Geschichten-Archiv • Gemalion Sandringham Starblade - Teil 2: Die Seuche
Solamnier unter sich: Teil 1

Am nächsten Tag führte Gemalion sein erster Weg in den Mishakal-Tempel, um sich nach dem Befinden des verletzten Ritters zu erkundigen. Am Abend zuvor hatte er sich noch von Dices den Wappenring aushändigen lassen, den dieser aus der Asservatenkammer mitgenommen hatte. Der diensthabende Priester im Spital teilte dem jungen Solamnier mit, daß der Patient wach sei und Besuch empfangen könne. Also klopfte Gemalion an der Zimmertür des Ritters und wurde hereingebeten.
Der Mann im Bett war etwa Anfang Dreißig, hatte langes, braunes Haar und einen gepflegten Schnurrbart.
Gemalion trat an das Bett heran. "Sir, mein Name ist Gemalion Sandringham Starblade, ich bin ein Mitglied der Patrouille, die Euch gestern Nacht aus Eurer mißlichen Lage befreit hat, und ich schätze, dieser Ring hier gehört Euch." Damit übergab er den Wappenring. Ganz unwillkürlich hatte er mit seinem Landsmann Solamnisch gesprochen, und dieser horchte auf und antwortete gleichfalls auf Solamnisch: "Ja, das ist tatsächlich mein Ring. Woher wußtet Ihr das?"
"Nun, ich habe das Wappen erkannt. Das ist doch das Wappen von Corwyn, nicht wahr?" Der Ritter nickte anerkennend. "In der Tat. Ich bin Yvanh de Ghuerre, Lord von Corwyn. Ich hätte nicht erwartet, in einer Garde auf Northern Ergoth einem Landsmann zu begegnen - oder seid Ihr kein Solamnier...? Verzeiht, aber Eure Hautfarbe...."
"Oh, keine Ursache. Meine Mutter stammt aus Northern Ergoth, aber mein Vater ist der Baron von Lemish."
Yvanh hob erstaunt die Augenbrauen. "Ein Adliger? Und was hat Euch hierher verschlagen?"
Gemalion blickte betreten zu Boden. "Nun, in erster Linie waren es wohl Meinungsverschiedenheiten mit meinem Vater."
"Man soll seinen Vater ehren und ihm gehorchen, junger Mann!" tadelte der ältere Ritter.
Sein Gegenüber machte ein unglückliches Gesicht. "Ich weiß. Mir ist die Entscheidung auch nicht leicht gefallen. Aber wenn ich auf meinen Vater gehört hätte, wäre mein Traum, irgendwann zur Ritterschaft zu gehören, in unerreichbare Ferne gerückt."
Einige Augenblicke schaute Yvanh den jungen Adligen nachdenklich an, dann sagte er in rätselhaftem Ton: "Ja, manchmal muß ein Mann tun, was ein Mann tun muß...."
In die peinliche Pause hinein, die auf diese sinnschwere Aussage folgte, wechselte Gemalion rasch das Thema: "Und was führt Euch nach Northern Ergoth, Mylord?"
Ein leichtes Lächeln umspielte Yvanhs Lippen: "Schafe, mein junger Freund, Schafe...." Als der Ritter Gemalions verblüfften Gesichtsausdruck registrierte, fügte er erklärend hinzu: "Ja, die Lords von Corwyn sind seit altersher Schafzüchter. In Northern Ergoth gibt es eine sehr widerstandsfähige Hochlandrasse, die ich in unsere solamnische Herden einkreuzen wollte.... aber ich will Euch nicht mit landwirtschaftlichen Belangen zu Tode langweilen. Oh, da fällt mir noch etwas ein.... Ach nein, das wäre wirklich zuviel verlangt...."
Gemalion trat einen Schritt vor. "Nein, nein, sagt mir nur, wenn Ihr etwas auf dem Herzen habt, ich werde sehen, was ich tun kann."
Sir Yvanh hielt den Blick auf die Bettdecke gesenkt, als er murmelte: "Nun, in dem Lagerhaus sind einige persönliche Gegenstände von mir zurückgeblieben. In erster Linie mein Rucksack. In diesem befindet sich unter anderem ein in grüne Seide eingeschlagener Gegenstand, der von nicht unbeträchtlichem Wert ist. Außerdem vermisse ich meine Waffe, eine schwere Streitaxt, die schon seit Generationen im Besitz meiner Familie ist."
Gemalion dachte an die schöne Waffe, die sich Silvana im Lagerhaus unter den Nagel gerissen hatte und hüstelte: "Ich glaube, ich weiß, wo ich diese Dinge finde. Ich werde tun, was in meiner Macht steht, damit Ihr Euer Eigentum zurück bekommt, Mylord."

Solamnier unter sich: Teil 2

Am Abend desselben Tages klopfte Gemalion an die Türe des Zimmers, das Troska und Silvana teilten. Zuvor hatte er sich in der Asservatenkammer den Rucksack von Sir Yvanh aushändigen lassen und Trojan zur Reparatur zum Waffenschmied gebracht. Die schwerere Aufgabe wartete in Gestalt der Halbelfin auf den jungen Solamnier. Silvanas Stimme bat ihn einzutreten. Sie war allein im Zimmer und beschäftigte sich gerade mit dem Corpus delicti, der schweren Streitaxt des Ritters.
"Eine schöne Waffe ist das", leitete Gemalion das Gespräch ein. Silvana nickte lächelnd. "Aber leider muß ich dir sagen, daß du sie nicht behalten kannst."
Silvanas Lächeln gefror auf ihren Lippen. "Und warum bitte nicht?" fragte sie mit eisiger Stimme und legte die Waffe neben sich auf das Bett.
Gemalion seufzte. "Ganz einfach, weil sie Sir Yvanh gehört, dem Ritter, den wir aus dem Lagerhaus befreit haben."
"Hah, der soll doch froh sein, daß er dank uns überlebt hat. Der hat sicher genug Geld, um sich eine neue Waffe zu leisten, ganz im Gegensatz zu mir." Trotzig schob die Halbelfin die Unterlippe vor. Gemalion schüttelte langsam den Kopf. "So einfach ist das leider nicht, meine Liebe. Die Waffe ist ein Familienerbstück, er hängt daran genauso wie ich an Trojan. Außerdem willst du dir doch nicht wirklich fremdes Eigentum aneignen, oder?" Gemalions Stimme bekam einen drohenden Unterton.
Silvana starrte ihn mit aufkeimender Unsicherheit an. Sie erkannte die Entschlossenheit des jungen Kriegers, die Streitaxt seinem rechtmäßigen Eigentümer zurückzubringen. Inzwischen kannte sie Gemalion gut genug um zu wissen, daß er nicht locker lassen würde, bis er sein Ziel erreicht hätte. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, es dennoch auf einen Machtkampf ankommen zu lassen, doch dann seufzte sie tief. "Na gut, nimm das verdammte Ding, es ist ohnehin viel zu unhandlich." Damit erhob sie sich von ihrem Bett und lief an Gemalion vorbei aus dem Raum. "Du hast das Richtige getan!" rief ihr der Solamnier noch hinterher, nahm dann die Streitaxt und eilte erneut zum Mishakal-Tempel.

Erwartungsgemäß war Sir Yvanh hocherfreut, als Gemalion mit seinen Habseligkeiten wieder bei ihm aufkreuzte. Vor allem die mächtige Streitaxt betrachtete er einen Moment lang liebevoll, bevor er sie zur Seite stellte."Ich stehe erneut in Eurer Schuld, junger Mann. Aber es gibt noch etwas, das Ihr für mich tun könntet: Würdet Ihr Euch ab morgen als mein Sparringspartner zur Verfügung stellen? Ich muß schnellstens wieder zu Kräften kommen."
Gemalion strahlte über das ganze Gesicht: "Es wäre mir eine große Ehre, Mylord."
"Gut, dann komme ich morgen zur dritten Mittagsstunde zu Euch in das Garnisonsgebäude - der Tempel der Mishakal ist nicht der rechte Ort für Waffenübungen."

