Lyrik-Archiv • Der Museumsbesuch
Mein Museum, heil’ge Hallen !
Laß mich durch die Zeiten fallen,
Laß mich wandern durch die Länder,
Schauen von der Erde Ränder.
Laß mich ehrerbietig staunen,
Laß mich sehn der Menschheit Launen
Und die Wunderwerk, die sie vollbracht –
Wie sie sich unsterblich macht.

Lasse meine Blicke schweifen
Über Einhörner, Drachen, Greifen
Und was der Mensch sonst noch vertrieben.
Ist wirklich nichts davon geblieben ?
Da steht ihr alle, ausgestopft und aufgemalt,
Werdet niemals sterben, niemals alt.
Doch lebt ihr, fühlt ihr ?
Ich spüre, bang ums Herz wird mir,
Wenn ich euch da stehen seh.
Von Tod zu Tod nur geh.

Eine Träne löst sich aus Einhorns Blick.
Ich weiß, du willst in den Wald zurück.
Drache, du vermißt das Fliegen ?
Nie wieder wirst du in deiner Höhle liegen.
Warum spuckst du auch nicht Feuer ?
Brennst es ab, das grau Gemäuer ?
Greif, du hast doch große Schwingen ?
Bring den Rahmen zum Zerspringen !

Befreit euch, meine Freunde, schnell !
Die Sonne draußen scheint noch hell,
Der Wind wartet auch nur darauf,
Er bringt euch zu den Wolken hinauf.
Ein Bersten, Brechen dröhnt durch den Saal.
Alles verstummt mit einem Mal.
Das Einhorn springt aus dem Bild heraus,
Galoppiert zum großen Tor hinaus.

Des Greifen Krächzen folgt sogleich,
Er zieht noch Nixen aus dem Teich.
Durch das Fenster kann er fliehen
Und hinter ihm, da ziehen
Fabeltiere, eine Schar –
Sie sind endlich wieder wahr !
Ein Basilisk verbreitet Schrecken,
Sucht einen Brunnen zum Verstecken.

Und etwas stößt an meinen Arm,
Der Pegasus, weich und warm,
Bietet mir seinen weißen Rücken –
Ich kann mich kaum halten vor Entzücken !
Und spring hinauf geschwind.
Die Menge duckt sich vor der Flügel Wind
Und raus geht es durchs offne Fenster,
Neben uns Hexen und Gespenster.
Wahrlich ein grausiges Geleit !
Doch freut es mich, daß auch sie befreit.

Schon sehe ich den Zauberwald –
Da wird mir plötzlich schaurig kalt.
Verschlafen steh ich vom Tische auf
Und schau in die blinkenden Sterne hinauf.
Mein Pegasus steht dort ganz hell,
Immer an der gleichen Stell.
Betrübt schließ ich den Fensterladen,
gehe schlafen, vorher baden,
Und hoffe dann von Herzen sehr,
Zu träumen vom silbernen Sternenmeer.

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