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Das erste Treffen
Tharon starrte wild und
entschlossen in das Gesicht seines Gegenübers. Der
Schweiß brannte in seinen Augen, seine Adern an den Schlä
fen schienen kurz vor dem Zerbersten zu sein. Seine Anstrengungen
ließen ihn die jubelnden Rufe nicht hören. Er spürte
nur Schmerz. Seinen rechten Arm kaum noch spürend, waren es nur
noch seine Instinkte, die ihn weiterkämpfen ließen. Doch
lange konnte er es nicht mehr aushalten, das Gefühl von
Schwäche überkam ihn. Das Blut staute sich in seinem Kopf,
die Halsmuskeln traten noch mehr hervor. Erneut festigte er seinen
Griff, so daß die Adern seiner Hand seine Haut zu
zerreißen drohten, die Fingerknöchel hingegen waren
blutleer. Feuer! Das einzige, was seine Augen wahrnahmen, war Feuer,
und es kam auf ihn zu! Nein, ich muß gewinnen! Muß
gewinnen! Immer wieder rief Tharon sich diese Worte in seinen Kopf.
Doch spürte er langsam die Hitze an seinem Handrücken
entlangtasten, unaufhörlich nach seinem Fleische gierend.
Feuer, nein!!! Mit einem Kampfschrei, der wohl selbst den kü
hnsten Kender zur Flucht getrieben hätte, versammelte er alle
Energie, die noch in ihm steckte, in seinem rechten Arm. Eine
angenehme Wärme durchdrang seine Brust, und mit gewaltiger
Kraft drückte Tharon den Arm des anderen nach unten. Das
Krachen seines Feindes Knochen überhörend, rammte er die
Hand des anderen in die Kerze. Ein Schmerzschrei drang aus der Kehle
des Mannes - der Begriff Oger wäre wohl angebrachter, wenn man
die Größe und Breite dieser Person bedachte, doch
besaß er eindeutig menschliche Züge - am anderen Ende des
Tisches, der sofort seinen Griff lockerte und sich entsetzt am Arm
hielt. Die Brandwunde der Kerze bereitete ihm nicht solche Schmerzen
wie der offene Bruch am Ellenbogen. Tharons Blick senkte sich,
und für einen Augenblick wußte er nicht, wo er war.
Nachdem er einige tiefe Atemzüge genommen hatte, beruhigte sich
sein Herzschlag langsam, so daß er auch allmählich die
Geräuschkulisse um sich herum wieder wahrnehmen konnte, anstatt
nur seinen eigenen Puls zu hören. Jetzt spürte er auch
wieder die Hände, die ihm auf seine immer noch angespannten
Schultern klopften, jetzt hörte er wieder die Jubelrufe.
Langsam erhob er sich von seinem Stuhl, wobei er unbewußt das
silberne Medaillon festhielt, daß, an einer silbernen Kette
baumelnd, auf seiner Brust lag. Nur kurz sah er auf den kleinen
runden Tisch vor sich, auf dem die beiden Kerzen standen, wovon die
eine noch brannte, während die andere niedergedrückt war.
Tharon schaute sich um und kam nun endlich wieder zu voller
Sinnesschärfe. Nur ein Wettkampf, ganz ruhig. Er wischte sich
beiläufig das Blut seines Gegner an seiner Lederhose ab und
ging Richtung Theke, wobei er noch ein paar freundliche Schläge
auf die Schulter bekam, von Leuten, die auf ihn gesetzt hatten. Die
anderen wiederum, die an den Falschen glaubten, zerrissen wü
tend ihre Wettscheine und warfen Tharon böse Blicke zu, jedoch
nur, solange er sich nicht zu ihnen umdrehte. Dann ertönte eine
laute, tiefe Stimme: „Der nächste Wettkampf!!!" Sofort drehten
sich die Männer in der Kneipe wieder von Tharon ab. Auch
Tharon, der inzwischen auf einem Hocker an der Theke platzgenommen
hatte, drehte sich wieder in Richtung des kleinen Tisches, wo eben
noch er gesessen hat, und wo inzwischen die zerdrückte Kerze
durch eine neue ersetzt und entzündet wurde, während sich
bereits zwei neue Kontrahenten auf die Stühle setzten. „Macht
eure Wetten, macht eure Wetten!!!" Tharon studierte ernst die
Gesichter der beiden Männer, seine Miene erhellte sich
allerdings, als er spürte, wie jemand ihm von hinten einen
kühlen Gegenstand gegen die Schulter drückte. „Ah, danke
Marik, genau das brauche ich jetzt", drehte sich um und schaute in
das freundlich lächelnde Gesicht des Wirts. Marik war ein
kleiner, dicker Mann von etwas 45 Jahren, genau so, wie man sich
einen Wirt vorstellte. Sein Drei-Tage-Bart und die mächtigen
Oberarme könnten jeden das fürchten lehren, doch sein
Lächeln und seine tiefen, stahlblauen Augen verrieten,
daß er nicht einmal einer Fliege etwas zu Leide tun kö
nnte. Tharon nahm den ihm angebotenen Bierkrug an, lächelte und
leerte ihn fast in einem Zug. Jedes mal, wenn er gegen einen dieser
Bären im Armdrücken gewonnen hatte, bekam er von Marik ein
Bier ausgegeben. Eigentlich trank der fast zwei Schritt hohe Mann
mit den braunen Augen und dem langen braunen Haaren wenig Alkohol,
doch wenn er erschöpft war - und das war er jetzt - dann war es
ihm egal, was er trank. Während Tharon seinen Krug
leerte, hatten sich die meisten anderen Männer in der Kneipe
wieder um den kleinen Tisch im Mittelpunkt des Saales versammelt,
nur vereinzelt saß noch jemand an der Theke. Suchend sah
Tharon sich um. „Wo ist Quang, dieser Winzling von Nervtöter.
Will er mich wieder um mein Geld...", doch da stand das kleine
Kerlchen schon vor ihm. „Ganz ruhig, mein Dicker. Hier." Tharon nahm
den ledernen Geldsack entgegen. Er konnte die Münzen klingen
hören, doch wußte er genau, daß es weder Gold noch
Silber war, sondern lediglich billiges Kupfer, welches gerade
reichte, um die Miete für das Zimmer zu bezahlen. „Nimm's mir
nicht übel, Quang." Ein Lächeln zog sich über Tharons
Gesicht, so wie er immer lächeln mußte, wenn er das vier
Ellen lange Männchen vor sich sah. Eine bemerkenswertere
Mischung hatte er auf ganz Ansalon noch nicht gesehen. Quangs Mutter
war ein Hügelzwerg, sein Vater halb Kender, halb Mensch. Quang
erzählte oft, wie es dazu kam. Die Mutter seines Vaters war bei
der Entbindung erst 14 Jahre alt, der Vater ein nicht älterer
Kender. „Mein Papa ist das Produkt der ersten Liebe zwischen Kender
und Mensch", erzählte er immer voller Stolz - auch wenn es
zweifellos ein Unfall gewesen sein mußte. Wie sich jedoch eine
Hügelzwergin mit einem Kensch (oder Kendermensch) einlassen
konnte, ist allen bis heute ein Rätsel. Auf jeden Fall war
Quang eine lustige Erscheinung. Die dicke Knollnase eines Zwerges,
das Gesicht eines 5-jährigen Knaben und den schwarzen Bart auf
Zwergenart in seinen Gürtel gestopft, an dem vier bis fünf
kleine Beutel hingen, die mal mehr und mal weniger mit den Sachen
anderer Leute (die Quang gefunden hatte) gestopft waren. Er war der
beste Freund von Tharon und sozusagen sein Arbeitgeber. Er trieb die
Wetten nach oben, besorgte immer neue Herausforderer. Und wenn
Tharon gewann, bekam er natürlich einen Teil der Wetteinnahmen.
Und Tharon gewann immer! „Da hinten ist jemand, der dich
sprechen will." Quang zeigte in die hinterste Ecke der Kneipe. An
einem kleinen Tisch direkt neben dem Kamin saß eine Person,
die in weite graue Gewänder gehüllt war, so daß man
unmöglich ihre Statur ausmachen konnte. Ohne es zu merken,
glitt Tharons Hand an sein Medaillon. „Was will der Mann?" fragte er
seinen Freund. „Ich weiß nicht, ich hab' ihn noch nie vorher
hier gesehen. Äh, woher weißte du, daß das ein Mann
ist? Ich konnte das erst erkennen, als ich direkt vor ihm stand."