Solamnier unter sich: Teil 3

Am nächsten Tag nach Gemalions Dienst trafen sich also die beiden Krieger zum Sparring. Natürlich war Gemalion für Yvanh kein ebenbürtiger Gegner, aber aufgrund seiner schweren Verletzungen ermüdete er rascher und begann dann Fehler zu machen. Zu Beginn hatte Gemalion Probleme, mit dem Kampfstil eines Streitaxtkämpfers zurechtzukommen, doch er stellte sich relativ schnell darauf ein. In einer kurzen Pause fragte Yvanh: "Ihr habt wohl keine Erfahrung im Umgang mit der Streitaxt, oder?" Schwer atmend schüttelte Gemalion den Kopf.
"Na, wenn Ihr Interesse habt, kann ich Euch einige Grundbegriffe beibringen."
Selbstverständlich war Gemalion für dieses Angebot Feuer und Flamme, und so übten die beiden noch gemeinsam den Umgang mit der schweren Waffe.
Schließlich waren beide völlig erschöpft und sie einigten sich auf eine längere Pause.
"Eine interessante Klinge habt Ihr da", bemerkte Sir Yvanh. "Darf ich sie mir einmal näher ansehen?" Gemalion zog den reparierten Trojan aus der Scheide und reichte ihn dem Ritter, der ihn eingehend musterte. Dabei verfinsterte sich die Miene des Älteren. "Woher habt Ihr diese Klinge?" fragte er mit leicht drohendem Unterton.
Gemalion blickte den Ritter verwundert an: "Ich habe sie von meinem Großvater geerbt. Wieso fragt Ihr?"
"Das erzähle ich Euch vielleicht später. Sagt mir erst, wie Euer Großvater an das Schwert gekommen ist."
Gemalion zuckte kurz mit den Schultern. "Ach, das ist eine längere Geschichte."
"Ich möchte sie dennoch hören."
"Nun gut." Der junge Mann räusperte sich unbehaglich. Warum war der Lord plötzlich so kühl? "Es war in einer der letzten Schlachten des Drachenlanzenkrieges, in dem mein Großvater und mein Onkel gekämpft haben. Die beiden wurden im Kampfgetümmel getrennt. Als die Schlacht geschlagen war, und nur noch hie und da kleinere Scharmützel stattfanden, machte mein Großvater Berannion sich daran, seinen Sohn zu suchen. Während seiner ziellosen Suche auf dem Schlachtfeld stieß er auf einen schwerverletzten Ritter, der von einem Draconian in arge Bedrängnis gebracht wurde. Da sein eigenes Schwert in einem versteinerten Draconian zurückgeblieben war, nahm er die nächstbeste Waffe, die gerade herumlag, stellte den Gegner des bedrängten Ritters und tötete ihn schließlich. Erst jetzt stellte er fest, daß es sich bei dem Schwert um eine wunderbar gearbeitete und offensichtlich magische Waffe handelte. In den Griff waren drei Edelsteine eingelassen, und die Klinge selbst leuchtete in sanftem Blau. Leider steckte nun auch sie in einem versteinerten Körper, aber mein Großvater beschloß, später noch einmal zurückzukommen und das Schwert mitzunehmen. Als er das jedoch tat, lag nur noch die Klinge auf dem Boden, der wertvolle Griff war verschwunden, und mit ihm wohl auch die Magie des Schwertes. Vermutlich das Werk von Plünderern. Mein Großvater nahm die Klinge dennoch mit, allein schon als Andenken an die Schlacht und an den unbekannten Ritter, dem er mit dieser Waffe das Leben gerettet hat...."
Yvanh hatte den jungen Mann nicht unterbrochen und machte jetzt ein sehr ernstes Gesicht. "Ich muß Euch etwas zeigen," sagte er nach einer längeren Pause. "Folgt mir auf mein Hotelzimmer."
Verwundert tat Gemalion wie ihm geheißen.
Auf seinem Zimmer bot der Ritter Gemalion einen Stuhl an, holte dann den in grüne Seide eingeschlagenen, vage dreieckigen Gegenstand aus seinem Rucksack und begann ihn langsam und feierlich auszuwickeln. Zum Vorschein kam schließlich ein Schwertgriff, bei dessen Anblick Gemalion die Augen übergingen. Die eigentliche Machart des Knaufs war eher schlicht und unauffällig, wären da nicht die drei funkelnden Edelsteine gewesen, die tief in das Niveau eingelassen waren, um den Träger des Schwertes nicht zu behindern. Da war zunächst ein Sternrubin, in der Mitte ein in Sternform gefaßter Smaragd und zu guter letzt noch ein Sternsaphir. Der Griff hatte gut und gern einen Wert von 10000 Stahlmünzen, und das war noch eine vorsichtige Schätzung!
Gemalion starrte abwechselnd auf den Knauf und auf Sir Yvanh, welcher schließlich leicht schmunzelnd erklärte: "Ja, Ihr vermutet ganz recht. Das ist der originale Griff zu Eurer Klinge. Und ich denke, jetzt habt Ihr auch ein Recht darauf zu erfahren, warum ich so an Eurer Waffe interessiert war. Der Ritter, dem Euer Großvater damals so selbstlos half, ist mein Vater. Leider ist sein Retter damals so schnell verschwunden, daß er ihm nicht einmal danken, geschweige denn ihn nach seinem Namen fragen konnte. Auch er wollte, ähnlich wie Euer Großvater, das Schwert als Erinnerungsstück mitnehmen, konnte aber nicht warten, bis der Körper des versteinerten Draconian zu Staub zerfallen war. Also nahm er den Griff mit sich, um ihn vor dem Zugriff von Plünderern zu schützen. Als er später an den Ort des Geschehens zurückkam, war die dazugehörige Klinge nicht mehr auffindbar. Damals hat mein Vater übrigens einen Schwur geleistet, nicht mehr mit einem Schwert zu kämpfen, bis die Sternenklinge wieder komplettiert sei."
Gemalion schluckte schwer. "Mir scheint, wir haben hier einen Interessenkonflikt", murmelte er.
Yvanh schüttelte lächelnd den Kopf. "Das denke ich nicht. Euer Großvater hat wie kein anderer Anspruch auf diese Waffe, und Ihr seid sein rechtmäßiger Erbe. Damit steht für mich fest, daß auch der Griff Euch gehört."
Nun blieb Gemalion endgültig der Mund offenstehen. "Aber das.... das kann ich doch nicht annehmen", stammelte er schließlich, als er seine Sprache wiedergefunden hatte.
"Ihr müßt. Ich bestehe darauf!" entgegnete der Ritter mit strengem Ton und einem Augenzwinkern. "Ich weiß nicht, wie ich Euch dafür danken kann, Mylord."
"Ihr müßt mir gar nicht danken. Schließlich schuldet mein Vater Eurem Großvater sein Leben. Tragt das Schwert ehrenhaft und besudelt es niemals mit dem Blut von Unschuldigen, dann ist Eurer Pflicht genüge getan."

Solamnier unter sich: Teil 4

Am nächsten Tag trafen sich die beiden Solamnier wie vereinbart wieder zum Sparring. Gemalion hatte sich aus der Waffenkammer der Garde ein Schwert geliehen, da er Trojan selbstredend noch am Abend zuvor wieder zum Waffenschmied gebracht hatte. Dieser war zwar einigermaßen verwundert gewesen, daß er den gerade neu angebrachten Griff wieder ersetzen sollte, als er jedoch den mit Edelsteinen besetzten Knauf sah, stellte er keine Fragen mehr.
Wieder trainierten die beiden Männer mehrere Stunden lang, unterbrochen von kurzen Pausen. Schließlich meinte Sir Yvanh zufrieden: "Ich denke, ich bin soweit wieder hergestellt, daß ich in den nächsten Tagen gen Solamnia aufbrechen kann."
Gemalion schüttelte besorgt den Kopf. "Ich fürchte, da gibt es ein kleines Problem. In Dalgoth ist eine rätselhafte Seuche ausgebrochen. Die ganze Stadt steht unter Quarantäne, und kein Schiff darf auslaufen...."
Alarmiert hob Yvanh den Blick. "Aber das ist ja eine mittlere Katastrophe! Ich muß in Kürze am High Clerist Tower sein, zum Herbsttreffen der Ritterschaft!"
"Oh. Der High Clerist Tower.... Da findet die Aufnahmeprüfung für die Knappen des Ordens der Krone statt, nicht wahr?" Gemalion fühlte, wie sich Schmetterlinge in seinem Bauch zum Tanz erhoben.
"Ganz recht. Ihr werdet sicher verstehen, daß ich dort anwesend sein will und muß. Ich bitte Euch, Ihr müßt alles tun, damit ich Dalgoth rechtzeitig verlassen kann."

Magier unter sich

Bin ich hier wirklich richtig? Ein erneuter Blick auf die Beschreibung seines alten Meisters ließ allerdings keinen Zweifel zu. Was für ein Unterschied zu Nightlights bescheidenem Heim. Dices´ Augen wanderten über das imposante Gebäude, das eher der Vorstellung eines Adelspalastes als der eines Magierdomizils entsprach.
Er fühlte noch einmal nach dem versiegelten Brief, den er auf Nightlights Geheiß persönlich hier übergeben sollte. Dann strich er sich noch einmal über seine mausgraue Robe und ging entschlossenen Schrittes auf das Portal zu. Ohne zu zögern betätigte er den massiven Türklopfer. Wenige Momente später konnte Dices hören, wie sich jemand langsam schlurfend der Tür näherte. Als diese schließlich geöffnet wurde, stand dort ein vom Alter gebeugter Mann, der ihn aus kurzsichtigen Augen fragend anblinzelte.
"Man nennt mich Dices. Ich habe einen Brief von meinem Meister Nightlight für den Herrn dieses Hauses."
Der Alte beäugte ihn einen Moment lang mißtrauisch und winkte ihm dann einzutreten. Er führte den jungen Magus in eine Art Atrium, dessen prächtiges Ambiente offensichtlich dazu diente, den Reichtum des Besitzers zu demonstrieren.
Mit krächzender Stimme wandte sich der Alte an Dices: "Wartet hier einen Moment. Ich hole den Meister." Darauf schlurfte er aus dem Raum und ließ den jungen Mann mit seinen Gedanken alleine. Hm. Offensichtlich schließen sich Magie und Reichtum nicht gegenseitig aus, wie Nightlight immer behauptet.
Er drehte sich einmal um sich selbst und ließ dabei seinen Blick über die opulente Pracht gleiten. Der Wert dieses Raumes allein würde reichen, um unser ganzes Heimatdorf zu kaufen.
Das Geräusch einer sich öffnenden Tür riß Dices aus seinen Gedanken. Als er sich umwandte, sah er, wie sich ein stattlicher Mann mit flammend rotem Haar und dazu passender, reich mit Gold bestickter Robe näherte.
"Ich bin Barnabas, der Herr dieses Hauses. Ihr habt eine Nachricht für mich?"
Dices verneigte sich leicht. "Entschuldigt, Herr, aber ich muß sichergehen, daß Ihr der seid, für den dieser Brief bestimmt ist. Wäret Ihr so freundlich, mir Eure persönliche Rune aufzuzeichnen?"
Der Rothaarige schenkte ihm ein Lächeln. Mit einem "Seht her" begann er mit seinen bloßen Fingern eine flammende Rune in die Luft vor ihm zu zeichnen.
Mit einer tiefen Verbeugung übergab der junge Magus das versiegelte Pergament. "Nightlight hat mir aufgetragen, Eure Antwort entgegenzunehmen."
Barnabas sah ihn für einige Augenblicke durchdringend an und brach dann das Siegel. Mit ausdrucksloser Miene las er den Brief durch. Danach faltete er ihn wieder zusammen und blickte Dices direkt in die Augen. "Gut, so sei es. Ich nehme Euch als Schüler an."
In seiner völligen Verwirrung war Dices zu keiner artikulierten Antwort fähig, und so verneigte er sich wortlos.
"Schön, junger Mann. Eure erste Aufgabe wird es sein, im Nordflügel für etwas mehr Ordnung und Sauberkeit zu sorgen."

Dices knetete mit seiner rechten Hand seine schmerzenden Schultern, während er mit links in dem Zauberbuch blätterte, das ihm Barnabas zum Studium ausgehändigt hatte.
Ich gäbe sonstwas für einen Spruch, der mir diesen gräßlichen Muskelkater wegzaubert. Oder einen, der mir eine Putzfrau beschwört.
Plötzlich richtete sich der junge Magier auf. "Interessant. Ich habe wohl bei Lunitari einen Stein im Brett."
Die von ihm soeben aufgeschlagenen Seiten schienen genau das zu enthalten, was er sich gerade gewünscht hatte.
"Eyn Zauber zu beschwoeren eyn unsichtbar Krafft, jene wohl dum, jedoch sehre fleyssig ist."
Ein Grinsen breitete sich über Dices´ Gesicht. "Ade, du schnöder Putzlappen!"
Etwa zwei Stunden später schreckte der junge Magus von seiner Lektüre hoch, als er bemerkte, wie Barnabas sich über seine Schulter beugte.
"Ich sehe, Ihr habt Eure Wahl getroffen."
Dices wandte sich zu dem älteren Magus um. "Der Servitor invisibilis schien mir eine nützliche Erweiterung meiner Fähigkeiten zu sein."
Barnabas' Blick nahm einen seltsamen Glanz an und ein schmales Lächeln erschien. "Sehr Gut. Der Schüler hat sich des Meisters als würdig erwiesen."

