Geschichten-Archiv • Leaves from the Shoikan Grove
Begegnung: Teil 1

"Genug der Streitereien!" Mit einer herrischen Handbewegung unterbrach Raistlin den Streit der Magier. "Mein Anliegen sind nicht eure lächerlichen Ängste!"

Gestützt auf seinen Stab, an deren Ende eine Kugel von einer Drachenklaue umfaßt wurde und die bei seinen Worten leicht zu leuchten begann, drehte er sich um. Sein Blick erfaßte eine Frau, gekleidet in die gleichen schwarzen Roben, die auch seinen zerbrechlichen Körper umhüllten.

"Ladonna..." Ein Lächeln erhellte sein Gesicht, doch seine Augen verloren nichts von ihrer Schärfe. Und die Angesprochene schien es zu bemerken, denn sie konnte nicht verhindern, dass sich ihre Hände kurz zusammenballten. Der junge Schwarzmagier lächelte weiterhin freundlich, als hätte er nichts gesehen, aber es lag ein Anflug von Triumph in seiner Stimme, als er sich ihr zuwandte. "Ich bin auf deinen Brief hin hierher gekommen. Ich hoffe, der Grund meines Erscheinens ist immer noch vorhanden?" Als Ladonna nur nickte, lachte er leise.

"Wärst du denn so gütig, mir wenigstens seinen Namen zu verraten?" fragte er mit beißendem Sarkasmus, bevor urplötzlich ein Hustenanfall seinen Körper schüttelte. Mit letzter Kraft wehrte er wütend das Hilfsangebot einer herbeigeeilten weißen Robe ab, um dann zitternd an seinen Stab gekrallt die Magier zu fixieren. Keiner wagte es, etwas zu sagen, bis Ladonna schließlich seufzte und widerstrebend zugab: "Sein Name ist Dalamar, der Dunkelelf." Sie nickte einem jungen Schwarzmagier zu, der mit einem verängstigten Seitenblick auf Raistlin zur Tür ging, um eine schwarze Robe hereinzulassen, deren Gesicht von ihrer Kapuze verhüllt war. Langsam trat sie auf Ladonna und Raistlin zu, um sich zuerst vor dem Oberhaupt der Schwarzen Roben, dann vor dem kränklichen jungen Magier zu verbeugen. Mit einer abschließenden, anmutigen Bewegung streiften zarte, weiße Hände die schwarze Kapuze herab und enthüllten ein ebenso zart geschnittenes Elfengesicht, das von langen, schwarzen Haaren eingerahmt wurde. Die edlen Gesichtszüge, zusammen mit der makellosen weißen Haut, den langen, schwarzen Wimpern und den rosigen Lippen, verrieten seine Herkunft nur zu deutlich.

"Ein Silvanesti?" Raistlin lächelte wieder. "Wie passend..."

Dalamar schüttelte seinen Kopf leicht. "Nein Meister, nicht mehr..." widersprach er ihm leise und respektvoll. "Ich bin ein Dunkelelf, aus dem Licht verstoßen und ohne Heimat." Kurz leuchtete eine unbändige Wut aus den leicht schräg geschnittenen Augen auf, die den sanften Eindruck, die die zarte Gestalt auf einen Beobachter machte, sofort zerstörte.

Raistlin trat auf ihn zu. Er legte eine Hand auf die Schulter des Elfen, zog ihn näher zu sich, um ihm in die Augen zu sehen. Dalamar schauderte, als er den golden strahlenden Blick direkt auf sich gerichtet sah. Erst jetzt erkannte er, warum der Blick des Magiers ihn so verängstigte: stundenglasförmige Pupillen hielten ihn fixiert, schienen all seine Gedanken, all seine Geheimnisse zu durchdringen, bis nichts mehr übrig war von ihm außer der brennenden Gewißheit, dass er wusste, dass er wissen musste...

"Nun gut... Lehrling..." flüsterte Raistlin amüsiert. Dalamar zitterte leicht, und der Griff des Schwarzmagiers wurde für einen Augenblick fester. "Vergiß nicht, wem deine Loyalität ab jetzt gilt," ermahnte er ihn, während seine allwissenden Augen sich noch einmal in die des Elfen bohrten.

"Nur dir, Shalafi... dir und der Magie!" erwiderte Dalamar hingerissen. Sein Herz schlug heftig in seiner Brust, trieb sein Blut immer schneller durch seinen Körper, bis ihn leichter Schwindel erfasste bei dem Gedanken, bei dem besten Magier seiner Zeit studieren zu dürfen, dem mächtigsten von allen. Raistlin nickte leicht, dann überfiel ihn plötzlich ein weiterer Hustenanfall, der ihn sich krümmen ließ. Qualvoll atmend richtete er sich nach einigen Sekunden wieder auf und holte ein Taschentuch hervor, um etwas von dem Blut abzutupfen, das seine Lippen befleckte.

"Ich erwarte dich in 2 Tagen..." flüsterte er rauh, dann umklammerte er mit einer Hand Dalamars Kinn und zog das Gesicht des Elfen zu sich herunter. Langsam fuhren seine Lippen über die Stirn seines neuen Lehrlings, murmelten unhörbare Worte, die heiß auf der Haut des Elfen brannten. Erschrocken hielt Dalamar still und ließ den Magier gewähren. Schließlich sah der Mann ihn wieder an und flüsterte: "Das wird dich durch den Eichenwald von Shoikan geleiten... wenn du entschlossen genug bist." Dann beugte er sich ein weiteres Mal zu ihm vor, und Dalamars Augen weiteten sich leicht als Raistlins Lippen sanft die seinigen berührten. Sie waren warm und weich, der Dunkelelf konnte das amüsierte Lächeln fühlen, das auf ihnen lag. Der Griff um sein Kinn ließ nach, fühlte sich fast zärtlich an, und dann waren plötzlich die Lippen des Magiers verschwunden. Fast bedauerte Dalamar den Verlust der Wärme, doch die leise Stimme, die sanft in sein Ohr flüsterte, lenkte ihn sogleich wieder ab. "Damit die Wächter des Turms wissen, dass du mir gehörst... meinem Besitz tun sie nichts."