„Ich weiß es einfach. Marik, bring mir und diesem Fremden doch
bitte einen Krug Wein und etwas Schinken, ja. Ich will mal sehen,
was der von mir will." Tharon schritt zum Kamin herüber und
blieb direkt vor der Gestalt stehen, die keine Anzeichen von Regung
machte. Nur die Kapuze drehte sich zu Tharons Gesicht, und er
spürte, daß diese Person ihn genau musterte, auch wenn er
im Schatten der Kopfbedeckung nichts sehen konnte. „Setz dich doch
bitte. Es ist schön, dich unversehrt wiederzusehen." Die Stimme
war die eines alten Mannes, tief und sanft. „Wer bist Du?" Tharons
Stimme klang beunruhigt. Dieser Mann strahlte irgend etwas aus, was
ihm ganz und gar nicht gefiel, auch wenn die Gefühle, die es in
ihm weckte, nicht negativ waren. Der Alte antwortete mit fast
gleichgültig klingender Stimme: „Sagen wir, ich kenne Dich von
früher." Mit diesen Worten griff er nach Tharons Kette und fuhr
mit seinen Fingern über das Amulett. Tharon wollte die Hand des
Mannes zurückweisen, doch spürte er plötzlich eine
Wärme auf seiner Brust, wie er sie schon des öfteren
gespürt, doch nie richtig wahrgenommen hatte. Seine gerade
erhobene Hand glitt kraftlos auf den Tisch. „Wer bist Du?" waren die
letzten Worte, die er noch sagen konnte, bevor ein tiefer Nebel
seinen Verstand einzuschleiern schien. Die Geräusche um ihn
herum wurden leiser, die Gäste, die Theke, die Stühle und
Tische - ja, die ganze Welt - schien zu verblassen, bis nichts mehr
war als stille, tiefe Schwärze. Doch nein, da war noch etwas.
Wie von weiter Entfernung vernahm Tharon ein Wispern, ein Flü
stern, wie von Tausenden kleiner Stimmen. Was sagen sie? Tharon
versuchte sich zu konzentrieren, versuchte, den schwarzen Raum, in
dem er sich befand, zu erkunden, auf die Stimmen zuzulaufen. Doch er
konnte sich nicht vorwärts bewegen. Erst jetzt bemerkte er,
daß er zu fallen schien. Langsam aber sicher kamen die Stimmen
auf ihn zu, und nun konnte er sie gut genug hören, um zu
erkennen, daß es sich um mindestens zwei oder drei Dutzend
Personen handeln mußte, die ihn anflehten. Hilfe... befreie
uns... letzte Hoffnung... altes Volk... Rückkehr... Nur das
konnte Tharon verstehen, nichts weiter. Dann plötzlich die
Stimme des Alten in der Dunkelheit: „Du mußt zu ihnen. Die
Zeit ist reif." Tharon riß die Augen auf. Schweißgebadet
blickte er sich um: Tische, Stühle, die Theke, die Gäste -
alles lief seinen gewohnten Gang. Er saß alleine an seinem
Tisch. Wieder ging sein Blick in die Runde, doch keine Spur von dem
alten Mann. Komme nach Nordergod. „Was..? Wer...?" Tharon hatte die
Stimme doch ganz deutlich vernommen, die Stimme des Alten, doch wo
war er? Da - plötzlich erblickte Tharon ihn am Ausgang. Er sah
etwas aufblitzen und erkannte ein Medaillon um den Hals des Fremden
- sein Medaillon. Das Schwert, das Einhorn - das war sein Medaillon,
und der Alte hatte es ihm gestohlen! Tharon sprang auf und wollte
zur Tür rennen, um den Dieb zu stellen - doch plötzlich
war er weg. Was geht hier vor, verdammt noch mal? Verwirrt dreht
Tharon sich herum, doch der Fremde war spurlos verschwunden. „Ist
alles in Ordnung?" Quangs Stimme klang ernsthaft besorgt, so hatte
er seinen Freund noch nie erlebt. „Dieser Mann - er... er hat meine
Kette." Noch immer war Tharon völlig aus der Fassung. „Was
redest Du da? Die Kette hängt doch immer noch um Deinen Hals."
Tharon legt seine Hand auf seine Brust und spürte das vertraute
Amulett unter seinem Hemd. Als er es herauszog, musterte er es
genau. Seine Finger glitten über die silberne Scheibe, ü
ber die kunstvollen Verzierungen am Rand, und schließlich
über das wunderschöne Einhorn, daß sich über
einem gewaltigen Beidhänder aufbäumte. Dies war eindeutig
sein Amulett. „Aber... ich war mir ganz sicher..." Tharon taumelte.
Wieder zog der schwarze Nebel auf und schien ihn zu verschlucken.
Dann hörte Tharon einen dumpfen Schlag und ein paar aufgeregte
Stimmen. Leise, immer leise werdend, bis nichts mehr zu hören
war bis auf das hämmernde Pochen seines Herzes. Abschied von
Freunden „Du willst also
wirklich gehen?" Quang versuchte gar nicht erst, das Schluchzen in
seiner Stimme zu verbergen. „Aber warum? Du kennst diesen alten Mann
doch gar nicht, und das Amulett hat er Dir doch auch nicht
gestohlen. Warum läufst Du ihm hinterher und gibst das alles
hier auf?" Quang machte mit seinen kleinen Ärmchen eine
kreisende Bewegung und umfaßte damit das ganze Zimmer von
Tharon - alle vier Wände, die nicht allzu weit auseinander
standen, das Strohbett, den kleinen Tisch mit der Kerze und den
Hocker. Das war alles. „Du kannst mich doch nicht einfach so alleine
lassen, außerdem bist Du der beste Armdrücker der Stadt.
Ohne Dich wäre ich ruckzuck arbeitslos." „Hör' mir
mal zu, Quang." Tharons Stimme war ruhig und sanft. Betroffen legte
er den Rucksack beiseite, den er gerade packte. Auch ihm fiel der
Abschied nicht leicht. „Ich habe Dir doch schon oft erzählt,
daß ich als kleines Kind in einem Wald gefunden wurde, nur in
weiße Laken gehüllte. Und mit dem Amulett um meinem Hals.
Ein alter Druide fand mich und brachte mich zu Stokan, dem
Gutsbesitzer, der..." „Ich weiß, Stokan zog Dich groß
wie einen eigenen Sohn, den er niemals hatte. Aber was hat das mit
diesem alten Mann von vorgestern abend zu tun?" unterbrach ihn
Quang. „Laß mich doch erst einmal ausreden, mein
Freund." Tharon blieb geduldig, weil er es gewohnt war, daß
Quang ihn niemals ausreden ließ. Er faßte sich an seinem
Kopf und drückte leicht gegen seine Schläfe, um den
Schmerz loszuwerden, der ihn seit zwei Tagen plagte. An dem Abend,
als dieser merkwürdige Fremdling in der Kneipe gewesen war, ist
Tharon umgekippt. Wie ein nasser Sack hatte Quang ihm
anschließend berichtet, sei er umgeplumst und hat mit seinem
Kopf einen Stuhl zertrümmert. Sofort kamen ein paar Leute zu
Hilfe und sie schleppten ihn auf sein Zimmer, wo er mehrere Stunden
bewußtlos lag. Wie Quang ihm später erzählte,
phantasierte er während seiner Ohnmacht. Doch Quang konnte kein
Wort verstehen. Du hast irgendwie genuschelt, meinte er. Das
einzige, was er verstanden hätte, wäre das Wort „Gurki"
oder so ähnlich gewesen. Darüber konnte Quang sich
stundenlang kaputtlachen - Gurki; was für ein Wort. Als Tharon
schließlich wieder wach und bei klarem Verstand war, fing er
sofort an, seine Sachen zu packen, um nach Nordergod zu reisen.
„Dieser alte Mann hat genau das selbe Amulett wie ich.