Die Kanäle von Dalgoth: Teil 1

Tief in Gedanken versunken näherte sich Gemalion dem Zimmer von Troska und Silvana, die er um eine Unterredung gebeten hatte. Vor etwa einer Stunde hatte sich Dices bei ihm gemeldet und erklärt, daß er bei der Garde gekündigt hätte und von nun an bei seinem neuen Meister Barnabas in den Gardens of Opulent Splendor zu finden sei.
Als der junge Krieger den Schlafraum betrat, warteten die beiden Frauen schon auf ihn. Gemalion berichtete kurz die Neuigkeiten von Dices und kam dann auf das Problem von Sir Yvanh zu sprechen. "Aber ganz abgesehen davon wäre es sowieso nicht schlecht, wenn man die Ursache dieser Seuche ergründen könnte", schloß er.
Silvanas Augen leuchteten, als sie erklärte: "Ganz meine Meinung. Im übrigen kann ich euch vielleicht noch ein paar neuere Informationen liefern. Angeblich wurden in jüngster Zeit Ratten gesichtet, die Schaum vor dem Maul hatten und ganz offensichtlich krank waren. Jetzt wird vermutet, daß sie die Überträger der Seuche sind."
"Ratten....", sinnierte Gemalion. Dann erhellte sich sein Gesicht. "Vielleicht sollten wir mit Cudzu, dem Rattenmann, Kontakt aufnehmen. Wenn wirklich Ratten die Krankheit übertragen, kann er uns sicher helfen. Schließlich wird das auch in seinem Interesse sein."
"Daran hatte ich auch schon gedacht", nickte Silvana, "aber ich befürchte, das heißt, daß wir in die Kanalisation von Dalgoth hinabsteigen müssen. Oder hat sonst jemand einen Vorschlag, wie man mit Cudzu Kontakt aufnehmen könnte"?
Gemalion und Troska starrten betreten zu Boden. Schließlich seufzte der junge Krieger tief und sagte: "Ich bin zwar wahrlich nicht begeistert von der Idee, in die stinkenden Abwässer hinabzusteigen, aber wenn es denn der einzige Weg ist...." Er blickte fragend die Priesterin an, welche zögernd nickte. "Also gut. Dann wäre das beschlossen. Ich will aber Hauptmann Sunny Bescheid geben, damit er die Operation absegnet. Außerdem existieren vielleicht Karten von der Kanalisation, in die wir mit seiner Hilfe Einsicht nehmen könnten. Wir treffen uns dann in einer Stunde wieder hier, einverstanden?"

Die Kanäle von Dalgoth: Teil 2

Nach der vereinbarten Stunde hatte Gemalion einen vollen Erfolg zu vermelden. "Hauptmann Sunny war ganz begeistert von unserer Idee, vor allem, weil die ersten Seuchenopfer von Kanalarbeitern in der Kanalisation entdeckt wurden. Er denkt auch, daß die Lösung dort unten zu finden ist. Und was das Allerbeste ist: Er hat mir die Kopie einer Karte der unterirdischen Gänge ausgehändigt!" Stolz breitete der Solamnier das Pergament vor den beiden Frauen aus, die sich sofort interessiert darüberbeugten. Gemalion deutete auf zwei weit voneinander entfernte Punkte, die mit 1 und 2 gekennzeichnet waren. "Dies sind die Fundorte der beiden Leichen", erklärte er.
"Und was ist dieses mit Rot umrandete Gebiet?" fragte Silvana und deutete mit dem Finger darauf. "Sunny sagte, das sei nach neuesten Erkenntnissen das Revier eines größeren Osquip-Rudels, von dem man sich besser fernhalten sollte."
Troska blickte ihre beiden Gefährten an. "Na, da sind wir ja bestens gerüstet. Wann geht´s los?" Gemalion antwortete: "Warum nicht sofort? Es sind noch zwei Stunden bis zum Einbruch der Nacht, und wir haben keine Zeit zu verlieren."

Wenig später standen die Drei in dem knapp knöcheltiefen Schmutzwasser der Kanalisation und diskutierten über ihr weiteres Vorgehen. Zunächst hatten sie klären müssen, wer den Anfang des Trupps bilden würde. Es war nicht ganz einfach gewesen, Gemalion davon zu überzeugen, daß besser die beiden Frauen, die über Infravision verfügten, vorausgehen sollten. Schließlich erklärte er sich murrend dazu bereit, mit seiner Blendlaterne an das Ende der Gruppe zu gehen. Als sie sich dann schließlich noch darüber einig geworden waren, in welcher Richtung sie ihre Suche beginnen wollten, stapften sie endlich los, wobei sie immer wieder laut nach Cudzu riefen. Ihre Stimmen hallten unheimlich von den Kanalwänden wider. Aber ansonsten antwortete ihnen nur das stetige Tröpfeln von Wasser und ein leises Glucksen.
Troska, die als die Kleinste der Drei vorausging, bog um eine weitere Ecke und blieb mit einem Aufschrei des Entsetzens stehen. Fast reflexartig sprangen Silvana und Gemalion vor und sahen sich mit zwei riesigen, schleimigen Kröten konfrontiert, auf deren Speiseplan offensichtlich auch Menschen, Elfen und Halbelfen standen.
Dummerweise behinderten sich die beiden Kämpfer in der Enge des Tunnels gegenseitig, so daß Silvana schließlich mit einem weiten Satz über die beiden Monster hinwegsprang und sie und Gemalion ihre Gegner jetzt von zwei Seiten in die Zange nehmen konnten. Bei einer der beiden Kröten gelang der Halbelfin eine Art Todesstoß mit der Hellebarde ins Genick, und das Ungeheuer sackte wie vom Blitz getroffen zusammen. Der zweiten Kröte machten die beiden Kämpfer mit vereinten Kräften der Garaus, nicht ohne einmal die schleimige Zunge des Monsters gespürt zu haben.
Mit Krötenschleim besudelt und etwas außer Atem standen sie schließlich vor den toten Körpern der beiden Riesenkröten. Mit einer Handbewegung drängte Gemalion wortlos zum Weitergehen. Nach einiger Zeit des Gehens, fruchtlosen Rufens und zunehmenden Unmuts glaubte Troska in einem Seitengang einige kleinere Wesen auszumachen. Sie schienen etwa so groß wie Riesenratten, jedoch meinte Troska zu erkennen, daß die Kreaturen sechs Beine besaßen.
"Das sind Osquips", stellte Gemalion fest. "Sind wir denn schon so weit in den Süden geraten?" Er packte die Karte des Kanalisationssystems aus, und die Drei beugten sich darüber. "Ich hatte eigentlich gedacht, daß wir in nordöstlicher Richtung gingen", murmelte der junge Krieger nachdenklich. Silvana schnaubte. "Hier unten kann nicht einmal ich die Orientierung behalten. Ich schätze aber, daß wir etwa hier sind...." Sie deutete auf eine Stelle auf der Karte im Südwesten. Troska schüttelte verwirrt den Kopf. "Ich habe keine Ahnung, wo wir sein könnten - aber ist das überhaupt wichtig? Laßt uns doch diese Osquips einfach umgehen und...."
"Nein, nein, es ist schon wichtig, daß wir wenigstens so ungefähr wissen, wo wir sind. Sonst laufen wir vielleicht immer im Kreis und verpassen Cudzu völlig. Also...."
Über der diskutierenden Gruppe wurde ein zunächst gurgelndes, dann rauschendes Dröhnen hörbar. Silvana und Gemalion warfen sich instinktiv zur Seite, während Troska stehenblieb und ihren Blick nach oben richtete. Daher konnte sie sehen, wie sich über ihr eine Klappe öffnete - und sie mit Unrat übergossen wurde. "Verdammte Scheiße!" bemerkte die Elfin sehr richtig. Ihr vormals scharlachroter Wappenrock der Garde mit den gekreuzten Schwertern und den drei goldenen Flammen war nun von einer gelblich-braunen, übelriechenden Schmutzschicht überzogen. Ihr honigblondes Haar klebte ihr naß und strähnig am Kopf. Silvana und Gemalion tauschten betretene Blicke, während Troska sich selbst von oben bis unten musterte. "Das ist ja widerlich! Können wir bitte von hier verschwinden?"
Gemalion löste sich aus seiner Erstarrung, warf noch einen letzten Blick auf die Karte und sagte: "Ja, dann wenden wir uns am besten wieder Richtung Norden, suchen noch ein wenig und nehmen dann einen Ausstieg nach draußen."

Die Kanäle von Dalgoth: Teil 3

Nach einiger weiterer Zeit des Umherstapfens und fruchtlosen Rufens kamen die Gefährten an eine mit Fäkalien gefüllte Grube von etwa drei Metern Länge, der die gesamte Breite des Ganges einnahm. Silvana stocherte mit der Hellebarde und erreichte nach ungefähr anderthalb Metern Grund. "Wir sollten versuchen, darüberzuspringen", stellte die Halbelfin fest. "Allzu breit ist die Grube ja nicht."
Nachdem Troska und Silvana die andere Seite sicher erreicht hatten, knotete Gemalion seine Blendlaterne an die Mitte eines Seiles und warf das freie Ende zu den beiden Frauen hinüber. So konnte auch die Lichtquelle auf die andere Seite wechseln. Als nächstes warf Gemalion der Halbelfin noch sein Schwert zu und nahm dann Anlauf für seinen Sprung. Doch direkt am Absprung geriet er auf dem schlüpfrigen Boden ins Rutschen, verlor den Halt und stürzte kopfüber in die stinkende Brühe. Daß er mit seinen Füßen auf Grund stieß, machte seine Lage nicht sehr viel angenehmer, aber zumindest war er nicht in Gefahr zu ertrinken. Leise fluchend watete er auf Silvanas hilfreich ausgestreckte Hand zu, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Er sah genauer hin und erkannte zu seinem großen Schrecken eine Ratte, die sich exakt auf ihn zu bewegte. Und diese Ratte hatte ganz unzweifelhaft Schaum vor dem Maul! Gemalion stieß einen entsetzten Schrei aus und bemühte sich nun so heftig, aus der Grube zu kommen, daß er Silvana aus dem Gleichgewicht brachte, und sie ihm in der Suppe Gesellschaft leistete.
Während die beiden sich nun beim Heraussteigen erfolgreich gegenseitig behinderten, griff sich Troska die Hellebarde und stieß damit die Ratte immer wieder von den beiden um ihre Freiheit Kämpfenden fort.
Schließlich standen sie alle wieder auf festem, hinlänglich trockenem Grund - wenn auch nicht gerade nach Veilchen duftend.
"Es reicht!" konstatierte Gemalion wütend. "Wir verlassen diese verfluchte Kloake am nächstmöglichen Ausgang!"