Mit einem amüsierten Funkeln in den hell glitzernden Augen wandte Raistlin, Herr des Turms der Erzmagier in Palanthas und Herr über Vergangenheit und Gegenwart, sich von der Versammlung der Magier ab und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort. Sofort begannen sich die Stimmen der anderen Magier zu überschlagen, nur Dalamar stand still und berührte verwundert seine Lippen, auf denen noch etwas vom Blut des Schwarzmagiers klebte.

Nuitaris Licht: Teil 2

Nuitari stand hoch am Nachthimmel, als der Magier sein Experiment beendete. Kalt beschien das Licht des schwarzen Mondes, den nur die Träger der schwarzen Roben sehen konnten, das seltsame Arbeitszimmer an der Spitze des Turmes der Erzmagier zu Palanthas. Fremdartige Gerätschaften bedeckten den großen Tisch in der Mitte des Raumes, ihre Gerüche kündeten unheilvoll von Verwesung und Tod. Fast höhnisch erschienen die Rosenblüten mit ihrem süßen Duft, doch auch sie waren Werkzeuge in der Hand des Magiers, waren wie die kreisförmig verstreuten Nachtlilien mitschuldig an welch schrecklichen Künsten auch immer hier ausgeübt worden waren.

Doch das Werk des Magiers war getan, der Zauber vorbei, und zurück blieb nur ein erschöpfter, zitternder Körper, den einzig seine golden glänzende Haut und seine auf seltsame Weise beängstigend wirkenden Augen von einem normalen Menschen unterschieden. Selbst die silbernen Runen, mit denen seine schwarze Robe bestickt war, wirkten matt und abgenutzt.

Der Magier seufzte tief und flüsterte dann fast zärtlich "Shirak." Licht erstrahlte von der Spitze des Stabes, den er benutzte, um seinen erschöpften Körper aufrecht zu halten. Es war ein ungewöhnlicher Stab, zweifellos magisch, denn an seinem Ende umklammerte eine Drachenklaue eine Kugel, die bei den sanften Worten des Mannes aufleuchtete.

Der Magier holte tief und unsicher Luft. Es war das Atmen eines Mannes, der gerade die Hölle durchwandert hatte, der Mächte heraufbeschworen hatte, die ihn für ein Blinzeln zur falschen Zeit genüßlich in Fetzen zerrissen hätten, um für Äonen mit seiner Seele ihre Mordlust zu befriedigen. Doch er hatte es überstanden, war noch am Leben und in der Lage, hier im Lichte Nuitaris zu stehen und genießerisch die kühle, nach Staub und Zauberzutaten riechende Luft einzuatmen, die für ihn mehr als alles andere Heimat bedeutete, Heimat und Sicherheit.

"Wächter," flüsterte er leise, und sofort materialisierten sich zwei Augen vor ihm, die ihren Blick ehrfurchtsvoll senkten.

"Was kann ich für dich tun, Herr?"

"Säubere diesen Raum, und... sag mir, was macht mein Lehrling?"

"Wie du befiehlst, Herr. Der Dunkelelf kehrte vor einer halben Stunde in sein Zimmer zurück und schläft seitdem tief und fest."

Raistlin, Herr des Turms der Erzmagier, nickte befriedigt. Er hatte seinen erschöpften Lehrling ins Bett geschickt, sobald die Beschwörung und die darauffolgende Begegnung mit einem der Bewohner der dunklen Existenzebenen dazwischen erfolgreich verlaufen war. Der Dunkelelf war vollkommen entkräftet gewesen, seine Anwesenheit war für die abschließenden Siegelsprüche nicht notwendig gewesen und hätte Raistlin höchstens gefährdet.

Und sie alle brauchten ihre Kraft... auch Dalamar, sein Lehrling, würde seine Kraft bitter benötigen, auch wenn er jetzt noch nichts ahnte. Raistlins Lippen verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln. Nein, er ahnte nichts... ahnte nicht, dass sein Meister sein Spiel von Anfang an durchschaut hatte. Wie leichtgläubig der Elf doch war... und trotzdem war er mutig genug, entschlossen genug, um Raistlin Bewunderung abzuringen. Oh ja, sein Lehrling hatte Potential, und er würde ihm eine große Hilfe sein... auch wenn Dalamar wohl bis zum Ende nichts von seiner Rolle ahnen würde.

Entschlossen machte Raistlin sich schließlich auf den Weg zu seinen Räumen. Das Licht seines Stabes erhellte ihm das Innere des Turmes, der schon so manchen zu einem falschen Schritt verführt und auf ewig verschlungen hatte. Doch Raistlin war der Herr des Turms, war der Herr über Vergangenheit und Gegenwart, für den sich wie vorausgesagt die Türen geöffnet hatten. Und das bodenlose Innere des Turms, an dessen Wänden sich die endlosen Steinstufen hinabwanden, war ihm so vertraut wie für andere der Lieblingssessel am Kaminfeuer.

An einer schmucklosen Tür hielt er schließlich an und verspottete sich gleichzeitig selbst dafür. Sein Lehrling schlief den Schlaf der Erschöpften, was wollte er hier, vor seiner Tür? Seinen Schlaf bewachen? Sicherlich nicht er...

Ungebeten kam plötzlich die Erinnerung, ein flackernder Schatten an einer Wand, eine helle Kinderstimme... "Guck mal, Raist, Häschen..."

Er schnaubte. Schon ewig hatte er nicht mehr an seinen Klotz von einem Bruder gedacht, warum gerade jetzt? Vielleicht war seine Erschöpfung zu stark, das Grauen der Begegnung noch zu lebendig in seinen Gedanken. Noch immer zitterte er, wenn er zurück dachte an die unmenschliche Stimme, den Verfall und Tod überall um sich herum...

Ohne seinen Willen bewegten sich seine Hände und öffneten die Tür seines Lehrlings. Lautlos trat er ein, während sich das Leuchten seines Stabs verringerte, bis nur noch ein schwaches Glühen übrig war. Es ließ vage mehrere große Umrisse hervortreten, Schränke, ein Tisch, und in der Ecke ein Bett. Durch einen Spalt in der Gardine, welche das Fenster über dem Bett verhängte, fiel Nuitaris Licht herein und spielte auf der weißen Haut des Dunkelelfen.