Verstehst Du? Wenn es nur einen einzigen Menschen auf Krynn gibt,
der mir sagen kann, woher ich komme, dann ist er es." Quang
sah wenig überzeugt aus. „Vielleicht hast Du Dir das mit dem
Amulett auch nur eingebildet. Schließlich hast Du an diesem
Abend einen ziemlich starken Schlag auf den Kopf bekommen..." „Nein,
ich bin mir ganz sicher. Ich muß herausfinden, wer dieser Mann
ist." „Dann laß mich doch mit die gehen!" Der Kendermensch,
wie viele ihn nannten, setzte sein breitetest Grinsen auf, das er
hatte. Die Zwergenseite in ihm war eigentlich die am wenigsten
ausgeprägteste, und vor allem, was seine Gefühle anging,
war er mehr Kender als sonst irgend etwas. Die Rasse der kleinen
Leute, die ihr Leben lang Kindergesichter hatten und von
Stadtmenschen immer etwas schief angeguckt wurden, weil sie dazu
neigten, immer sehr viele Sachen von anderen Leuten zu finden, kam
am stärksten im Mischling durch. Diejenigen, die ihn nicht
kannten, nannten ihn schlichtweg einen Bastard, einen Gossenkender
oder einen lumpigen Taschendieb. Doch wer öfters mit Quang zu
tun hatte - und Tharon verbrachte fast seine gesamte Zeit mit ihm
zusammen - kannte ihn als liebenswertes Geschöpf, immer
hilfsbereit, wenn er auch manchmal mit der für einen Kender
typischen Zerstreutheit seine Mitmenschen ziemlich auf die Nerven
gehen konnte. Tharon kannte ihn nun schon etwas acht Jahre, seitdem
er im Alter von 17 Jahren Storaks Hof verlassen hatte und in die
nahegelegene Stadt Palanthas zog, die prachtvollste Stadt in ganz
Solamnia. Storaks Hof war während dem Krieg der Lanze vor zwei
Jahren fast völlig zerstört worden, und der gutseelige
Bauer wurde ermordet. Tharon gehörte zu den wenigen der
Stadt, die sich freiwillig zum Heeresdienst meldeten, um gegen die
Armeen der dunklen Königin zu kämpfen. In Kalaman wurde er
gefangengenommen und mit vielen hundert anderen zu den Minen von Pax
Tharkas gebracht. Zu seinem Glück wurde die Festung nach
ungefähr drei Wochen Gefangenschaft gestürzt, die
Gefangenen flüchteten. Viele Wochen streift Tharon alleine
durch die Wälder und wurde oft von Patrouillen der Drakonier
überrascht, doch schaffte er es immer, sich gegen sie zur Wehr
zu setzen, bis er an Wundfieber erkrankte. Er wurde gerade noch
rechtzeitig von einem Trupp Solamnischer Ritter gefunden, die ihn
bis zur nächsten Siedlung brachten, wo sie ein Lazarett
errichtet hatten. Hier lag er für den Rest des Krieges an das
Krankenbett gefesselt. Nachdem wieder Frieden im Land
eingekehrt war, zog er los nach Palanthas, um dort ein neues Zuhause
zu finden - und das hat er auch. Hier hatte er Freunde, vor allem
Quang und Marik. Und er hatte einen Beruf - er arbeitete als
Frachtauslader im Hafen. Durch seine Beschäftigungen abends in
der Kneipe verdiente er sich immer noch etwas dazu, so daß er
eigentlich ganz gut über die Runden kam. Nein, es war wirklich
nicht leicht, das alles aufzugeben. „Es tut mir leid, wenn ich Dich
enttäuschen muß, mein Freund. Ich weiß nicht genau,
was mich im nördlichen Ergod erwartet, aber ich glaube, ich
muß diesen Weg alleine gehen. Nach dem Mittagessen breche ich
auf." Quang kannte Tharon zu gut, um jetzt noch zu versuchen, ihn
umzustimmen. „Ich werde vermissen. Aber Du mußte mir
versprechen, daß Du zurückkommst und mir alles erzä
hlst." Tharon legte seine Hand auf Quangs Schulter. „Versprochen,
Quang. Ich komme wieder." Quang schloß seinen Freund in die
Arme - man könnte auch sagen, er hängte sich um Tharons
Hüfte - und fing an zu schluchzen. „Mach's gut, Fist." Fist -
so wurde Tharon von seinen besten Freunden oft genannt. Den
Spitznamen hat Quang ihn einmal gegeben, als Tharon das erste beim
Armdrücken seinem Gegner die Hand gebrochen hat. Fist - Tharon
hatte das ungute Gefühl, diesen Namen für längere
Zeit nicht mehr zu hören. „In ein paar Wochen bin ich wieder
hier, und dann erzähle ich alles." Quangs Blick neigte sich auf
den Boden, dann drehte er sich um und verließ schnell das
Zimmer, ohne ein weiteres Mal zurückzublicken. Draußen
konnte Tharon ihn weinen hören. Armer Quang. Tharon verstand
seine Gefühle nur allzu gut. Er war der einzige richtige Freund
des Kendermenschen, nun würde Quang wieder allein sein - er
selbst war früher auch immer allein gewesen. Mit einem tiefen
Seufzer wollte Tharon weiter packen, doch dann warf er den Rucksack
in eine Ecke, sackte auf das Bett und ließ seinen Tränen
freien Lauf... Als er eine halbe Stunde später im
Eßsaal saß und den Teller mit frischerlegtem Wild vor
sich hatte, verspürte er überhaupt keinen Hunger, doch er
aß, weil er wußte, daß eine lange Reise vor ihm
lag. In dem großen Raum saßen etwa 20 Leute,
hauptsächlich Männer, die Tharon nicht kannte. Doch auch,
wenn ein Bekannter von Tharon unter ihnen gewesen wäre, hä
tte Tharon ihn nicht registriert. Er saß einfach nur stumm da,
starrte auf seinen Teller und aß genußlos. Eine
große Hand legte sich kraftvoll auf seine Schulter. „Hallo
Marik." Tharon mußte sich gar nicht erst umsehen, um den Wirt
zu erkennen. „Ich habe ein Proviantpaket für Dich
zusammengestellte, Fist. Wenn Du gut rationierst, kommst Du damit
bestimmt eine Woche aus." Jetzt blickte Tharon ihn an. „Ich danke
Dir, Marik. Wieviel bin ich Dir für das Essen und das Zimmer
noch schuldig?" „Du schuldest mir nichts. Sieh einfach nur zu,
daß Du irgendwann wiederkommst, und erzähle jeden, den Du
unterwegs triffst, was Der Silberne Bug für eine herrliche
Kneipe ist." Der dicke Mann lachte kräftig, Tharon brachte
lediglich ein Lächeln hervor. „Ich werde Dich und Deine Kneipe
vermissen, aber ich will nicht gehen, ohne für Deine
Gastfreundschaft bezahlt zu haben. Wenn Du mein Geld nicht nimmst,
wäre das ein Grund, sauer auf Dich zu sein. Und das willst Du
doch nicht, oder?" Tharon hielt dem Wirt ein paar Münzen
entgegen und schaute ihn finster an - ein Blick, bei dem man meinen
könnte, er wollte gleich wie ein Bergtiger auf Marik
losspringen. Einige andere, die die Unterhaltung mitbekommen hatten,
weil Tharon zum Schluß recht laut gesprochen hatte, schauten
jetzt interessiert zu ihnen herüber. Sie rechneten mit einem
handfesten Streit, doch plötzlich begannen Tharon und Marik
gleichzeitig, lauthals zu lachen und sich zu umarmen. „Mach's gut,
Fist. Und paß auf Dich auf." „Das werde ich, Marik. Das werde
ich. Und wenn ich zurückkomme will ich ein frisches Bier auf
meinem Platz vorfinden." Die beiden hielten sich noch kurz an den
Schultern und blickten sich ins Gesicht, dann bückte Tharon
sich, nahm seinen Rucksack und schwang ihn über seinen Rü
cken. „Weißt Du, wo Quang ist? Ich wollte mich noch mal von
ihm verabschieden." „Nein, habt ihr euch heute morgen nicht mehr
gesehen?" „Doch, doch. Ich dachte nur.. Egal. Wenn Du ihn das
nächste mal siehst, dann sag ihm... - sag ihm...- sag ihm
einfach, daß bald wieder da bin." Mit einem letzten Lä
cheln drehte Tharon sich um und verließ den Silbernen Bug.
Als er auf der Straße stand, betrachtete er das Tü
rschild: ein silbernes Schiff, reichlich verziert, glänzte in
der Sonne. Tharon versuchte, sich dieses Bild gut einzuprägen,
denn irgendwie wußte er, daß er es niemals wiedersehen
würde. Niemals. Tharon ging zum Hafen. Er muß
te sich nur noch bei seinem Auftraggeber abmelden, dann würde
er sich ein Schiff nehmen und direkt nach Nordergod fahren. Er
rückte sich seinen Rucksack noch mal richtig zurecht, dann ging
er auf die kleine Holzhütte am Kai zu und klopfte drei mal an
die Tür. Eine alte, mürrische Stimme rief in barsch
herein. Mit einem Seufzer ging Tharon durch die Tür. In dem
kleinen Raum saß der alte Seemann zusammen mit zwei seiner
Arbeitern, beide bestimmt zwei Schritt groß und breit wie
Bären. „Was willst Du? Warum bist Du heute morgen nicht zur
Arbeit gekommen? Rede!" Tharon hatte gar nicht die Chance, sich zu
rechtfertigen. „Überhaupt kein Pflichtbewußtsein, kein
Benehmen! Ab, rann an die Arbeit! Du legst heute die doppelte
Schicht hin, bei halber Bezahlung! An los!" „Einen Moment Alter!"