Das Paradies der Freuden

Endlich kamen die Drei an einen Schacht mit einer rostigen Leiter, die nach oben führte. Hurtig kletterte Troska hinauf und quälte sich dann mit dem schweren Kanaldeckel ab. Doch offensichtlich wurden ihre Bemühungen oben bemerkt, denn plötzlich schwang der Deckel zur Seite und hilfreiche Hände streckten sich den Gefährten entgegen.
Silvana und Gemalion hörten Troska nur erfreut "Olfo!" ausrufen, dann verschwand sie plötzlich aus ihrer Sicht. Schnell kletterten sie hinterher, wobei ihnen ebenfalls von oben assistiert wurde. Schließlich fanden sie sich in einem parkähnlichen Garten wieder, umringt von leichtbekleideten jungen Damen und auch einigen Männern.
"Wo sind wir hier?" fragte Gemalion vorsichtig.
"Na, im Paradies der Freuden. Die Mitglieder der Garde kennen es im allgemeinen gut, obwohl.... dich habe ich hier wirklich noch nie gesehen."
Gemalion spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoß. Sie waren ausgerechnet im Bordell gelandet! Am liebsten hätte er diesen Ort unverzüglich verlassen, doch eine alte, runzlige Frau trat auf sie zu und erklärte: "Ich bin die Chefin hier. Wir haben gute Badeeinrichtungen, denn so könnt ihr ja unmöglich auf die Straße. Wir werden auch eure Kleider auswaschen. Die Garde ist hier jederzeit willkommen!"
Der Versuchung eines ausgedehnten Bades und frischer Kleider konnten sich selbst Gemalion und Silvana nicht entziehen, also folgten sie der kichernden Hurenschar in das große Gebäude. Troska war mit ihrem Favoriten Olfo bereits irgendwo im Inneren des weitläufigen Komplexes verschwunden.
Silvana und Gemalion wurden nun in zwei separate Baderäume gebracht, wobei der junge Krieger von der Puffmutter selbst dorthin begleitet wurde. "Ihr könnt anschließend auch gerne noch ein wenig hierbleiben und die anderen Annehmlichkeiten dieses Hauses genießen", bot sie ihm an.
Gemalion hüstelte. "Äh, danke für das Angebot, aber ich verzichte. Ich.... ich würde mich jetzt gerne ausziehen...."
Die Alte lachte: "Nur zu, Jungchen, oder genierst du dich etwa vor mir?"
Seufzend begann Gemalion, sich seiner Kleider zu entledigen. Als er gerade dabei war, in die gefüllte Badewanne zu steigen, murmelte die Alte bedauernd: "Schade um das junge Blut", und kniff ihm herzhaft in den Hintern.
Mit einem erschreckten Schrei machte Gemalion einen Satz vorwärts, rutschte auf dem schlüpfrigen Fliesenboden aus und landete kopfüber in der hohen Wanne.
Silvana im Nebenraum hatte Gemalions Aufschrei gehört und hechtete ohne zu zögern und splitternackt, wie sie war, zu ihrer Waffe und spurtete nach nebenan. Doch in der Türe blieb sie ruckartig stehen, denn ihr bot sich ein merkwürdiges Bild: Während die Puffmutter sich vor Lachen bog, hing Gemalion mit dem Kopf in der Wanne, streckte den blanken Hintern in die Luft und strampelte heftig mit den Beinen, um sich aus seiner mißlichen Lage zu befreien. Als ihm dies schließlich gelungen war und er wieder aufrecht stand, nahm er die Halbelfin wahr, die mit ihrer Waffe in der Tür stand und ihn anstarrte, als habe er den Verstand verloren. Er fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf schoß und war einmal mehr froh über seine dunkle Hautfarbe. "Es- es ist alles in Ordnung, Silvana", stotterte er, "ich bin nur ausgerutscht."
Silvana zuckte wortlos die Schultern und verschwand wieder in ihren Baderaum.
Immer noch kichernd verließ nun auch die Alte Gemalions Raum und er war endlich mit sich alleine.

Keller, Kulte, Katakomben: Teil 1

Am darauffolgenden Tag war Gemalion ausgesucht schlechter Laune. Es fiel ihm schwer, die Aktion Abwasserkanäle als kompletten Fehlschlag abzuhaken. Wie konnte man nun weiter vorgehen? Sir Yvanh verließ sich doch auf ihn!
Gegen Abend, nach dem Dienst, klopfte es an seine Zimmertür und Silvana trat ein. Gemalion lag rücklings auf seinem Bett und starrte die Decke an. Nun richtete er sich langsam auf und fragte: "Was gibt´s?"
Silvana zog sich einen Stuhl heran und antwortete mit einer Gegenfrage: "Hast du noch die Karte von der Kanalisation? Ich habe eine Idee."
Sofort schüttelte Gemalion seinen Frust ab und sprang förmlich vom Bett. Dann begann er, in seinen getragenen Kleidern zu wühlen. "Ja, hier ist die Karte." Er hielt sie zwischen zwei Fingern auf Abstand. "Sie riecht allerdings etwas streng...."
Silvana nahm ihm die Karte aus der Hand und wollte sie auf dem Bett ausbreiten. Als sie jedoch in Gemalions Gesicht sah, überlegte sie es sich im letzten Moment anders und legte sie auf den Boden. "Es ist doch richtig, daß die Kanalisation vom Fluß gespeist wird." Gemalion nickte. Silvana deutete auf die nordwestliche Ecke der Karte. "Und es ist doch auch richtig, daß die Flußrichtung vom Nordwesten nach Südosten verläuft. Und genau hier oben im Nordwesten, praktisch direkt hinter dem Beginn der Kanäle, wurde eine der beiden Leichen gefunden. Sie muß also irgendwo da oben in die Kloake gelangt sein, denn stromaufwärts ist sie sicher nicht geschwommen."
Gemalion blickte nachdenklich auf die Karte. "Du hast recht. Wir sollten die Zeichnung der Kanalisation mit einem Stadtplan vergleichen, um herauszubekommen, ob es dort oben irgendwelche in Frage kommenden Gebäude oder Ähnliches gibt. Ich kümmere mich sofort darum, dann können wir uns morgen früh gleich mal da umsehen."