Raistlin unterdrückte ein andächtiges Seufzen. Wütend kämpfte er mit sich selbst, befahl seinem Körper in schneidendem Tonfall, dieses Zimmer zu verlassen und sein eigenes Bett aufzusuchen, um für den morgigen Tag gewappnet zu sein. Doch die Verlockung, die von dem schlafendem Elf ausging, war stärker, auch wenn sich Raistlin nicht sicher war, was ihn im Moment überhaupt am meisten faszinierte. Schließlich warf er einen leichten Schlafzauber auf seinen Lehrling und verspottete sich gleichzeitig selbst voller Hohn für solch eine Verschwendung seiner Energie. Trotzdem kam er nicht umhin, den Frieden und die Ruhe zu spüren, die ihn ergriff, als er sich vorsichtig neben Dalamar auf die Bettkante setzte.

Der Dunkelelf lag auf seiner Seite, Raistlin zugewandt. Eine schwarze Seidendecke bedeckte seinen Körper bis zur Brust, seine dunklen Haare fielen über sein Gesicht und verbargen die noblen Gesichtszüge der Silvanesti. Langsam bewegten sich Raistlins schlanke, golden schimmernde Finger zum Gesicht seines Lehrlings. Zärtlich und beschützend wirkte die Bewegung, mit der er sanft die Haare aus Dalamars Gesicht strich, doch gleichzeitig leuchtete noch immer der Spott aus seinen goldenen Augen. Für einen kurzen Moment schloß er sie, während seine Hand auf der Wange des Elfen verweilte. Er haderte mit sich selbst, konnte nicht akzeptieren, wieso er das tat. Keiner der Gründe, die sein Gehirn ihm lieferte, erschien ihm ausreichend. Nicht für ihn, nicht für einen Mann mit seinen Ambitionen... und doch war seine Seele müde nach den Anstrengungen dieser Nacht.

Mit einem Seufzen gab er schließlich klein bei. Er war zu erschöpft, um noch länger nachzudenken, und wenn es seinen Geist beruhigte, den schönen jungen Elfen zu betrachten, dann würde er das eben tun. Er öffnete seine Augen wieder und betrachtete den schlanken Körper durch seine verfluchten Pupillen. Seitdem er die Prüfung als jüngster Zauberer mit 21 Jahren bestanden hatte, war sein Körper auf diese Weise gekennzeichnet - die goldene Haut, seine körperliche Schwäche, und der Blick durch stundenglasförmige Pupillen, die ihm alles im Wandel der Zeit zeigten, was er betrachtete. Menschen alterten vor seinen Augen, Blätter fielen von den Bäumen und vermoderten, sogar Berge veränderten sich und verschwanden, wenn er nur lange genug hinsah. Das war der Preis, den er für seine Magie bezahlt hatte, das war der Preis seiner Macht.

Er lächelte leicht. Nicht mehr lange... nein, nicht mehr lange, und dieser Preis würde sich bezahlt machen. Es war ein geringer Preis für das, was er erreichen würde... und solange würde er sich damit zufriedengeben, den Elfen zu betrachten.

Mittlerweile war sein Lehrling über 90 Jahre alt und hatte noch immer das Aussehen eines Jünglings, der kaum die Schwelle zum Mann überschritten hatte. In den Augen seines eigenen Volkes war er noch ein Kind, hatte in menschlichen Maßstäben noch eine Ewigkeit an Jahren zu leben, bevor auch ihn das Alter ereilen würde. Und dieser Segen war es, der Raistlins Fluch aufhob. Das Vorbeieilen der Jahre beeinflußte ihn nicht, wenn der Blick des Magiers auf ihn fiel; selbst durch die Stundenglasaugen gesehen behielt er seine Jugend und Schönheit.

Manchmal überkam Raistlin der Gedanke, dass der schöne Silvanesti ein Geschenk der Versammlung der Magier war, eine Entschuldigung vielleicht für die Bürde, die sie ihm auferlegt hatten. Er selbst weigerte sich zwar gegen diesen Gedanken, denn Dalamar war in der Tat ein eifriger und begabter Schüler, dessen Hingabe an die Magie nur durch Raistlins eigene übertroffen wurde, doch ab und zu, wenn der Schwarzmagier zuviel Tod, zuviel Verfall gesehen hatte, war die blühende Schönheit des Elfen wie ein Anker für ihn, ein Lichtstrahl, der ihm zeigte, dass es etwas gab, was ihn für seine Qualen entschädigen würde.

Und auch jetzt konnte er sich nicht dem Reiz des anmutigen Elfenkörpers entziehen. Vorsichtig ergriff er die schwarze Decke und schlug sie zurück. Er holte laut Atem, als er erkannte, dass der Dunkelelf vollkommen unbekleidet war. Vielleicht war er zu erschöpft gewesen, um sich noch ein Schlafgewand überzuziehen, doch Raistlin war zu gefangen von der Schönheit des Silvanesti, um über die Gründe für die Nacktheit des Elfen nachzudenken. Alles, was er tun konnte, war stillzusitzen und fast andächtig die Jugend und das Leben in dem zarten Körper zu bewundern, welches ihm sonst zu betrachten versagt blieb.

Mittlerweile waren die zwei anderen Monde Krynns aufgegangen, Solinari, der weiße Mond, von dem die weißen Roben ihre Magie bezogen, und Lunitari, der rote Mond der Neutralität. Das Licht aller Monde fiel vereint auf den schlafenden Körper des Elfen und tauchte ihn in ein ätherisches Licht. Raistlin stockte der Atem, so schön war die Kreatur vor ihm. Fast erschien sie ihm nicht mehr als sein Lehrling, sondern als ein Kind der Monde, geliebt von allen drei Göttern der Magie am Firmament. Nuitaris Licht leuchtete in seinen dunklen Haaren wider, die Raistlin schwarz wie der Nachthimmel in jenen seltenen Nächten schienen, an denen Nuitari allein die Herrschaft über das Firmament hatte. Auf seiner weißen Haut tanzten Solinaris silberne Strahlen, liebkosten ihn voller Zärtlichkeit und Bewunderung. Und auch Lunitari, Sohn des Gottes der Neutralität Gilean, konnte der Anziehung des jungen Elfen nicht entgehen und hauchte einen sanften Kuß auf verlockend rosige Lippen, die sich im Schlaf leicht öffneten und nach Zärtlichkeiten zu flehen schienen.