Endlich gelang es Tharon, auch mal ein Wort zu sagen. Der alte
Kapitän, offenbar überrascht durch die Tatsache, daß
zur Abwechslung einmal er es war, der angebrüllt wurde,
wußte für einen Moment nichts mehr zu sagen. Tharon
nutzte die Gelegenheit, um einmal tief Luft zu holen. „Ich bin nicht
hergekommen, um mich anbrüllen zu lassen. Ich bin hier, um zu
kündigen!" Jetzt war der Seemann völlig aus der Fassung.
„Was? Kündigen? Du bist doch verrückt. Du weißt
genau, wie schwer es ist, in dieser zeit Arbeit zu finden. Aber
bitte. Geh, wenn du willst. Doch du schuldest mir eine Abfindung.
Ein Silberling, und du bist frei." Genüßlich zog der alte
an seiner Pfeife und wartete auf eine Reaktion Tharons. „Was fü
r eine Abfindung? Davon stand nichts in unserem Vertrag!" Tharon
wurde langsam wirklich sauer. „Oh doch. Hadek, zeig ihm den
Vertrag." Einer der beiden Bären nahm eine kleine Schriftrolle
und gab sie Tharon. „Vorletzte Zeile", sagte der Kapitän. Als
Tharon seine Augen auf das Stück Papier richtete, gab der
Seemann ein Zeichen, und Hadek schlug Tharon mit einem Schlagring
ins Gesicht. Er fiel nach hinten um und konnte sich nicht rü
hren. Das letzte, was er hörte, waren die Stimmen der beiden
Matrosen. „Man, ist der bescheuert." „Jetzt wird der mal lernen, was
es heißt, richtig zu arbeiten." Tharon spürte, wie er vom
Boden aufgehoben wurde, und daß letzte, was er wahrnahm, war
das leichte Schlagen der Wellen an die Schiffsplanken. Dann
verließ ihn sein Bewußtsein endgültig.
Auf hoher See
„Wir ham vom alten Seebären
ne Landradde gekriegt. Wollte nich mehr für ihn arbeiten. Is n
kräftger Kerl, dachte, wir könn sowas imma mal brauchen."
Die rauhe Stimme des bärtigen Matrosen war laut, denn hier
unten, im der Kajüte des Kapitäns, konnte man die Wellen
und Krachen des Schiffes am deutlichsten hören. „Verdammte
Starf! Denken gehört aber normalerweise nicht zu Deinen
Aufgaben. Du weißt doch, daß es gefährlich sein
kann, wenn man einfach so einen Fremden mitnimmt!" Der Kapitän
verpaßte seinem Ersten Maat eine kräftige Ohrfeige.
„Mach, daß du ihn herbringst. Aber bitte gut verschnürt,
ich mag keine Überraschungen. Und sieh zu, daß er
vernünftig angezogen ist und nicht stinkt. Ich will nicht noch
mehr stinkende, schwitzende Saukerle an Bord haben. Davon gibt es
hier schon genug." Starf zuckte zusammen, sein Blick zeigte nicht
nur großen Respekt, sondern vielmehr große Angst vor
seinem Kapitän. „Tut mir leid, Käptn. Ich werde alles zu
ihrer Zufriedenheit erledigen." „Das wäre ja das erste mal."
Der Käpt'n setzte sich wieder auf den verzierten Holzstuhl
hinter dem großen Schreibtisch, auf dem eine riesige Seekarte
ausgebreitet war. Aus Angst, noch mehr Schelte zu bekommen,
verließ Starf schnell das Zimmer. Oben auf Deck wurde es nun
hektisch. Das Schiff wurde losgebunden, die Segel gesetzt. Die Fahrt
konnte losgehen. Der Käpt'n bekam von all dem nur wenig
mit. Die Männer würden die Arbeit schon erledigen. Die
Aufgabe des Käptn's bestand darin, die Route auszuwählen
und die Beute gerecht zu verteilen. Die See war relativ ruhig, der
Wind stand trotzdem günstig. Sie würden ihr Ziel schnell
erreichen. In Gedanken versunken hielt Santana, der Kapitän,
ihre Kette fest und seufzte einmal tief beim Anblick ihres
Amulettes. Was hatte es nur mit dem alten Mann auf sich, der gestern
abend zu ihr kam? Warum sollte sie nach Nordergod kommen? Sie hatte
darauf keine Antworten und beließ es auch dabei. Sie wü
rde es schon herausfinden. Jetzt wollte sie erstmal den neuen Kerl
kennenlernen, den Starf mitgebracht hatte. Sie nahm ihre kleine
Karaffe mit dem Duftwasser und betupfte ihren Hals leicht mit dem
Deckel. Mal sehen, vielleicht ist der Typ ja doch für irgendwas
zu gebrauchen. Ich werde Dir
zeigen, wer Du warst - ich werde Dir zeigen, wer Du bist - und ich
werde Dir zeigen, wer Du wirst. Du bist auch dem Weg nach Hause.
Doch hüte Dich. Einer von Euch ist falsch. Ein Eimer mit
kaltem Wasser holte Tharon aus dem Reich der Träume zurü
ck. Ein Bündel frischer Klamotten wurde ihm hingeworfen. „Wasch
dich und zieh dich an! Dann kommst du mit uns!" Tharon schaute sich
um. Es war dunkel, vor ihm standen zwei Männer mit Laternen und
Säbeln in den Händen. Es schaukelte alles. Tharon griff
sich mit einer Hand an den Kopf und fühlte die Blutkruste an
seiner linken Schläfe, von wo aus auch der stechende Schmerz
ausging, der ihn durchzuckte. Im ersten Moment wußte er nicht,
wo er war, doch dann kehrten die Erinnerungen zurück. Der
Hafen, der Schlag auf den Kopf, die Wellen. „Wo genau bin ich.
Wo fährt dieses Schiff hin." „Du hast deine Befehle. Sieh zu
und laß den Käpt'n nicht warten!" Es ist wohl das beste,
erstmal zu tun, was sie wollen. Tharon wusch sich das Gesicht in dem
anderen Eimer, dem sie ihn hingestellt hatten, dann zog er die Hose
und das Hemd an, das sie ihm gegeben hatten. Es waren keine
besonderen Kleider, doch auf jeden Fall besser und frischer als
seine eigenen. Außerdem bekam er Stiefel, die sauber und gut
verarbeitet waren. Wer immer ihn hier gefangenhielt, konnte es nicht
allzu schlecht mit ihm meinen. Die Männer nahmen ihn an den
Schultern und stießen ihn vor sich auf den Boden. „wie sollen
wir ihn ihr bringen?" „Ich glaube, so wie immer." Kaum waren die
Worte gesagt, verspürte Tharon einen kräftigen Schlag auf
den Hinterkopf. Das letzte, was er dachte, bevor die Dunkelheit ihn
erneut umschloß, war nicht schon wieder... Als er
langsam wieder zu sich kam, lag er auf einem weichen Bett. Es war
warm und trocken, und ein angenehmer Duft kroch ihm in die Nase. Das
einzige, was ihn störte und schließlich auch ganz
erwachen ließ, war die Tatsache, daß seine Hände
auf seinem Rücken verbunden waren. Er setzte sich auf und
schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, seine Schmerzen damit
vertreiben zu können. Doch diese schienen nur noch mehr
ermuntert zu werden, ihn zu quälen. „Ich wollte nicht,
daß meine Männer so mit dir umgehen. Eigentlich sollten
sie dich nur zu mir bringen. Aber dir wird es bestimmt bald wieder
gut gehen." Die schöne, weibliche Stimme kam aus einer dunklen
Ecke des Zimmers, die von dem Kerzenschein - der einzigen
Lichtquelle in diesem Zimmer - nicht erfaßt wurde. Tharon
horchte auf. Wenn die Gestalt, die er eben gehört hatte, auch
nur halb so schön war die Klang ihrer Stimme, dann mußte
sie die schönste Frau auf ganz Krynn sein. Niemals zuvor hatte
er eine so liebliche Stimme vernommen. Er sah zu der Ecke, doch die
einzige Kerze, die im Raum brannte, erhellte nur den Schreibtisch
mit der riesigen Karte und einen Teil der Wand, an der viele Bü
cherregale hingen, vollgepackt mit dicken Bänden. „Wer bist
du?" Tharon fragte nur, um diese wunderschöne Stimme
wiederzuhören. - Schweigen. - „Ich stelle im Moment die Fragen.