Keller, Kulte, Katakomben: Teil 2

Am nächsten Morgen trafen sich Troska, Silvana und Gemalion und gingen durch Dalgoths Straßen in die Gegend, welche die Halbelfin als Ursprung des Übels ausgemacht hatte. Tatsächlich gab es laut Gemalions Informationen dort nicht viele Gebäude. Dabei handelte es sich überwiegend um einfache Bürgerhäuser.
Im fraglichen Gebiet angekommen, stellten sie fest, daß alle Gebäude bewohnt schienen bis auf ein etwas abseits stehendes, eingeschossiges Haus.
"Am besten fangen wir damit an", entschied Gemalion.
Die Eingangstür war nicht verschlossen, und dahinter sahen die Gefährten einen langen Flur, von dem vier Türen abgingen.
"Hallo! Jemand zu Hause?" rief Gemalion vorsichtshalber, bevor er das Haus betrat. Er bekam keine Antwort.
Die erste der vier Türen war abgeschlossen. Man beschloß, zunächst die anderen Türen zu versuchen und sich um die verschlossene erst später zu kümmern. Die nächste Tür führte in ein gemütliches, aber einfach möbliertes Wohnzimmer. Auffällig war, daß keinerlei Wertgegenstände zu sehen waren, obwohl die Möbel so aussahen, als seinen sie in ständiger Benutzung.
Hinter der dritten Tür befand sich eine Küche. Silvana deutete auf den Ofen und bemerkte: "Die Asche glüht noch. Vor nicht allzu langer Zeit muß jemand hier gewesen sein." Auch die Kochgeräte wiesen Gebrauchsspuren auf, obwohl das Haus mit seinen vernagelten Fenstern ansonsten einen verlassenen Eindruck machte.
Durch die letzte Tür gelangten sie in ein ebenfalls wenig feudales Schlafzimmer. Hier lag überall dicker Staub, wie es zu einem leerstehenden Haus paßte.
Nachdem in den drei Räumen keine Hinweise auf die Quelle der Seuche gefunden worden waren, mußten sich die Gefährten nun doch der verschlossenen Tür zuwenden. Nachdem Silvana kurze Zeit an dem Schloß herumgefingert und probeweise mit der Schulter dagegen gerannt war, meinte Gemalion: "Geht mal ein Stück zur Seite, ich versuche sie einzurennen." Er nahm Anlauf, soweit es die Enge des Ganges zuließ und krachte mit der linken Schulter so heftig gegen die Tür, daß diese aufflog. Dahinter begann sofort eine Wendeltreppe, und Gemalion, von seinem eigenen Schwung getragen, stürzte sie die gesamte Länge hinunter in einen Kellerraum. Er rappelte sich langsam auf und rieb sich seine schmerzenden Knochen. Vor allem seine linke Schulter schien stark geprellt zu sein, so daß er den linken Arm kaum heben konnte. Von oben hörte er Troskas besorgte Stimme: "Alles in Ordnung, Gemalion? Bist du unverletzt?"
Er stöhnte leise, rief dann jedoch nach oben: "Ja, es geht schon. Aber es ist stockdunkel hier. Ich habe zwar eine Blendlaterne, aber nichts, um sie anzuzünden."
Oben tauschten Troska und Silvana betretene Blicke. Sie hatten auch nicht an Feuerstein und Stahl gedacht. Aber dann erklärte Silvana: "In der Küche habe ich was zum Feuermachen rumliegen sehen. Ich gehe es holen."
Kurze Zeit später tasteten sich die beiden Frauen die Wendeltreppe hinunter, an deren Fuße sie von Gemalion erwartet wurden.
Als sie nun endlich Licht hatten, konnten sie sehen, daß sie sich in einem quadratischen Raum befanden. In der der Treppe gegenüberliegenden Wand befand sich eine Tür, die sich mittels eines rostigen Eisenringes öffnen ließ.
"Wir sollten darauf vorbereitet sein, daß uns hinter dieser Türe jemand erwartet", erklärte Gemalion und zog den inzwischen wiederhergestellten Trojan. Zu seiner großen Überraschung ging von der Klinge des Schwertes ein bläuliches Leuchten aus, welches alles in ein gespenstisches Licht tauchte.
Nachdem sie ihr Erstaunen überwunden hatten, zogen auch die beiden Frauen ihre Waffen. Silvana hatte sich inzwischen auch ein Schwert zugelegt.
Gemalion drehte den Eisenring, der mörderisch quietschte, und die drei Gefährten stürmten den dahinterliegenden Raum, der sich als langer Gang entpuppte. Kaum waren sie in den anscheinend leeren Gang eingedrungen, als ein plötzlich aufbrandender, ohrenbetäubender Lärm sie wieder in den ersten Raum zurücktrieb. "Shrieker!" keuchte Silvana.
"Was?" schrie Troska, die offensichtlich einen Gehörsturz erlitten hatte.
Gemalion seufzte und rieb sich die klingelnden Ohren. "Spätestens jetzt weiß jeder hier unten von unserer Anwesenheit. Was machen wir nun?"
"Hinter den Shriekern war eine doppelflügelige Tür, aber ich fürchte, da kommen wir nicht durch", stellte Silvana fest. Sie tippte Troska auf die Schulter. "Hast du nicht Binden bei dir? Wir könnten uns mit kleinen Stücken davon die Ohren verstopfen."
"Häh? Ich verstehe kein Wort!" antwortete die Elfin.
Nachdem sie der Elfin wild gestikulierend ihren Plan begreiflich gemacht und alle sich die Ohren verstopft hatten, betraten sie erneut den Korridor und lösten damit wieder das Geschrei der Pilzwesen aus. Doch plötzlich schrie Troska über den Lärm hinweg: "Heh, hier ist eine Geheimtür!" Sie öffnete die niedrige Klappe. Dahinter befand sich ein enger Gang, in den sie sofort vorsichtig hineinschlich. Gemalion und Silvana folgten ihr dichtauf. Kaum waren alle in dem Durchgang verschwunden, hörte das Gekreische abrupt auf.
Der Gang lief einige Meter geradeaus, machte dann eine Biegung nach rechts und endete schließlich blind. Diesmal war es die Halbelfin, die eine Geheimtüre fand. Auf ein Zeichen von Gemalion hin stürmten die Drei den dahinterliegenden Raum. Troska, die immer noch an der Spitze der Gruppe war, wurde von einem Armbrustbolzen am Oberschenkel getroffen. Der Raum war allerdings leer, so daß man davon ausgehen mußte, daß die Elfin eine Falle ausgelöst hatte.
Einen Lidschlag später jedoch flog die Tür in der Nordwand des Raumes auf, und zwei Bewaffnete stürzten herein. Gemalion stellte sich einem narbengesichtigen Mann in einem klerikalen Wappenrock in den Weg, der einen Morgenstern schwang, während Silvana sich den Einäugigen mit dem Langschwert vornahm. Troska war noch mehr mit sich und dem Armbrustbolzen beschäftigt und griff vorerst nicht in den Kampf ein.
Bereits im ersten Ansturm gelang es Gemalion, seinen Gegner zu verwunden, welcher mit der rechten Hand seinen Morgenstern schwang und gleichzeitig mit der Linken in seine Kutte faßte. Gemalion mußte den wuchtigen Schlägen des Klerikers ausweichen und verfehlte daher seinen Kontrahenten, wurde aber selbst leicht am linken Oberarm touchiert. Der junge Krieger hatte sich unter dem letzten Schlag weggeduckt und sah aus dem Augenwinkel, wie eine schmale Flammenzunge auf ihn zuschoß. Im letzten Moment ließ sich Gemalion mit einem Ausfallschritt auf ein Knie fallen und wurde daher nur leicht gestreift, während er selbst sein Schwert hochriß und es tief in den Eingeweiden seines Gegners versenkte.
Der Einäugige war durch Silvanas Attacken bereits verwundet, als er auf die Knie fiel und die Halbelfin um Gnade anwinselte. Sie gewährte ihm eine Atempause, die er dazu nutzte, eine kleine Phiole aus seinem Wams zu ziehen und ihren Inhalt hinunter zu stürzen. Sichtlich erfrischt sprang der Schwertträger wieder auf die Füße und hechtete mit erneuter Vehemenz auf Silvana zu. "Dir zeig ich´s, du Schnepfe!" Damit stieß er ihr seine Waffe in die linke Hüfte. Die Niedertracht des Einäugigen brachte sie derartig in Rage, daß sie ihr Schwert in einem Schwung und mit aller Kraft, die ihr innewohnte, auf den Nacken ihres Gegners schmetterte. Dieser brach mit einem Gurgeln zusammen und rührte sich nicht mehr.
Während Silvana noch mit ihrem Widersacher beschäftigt war, wurde Gemalion auf ein Ächzen aufmerksam. Als er sich dem Geräusch näherte, erkannte er Troska, die in einer halbgeöffneten Tür auf dem Boden lag und sich nicht bewegte. Der Krieger erkannte hinter der Tür eine Bewegung, stieß sie vollends auf und sah sich einem weiteren Feind gegenüber, der mit einer Keule bewaffnet war. Vom vorherigen Kampf ermüdet, verfehlte Gemalion seinen Gegner mehrfach, wurde selbst aber an der sowieso schon verletzten Schulter getroffen. Der Schmerz schien neue Kraftreserven in ihm freizusetzen, denn nun genügten zwei seiner wuchtigen Schwertstreiche, um seinen Kontrahenten außer Gefecht zu setzen. Gemalion kniete sich neben die immer noch bewußtlose Troska. Silvana hatte bereits begonnen, die Taschen ihres toten Gegners zu durchsuchen, schien also nicht schwer verletzt zu sein. Der Solamnier kramte in seinem Rucksack und fand schließlich, was er suchte: Einen Heiltrank, den er brüderlich mit der Elfin teilte. Troska öffnete die Augen und lächelte matt. Gemalion half ihr sich aufzurichten. "Was ist eigentlich passiert?" fragte er sie.
"Also, ich konnte ja nix mehr hören, und der blöde Bolzen in meinem Oberschenkel war auch etwas hinderlich. Dann hab´ ich aber diese Türe gesehen, aus der gerade ein weiterer Bolzen an meinem Ohr vorbeipfiff. Ich sagte mir also, da guckst du mal nach, was sich hinter dieser kleinen offenen Klappe oben in der Tür so verbirgt, kroch da - von der Seite kommend - hin, und da seh ich doch, wie sich wieder so´n Bolzen durch das Loch schiebt, und der zeigte gerade auf dich, Gemalion, weil dein Schwert so hübsch blau leuchtet, und da hab´ ich mir meinen Rucksack geschnappt und voll auf das Loch geschlagen. Ich hab´ zwar nicht gehört, was passiert ist, aber der Bolzen war dann weg. Tja, dann habe ich die Tür etwas geöffnet, immer noch auf dem Boden kriechend und habe prompt einen Schlag auf den Kopf eingesteckt. Und dann kamst - Sirrion sei Dank, der über seine unwürdige Dienerin wachte - du, Gemalion, und hast dem Kerl auch die restlichen Zähne ausgeschlagen."
Als der junge Krieger sicher war, daß Troska alleine klar käme, erhob er sich und ging zurück zu dem toten Priester. Mit dem Schwert schlug er dessen Kutte zurück und sah aus einer der Innentasche eine Phiole aus kobaltblauem Glas herausblitzen. Er rief Troska zu sich, welche die Phiole mit aller gebotenen Vorsicht an sich nahm.
Silvana war inzwischen in die Betrachtung des Mosaiks vertieft, das kunstvoll in den Boden des Raumes eingelassen war. Es war offensichtlich älteren Ursprungs und zeigte drei rote Drachen, die nach Norden flogen.
In der jetzt einsetzenden Stille nach dem Kampf registrierten Silvanas empfindliche Ohren undeutliche Geräusche, die durch eine weitere Tür in der Ostwand drangen. Sie machte die beiden anderen darauf aufmerksam, näherte sich dann der Türe und öffnete sie vorsichtig. Ein intensiver Gestank nach Exkrementen und Verwesung schlug ihr entgegen, als sie einen Blick in den dahinterliegenden Gang warf. Insgesamt befanden sich sechs Türen auf diesem Gang, hinter denen jeweils eine Unzahl von Käfigen mit zum Teil lebenden, zum Teil toten Ratten, Katzen und anderen Kleintieren standen. Silvanas erster Impuls war es, die gequälten Kreaturen zu befreien, doch Gemalion und Troska hielten sie zurück. "Was ist, wenn diese Tiere auch alle verseucht sind? Willst du wirklich Tod und Verderben über Dalgoth bringen?" argumentierten sie.