Minutenlang konnte Raistlin nichts tun, als hingerissen und atemlos das einzigartige Schauspiel zu betrachten. Schließlich erwies sich die Verlockung zu groß für ihn, konnte er es nicht mehr ertragen, nur zu beobachten, wie das Licht der Monde seinen Lehrling liebkoste. Mit zitternden Fingern berührte er Dalamars Schulter, fuhr bewundernd einen schlanken Arm hinab. Weich war die Haut des Elfen, weich und warm, und so lebendig... nach all den Monstrositäten, denen seine Seele hatte heute ins Auge blicken müssen, war diese Schönheit zuviel für ihn. Er fühlte sich, als hätte jemand einen Zauber auf ihn geworfen, hätte er nicht gewußt, dass es niemanden mehr zumindest auf dieser Existenzebene gab, der die Macht dazu gehabt hätte. Und doch schien sein Lehrling diese Macht zu besitzen...

Vorsichtig lehnte Raistlin seinen Stab gegen die Wand, um dann mit seiner anderen Hand sanft über Dalamars Wange zu streichen. Unter dem Einfluß des Zaubers seufzte der Elf nur leicht und drehte sich weiter in Raistlins Richtung, doch der leise Laut reichte, um die Beherrschung des Magiers endgültig zu zerstören.

Raistlin beugte sich vor, bis seine silbernen Haare sich mit Dalamars nachtschwarzen vermischten. Er atmete tief ein. Fast vermeinte er, den Geruch der Espen aus Dalamars Elfenheimat einzuatmen... Die Lippen des jungen Magiers bebten leicht, selbst in seinem Zauberschlaf schien er die Nähe des anderen zu spüren, und Raistlin beugte sich noch weiter vor, bis sein Mund keusch den des Elfen berührte. Oh ja, so weich wie er es in Erinnerung hatte von ihrem ersten Treffen... nie hätte er es zugegeben, aber er ertappte sich oftmals dabei, an diese Begegnung zurückzudenken. Der Kuß wäre nicht notwendig gewesen, aber Raistlin hatte der seltenen Schönheit vor ihm damals so wenig wie heute widerstehen können.

Und es war so lange her, dass er die Wärme eines anderen Menschen gespürt hatte...

Zögernd öffnete der Schwarzmagier seinen Mund ein wenig. Er redete sich ein, nur kurz probieren zu wollen, ob der Elf tatsächlich so schmeckte, wie es der Duft seiner Haut verhieß, aber als seine Zunge über die Lippen seines Lehrlings fuhr, den Geschmack wahrnahm, der tausendmal süßer war als Silvanosts bester Wein, war jeglicher Vorsatz vergessen. Er konnte nicht aufhören, nicht hier, wo die zarte Gestalt vor ihm mit unsäglichen Wundern lockte, wo der Tod und die Pein ihn endlich allein ließen, um ihn nach endlosen Zeiten wieder Verlangen spüren zu lassen...

Dalamars Lider flatterten, aber öffneten sich nicht, der Zauber wirkte weiter. Trotzdem schien er wahrzunehmen, was geschah, vielleicht erschien ihm die gleiche Szene auch in einem Traum, denn sein Mund öffnete sich unter Raistlins, gewährte der Zunge Einlaß, während sich eine Hand zu der Taille des Magiers hob und dort verharrte.

Fast schüchtern folgte Raistlin der Einladung. Er küßte Dalamar tief, ließ sich von dem Elfen in ein sinnliches Spiel verstricken, bis seine Seele von der so lange vermißten Leidenschaft trunken war. Die Wärme des zarten Körpers schien ihm auf einmal ein erstrebenswerterer Preis zu sein als die Herrschaft über Ansalon, über ganz Krynn...

...und in dem Augenblick fiel es ihm wieder ein. Sein Plan, für den er endlich nach so langer Zeit genug Macht hatte. Sein würde die Macht sein, und nicht nur Krynn, sondern auch die Götter würden sie zu spüren bekommen. Niemand konnte ihn mehr aufhalten, und schon gar nicht er selbst.

Als hätte er sich verbrannt, zuckte er von Dalamar zurück. Der Dunkelelf wimmerte leise und bewegte sich rastlos, aber Raistlin konnte ihn nur verwirrt anstarren. Was war mit ihm passiert? Was hatte man mit ihm gemacht? Woher kam diese Schwäche?

"Ich brauche dich nicht... ich brauche niemanden!" flüsterte er heiser und bemerkte überrascht, dass seine Stimme zitterte. Das Licht der Monde vor dem Fenster fing seine Aufmerksamkeit ein, und sein Mund verzog sich zu einem grimmigen Lächeln. "Wenn das euer Plan ist, um mich aufzuhalten, dann ist er wirklich jämmerlich!" zischte er hinaus zu den Göttern der Magie. "Ihr könnt mich nicht mehr aufhalten, und schon gar nicht damit! Würde ich es wollen, könnte ich ganz Silvanost versklaven, das wißt ihr genau!"

Ein Laut der Furcht von seinem Lehrling zwang seine Aufmerksamkeit zurück zum Bett. Dalamar hatte sich wieder zusammengerollt, und die Erwähnung seiner Heimat, aus der man ihn verstoßen hatte, ließ jetzt einige Tränen seine Wangen hinablaufen. Für einen Moment spürte Raistlin Mitleid. Er wußte, dass für einen Elfen das Exil schlimmer war als die Todesstrafe. Er war schon im Begriff, tröstend die Tränen von Dalamars Wangen zu streichen, als seine Züge plötzlich erstarrten. Er sah einen anderen Jungen weinen, erinnerte sich an die Qualen, die er selbst tagtäglich erlitt, und wandte sich abrupt ab.