Wer bist Du?" Streng, aber immer noch wunderbar kamen die Worte zu
ihm herüber. „Mein Name ist Tharon." Mehr wollte Tharon von
sich noch nicht preisgeben. „Mein Name ist Santana, ich bin der
Kapitän dieses Schiffes." Wie kann eine Frau mit einer solch
schönen, weichen Stimme über eine Horde rauher Seemä
nner befehlen? „Erzähl' mir mehr von Dir, Tharon. Wie
kommt es, daß du an Bord meines Schiffes bist?" „Ich war
im Hafen, um meine Arbeit zu kündigen, denn ich wollte eine
Reise untern..." Tharon verschlug es die Stimme, als Santana die
Ecke verließ und in den Kerzenschein trat. Tharon schaute in
ihr wunderbares Gesicht - das schönste, daß man sich
überhaupt vorstellen kann. Es ist nicht möglich, mit
Worten zu beschrieben, was Tharon mit seinen Augen hier erblickte.
„Sprich weiter, Tharon." Santana kam nun langsam auf ihn zu. „Ich...
- ich weiß nicht mehr... - also..." Mehr bekam Tharon nicht
über seine Lippen. Santana wußte, daß sie gut
aussah, doch hatte es bisher noch keinem Mann so sehr den Atem
verschlagen, wenn er sie sah. Auch wunderte sie sich darüber,
warum Starf ihr nicht gesagt hatte, daß der Mann, den sie
mitgenommen hatten, so überwältigend gut aussah. Niemals
in ihrem Leben hatte sie einen schöneren Mann gesehen, und sie
war sich sicher, das auch in der Zukunft niemals zu tun. Tharon
selbst hatte sich nie für etwas besonderes gehalten. Sicher, er
sah nicht schlecht aus, doch bestimmt auch nicht auffällig
schön. Wie Santana ihn allerdings in diesem Augenblick
anblickte, schien es ihm, als hätten sich ihre Blicke in die
seinen verhakt. Keiner konnte vom Antlitz des anderen wegsehen.
Tharon verspürte auf einmal eine große Zuneigung zu
Santana, und der der Kapitänin ging es andersherum genauso. Sie
wußten beide nicht, wie es genau gekommen ist, doch plö
tzlich lag Santana neben Tharon auf dem Bett. Sie liebkoste mit
ihren Lippen die seinigen und seinen Hals, und er tat er ihr gleich.
Und auch wenn seine Hände für den Rest der Nacht gefesselt
blieben, so wurde es doch eine Nacht für Tharon, die er nie
vergessen würde...
Ein neugieriger Beobachter
Als Tharon vor einigen Tagen den
Silbernen Bug verlassen hatte und in das Hafenviertel ging, bemerkte
er nicht den kleinen Schatten, der ihn verfolgte. Er bemerkte nicht
die kleinen Augen, die ihn beobachteten. Er schaute sich nicht um,
als er die Hütte der alten Hafenmeisterei betrat. Und als ihn
die zwei kräftigen Seemänner heraustrugen und zu einem
Schiff brachten, war er sowieso nicht in der Lage, irgendetwas
wahrzunehmen. Quang verfolgte diesen Vorgang aus sicherer
Entfernung. Was soll ich nur tun - ich muß Marik holen - nein,
wenn das Schiff jetzt abfährt, verliere ich seine Spur.
Verdammt, was ich machen? Der Kenderzwergmensch oder Kensch
oder Zwensch oder wie man diesen Mischling auch nennen will, wollte
eigentlich nur sehen, ob Tharon es auch schafft, sicher nach
Nordergod zu kommen. Er wollte ihn nicht begleiten, daß hatte
Tharon ihm ja verboten. Aber folgen durfte er ihm, dazu hatte Tharon
nichts gesagt. Gleich nach seinem Gespräch mit Fist, wie er den
kräftigen Menschen immer nannte (manchmal auch mein Dicker oder
ähnliches), hatte Quang damit begonnen, seine Sachen zu packen.
Ungefähr ein Dutzend Beutel mit den wertvollsten Inhalten wie
Dietrichen, Karten, Trockennahrung und Zunderbüchsen fanden
ihren Platz an seinem Gürtel. Auch sein kleiner Rucksack war
vollgepackt, und selbstverständlich durfte der Hupak nicht
fehlen. Wie jeder Kender empfand auch Quang den Hupak als die
gefährlichste Waffe und das nützlichste Werkzeug auf ganz
Krynn. Ob als Steinflitsche, Musikinstrument oder als Wanderstock in
der Zeit der Wanderlust (eine Periode im Leben eines jeden Kender,
in der auszieht, um die weite Welt zu entdecken), dieser schlichte
Holzstab war in jeder Situation zu gebrauchen. Und jetzt war eine
äußerst pikante Situation. Zum Glück hat Tharon mich
als seinen Beschützer. Aber er wollte mich ja nicht mitnehmen.
Der wird schon sehen - Keine Angst, Tharon, ich rette Dich!
Obwohl Quang so viele Sachen bei sich trug gelang es ihm doch,
völlig lautlos und unsichtbar von Schatten zu Schatten zu
schleichen, bis er die hölzerne Planke erreichte, die auf das
Schiff führte. Das kleine Männlein schaute sich genau um.
Das Schiff war sehr groß und sah nobel aus. Der Name Wildes
Einhorn erschien Quang nur nebensächlich. Auf Deck war nicht
viel los - es müßte ein leichtes sein, sich an Bord zu
schleichen. Gesagt, getan. Völlig unbeobachtet huschte Quang
auf das Schiff und versteckte sich unter einer großen
Leinenplane, die ein Ruderboot bedeckte. Das Boot war groß
genug, um ein Dutzend Männer zu tragen - das Rettungsboot, wie
Quang vermutet. In seinen Gedanken sah er einen riesigen Kraken, wie
er das Schiff verschlang und nur er und Tharon sich mit dem Boot in
Sicherheit bringen konnten. Solche Ungeheuer gab es wirklich. Das
hatte ihm sein Opa väterlicherseits erzählt - ein echter
Kender. Also mußte das ja stimmen. Es könnte aber
auch das Boot sein, mit dem ein Teil der Mannschaft an die Kü
ste einer neu entdeckten Insel fahren würde. Der leichte
Wind, der vom Meer kam, nahm etwas zu. Plötzlich ertönte
ein rauher Ruf, den Quang nicht verstand, und auf einmal war das
Deck binnen Sekunden gefüllt mit Matrosen - großen,
starken Männern mit nacktem Oberkörpern und ohne Schuhe -
die nun hektisch begannen, die Segel zu setzen und die Leinen zu
lösen. Quang war gezwungen, sich nun ganz unter der Plane zu
verkriechen. Wir fahren auf See! Wie toll! Ich bin noch nie mit
einem Schiff gefahren. Ein so großes Schiff macht bestimmt
eine lange Reise. Dann kann ich Tharon morgen immer noch befreien...
Quang mußte gähnen. Er hatte fast die ganze Nacht
damit verbracht, über sich und Tharon nachzudenken und seine
Sachen zu packen. Er rollte sich auf dem Boden des Rettungsbootes
zusammen und zog einen Apfel aus seinem Rucksack. Doch bereits nach
ein paar Bissen fiel ihm die Frucht aus der Hand. Quang träumte
von großen Wellen, riesigen Seeungeheuern, unentdeckten Inseln
- und von Tharon. Ich werde Dich retten, mein Freund... Als
Quang erwachte, war es bereits dunkel. Nur ein leichtes Schimmern am
Horizont und das Leuchten der Monde war noch zu sehen. Er
beschloß, sich nun ein wenig auf dem Schiff umzusehen. Den
einzigen Matrosen, den er entdeckten konnte, war der Steuermann, der
seine Nachtschicht schob. Es war ein leichtes für den Kensch,
sich an ihm vorbeizuschleichen. Das Schiff war wirklich riesig. Ich
möchte gern mal wissen, unter welcher Flagge es wohl segelt. Es
kommt bestimmt weit aus dem Westen. Quang schaute am scheinbar
größten der drei gewaltigen Masten herauf, in der
Hoffnung, das Banner des Schiffes zu sehen. Doch es war zu dunkel.