Keller, Kulte, Katakomben: Teil 3

Sie gingen zurück in den Raum mit dem Mosaik und nahmen sich jetzt die Tür in der Nordwand vor, wo noch die Leiche des Keulenschwingers lag. Dahinter befand sich ein großer Raum, der völlig leer war, von dem aber noch vier weitere Türen abgingen. Bevor sich die Gefährten auf ein weiteres Vorgehen einigen konnten, erklang hinter der westlichen Tür ein eigenartiges Klingeln. Alarmiert scharten sie sich um diesen Durchgang und stürmten gemeinsam hindurch. Der große Raum schien leer zu sein, doch dann hörten sie ein Rascheln von einem Vorsprung in der Ecke neben der Tür. Wie ein Mann fuhren die Drei herum, um sich der vermeintlichen Bedrohung zu stellen. Als Gemalion der Gestalt, die dort in drei Metern Höhe auf dem Vorsprung hockte, ansichtig wurde, ließ er sein Schwert sinken und sein Unterkiefer klappte herunter. Es handelte sich um niemand anderen als Dices, den jungen ergothianischen Magier. Er trug eine legere rote Robe, hatte bequeme Filzpantoffeln an den Füßen und ein angebissenes Leberwurstbrot in der Hand. Sein Gesicht spiegelte Verwirrung, Verärgerung und Frustration wider.
"Wie- wie kommst DU denn hierher?" fragte Gemalion fassungslos.
Das ist mal eine wirklich interessante Frage, dachte Dices, das wüßte ich auch gerne. Und wo wir schon dabei sind: WO ist HIER??? Was war eigentlich passiert? Da sitzt man harmlos in einem Studierzimmer und liest ein Buch mit uralten Karten und -WHOOOSH- hockt man im Finstern auf einem schmalen Steinsims. Und zwei, drei Augenblicke später stürmen meine Exkollegen von der Garde in den Raum drei Schritt unter mir und stellen wahnsinnig intelligente Fragen. Laut sagte er nur in geheimnisvollem Ton: "Mit Magie ist nichts unmöglich...."
Gemalion steckte Trojan weg und winkte dem Magier: "Wenn die Magie dir nicht zufällig auch erlaubt, von dort hier herunter zu fliegen, dann spring. Ich fange dich auf."
Dices stopfte sich den letzten Rest seines Brotes in den Mund und ließ sich dann von dem Absatz fallen.
Silvana murrte: "Ich traue dem Kerl nicht. Taucht hier plötzlich auf, mitten in der Höhle des Löwen und hat dafür noch nicht einmal eine einleuchtende Erklärung. Vielleicht steckt er ja mit in der Verschwörung...."
Dices funkelte sie an, während er wieder in seine beim Sprung verloren gegangenen Pantoffeln schlüpfte. "Denk doch, was du willst!"
Der Solamnier richtete sich an Silvana: "Wenn er uns schaden wollte, würde er sich sicher nicht unbewaffnet in unsere Arme werfen, oder? Und jetzt Schluß mit dem Blödsinn, wir haben noch Arbeit!" Inzwischen war Troska schon etwas tiefer in den Saal eingedrungen. Es handelte sich offensichtlich um eine alte Bibliothek, doch die Bücher schienen alle völlig vermodert zu sein.
Als Dices erkannte, daß hier offenbar Hunderte von Büchern dem Verfall preisgegeben worden waren, entrang sich seiner Kehle ein entsetztes Keuchen. "Ihr Götter, was für ein Verlust!"
Da sich in der Bibliothek nichts Nützliches mehr finden ließ, und keine weiteren Ausgänge erkennbar waren, ging die erweiterte Gruppe zurück in den leeren Raum mit den vier Türen. Silvana wandte sich der zweiten Tür im Süden zu, die anscheinend in einen Raum neben dem Mosaikzimmer führte.
Angespannt lauschte die Halbelfin, bevor sie den Eisenring drehte und die Türe aufdrückte. In dem Raum fanden die Gefährten ein zerwühltes Bett und einen Tisch mit zwei Stühlen. Auf dem Holztisch stand eine Kerze, welche Dices an sich nahm. Außerdem lagen da noch eine offene Büchse Lederfett und einige Extraschnallen, die anscheinend zu einem Lederpanzer gehörten. Ansonsten war nichts Interessantes zu sehen.
Direkt gegenüber dieser Südtüre befand sich eine weitere Tür in der Nordwand, welche verschlossen oder zumindest verklemmt war. Troska war als erste dort und schaffte es, die Tür unter Einsatz all ihrer Kraft aufzubrechen. Dahinter lag ein Gang, der von einer dicken Staubschicht bedeckt war. Die Luft roch muffig und abgestanden, als sei seit langer Zeit niemand mehr hier gewesen. Nach einigen Metern knickte der Gang nach rechts und führte schließlich in einen weiteren leeren Raum mit drei Türen. Zunächst wandten sich die Gefährten der Tür im Osten zu. Silvana legte ihr Ohr an das Holz, und als sie keine Geräusche vernahm, drehte sie den Eisenring. Doch auch diese Tür war verschlossen. Die Halbelfin nahm Anlauf und rannte die schon etwas morsche Tür ein. Hier war nun ein weiterer Raum, in dem zwei Holzbetten und ein Tisch standen. An den Wänden hingen verschiedene Zierwaffen und Wappenschilde, darunter ein Tartschenschild, ein Wappen mit einem roten Drachenkopf auf schwarzem Grund und eine rotlederne Langschwertscheide mit Drachenkopfprägung, die Silvana von der Wand nahm und beinahe liebevoll streichelte. Auf dem Tisch standen zwei Silberpokale, deren Alter Dices auf etwa 2000 Jahre schätzte, und die ebenfalls von der Halbelfin eingesteckt wurden. Dieser Raum hatte keinen weiteren Ausgang, also gingen sie zurück. Hier waren in der Nordwand noch zwei Portale, von denen Gemalion das linke vorsichtig öffnete und hindurchlugte. Ein schwach rötlicher Lichtschein erfüllte den langen Gang, auf den er nun blickte. Über die Länge des Korridors waren sechs rotleuchtende Schalen verteilt, von denen das diffuse Licht ausging. Auf eine Anregung von Dices hin hob Gemalion die Elfin als Leichteste der Vier hoch, um einen Blick in die vorderste Schale zu werfen. Sie war leer. Das Leuchten ging offensichtlich von den Schalen selbst aus.
Die Gefährten folgten dem Gang. Nachdem sie die ersten beiden Leuchtschalen passiert hatten, nahm der rötliche Schimmer an Intensität zu. Innerhalb weniger Herzschläge verdichtete sich das Licht zu einer Flammenwand, die dann in rasender Geschwindigkeit auf die Gefährten zu und über sie hinweg walzte.
Die Vier hüpften hektisch auf und ab und versuchten, ihre schwelenden Kleidungsstücke zu löschen. Troska trennte sich eilends von ihrem Rucksack, der ganz ordentlich qualmte. Gemalion betastete sein schmerzendes Gesicht und mußte zu seinem Schrecken feststellen, daß sein liebevoll gehegter Schnurrbart bis auf ein paar Stoppeln verbrannt war. Dices lehnte in verkrampfter Haltung an einer Wand und kämpfte darum, nicht vor Schmerzen die Besinnung zu verlieren. "Mir reicht´s! Ich gehe keinen Schritt weiter!"
Gemalion drehte sich zu ihm um und sagte mit festem Ton: "Tolle Idee. Willst du jetzt hier stehenbleiben? Wir sind schon so weit gekommen, nun müssen wir die Sache auch zu Ende führen."
"Von mir aus, aber bitte nicht zu meinem Ende!"
Nun meldete sich Troska zu Wort: "Hey, seht mal! Die drei Holztäfelchen, die in meinem Rucksack waren und von denen ich nicht weiß, woher ich sie habe, zeigen plötzlich Schriftzeichen!"
"Sehr hübsch", knurrte Gemalion, "aber können wir die schriftkundlichen Forschungen auf später vertagen? Wir müssen weiter!"
Troska packte die Täfelchen wieder ein und wandte sich nun ebenfalls an den jungen Magier: "Gemalion hat recht. Laßt uns weitergehen."
Es entspann sich nun eine längere Diskussion, in der es darum ging, wie wahrscheinlich es sei, daß eine weitere Feuerwalze ausgelöst würde und ob das nicht auch auf dem Rückweg geschehen könnte.
Gemalion hielt sich aus allem demonstrativ heraus, bis ihm schließlich der Kragen platzte, er sich umwandte und einfach weiterging. Troska folgte ihm auf dem Fuße, während Silvana und Dices unschlüssig und mit gemischten Gefühlen abwarteten. Letztendlich erreichten Gemalion und Troska das doppelflügelige Portal am Ende des Ganges, ohne daß irgend etwas geschehen wäre. Nun folgte auch der Rest.
Die mächtige Tür war vollständig mit Metall beschlagen und wirkte sehr massiv. Gemalion faßte an den Knauf, um sie zu öffnen. In diesem Moment löste sich in seiner Augenhöhe eine Metallplatte und es erschienen merkwürdige Schriftzeichen. Es war Gemalion, als hielte jemand sein Gehirn mit einer gewaltigen Faust umspannt und quetschte es langsam aus. Der Krieger sank zu Boden und starrte mit glasigem Blick vor sich hin. Ein dünner Speichelfaden tropfte ihm aus dem Mundwinkel.
Troska eilte zu ihm. "Gemalion, was ist los? Sag´ doch was!" Sie nahm ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. Sein Kopf schlackerte haltlos vor und zurück und ein unartikuliertes Blubbern kam über seine Lippen. "Oh, Sirrion, das ist ja schrecklich!"
Dices schnaubte: "Ich weiß gar nicht, was du hast. Ich finde nicht, daß er sich stark verändert hat...." Troska warf dem Magier einen tadelnden Blick zu. "Sehr witzig. Sag´ mir lieber, was wir jetzt machen sollen."
Inzwischen hatte Silvana den Knauf des Portals mit geschlossenen Augen gedreht und das Tor geöffnet. Hierbei war auch an dem zweiten Flügel eine gleichartige Metallplatte abgefallen. Hinter der Tür lag anscheinend ein riesiger Raum, in dem ein rötliches, unirdisches Licht schimmerte.
"Ich habe eine Idee. Dices, hilf´ mir mal, Gemalion auf die Beine zu stellen. Vielleicht kann er durch einen Blick auf die andere Platte geheilt werden. Und falls nicht... nun, schlimmer kann´s ja kaum noch werden."
Gemeinsam wuchteten sie den Solamnier hoch und drehten seinen Kopf in Richtung der neueren Schriftzeichen. Ein unkontrolliertes Beben durchfuhr den Körper Gemalions, dann klärte sich sein Blick und er sah sich verwirrt und desorientiert um.
"Frag´ lieber nicht", unterband Troska den sich auf Gemalions Gesicht abzeichnenden Wunsch nach Erklärungen.
Vorsichtig den Blick abgewandt, folgte der Rest der Gruppe Silvana in den achteckigen Saal, in dessen Mitte eine etwa fünf Schritt hohe Statue eines roten Drachen stand. In der unheimlichen Beleuchtung, die aus Kohlenbecken an jeder Seite des Saales hervorströmte, wirkte der Drache beinahe lebendig. Bei genauerem Betrachten stellte er sich jedoch als eine Metallfigur auf einem steinernen Podest heraus. Im Sockel waren Schriftzeichen, die Troska irgendwie bekannt vorkamen. Einer Eingebung folgend holte sie erneut die drei Holztäfelchen aus ihrem Rucksack, und tatsächlich, es handelte sich um dieselben altertümlichen Schriftzeichen, und auch das Wort kam in den Texten vor. Ob das wohl der Name des Drachen ist?
Auf dem Rückweg durch den Feuerwalzengang schirmten Gemalion und Silvana mit ihren Körpern die beiden anderen ab, aber diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich als unnötig, denn die befürchtete Feuersbrunst blieb aus.
Nun blieb noch eine letzte unerforschte Tür. Gemalion öffnete sie und die Gefährten fanden sich in einer Art Labor wieder. Es roch ekelhaft nach Verwesung und verfaulendem Fleisch, die offensichtlich von großen Haufen Rattenkadavern herrührten. Zwischen den unheimlichen Gerätschaften entdeckten sie auch eine Vielzahl jener kobaltblauen Fläschchen, von denen sie schon eines bei dem Priester gefunden hatten.
"Könnte das vielleicht das Zeug sein, das die Seuche verursacht?" fragte Troska und blickte sich unbehaglich um.
"Keine Ahnung", antwortete Dices, "aber das sollten besser andere, kenntnisreichere Leute herausfinden, zum Beispiel die Mishakal-Priester."
"Keine Einwände. Laßt uns verschwinden", beschloß Gemalion.