"Niemand hat mich weinen gehört, ich hatte immer nur mich, und ich werde auch immer nur mich haben!" flüsterte er tonlos und stand von dem Bett auf.

"Shalafi..." Für einen kurzen Moment hielt er inne, als die Stimme seines Lehrlings ihn so einsam und verletzlich erreichte, dann griff er hastig nach seinem Stab und verließ das Zimmer, so schnell ihn sein erschöpfter Körper tragen konnte. Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, erlaubte er sich, vollkommen kraftlos gegen die Wand zu sinken. Alles drehte sich vor seinen Augen, Dalamars makelloser Körper, die Monde, dann wieder ein Bild von Takhisis, die ihn zu verspotten schien...

"Niemand spottet über mich!" zischte er und klammerte sich so heftig an seinen Stab, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Mit einer einzigen Handbewegung nahm er den Zauber von seinem Lehrling, um dann mit mühsam beherrschten Schritten die Treppe zu seinen Räumen hinabzusteigen. Er hatte Pläne... und für die würde er alles opfern. Was zählte ein weiterer Schmerz, wo er doch schon so viele Qualen überstanden hatte!

"Und bald... bald wird das alles egal sein..." Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, doch in seinen Augen leuchtete noch immer die Sehnsucht.

Fingerabdrücke: Teil 3

"Ihr habt von meiner Reise gesprochen, Meister? Ich gehe nirgendwohin..."

Raistlins Lächeln veränderte sich nicht, als Dalamars Gesicht seine Erkenntnis verriet, und die plötzliche, grauenvolle Furcht. 'Ich weiß, Lehrling, wußte von deinem Verrat von Anfang an,' hätte er sagen können, doch er blieb still und genoß für kurze Zeit das Spiel der Gefühle im Gesicht des Dunkelelfen.

Dalamar wurde bleich und wich einen halben Schritt zurück. Er fand keine Worte zu seiner Verteidigung. Was hätte er auch sagen können? Er hatte dieses Risiko wissentlich auf sich genommen für das Privileg, bei Raistlin studieren zu dürfen. Nie hätten die Magier ihn hierher gelassen, hätten sie nicht einen Spion gesucht. Und so verriet Dalamar ihnen die Pläne seines Meisters, sofern er sie kannte, und erlernte gleichzeitig voller Eifer all jene Geheimnisse der Magie, die Raistlin mit ihm teilte.

Es war ein gewagtes Spiel, bei dem Dalamar nur verlieren konnte. Aber er nahm es auf sich für die Macht, für die Magie... und für die Möglichkeit, ihm nahe zu sein.

Dalamar wurde noch bleicher. Zumindest soweit reichte seine Schande noch nicht, dass sein Shalafi um seine Gefühle für ihn wußte. Das war sein größtes und bestgehütetes Geheimnis, das Verlangen, welches er nach der Berührung des Magiers empfand, die Schauer der Erregung, die ihn durchliefen, wenn er die leise Stimme seines Meisters hörte. Seit ihrer ersten Begegnung im Turm der Erzmagier zu Wayreth hatte er sich von dem mächtigen Mann tiefer und tiefer in ein Netz einspinnen lassen, aus dem er nie mehr herauskommen würde. Mittlerweile wollte er das auch nicht mehr, war ihm mit Leib und Seele verfallen.

Zuerst hatte er sich eingeredet, es wäre nur natürlich, sich von dem mächtigsten Mann Krynns angezogen zu fühlen. Bis der Tag kam, an dem ihm auffiel, dass es nicht die Momente der Beschwörungen waren, an denen sein Shalafi sein Herz zum Schlagen brachte, und auch nicht die Momente, in denen der Herr des Turms ihn in die dunkelsten Geheimnisse der Götter einweihte.

Ein trockener Schlagabtausch mit Par-Salian, dem Oberhaupt der weißen Roben, der die Intelligenz seines Meisters zeigte, oder ein seltener Abend vor dem Feuer, an dem Raistlin seinem Lehrling zuliebe einige der Legenden über die Helden der Lanze aus seiner Sicht erzählte, das waren die Momente, in denen Dalamar schmerzlich bewußt wurde, dass es dieser Mann auf merkwürdige Weise geschafft hatte, sein Herz zu stehlen.

Der Begriff ließ ihn erröten, wann immer er darüber nachdachte, aber es gab keinen anderen Ausdruck für den stetigen Schmerz, der ihn quälte, weil der Magier ihn als seinen Lehrling und nichts weiter ansah.

Sein Shalafi war kein gewöhnlicher Mensch, dessen war sich Dalamar nur zu gut bewußt, und hätte der Magier ihn zumindest als Freund sehen können, wäre der Dunkelelf zufrieden gewesen. Aber die Kälte, die fast nie aus Raistlins Augen wich, verletzte ihn mehr, als er es sich je vorgestellt hatte.

Der Elf verzweifelte langsam. Der Druck, der als Spion der Versammlung auf ihm lastete, war nicht mehr zu ertragen, seit seine Verpflichtung nicht mehr der Magie, sondern seinem Herzen galt, und schon so manche Nacht hatte er wachgelegen und hilflos überlegt, seinem Meister alles zu beichten. Doch die Erinnerung an die Kälte in Raistlins Blick hatte ihn abgehalten. Nein, er würde die Verachtung seines Meisters nicht ertragen können...

...und jetzt, da eh alles zu spät war, würde diese Qual wenigstens ein Ende haben. Sein schlanker Körper begann zu zittern, als er den sich nähernden Magier beobachtete. Er träumte von ihm, schon seit vielen Nächten, und erst diesen Morgen war er von der Hitze in seinem Blut und einer klebrigen Feuchtigkeit auf den Laken aufgewacht. Er war so beschämt gewesen, dass er die Laken mittels eines Zaubers sofort vernichtet hatte. Soetwas war ihm schon seit Jahrzehnten nicht mehr passiert...