Dann muß ich wohl. Allzu schwer kann das ja nicht sein, an
diesen Netzen hochzuklettern. Er begann, langsam den
gebundenen Tauen, die vom oberen Ende eines jeden Mastes nach unten
führten, zu folgen, bis er an eine Stelle ankam, wo er auf die
Rehling steigen und mit dem Klettern beginnen konnte. Zwischendurch
hielt er kurz inne und saugte die frische Seeluft tief in sich
hinein. Ach, ist das herrlich. Ich mache eine Seereise. Nach
einigen Minuten erreichte Quang den Ausguck am oberen Ende des
Hauptmastes. Der Anblick, der sich ihm bot, war phantastisch. Ein
leichtes, immer schwächer werdendes Schimmern am Horizont
verriet dem Kenschen, daß es ungefähr Mitternacht sein
mußte. Die zwei Monde, die Quang zu sehen bemächtigt war,
schimmerten voll über dem Wasser, welches sich in zwei Hä
lften zu teilen schien - eine silberne und eine rote. Das das Meer
im Norden tiefschwarz war, konnten seine Augen nicht sehen. Im
Süden war noch leicht die Küstenlinie des Festlandes
sichtbar. Solamnia, so weit weg. Quangs Blick glitt herauf zu der
zusammengerollten Fahne, die etwa zwei Meter über dem Ausguck
am Mast befestigt war. Ohne zu zögern sprang Quang auf das
hölzerne Ausguckgeländer. Das es unter ihm 30 Schritt in
die Tief ging, störte in nicht. Nun war es ihm möglich,
die Bänder zu lösen, die die Fahne eingerollt hielten. Der
Stoff entfaltete sich - und das höhnische Grinsen eines
weißen Totenkopfes prallte in Quangs Gesicht. Wow, Piraten!
Nein, nicht wow - gefährlich! Ich werde Dich retten, Tharon!
Erst jetzt kam Quang wieder in den Sinn, warum er ü
berhaupt auf dieses Schiff gegangen war. So schnell er konnte,
kletterte er wieder herunter. Der Totenkopf wehte weiterhin lachend
im stärker werdenden Wind...
Die ersten Ankömmlinge
Du bist die erste, die
angekommen ist. Die anderen sind auch schon in der Nähe. Doch
hüte Dich. Einer von ihnen ist falsch... Lynn wachte auf.
Hatte sie die Stimme des alten Mannes wirklich gehört oder war
es nur ein Traum gewesen? „Ich bin extra den ganzen Weg nach Ergod
gekommen, nur weil so ein alter Mann die selbe Kette hat wie ich.
Und was passiert - ich stoße auf ein Heer Drakonier, etliche
Orks, eine Räuberbande - und sitze schließlich ganz
allein hier im Wald und führe Selbstgespräche." Die
Zwergin säuberte ihr Schwert vom grünen, schwarzen und
roten Blut. In den letzten Stunden ist sie nicht dazu gekommen -
Ergod ist vor allem im Norden ein gefährliches Stück Land,
und vom Kämpfen war sie zu müde gewesen und mußte
sich ausruhen. Das Heer der Drakonier bestand übrigens
aus drei Echsenwesen, welche für eine Kriegerin wie Lynn
allerdings kein Problem darstellten. Die etlichen Orks waren nur zu
zweit, die zufällig ihren Weg kreuzten und von ihr getötet
wurden, und die Räuberbande setzte sich aus etwa einem halben
Dutzend Männer zusammen, die aber schnell die Flucht ergriffen,
nachdem Lynn vier von ihnen mit Leichtigkeit zur Strecke brachte.
Lynn liebte es, zu übertreiben. Wer sie schon einmal kä
mpfen sah, glaubte ihr allerdings das meiste von dem, was sie
erzählte, denn es war wirklich erschreckend, wie gut sie mit
dem Schwert und der Axt umgehen konnte. Jetzt saß sie am Feuer
- es muß wohl gegen Mitternacht gewesen sein - und sä
uberte ihre Waffen. Immer, wenn sie alleine war, führte sie
Selbstgespräche, um sich nicht zu langweilen - und sie war fast
immer allein. Als die Hügelzwerge sie damals als Findelkind
gefunden hatten, hielt man sie für das ausgesetzte Kind einer
Dunkelzwergin - so nennt man die ausgestoßenen Zwerge.
Dementsprechend schlecht hat man sie auch behandelt und eigentlich
nur großgezogen, weil das die Pflicht der Zwerge war - so
verlangte es ihr Kodex. Es wunderte niemanden, daß sie
bereits im Alter von 15 Jahren von Zuhause ausriß - und es
störte noch viel weniger. Ein fünfzehnjähriger Zwerg
ist eigentlich gleichzusetzen mit einem zwei bis drei Jahre alten
Menschenkind, doch Lynn entwickelte sich ausgesprochen schnell, so
daß sie zu diesem Zeitpunkt schon eine Jugendliche war und
für einen Mischling gehalten wurde. Ein plötzliches
Knacken im Busch hinter ihr ließ´ sie aufschrecken.
Sofort griff ihre linke Hand zu ihrem Schwert, die rechte zu ihrem
Beil, mit dem sie auch ausgezeichnet werfen konnte. Langsam schlich
sie auf den Busch zu, ohne zu bemerken, daß sie der
eigentlichen Gefahr gerade den Rücken zudrehte. Der Dunkelelf,
der sie beobachtete, war sehr zufrieden mit sich, da sein
Ablenkungsmanöver - eine einfache Sinnestäuschung - eine
so gute Wirkung zeigte. Lautlos schlich er von hinten an Lynn heran,
um ihr mit einem gezielten Schlag auf den Hals das Bewußtsein
zu nehmen. Die Kriegerin sackte bewegungslos zusammen. Ohne sie
weiter zu beachten, ging Jalanthas, der Elf, zum Lagerfeuer und fing
an, die Sachen von Lynn zu durchstöbern, wobei er schnell den
gefüllten Geldbeutel fand und ihn mit einem höhnischen
Grinsen um seinen Gürtel band. Etwas anderes fand er nicht, die
vielen Schlüssel, Dietriche und Karten interessierten ihn
nicht, auch ihren Proviant konnte er nicht gebrauchen. Nun schritt
er langsam wieder zurück zur immer noch bewußtlosen
Zwergin und drehte sie auf den Rücken. Jalanthas' Gesicht
erstarrte. Nicht nur, weil das Gesicht dieser Zwergin das Schö
nste war, was er jemals zuvor gesehen hatte - dabei fand er Zwerge
regelrecht abstoßend - , sondern auch wegen dem Amulett, das
sie trug. Dieses silberne Amulett mit dem Einhorn und einer Waffe;
das selbe Amulett, das auch um seinen Hals hing... Lynn
erwachte am nächsten Morgen mit starken Schmerzen am Hals. Sie
schmeckte Blut in ihrem Mund, ihre Zunge tat weh. Sie wollte
aufschrecken, doch die Klarheit, die ihr Kämpferinstinkt in
ihren Kopf brachte, wurde durch ein sofortiges Schwindelgefühl
vernebelt. „Ganz ruhig. Du mußt liegenbleiben." Lynn
konnte ihren Blick nicht auf den Mann richten, von dem die
wunderschöne Stimme ausging, doch sie erkannte seine Akzent.
„Wer bist Du, Elf?" Ihre Worte kamen gequält und mit einem
Stöhnen unterlegt. ,,Was fragst Du noch? Anscheinend weiß
t Du es ja schon, Zwerg." Jalanthas machte sich keine Mühe das
verächtliche Zischen zu unterdrücken. „Silvanesti oder
Qualinesti?" Kurzes Zögern. „Silvanesti. Mein Name ist
Jalanthas. Ein Räuber wollte Dich überfallen. Als ich
zufällig vorbeikam, habe ich ihn wohl erschreckt und verjagt.
Er hat Dich böse getroffen, am Hals. Ich habe Dir einen
Kräutertee gemacht, der wird Dich bald wieder auf die Beine
bringen." Nun klang der Elf wieder freundlich, ja fast mitleidig. Er
war ein guter Lügner. „Meine Sachen..." Lynn startete wieder
einen erfolglosen Versuch, sich aufzusetzen. „... sind noch alle da
- glaube ich. Wie konnte Dich ein einzelner Räuber ü
berfallen, Deinen Waffen nach zu urteilen bist Du eine geschickte
Kriegerin?" Das höhnische Grinsen auf Jalanthas Lippen konnte
Lynn nicht sehen. „Ich weiß nicht genau. Ich habe Dir wohl
viel zu verdanken. Sag, was macht ein Elf so weit im Nordwesten?"