Keller, Kulte, Katakomben: Teil 4

Auf Dices´ Vorschlag hin hatten sich die Gefährten in das feudale Domizil seines Meisters in den Gardens of Opulent Splendor begeben, um dort zunächst ausgiebig zu baden und dann in Barnabas' Bibliothek Nachforschungen über die Schrifttäfelchen und einen eventuellen Drachenkult anzustellen. Tatsächlich fanden sie ein Buch, mit dessen Hilfe sie die alten Schriftzeichen übersetzen konnten. Die Inschrift der roten Tafel lautete:

Tief im Traumland ruht Cthulhu,
liegt und träumt in Träumen sehend,
schlafend, doch dabei erschaffend,
ahnend, ohne gleich zu wissen,
ewigen Träumens niemals müde.


Auf der Tafel aus hellem Holz stand zu lesen:

Tief im Traumland liegt Cthulhu,
harrt und träumt im Träumen sinnend,
schlafend, doch dabei zerstörend,
planend, ohne gleich zu wirken,
ew´gen Wartens endlich müde.


Die dunkle Tafel schließlich trug die Inschrift:

Tief im Traumland herrscht Cthulhu,
sitzt und träumt durch Träume schaffend,
schlafend und dabei belebend,
wirkend, ohne je zu planen,
eig´nen Schaffens niemals müde.


"Und was sagt uns das jetzt?" fragte Gemalion und sprach damit aus, was alle dachten.
Troska zuckte die Schultern. "Das kann ich dir leider auch nicht sagen, aber da diese Täfelchen in meinem Gepäck waren, sind sie vielleicht ein Hinweis auf meine Vergangenheit. Außerdem stand dieser Name, Cthulhu, auch auf dem Sockel dieser Drachenstatue. Vielleicht ist das der Name des Drachens. Ich habe in einem der Bücher einen Hinweis darauf gefunden, daß hier in dieser Gegend früher ein Drachenkult geherrscht haben soll. Möglicherweise bin ich deswegen nach Dalgoth gereist."
"Das ist ja alles sehr schön", entgegnete Gemalion ungeduldig, "aber wir sollten jetzt, da wir uns einigermaßen frischgemacht haben, doch der Garde Meldung über dieses Kellergewölbe machen. Außerdem müssen die Mishakal-Priester benachrichtigt werden."

Quarantäne: Teil 1

"....und meiner Meinung nach sollten die Aufräumarbeiten in die fähigen Hände des Mishakaltempels gelegt werden", beendete Gemalion seinen Bericht.
Hauptmann Sunny blickte nachdenklich in die Gesichter der drei Gardisten. Schließlich richtete er sich entschlossen auf und wandte sich an die Gefährten: "Ich stimme Euch zu, was die Benachrichtigung der Mishakal-Priester anbelangt, aber ich fürchte, die allgemeine Sicherheit erfordert es, daß Ihr Euch in Quarantäne begebt, bis sichergestellt ist, daß Ihr Euch nicht angesteckt habt. Betrachtet Euch als Gäste in unseren Verliesen."
Die Gefährten tauschten betretene Blicke.
"Wo ist eigentlich der junge Magier, der nach Euren Aussagen mit von der Partie war?"
Gemalion antwortete: "Er ist im Haus seines Meisters geblieben."
"Dann werde ich dieses Haus komplett unter Quarantäne stellen lassen", nickte Sunny.
"Typisch!" murrte Silvana. "Wir müssen in den Kerker, und dieses Weichei von einem Magier lebt in Saus und Braus...."
Ohne der Halbelfin weitere Beachtung zu schenken, wandte sich Sunny an seinen Adjutanten: "Tragt dafür Sorge, daß es unseren Kollegen in ihrer neuen Unterkunft an nichts fehlt."
Als sich die Gruppe bereits zum Gehen wandte, hielt Sunny sie noch einmal zurück: "Ach, fast hätte ich es vergessen: Dieser Brief wurde für Euch abgegeben, Gemalion."

Troska saß auf ihrer Pritsche und beobachtete Silvana, die wie ein waidwunder Tiger in der Zelle auf und ab lief und leise vor sich hinbrummelte. Ihre sämtlichen Habseligkeiten waren in der Garnison geblieben und sie waren nur noch mit weißen Hemden bekleidet.
Gemalion lag auf seiner Bettstatt und las zum wiederholten Male die wenigen Zeilen, die in dem Brief standen: Ich kann nicht länger verweilen. Habe eine Überfahrt nach Solamnia. Der High Clerist Tower wartet. Yvanh.
Resignation hatte den jungen Krieger übermannt. Sir Yvanh war seine größte Hoffnung gewesen, noch in diesem Jahr an der Aufnahmeprüfung in die solamnische Ritterschaft teilnehmen zu können. Denn das Ritual verlangte es, daß ein Anwärter auf die Ritterwürde einen Bürgen aus den Reihen der Ritter vorweisen konnte, der vor dem Konzil als Fürsprecher fungierte. Und vermutlich segelte seine Hoffnung in genau diesem Moment aus dem Hafen von Dalgoth, während er hier auf Anordnung seines Vorgesetzten zur Untätigkeit verdammt war. Nun, es sollte wohl nicht sein....
Troska bemerkte Gemalions Grübeln und fragte: "Schlechte Nachrichten?"
Gemalion seufzte. "Wie man´s nimmt." Dann schilderte er kurz sein Dilemma. "Aber da das ja nun nicht zu ändern ist, werde ich mich ein wenig auf´s Ohr hauen, wenn ihr nichts dagegen habt...." Damit drehte er sich auf die Seite und schloß die Augen. Kurz darauf war er tatsächlich eingeschlafen. Silvana stellte ihre Wanderung durch die Zelle ein und inspizierte das Türschloß. Dann zog sie das Messer aus dem Brotlaib, der auf dem Tisch lag: "Mir reicht´s. Das wäre doch gelacht, wenn wir dieses läppische Schloß nicht aufbrächten...."
Troska trat näher und blickte der gebückt dastehenden Silvana über die Schulter. "Was hast du vor?"
"Ist das nicht offensichtlich? Ich bringe uns hier raus. Erstens lasse ich mich nicht gerne wie ein wildes Tier einsperren, und zweitens hat unser schlafender Kumpel hier eine wichtige Verabredung in Solamnia...." Mit einem satten Knirschen entschied sich das Schloß, der Klügere zu sein und gab nach. Dennoch ließ sich die Türe nicht öffnen. Die Halbelfin fuhr mit dem Messer die Ritze zwischen Tür und Wand entlang und stieß auf einen massiven Riegel. "Scheiße!"
"Was ist denn?" erkundigte sich Troska.
"Nur eine kleine Verzögerung. Dafür, daß wir hier Gäste sind, hat man uns ganz schön sicher weggeschlossen...." Hektisch fingerte Silvana am Saum ihres Hemdes herum, bis sie schließlich einen festen Faden herausziehen konnte. Sie knotete eine kleine Schlinge an ein Ende und streckte dann ihren Arm aus dem kleinen, vergitterten Türfensterchen. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es ihr tatsächlich, die Schlinge um den Knauf des Riegels zu werfen und den Riegel aufzuziehen. Troska machte ein nachdenkliches Gesicht. "Glaubst du wirklich, daß Gemalion die Zelle verlassen wird? Immerhin hat er den klaren Befehl erhalten, hier zu bleiben, und du kennst doch unseren Saubermann...."
Silvana grinste: "Ich glaube, was dieses Problem anbelangt, habe ich eine Idee...."

Quarantäne: Teil 2

"Einbrecher! Gemalion, wach auf!"
Ruckartig richtete sich der junge Krieger auf. "Wie, was...?" Schlaftrunken und völlig desorientiert sah er gerade noch, wie Silvana durch die Tür verschwand. "Los, wir müssen sie schnappen...."
Gemalion sprang auf und machte sich an die Verfolgung. Erst als er schon auf der nächtlichen Straße war, fiel ihm auf, daß er nur im Hemd dastand, und nun wurde ihm auch bewußt, daß er ja im Gefängnis gewesen war. "Einbrecher? In den Verliesen?" dachte er verwirrt. Sein erster Impuls war es, zurück in die Zelle zu gehen, wie es ihm befohlen worden war. Doch dann dachte er an Sir Yvanh und den High Clerist Tower. "Ach, was soll´s? So eine Chance bekomme ich nie wieder." Damit folgte er den beiden Frauen, die direkt zu den Garnisonsgebäuden stürmten, zweifellos, um ihre Ausrüstung zu holen. Auch Gemalion kleidete sich hektisch in seinen völlig ruinierten Lamellenpanzer und gürtete sein Schwert. Als er sein Zimmer gerade verlassen wollte, fiel sein Blick auf das Bett, auf dem ein Beutel mit einem Brief lag. Der Beutel enthielt eine Handvoll Goldmünzen und auf dem Zettel stand: Ich erwarte Euch. Yvanh. Yvanh! War er etwa noch in der Stadt? Ich muß sofort zu seinem Gasthaus.
Auf dem Gang stieß er auf Troska und Silvana. "Wir gehen zu dem Haus von Dices´ Meister. Los, beeile dich!"
Gemalion wehrte ab: "Geht schon mal vor. Ich komme nach. Ich muß erst noch etwas erledigen...."
"Du wirst doch wohl hoffentlich nicht der Garde Meldung machen, oder?" fragte Silvana alarmiert.
"Nein, keine Sorge. Na los, geht schon!"