Sein Shalafi durfte niemals davon erfahren. Dalamar wußte nur zu gut, dass der Magier diese Gefühle als Schwäche sehen würde, als ein Mittel, ihn zu beherrschen und zu lenken, und obwohl der Dunkelelf freiwillig alles tun würde, worum sein Meister bitten würde, wollte er doch mehr sein als nur eine hilflose Marionette, die man nach getaner Arbeit wegwarf.

Er hatte keine Hoffnung mehr, und darum kam es ihm nicht einmal in den Sinn, sich zu wehren, als Raistlin mit einem grausamen Lächeln vor ihm stehenblieb und seine Fingerspitzen auf seine Brust legte.

Der Schmerz war so schrecklich, dass er alles auslöschte. Raistlins unberührte goldene Augen waren Dalamars einziger Anhaltspunkt, an den er sich verzweifelt klammerte, um nicht sich selbst zu verlieren. Seine Lippen teilten sich, aber kein Laut entwich ihm, die Qualen, die durch seinen Körper rasten, nahmen ihm die Kontrolle über alle seine Sinne. Alles, was er noch sah, waren die Augen seines Shalafi, wie sie ihn musterten, ohne Mitleid, ohne Hass. Etwas zerbrach in Dalamar bei dem Gedanken, dass er seinem Meister noch nicht einmal genug bedeutete, um für sein Verbrechen gehasst zu werden. Hatte der Mann ihn von Anfang an nur benutzt? War das alles geplant gewesen?

Wieso hast du mich geküßt? schrie es lautlos in ihm, Wieso mir Hoffnung geben, wenn ich dir weniger bedeute als ein Versuchstier?

Für einen winzigen Moment zuckte eine Emotion über Raistlins Gesicht, dann hatte es wieder den gleichen verschlossenen Ausdruck, der an eine goldene Maske erinnerte.

"Teile ihnen genau mit, was ich dir gesagt habe," flüsterte Raistlin, "und was du vielleicht vermutet hast. Und grüße den großen Par-Salian von mir...Lehrling!"

Dalamar fiel zu Boden, als der Magier seinen Blick abwandte und zur Tür ging.

"Warum? Warum hast du mich geküßt?" wimmerte er hilflos, bemerkte noch nicht einmal, dass diese Gedanken tatsächlich seinen Mund verließen. Raistlin hörte sie und zuckte zusammen, aber drehte sich nicht um, bis die Tür hinter ihm zufiel.

Erst draußen zerbrach schließlich seine Maske, und er mußte sich schaudernd gegen die Wand lehnen. Hatte er sich so getäuscht? War es tatsächlich möglich, dass der Dunkelelf mehr als nur Respekt und Furcht vor ihm empfand? Seine Gedanken irrten zur letzten Nacht zurück, zu dem verlockenden Bild des nackten jungen Körpers auf dem Bett.

"Nein... nein, das ist unmöglich!" widersprach er sich selbst. Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit. "Das kann nicht sein, es ist nur ein Trick, um mich abzulenken, denn sie wissen von meinen Plänen..." Niemand antwortete ihm außer dem qualvollen Keuchen hinter der Tür, wo sein Lehrling sich gerade die Robe vom Leib riß, um fünf blutende, verkohlte Wunden in seiner Brust zu finden, die aussahen wie Fingerabdrücke.

Abschied: Teil 4

Dalamar verließ die Versammlung der Magier noch in der Nacht. Er hatte ihnen mitgeteilt, was er über die Pläne seines Meisters wußte, und im Gegenzug konnte er nun Raistlin von ihren Maßnahmen berichten. Alles war so verlaufen, wie sein Shalafi es vorausgeplant hatte. Par-Salian würde Crysania, die Klerikerin, zusammen mit Raistlins Zwillingsbruder Caramon in die Zeit vor der Umwälzung zurückschicken, wo es noch machtvolle Kleriker gab, die Crysania würden retten können.

Und damit würde auch sein Meister in der Vergangenheit Crysania benutzen können.

Zorn durchfuhr ihn bei dem Gedanken an die Verehrte Tochter Paladins, die so rein in ihrem Glauben war, die nur das Licht sah und dadurch geblendet ihre eigene Dunkelheit nicht erkannte. Es war fast zu einfach für seinen Shalafi, sie zu verführen...

Er biß sich auf die Lippe und stützte sich bebend an seinem Schrank ab. Nein, er sollte ehrlich mit sich selbst sein. Es war nicht ihre verlogene Tugend, ihre Hochmut, die ihn so aufwühlte. Es waren Neid und Eifersucht, die ihn ergriffen, wann immer er an sie dachte. Oh, er wußte, dass sein Meister nichts für sie empfand, und doch brachte er ihr solche Aufmerksamkeit entgegen... Raistlin brauchte sie für seinen Plan, und selbst wenn sie am Ende sterben würde, hätte sie doch mehr von der Nähe des Magiers erfahren als es ihm selbst je vergönnt sein würde.

Dalamars Hände fuhren unwillkürlich zu seiner Brust, wo noch immer aus fünf Löchern Blut sickerte. Die Schmerzen waren fast unerträglich, und dennoch war er seinem Meister dankbar für die Lektion. Nie wieder würde er sich der Hoffnung hingeben, dem Herrn des Turms ein Gefühl abringen zu können.

Niemand bedeutete dem Magier etwas, niemand... außer der Magie. Und genau so sollte auch Dalamar fühlen. Es war eine schmerzliche Lektion, aber notwendig für jemanden wie ihn, der die gleiche Macht erstrebte wie sein Shalafi.

Trotz der Schmerzen mußte Dalamar lächeln. Nun, nicht unbedingt die gleiche Macht... noch immer hielt er den Plan seines Meisters für Wahnsinn. Takhisis, die Göttin des Bösen, in der Hölle aufzusuchen und sie auf diese Existenzebene zu locken, um sie endgültig auszulöschen... sein Gehirn weigerte sich, diesen Plan zu erfassen. Und doch wußte er, dass sein Meister stark genug war, Erfolg haben könnte...

Seine Hände verkrampften sich in seiner Robe und er spürte, dass seine Beine ihn nicht mehr länger tragen wollten. Schwankend tastete er sich an der Wand entlang bis zu seinem Bett, um sich dann mit einem Stöhnen hinzusetzen.