Langsam klärten sich die Gedanken in Lynns Kopf. „Ich
werde Dir alles morgen erzählen. Jetzt mußt Du Dich
erstmal ausruhen. Hier. Trink diesen Tee, dann wirst Du gut schlafen
und Dir wird es bald besser gehen" log der Dunkelelf. Doch Lynn
schien der Stimme zu vertrauen, die so mitfühlend und schö
n klang. Sie nahm den kleinen Becher, der ihr gereicht wurde, und
versuchte noch einmal, ihren Kopf wenigstens soweit zu bewegen,
daß sie das Gesicht ihres vermeintlichen Retters sehen konnte.
Doch vergebens. „Trink." Sie leerte den Becher, worauf sich sofort
der Schleier vor ihren Augen wieder verdichtete und sie in einen
tiefen, ruhigen Schlaf fiel. „Schlaf gut, meine Schöne. „Und
werde mir ja nicht so schnell gesund." Jalanthas lachte laut, doch
das Lachen verstummte, als er erneut in Lynns Gesicht schaute und
ihr Medaillon betrachtete. Sie ist so schön - und das Amulett.
Ob der alte Mann sie wohl auch geschickt hat? Morgen werde ich mehr
wissen. Auch Jalanthas legte sich nun zur Ruhe ... Ich spüre, zwei von Euch haben sich
schon hier eingetroffen. Wartet auf die anderen, Eure Fragen werden
bald beantwortet werden. Wer bist Du, alter Mann? Sag' mir, warum Du
mich hierhin geschickt hast! Alles zu seiner Zeit. Du wirst alles
erfahren. Wer Du warst, wer Du bist, und wer Du sein wirst. Vertraue
mir. Nein, ich will Antworten. Rede!!! Mit einem Aufschrei
erwachte Jalanthas. Unruhig schaute er sich um. Das Feuer war schon
ausgegangen, die Holzscheite glimmten nur noch etwas. Langsam wurde
es hell, vereinzelt zwitscherten die ersten Vögel, ein leichter
Wind brachte ein mildes Rauschen der Blätter zustande.
Sein Blick glitt zu der schlafenden Lynn. Sein Betäubungstrunk
ließ sie weiterhin schlafen; und das war gut so, denn er
wollte sich erst über einiges im Klaren sein, bevor er sie
wieder zu sich lassen kommen wollte. Er richtet sich auf um
sich seinen Umhang richtig umzuwerfen. Dann ging er zu Lynn
hinüber, drehte sie auf den Rücken und schaute ihr
aufmerksam ins Gesicht: Sie ist so wunderschön. Das kann keine
reinrassige Zwergin sein, in ihr muß etwas Elfisches stecken.
Doch welche Elfin würde sich mit einem Bergbauern einlassen:
Sie ist bestimmt das Resultat einer Vergewaltigung. Aber so
wunderschön... Er schüttelte den Kopf um seine Augen
von ihrem Antlitz zu lenken, und studierte erneut ihr Halsband.
Dasselbe silberne Einhorn, doch wieso ist bei ihr eine Streitaxt,
anstatt wie bei mir Pfeil und Bogen? Jalanthas zog mit einer
blitzschnellen Bewegung ein reich verziertes Stilett unter seinem
Umhang hervor, schnitt Lynn in die Kuppe ihres linken Zeigefingers
und ließ ein paar Tropfen von ihrem Blut in eine fingerhohe
Flasche träufeln. Er steckte das Fläschlein wieder
in seinen Umhang und leckte vorsichtig über die Klinge seines
Dolches. Das ist weder Zwergen- noch Elfenblut. Ich habe keine Wahl,
ich muß sie zu Kräften kommen lassen, um Antworten zu
erhalten. Wer weiß, vielleicht muß ich sie ja doch nicht
töten... Blitzschnell wie es gekommen war verschwand nun
auch das Stilett wieder irgendwo in Jalanthas' schwarzem Umhang.
Der Dunkelelf setzte sich an die Feuerstelle und begann Holz
nachzulegen. Er murmelte ein paar Worte, und plötzlich brannte
das Lagerfeuer wieder lichterloh. Er holte zwei kleine Flaschen
hervor, die eine mit Lynns Blut, die andere mit einer hellblauen
Flüssigkeit. Er gab zu dem roten Blut einen Tropfen des Serums
und hielt diese Mischung unter dem Murmeln einiger Worte über
das Feuer. Seine Hand und sein Umhang schienen von den Flammen
unberührt. Nach etwa zehn Sekunden öffnete er das Flä
schlein und schluckte den Inhalt hinunter. Bei Tarkhi..- Nein,
das kann nicht sein... Lynn
erwachte aus ihrem tiefen Schlaf. Sie fühlte sich immer noch zu
schwach, um sich umzudrehen, doch spürte sie die Gegenwart
ihres vermeintliches Retters. „Jalanthas." Sie konnte nur flü
stern, Schweiß bedeckte ihre Stirn. „Ganz ruhig. Ich bin hier.
Trink das, dann geht es Dir gleich besser." Diesmal log der
Dunkelelf nicht, er wollte die Kriegerin wieder zu Kräften
kommen lassen, um mehr über sie zu erfahren. Er hatte versucht,
sie zu hypnotisieren und so Antworten über ihre Herkunft zu
erhalten. Doch er konnte ihren Geist nicht erreichen, was ihn aber
auch nicht verwunderte, denn er wußte nun, wer sie war - oder
besser, was sie war... Lynn konnte den Becher nicht nehmen,
den Jalanthas ihr reichte, also führte er ihn ihr an die
Lippen. Sie trank hastig, ihre trockene Kehle hatte etwas Flü
ssigkeit nötig. Gleich mit dem ersten Schluck spürte sie
die Benommenheit von sich weichen, und je mehr sie von dem
wundersamen Trunk zu sich nahm, desto stärker fühlte sie
sich, desto klarer wurde ihr Geist. Als sie den Becher geleert
hatte, drehte sie ihren Kopf zu Jalanthas. Er war noch schöner
als sie ihn sich beim Klang seiner Stimme vorgestellt hatte.
Er hatte ein schmales, edles Gesicht, tiefbraune Augen und langes
schwarzes Haar, das wellig unter seiner Kapuze über seine
Schultern floß. Er war ein einen dunklen Umhang gehüllt.
Lynn betrachtete erst sein Gesicht, dann glitt ihr Blick langsam an
seinem Körper herab. An seinem Hals trug er keinen Schmuck,
doch seine Hände waren mit vielen Ringen verziert. Sie wollte
gerade etwas sagen, da hörte sie auf einmal ein weit entferntes
Knacken. Auch Jalanthas vernahm den Laut. Sofort drehte er sich um
und beobachtet die nähere Umgebung genau. Stimmen waren zu
hören, Schritte und Waffengeklirr. Und es kam näher.
Jalanthas sprang sofort auf und ergriff seinen Stab, auch Lynn erhob
sich, so schnell sie konnte. Ihr Kopf schmerzte wieder, als sie auf
den Beinen war, doch sie stand sicher und hielt Schwert und Axt fest
in den Händen. „Was ist da los?" „Ich weiß es
nicht, aber ich halte es für besser, wir löschen sofort
das Feuer und verstecken uns in den Büschen." „Ich schlage vor,
wir sehen uns das mal genauer an." „Vorsicht, Du bist wahrscheinlich
nicht so kräftig, wie Du denkst." „Das wird schon gehen." Die
letzten Worte sagte Lynn mehr zu sich selbst als zu Jalanthas, und
schon ging sie auch auf die Quelle des Kampflärms zu.