Reisepläne

Als Gemalion das Hotel erreichte, in welchem Sir Yvanh in den letzten Tagen gewohnt hatte, mußte er feststellen, daß die Eingangstür zum Schutz der Gäste in der Nacht verschlossen wurde. Auf sein Klopfen reagierte niemand. Er ging um das Gebäude herum und sah, daß im Zimmer des Ritters noch Licht brannte. Er warf einige kleine Steinchen an das Fenster und rief leise Yvanhs Namen, doch er bekam keine wie auch immer geartete Antwort.
Direkt neben dem Fenster verlief eine Regenrinne, und in seiner Verzweiflung beschloß Gemalion, nichts unversucht zu lassen. Er spuckte in die Hände und begann mit der mühsamen Kletterei. Schließlich hatte er es so weit geschafft, daß er einen Blick in das erleuchtete Zimmer werfen konnte. Doch statt des erwarteten Ritters stand da eine junge Frau, die sich gerade für die Nacht umkleidete. Beinahe hätte Gemalion vor Schreck die Regenrinne losgelassen, aber dann ließ er sich nur so schnell wie möglich und mit hochrotem Kopf hinunter rutschen. Offensichtlich und zu seiner großen Enttäuschung war Sir Yvanh doch schon abgereist. Der Solamnier seufzte. Also dann, auf zu Dices.

"Ähh, hääh, wie, was..?" Dices brauchte einige Augenblicke, bis er sich vollends aus dem Reich der Träume gelöst hatte und wieder wußte, wer, was und wo er war. Er vertrieb mit einem heftigen Kopfschütteln die Reste seiner schläfrigen Verwirrung und blickte in das zahnlose Runzelgesicht des Hausdieners seines Meisters.
"Was gibt es denn so furchtbar Wichtiges? Ist der Meister wieder zurückgekehrt?"
"Benuch. Anner `aupforde."
Die Anstrengung, in der kryptischen Nachricht des Greises einen Sinn zu erkennen, zeichnete tiefe Furchen in die Stirn des jungen Magus. Etwas unsicher fragte er den Alten schließlich: "Wir haben Besucher an der Hauptpforte?"
Das Faktotum nickte bedächtig, drehte sich um und schlurfte langsam aus dem Zimmer.
Mit einem resignierten Seufzer erhob sich Dices und stapfte leise grummelnd an eines der Fenster zur Straße.
"Wer zur Abyss kann das denn jetzt noch sein? Diese nervtötenden Mishakal-hörigen Heiler sind doch gerade erst bei Sonnenuntergang endlich verschwunden." Er wuchtete einen der schweren Fensterläden auf und erkannte zu seinem großen Erstaunen Silvana und Troska in den wabernden Nebelschwaden. Noch bevor er auch nur ansetzen konnte, eine der zahllosen Fragen zu stellen, die ihm durch den Kopf schossen, zischte die Halbelfin ihn unwirsch an: "Nun mach´ endlich auf, bevor die Wache uns wieder zu den Ratten sperrt!"
Dices beeilte sich, die beiden Frauen einzulassen. Noch im Hineinschlüpfen fauchte Silvana ihn an: "Wurde ja auch Zeit! Es hat ja schon eine Ewigkeit gedauert, diesen tauben Zombie zu dir zu schicken." Sie nieste. "Und dann noch dieser Scheißnebel! Widerlich!"
An Troska gewandt erkundigte sich der Magieradept, wie es ihnen gelungen war, aus der Quarantäne zu entkommen, wo sie Gemalion gelassen hatten und ob sie schon weitere feste Pläne hätten.
Die Elfin gab bereitwillig Auskunft, während Dices seine unerwarteten Gäste ins Studierzimmer führte.
Der Magus und die Priesterin waren gerade dabei, einen wärmenden Kräutertee aufzubrühen, als ein unterdrückter Aufschrei von Silvana beide herumfahren ließ. "Sag´ diesem wandelnden Leichnam, er soll sich nicht so an mich heranschleichen!" Offensichtlich hatte sie sich heftig erschrocken, als der greise Hausdiener plötzlich hinter ihr aufgetaucht war.
"Moch eimer." nuschelte der Alte.
"Das ist dann wahrscheinlich Gemalion", erklärte Dices den beiden verständnislos dreinblickenden Frauen. "Bleibt ruhig hier, während ich ihn reinlasse." Im Hinausgehen entließ er das Faktotum ins Bett und eilte dann zur Hauptpforte, um den Solamnier nicht unnötig warten zu lassen. Dieser war sichtbar erleichtert, als der junge Magier ihn herein bat. Mit einem dankbaren Lächeln fragte Gemalion: "Ich nehme an, Troska und Silvana sind schon hier und haben dich ins Bild gesetzt...?"
"In groben Zügen. Sie warten im Studierzimmer auf uns." Mit diesen Worten führte Dices den Krieger zu ihren Gefährten.
Nachdem er auch Gemalion eine Tasse Tee eingegossen hatte, wandte sich der Magus an die versammelte Gruppe: "Es ist ja nett, daß ihr mich noch so spät besucht - aber was verschafft mir eigentlich diese Ehre?"
Nach einem kurzen Blick in die Runde antwortete schließlich Troska: "Offen gesagt, wir wußten nicht so recht, wohin wir uns nach unserem Ausbruch wenden sollten."
Bei dem Wort `Ausbruch´ richtete Gemalion die Augen betreten zu Boden und zog den Kopf zwischen die Schultern, als hätte man ihm einen Schlag versetzt.
"Mhm, schön und gut. Und was habt ihr jetzt vor?" drängte Dices.
Nun ergriff der junge Krieger das Wort: "Ich muß dringend nach Solamnia, ich werde dort erwartet.
Troska und Silvana sollten auch besser aus Dalgoth verschwinden. Vielleicht könnten wir hier übernachten und morgen dann die Stadt verlassen...?"
Der Gastgeber zuckte mit den Schultern. "Kein Problem. Platz ist zur Genüge da, Barnabas ist vermutlich erst in einer Woche zurück, und der - ach, so erschreckende - Hausdiener wird euch schon nicht verraten." Nach einer kurzen Denkpause wandte er sich an die beiden Frauen: "Und was habt ihr vor? Wollt ihr ihn begleiten, oder habt ihr eigene Pläne?"
Troskas Blick wanderte unsicher zwischen Gemalion und Silvana hin und her, doch schließlich räusperte sie sich und sagte: "Tja, also ich dachte, wenn Gemalion nichts dagegen hätte, würde ich ihn gerne begleiten. Ich kenne ja sonst niemanden, und außerdem habe ich gehört, daß Palanthas gute Bibliotheken haben soll. Sicher kann ich dort mehr über diesen Drachenkult erfahren, der ja anscheinend das einzige Bindeglied zu meinem früheren Leben darstellt."
Der junge Solamnier blickte die Elfin überrascht an. "Also, ich hätte das nicht von dir verlangt, aber ich freue mich, daß du mich begleiten möchtest..."
"Ich komme auch mit", erklärte Silvana zum allgemeinen Erstaunen. "Soweit ich bisher herausgefunden habe, stammt meine Familie aus Sanction, und Palanthas liegt auf halbem Wege..."
"Gut, das macht dann vier Passagen in Richtung Solamnia." erklärte Dices und kratzte sich dann nachdenklich am Kinn. "Hmm, ich hoffe, das übersteigt nicht unsere finanziellen Möglichkeiten. Aber vielleicht können sich ja auch ein paar von uns an Bord nützlich machen."
"Häh?" Gemalion machte ein ausgesprochen intelligentes Gesicht. "Wieso vier? Wieso uns?"
Auch die beiden Frauen tauschten erstaunte Blicke.
"Oh, ihr braucht euch nicht vor Begeisterung gleich zu überschlagen." Die Stimme des Magiers troff förmlich von Sarkasmus. "Es ist ganz einfach so, daß ich das Gefühl habe, hier langsam aber sicher zu verstauben. Barnabas könnte mir gewiß noch sehr viel Neues über die magischen Künste beibringen, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, hier nur meine Zeit zu verschwenden. Mein erster Lehrmeister hat immer die Meinung vertreten, daß wer einen Zauber wirklich verstehen will, mehr gesehen haben muß als nur die Seiten seines Buches. Ich glaube er hat damit recht. Außerdem bietet sich mir so die Gelegenheit, in Begleitung von bereits bekannten Gefährten nach Palanthas zu reisen. Die große Bibliothek Astinus' des Zeitlosen und der Turm der hohen Magie inmitten des Shoikan- Haines, dies sind mit Ausnahme des Turmes zu Wayreth die wohl bedeutendsten Pilgerstätten meiner Zunft. Ihr seht, ich habe also durchaus nachvollziehbare Gründe, mit euch zu reisen." Er sah den Anderen nacheinander tief in die Augen. "Natürlich nur, wenn ihr einverstanden seid."
"Wir brauchen also schnellstmöglich eine Überfahrt nach Solamnia", stellte Gemalion nach einem betretenen Schweigen lapidar fest. "Das übernehme am besten ich. Ich falle hier am wenigsten auf, und nachdem wir uns unerlaubt aus der Quarantäne verabschiedet haben, müssen wir ein bißchen vorsichtig sein. Außerdem brauche ich eine neue Rüstung. Diese hier taugt nicht einmal mehr als Pferdedecke."

Nachdem Gemalion bei einem Händler einen einigermaßen günstigen Lederpanzer erstanden hatte, begab er sich zum Hafen und erkundigte sich nach einer Überfahrt nach Corwyn. Tatsächlich sollte am nächsten Morgen ein Schiff mit diesem Ziel auslaufen. Gemalion besah sich den Segler und stellte fest, daß dort gerade Schafe verladen wurden. Hatte Sir Yvanh nicht davon gesprochen, daß er Schafe kaufen wollte? Waren dies vielleicht die Tiere für seine Zucht? Ohne weiteres Zögern buchte der junge Solamnier vier Überfahrten auf diesem Schiff und überbrachte dann seinen Gefährten die gute Nachricht von ihrer baldigen Abfahrt.

Fortsetzung folgt: Gemalion Sandringham Starblade – Teil 3: Drache in Not

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