phiolen und Dosen umfangreicher Vielfalt enthalten in allen Farben schillernde Flüssigkeiten und Substanzen. Teilweise kaum mehr lesbare Ettiketten tragen Bezeichnungen wie Eisenstaub, Farbpulver (rot), Quecksilber, Fledermausdung oder Graberde. Beutel, Kerzen, Halbedelsteine, Kohlestücke und noch viele andere Dinge siehst du eng aneinandergereiht. Hier und dort lehnt ein Stab oder Stecken an der Wand, liegt ein Dolch in einem Regal. Dein Blick schweift zur Theke und entdeckt eine Reihe ledergebundener, alter Bücher. Die meisten von ihnen haben rote und weiße Einbände. Einige wenige auch schwarze oder andersfarbige. Die Farben erinnern dich an das Schild, welches draussen vor dem Eingang in dem kühlen Schatten eines schönen Tages zu sehen ist: Ein kleiner, hölzerner Drache, der einen seiner Flügel über die Straße ausbreitet, an dem drei Scheiben in den Farben silberweiß, rot und schwarz hängen.
Die drei Farben der drei Monde Krynns, die früher am Nachthimmel wanderten.
Du stehst in einem Magierladen, schießt es durch deinen Kopf, als du gleichzeitig die Worte einer ruhigen, weiblichen Stimme vernimmst: “Kann ich Euch irgendwie behilflich sein?”
Wie aus dem Nichts ist eine wunderschöne Frau neben dir aufgetaucht. Überrascht drehst du dich zu ihr. Du hast bereits die Leute erzählen hören, wie schön die Besitzerin der “Drei Monde” sei, und das trotz ihres fortgeschrittenen Alters von über sechzig Jahren, an die genaue Zahl kannst du dich nicht mehr erinnern. Wohl aber an ihren Namen: Jenna.
Ein roter Umhang fällt über Jennas Schultern bis hin zum Boden. Der einzige Hinweis darauf, daß diese Frau früher, vor der zweiten Umwälzung, eine Rote Robe war. Jenna ist die Tochter des bei dem Angriff auf die Sturmfeste verstorbenen Magiers Justarius, damals Oberhaupt der Versammlung der Zauberer und selbst Rote Robe. Eine goldene Brosche hält vorne ihren Umhang zusammen, der über ein schlichtes weißes Kleid fließt. Ein sehr schön mit verschiedenen Mustern dekoriertes Lederkorsett und ein tiefer Ausschnitt betonen einfach, doch wirkungsvoll ihre weiblichen Formen. Du erinnerst dich an viele Erzählungen in verschiedenen Kneipen, in denen immer wieder die Rede von Dalamar, dem Dunkelelfen, war, und daß er sehr oft mit Jenna gesehen wurde. Wahrscheinlich hatten die beiden für eine sehr lange Zeit eine sehr enge Beziehung gehabt. Vielleicht hätten sie es noch heute, wenn Dalamar nicht spurlos verschwunden wäre. Das schnellere menschliche Altern Jennas ist sicherlich kein Grund, um so eine Affäre zu beenden, nicht bei ihrem Aussehen.
Leicht verlegen blickst du kurz zu Boden, als dir auffällt, daß du sie eine lange Zeit einfach nur angestarrt hast. Als du wieder aufblickst, ist ihr Gesichtsausdruck unverändert. Geduldig steht sie da und blickt dich höflich, aber mit erwartungsvollen Augen an. Augen, die einen fast schon stechenden Blick haben und dich dazu veranlassen, nicht noch länger ihre Geduld auf die Probe zu stellen.
Hilflos suchst du nach Worten. Du hast dich ja tatsächlich verirrt. Du warst eigentlich auf der Suche nach einem ganz anderen Geschäft.
Mit den ersten Worten, die dir einfallen, machst du eine ungeschickte, aber dich wenigstens von ihren fesselnden Augen befreiende, raumumspannende Geste.
“Nun....da die Magie verschwunden ist, dürften all die Dinge hier im Raum doch ziemlich wertlos sein. Wie kommt es, daß Ihr diesen Laden noch weiterführt?”
Eine intelligente Frage, denkst du dir und merkst wie deine Selbstsicherheit wieder zurückkehrt.
Jenna schenkt dir ein Lächeln, wofür du dankbar bist und antwortet: “Ja, da habt Ihr recht. Das meiste hier ist nur Dekoration. Die magisches Bücher werden nur noch von den wenigen Magiern gebraucht, die die verlorene Magie studieren, in der Hoffnung, sie wiederzuentdecken. Dabei verplempern diese bemitleidenswerten Zeitgenossen nur ihre Zeit. Die neue Magie ist entdeckt. Sie sollten ihr Studium lieber darauf konzentrieren, sie zu meistern und ihre Forschungen in diese Richtung zu lenken. Die Völker Krynns haben es im Angesicht der Großen Drachen bitter nötig.”
Leicht überrascht über diese ausführliche Erklärung zögerst du mit deinen Worten und schon fährt Jenna mit einem Lächeln, oder war es ein Grinsen?,  fort: “Die magischen Gegenstände haben ihre Magie verloren und so sind all die Dolche und Stäbe in diesem Raum...”; Jenna macht eine raumumspannende Geste mit ihrer Hand; “...nicht mehr als nur Dekoration. Darf es sonst noch etwas sein, mein Herr?” fragt sie dich und faltet ruhig ihre Hände.
“N...nein....danke sehr...”, stammelt die junge Person, die sich in ihren Laden verlaufen hat, wieder sehr unsicher. Eigentlich gibt es hier wirklich gar nichts mehr, was einen längeren Aufenthalt rechtfertigen würde. “Einen schönen Tag noch!”, schafft sie es höflicherweise hervorzustoßen, bevor sie schnellen Schrittes über die Türschwelle hinaus den Laden wieder verläßt.
Mit einem Lächeln schüttelt Jenna ihren Kopf. Immer diese jungen Abenteurer, die angezogen von Magie und Geschichten von der Schönheit der Ladenbesitzerin hier hineinstolpern. Mit einem leisen Auflachen wendet sie sich dem kleinen Spiegel zu, der hinter der Theke an der Wand befestigt ist. Ja, doch....Ihr gefällt was sie dort sieht. Ihr Blick fällt auf ihr ergrautes Haar, das durch das hereinströmende Sonnenlicht leicht silbrig schimmert. Ihre Gedanken kehren wieder zu dem jungen Abenteurer zurück. Sie hat gar keine Zeit für solche Jungspunde, dafür ist sie viel zu kostbar. Obwohl der Laden als Magierladen für Zauberbücher, magische Gegenstände und Zauberzutaten sogut wie nutzlos ist, sind die “Drei Monde” doch ein wichtiges Handelszentrum für Informationen in Palanthas. Die Magier, die hier immernoch einkehren, bringen eine Vielzahl an Informationen und Nachrichten von ihren Reisen mit und kehren ihrerseits mit neuen, erkauften, wieder zurück. Inzwischen ist der Adel Palanthas ebenso Kunde in ihrem kleinen Geschäft wie hochrangige Ritter von Neraka. Und die sonstige Zeit, die ihr übrigbleibt, benutzt sie, um Lehrlingen eine kurze aber standfeste Einführung in die neue Magie zu geben, für die entsprechende Bezahlung natürlich.
Oh ja....das Geschäft “Drei Monde” läuft wunderbar. Zu schade nur, daß Dalamar verschwunden ist. Mit sehnsüchtigen Erinnerungen an schöne gemeinsame Stunden vor langer Zeit schreitet Jenna langsam die Treppe zu ihrem Labor hinunter.

© Drachenlanze.de