Nein, der Gedanke an einen Erfolg seines Meisters machte ihm Angst. Er würde ein Gott werden, würde an Stelle von Takhisis herrschen, und Dalamar wußte mit grauenvoller Gewißheit, dass sein Meister jemanden wie ihn nicht dulden würde. Er würde niemanden mit Macht dulden, das wußten auch die Magier, und genauso wie sie konnte er nur beten, dass ihr verzweifelter Plan Erfolg haben würde...

"Lehrling..." flüsterte eine weiche Stimme neben ihm. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen sah er sich um und fand seinen in samtene schwarze Roben gekleideten Meister direkt neben sich auf dem Bett. Sein Herz brauchte einige Sekunden, um sich von dem Schreck zu erholen, während der er nichts anderes tun konnte, als angsterfüllt in die goldenen Augen zu starren.

"Du bist zurück, wie ich sehe..." murmelte Raistlin sanft. "Berichte mir, was planen die Magier?"

Dalamar rang vor Schmerz und Erschöpfung nach Atem, sein Gesicht war kreidebleich und seine Lippen zitterten. Der Schwarzmagier seufzte und hielt plötzlich ein Glas Brandy in der Hand, das aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien. "Trink das, es wird helfen," murmelte er und führte das Glas an die Lippen seines Lehrlings. Der Dunkelelf schluckte gehorsam, und während die Flüssigkeit heiß in seiner Kehle brannte, kämpfte er gegen die Gefühle an, die diese so scheinbar zärtliche und besorgte Geste wieder in ihm aufkeimen ließ.

"Nun... Lehrling?" Der Spott in Raistlins Stimme war unüberhörbar, und Dalamar schloß kurz geschlagen die Augen. Als er sie wieder öffnete, waren sie kalt und ausdruckslos, auch der Schmerz war aus ihnen verdrängt.

"Wie ihr es vorausgesehen habt, Shalafi... sie schicken Crysania in die Zeit vor der Umwälzung zurück, zum Königspriester von Istar. Euer Bruder wird sie begleiten..."

Raistlins kaltes, höhnisches Lachen ließ ihn innehalten. "Ah, mein Bruder, du versuchst also noch immer, mich zu beschützen... nun gut, dieser Wunsch soll dir gewährt werden."

Dalamar spürte, wie ihn seine restliche Kraft verließ. Das Zimmer begann sich vor seinen Augen zu drehen, er konnte sich nicht mehr aufrecht halten. Als er glaubte, die Besinnung zu verlieren, waren es schließlich die Arme seines Meisters, die ihn hielten und sanft auf sein Bett zurückdrückten.

"Wir alle haben Wünsche, nicht wahr?" murmelte Raistlin leise, während seine goldenen Augen den Elfen fixierten. "Ich kenne die Höhe meines eigenen Ehrgeizes... aber was ist deiner? Sag mir, was treibt dich an, diese Gefahr auf dich zu nehmen? Ich weiß, dass du die Kunst liebst," fügte er amüsiert hinzu, "aber das kann gewiß nicht alles sein. Ist es wirklich nur der Wunsch nach Rache an deinen Landsleuten, die Herrschaft über Silvanost? Ich sehe es in deinem Blick, Lehrling, du hast dich verändert in letzter Zeit." Seine Augen verengten sich, als ihm ein Gedanke kam, doch Dalamar war zu erschöpft, es zu bemerken. "Ist es vielleicht meine Schwester? Kitiara, die Drachenfürstin? Begehrst du sie?" Der Gedanke, dass jemand anders die weiße Haut berühren, Leidenschaft in den Augen des Dunkelelfen entfachen könnte, verärgerte ihn. Er beugte sich vor, bis sein Gesicht über dem seines Lehrlings schwebte und der Elf hilflos seinen Blick erwidern musste. "Nun? Ist es das, Dalamar? Verrate es mir, gelten ihr deine Sehnsüchte?"

Der Dunkelelf war noch bleicher geworden, aber er konnte dem Blick des Magiers nicht entrinnen. "Nein Shalafi, ich könnte ihr niemals vertrauen..." wimmerte er, während der Schmerz in seiner Brust zu unerträglichen Qualen anstieg, die ihm Tränen in die Augen trieben.

Raistlin lächelte. Es war ein dunkles Lächeln, verzerrt und seltsam triumphierend. Seine Schwester würde ihn nicht bekommen, dafür würde er sorgen, und wenn er selbst ihren leblosen Körper Lord Soth übergeben mußte. Niemand würde mehr über ihn spotten, niemand mehr ihm etwas verweigern... er würde ein Gott sein.

Die Hitze des vor Schmerzen zitternden Elfen unter ihm lenkte seine Gedanken wieder zurück zum Hier und Jetzt. Er spürte, wie Dalamars schlanker Körper erneut Begehren in ihm weckte, das unbändige Verlangen, sein Gesicht in den dunkelbraunen Haaren zu vergraben und ihn ganz zu besitzen.

Er ließ seinen Stab vorsichtig zu Boden gleiten als ihm bewußt wurde, dass er genau das tun konnte. Nichts konnte ihn aufhalten, weder der Elf noch er selbst. Er würde seiner Lust freien Lauf lassen und anschließend seinen Plan umsetzen. Dann würde sich ein für allemal erweisen, ob er tatsächlich in der Lage war, wirklich alles für die Magie aufzugeben. Er hatte ihr sein Leben geopfert, seinen Bruder, und jetzt würde er ihr das Herz des einzigen Wesens, das Zärtlichkeit in ihm erweckte, darbieten.

Liebevoll fuhr er über Dalamars Brust, tat so, als würde er das gequälte Einatmen nicht bemerken, als seine Fingerspitzen den vom Stoff verhüllten Wunden zu nahe kamen.

"Ah, aber vertraust du mir...?" fragte er leise, während er begierig den Anblick der Hilflosigkeit und Verwirrung in den zarten Gesichtszügen des Elfen aufnahm. Dann erfasste er den Kragen von Dalamars Robe und riss sie auf, streifte den schwarzen Stoff von seinen Schultern.

Der Dunkelelf bebte am ganzen Körper, seine Lippen formten Worte, die doch nicht seinen Mund verließen, während neue Tränen unter seinen Wimpern hervorquollen.

Zart fuhren Raistlins Lippen über die nassen Wangen, fanden schließlich Dalamars Mund, so süß und warm wie in der Erinnerung des Magiers. Aber das hier war besser als in der letzten Nacht... unendlich besser, denn diesmal schlangen sich die Arme des Elfen um seinen Körper und hielten ihn fest, während sich die Lippen unter seinen hungrig teilten, lockten, begrüßten.

Fiebrig legte er die glatte Haut seines Lehrlings frei und drängte sich dicht an den Körper, der sich an ihn schmiegte. Obwohl Raistlins Roben dabei die Wunden auf Dalamars Brust streiften und das ewigfließende Blut aufsaugten, schien der Dunkelelf den Schmerz nicht mehr wahrzunehmen. Leidenschaftlich zog er Raistlin immer tiefer in den Kuß, entfachte unbekannte Sehnsüchte in dem Magier, bis auch Raistlin seine Pläne, seinen Ehrgeiz, sogar seine Magie vergass. Alles was zählte war die Hingabe in braunen Elfenaugen, der Geruch von Hitze und Espenlaub, der von der schweißnassen Haut unter ihm aufstieg.

Dalamar barg wimmernd seinen Kopf in Raistlins Nacken, nachdem auch der Magier sich seiner Robe entledigt hatte. Er hielt den mageren Körper fest umklammert, als hätte er Angst, es würde sich als ein weiterer Traum erweisen, oder noch schlimmer, als könnte sein Meister sich jede Sekunde mit einem höhnischen Lächeln von ihm abwenden.

Aber Raistlin hätte das nicht mehr geschafft. Die Erregung brannte in seinen Adern wie sonst nur die Magie, sie trieb ihn weiter, immer weiter, auf der Suche nach etwas, das urplötzlich heiß seinen Körper verbrannte, als sich der Elf sinnlich gegen ihn rieb. Sie beide keuchten auf, der Magier überrascht, Dalamar verzweifelt. Suchend tasteten Raistlins Lippen wieder nach denen seines Lehrlings, verschloßen sie in einem gierigen Kuß und hinderten so die Worte am Entkommen, die Raistlin niemals laut aussprechen durfte. Immer noch liefen bittere Tränen die Wangen des Elfen hinab, und doch wehrte er sich nicht, als schlanke goldene Finger seine Schenkel auseinanderdrückten. Das war es, was er wollte, aber dennoch... plötzlich schien sich sein Traum in einen Alptraum verwandelt zu haben.

Er schluchzte in Raistlins Kuß, als er ihn endlich in sich spürte. Hilflos bewegte er sich unter ihm, fuhr mit einer Hand immer wieder durch die silbernen Haare, während seine andere Hand von Raistlin über seinem Kopf festgehalten wurde. Der Magier stöhnte und bewegte sich härter. So lange hatte er sich solche Leidenschaft versagt, dass es jetzt mehr schien, als sein menschlicher Körper würde ertragen können. Der Gedanke, diesen Mann zu verletzen, ihm die Liebe zu versagen, bis er brach, war undenkbar. Nichts in Krynn, nicht einmal die Götter, würden ihm je etwas so Berauschendes bieten können wie der bebende Körper unter ihm.

Hätte er doch früher gewußt, was die Sehnsucht in den Augen des Dunkelelfen bedeutete, hätte er früher verstanden, dass die Macht der Königin der Finsternis nichts war im Gegensatz zu der Macht, die Dalamar ihm willig gewährte...

Die Verzweiflung, mit der sein Lehrling sich an ihn klammerte, fachte seine eigene an, Lust und Begehren und Sehnsucht und endlich ein Ende der Einsamkeit und Kälte...

Exstase, wie sie sonst nur ein gelungener Zauber hervorrufen konnte, explodierte plötzlich in seinem Blut, spiegelte sich in dem leisen Schrei des Dunkelelfen.

Erschöpft erlaubte Raistlin seinem Körper, sich in Dalamars Umarmung auszuruhen, während gleichzeitig der Zweifel, die Bitterkeit und die unstillbare Gier nach Macht den wohltuenden Frieden in seinem Kopf zu verdrängen begannen.

Gefühle zählten nichts in seiner Welt. Nur die Magie zählte, die Magie und die Macht, die keinen Nebenbuhler duldeten. Noch nicht einmal den wunderschönen Dunkelelfen...

Steif entzog er sich der erschöpften Umarmung seines Lehrlings. Dalamar zitterte noch immer, aber er brachte kein Wort über seine Lippen, als seine braunen Augen beobachteten, wie sein Meister sich wieder anzog. Raistlin bückte sich nach seinem Stab und schritt zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um, um kalt auf den verschwitzen Elfenkörper zu starren.

"Du bist schwach, Lehrling," flüsterte er spöttisch, "weil du immer noch nicht gelernt hast, dass es nichts außer der Magie gibt... aber vielleicht reicht es dir ja, als hübsches Spielzeug das Bett eines Mächtigen zu schmücken? Meine Schwester wäre zweifellos interessiert..."

Dalamar senkte seine Augen und spürte, wie der grausame Schmerz in seiner Brust einer Leere Platz machte, die auf ihre Weise noch viel grausiger war. Aber sie versprach Ruhe und Frieden, und selbst wenn es der Frieden des ewigen Eises war, akzeptierte Dalamars gebrochene Seele sie nun mit Freude.

Es wollten keine Tränen mehr kommen, als sich die Tür hinter dem Magier schloß, keine Trauer, kein Zorn. Sein Meister hatte seine Sache gut gemacht, Dalamar hatte seine Lektion gelernt.

"Nein, ich vertraue dir nicht..." flüsterte er schließlich als Antwort auf Raistlins Frage. Kitiara, den Magiern, Raistlin - niemandem würde er mehr vertrauen. Er war alleine, so wie es sein Shalafi schon immer gewesen war.

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