Jalanthas, der merkte, daß eine längere Diskussion mit
kampfbereiten Lynn zu nichts führen würde, folgte ihr
widerstrebend. Das Waffengeklirr wurde immer lauter, bis Lynn
und der Elf schließlich auf einer Lichtung das Geschehen
verfolgen konnten. Eine riesige Kreatur, sicherlich fast drei
Schritt hoch, kämpfte nur mit einer Keule bewaffnet gegen
fünf oder sechs dunkel gekleidete, mit Schwertern und Ä
xten ausgerüstete Wesen. Ein paar lagen schon versteinert am
Boden. ,,Drakonier!!!" Mit diesem Ausruf stürmte Lynn los. Die
Drakonier schienen einen kurzen Moment überrascht, was einen
von ihnen das Leben kostete, denn die große Kreatur, die sich
nicht ablenken ließ, zertrümmerte mit einem gewaltigen
gezielten Schlag seiner mit Eisenspitzen versehenen Keule das Genick
eines der Angreifer. Lynn stürzte sich sofort den nä
chsten. Ihren kräftigen Axthieb konnte er noch abwehren, bevor
das scharfe Breitschwert der Kämpferin ihm den Schlagarm
abtrennte. Lynn wandte sich dem nächsten Drakonier zu und
wehrte gerade noch seinen Hieb mit ihrem Schwert ab. Ihr
anschließender Axthieb traf nur das schwere Eisenschild,
jedoch mit so einer Wucht, das sowohl Axt als auch Schild zu Boden
fielen. Mit unglaublicher Geschwindigkeit landete Lynn den nä
chsten Schlag, welchen der Drakonier nur schwer parieren konnte. Die
Kriegerin nutzte die Lücke seiner Deckung und trat mit aller
Wucht zwischen die Beine ihres Gegenübers woraufhin sich dieser
vor Schmerz auf dem Boden krümmte. Gerade als Lynn den
Todesstoß ausführte und ihr Schwert den Kopf des
Drakoniers entzwei hieb, hörte sie ein lautes Donnern hinter
sich, als habe der Blitz direkt unter ihren Füßen
eingeschlagen: Ein Drakonier, der Lynn von hinten angreifen wollte,
wurde durch den Blitz, der aus Jalanthas' Hand fuhr, förmlich
in Stücke gerissen. Die Wucht der Explosion ließ Lynn
etwa zwei Schritt durch die Luft fliegen, ehe sie unsanft auf dem
Boden landete und dort für kurze Zeit benommen liegenblieb. Der
Riese hatte inzwischen auch einen seiner Gegner getötet, indem
er die riesigen Spitzen seiner Keule mitten in das Gesicht des
Drakoniers schlug. Doch auch er übersah wie Lynn den zweiten
Feind hinter sich, der nun ungehindert sein Schwert durch den
nackten und beharrten Oberkörper des Wesens stoßen
konnte. Mit einem Aufschrei, der an das Brüllen eines Lö
wen erinnerte, drehte sich der tödlich Verletzte um und
riß damit dem Drakonier das Schwert aus der Hand. Mit der
Klinge in seinem Bauch, seines Todes gewiß, holte die Kreatur
zu einem letzten Schlag aus. Mit allerletzter Lebenskraft flog die
Spitzkeule durch die Luft und zertrümmerte den Kopf des
Drakoniers. Der Kampf war vorbei, der Riese brach ohne einen
weiteren Atemzug zusammen. Als Lynn sich wieder erhob und mit
einem Kopfschütteln die schwarzen Punkte vor ihren Augen
vertrieb, sah sie den Dunkelelfen neben dem toten Geschöpf
knien. Sie bemerkte nicht, wie Jalanthas etwas in seinen Taschen
verschwinden ließ. Langsam ging sie auf ihn zu und sah gerade
noch, wie Jalanthas das Gesichts dieses Wesens mit einem schwarzen
Tuch bedeckte. „Ist er.. es..., wie auch immer - tot?" „Ja." Die
Antwort kam kurz, ohne ein Anzeichen irgendeiner Emotion. „Was ist
das für ein Wesen?" „Ich weiß es nicht genau. Der Kopf
ähnelt dem eines Minotauren, doch er ist viel zu groß
für einen Vertreter dieser Rasse." Jalanthas schloß ein
kleines Fläschen in seiner Hand und ließ es in eine
seiner Taschen gleiten. „Was war das?" „Etwas Blut von ihm. Ich
brauche es, um seine Rasse zu bestimmen." Lynn wirkte wenig ü
berrascht. Sie hatte so eine Antwort erwartet. „Du bist also ein
Zauberer." „Ein Hexer. Ich bediene mich nur einiger Tricks der
Magier. Sie können in manchen Situationen ganz nützlich
sein. Zum Beispiel, um leichtsinnigen Leuten das Leben zu retten."
Der letzte Satz kam fast spöttisch über die Lippen des
Elfen. „Entschuldige bitte, daß ich mich noch nicht bei Dir
bedankt habe. Ich stehe jetzt noch tiefer in Deiner Schuld." Lynn
meinte es wirklich ehrlich. Doch Jalanthas blieb hart. „Warum hast
Du das getan? Warum bist Du ihm zu Hilfe geeilt?" ,,Wer gegen
Drakonier kämpft, ist auf meiner Seite. Du scheinst doch auch
kein Freund von ihnen zu sein, sonst hättest Du doch den einen
wohl kaum so zerrissen." „Ich bin zwar nicht ihr Freund, aber auch
nicht ihr Feind. Ich frage mich nur, was sie so weit im Nordwesten
machen." „Ich weiß es auch nicht. Ich habe aber schon mehr von
ihnen hier im Wald gesehen. Neulich erst traf ich auf ein He... -
eine Patrouille." Ohne ein weiteres Wort erhob sich der Elf, drehte
sich um und ging zu dem Platz zurück, wo sie ihr Lager hatten.
Er schien die letzten Worte Lynns gar nicht gehört zu haben,
sondern war total in Gedanken versunken und ließ in einer
seiner Taschen das Amulett, daß er eben unbemerkt dem toten
Minotauren abgenommen hatte, durch seine Finger gleiten. Ein Amulett
mit einem Einhorn und einer Axt um den Hals eines riesigen
Minotauren. Was hat das alles nur zu bedeuten...? Und warum kommt
mir sein Gesicht so bekannt vor? Hat das etwas mit der baldigen
Konstellation zu tun?
Von Wellen und Winden
„Käpt'n!!!" Es hä
mmerte drei mal laut an Santanas Kajüte. „Käpt'n!!!"
Santana erwachte. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch das
Licht, das die fast heruntergebrannten Kerzen verbreiteten,
ließ sie den nackten Körper an ihrer Seite erkennen.
Tharons lag immer noch gefesselt auf der Seite. Santana blickte an
sich herab, auch sie trug keine Kleidung. Nur das Amulett hing an
ihrem Hals, mit dem Einhorn und dem Schwert, genau wie bei Tharon.
„Käpt'n!!! Es ist wichtig!!!" Erneutes Hämmern.
„Komm herein!" Starf stürmte in das Zimmer. Santana setzte sich
auf und begann, den Kleiderhaufen vor ihrem Bett zu durchwü
hlen. Unter den zerrissenen Klamotten von Tharon fand sie dann
schließlich auch ihr Hemd. Sie stellte sich vor Starf, das
Hemd noch in der Hand, und starrte ihn wütend an. „Was ist denn
so wichtig?" Starf wußte, daß er seinen Blick nicht von
Santanas Augen lenken durfte, um ihren nackten Körper zu
bewundern. Sein Kapitän haßte das, denn es war ein
Zeichen von Schwäche, wenn sich ein Mann von einer nackten Frau
ablenken ließ. „Irgend jemand hat die Flagge gehißt. Die
Mannschaft sucht bereits überall." „Welches Sau-Pillemann-
Arschloch ist denn so blöd und hißt die Flagge? Sucht
weiter nach diesem Idioten! Bevor er nicht gefunden ist, gibt es
für die Mannschaft kein Essen! Ach ja, wenn ich gerade dabei
bin. Bring' mir und meinem Gast sofort das Frühstück, das
Brot bitte leicht angecrosst!" „Zu Befehl, mein Käpt'n."
Starf verbeugte sich schnell und erhaschte einen kurzen Blick auf
Santanas Oberschenkel, was jedoch von ihr nicht unbemerkt blieb. Ein
stumpfer Schlag auf seinen Kopf ließ den Seemann zu Boden
sacken. „Thendor!!!" Santanas Stimme klang sehr wütend, als sie
aus ihrer Kajüte stürmte. Sie haßte Männer, die
ihre Schwächen so zeigten, wie Starf das eben getan hatte.
Thendor, der Zweite Maat, kam angerannt und stand nun vor
seinem Kapitän. Das Hemd hatte Santana inzwischen angezogen, es
bedeckte nun ihren Oberkörper und einen kleinen Teil ihrer
Oberschenkel. „Jawohl, mein Käpt'n?" Thendors Stimme war
gelassen, es schien ihm keine Probleme zu bereiten, seinen Blick an
den Augen Santanas haften zu lassen. Es war diese Gelassenheit, an
der es lag, das Santana nicht ihn, sondern Starf zum Ersten Maat
ernannt hatte. Thendor hatte ein zu starkes Selbstbewußtsein,
sie jedoch brauchte jemanden, der ihr blindlings gehorchte. „Hol
Starf aus meiner Kajüte und häng ihn an den Hauptmast.
Neuer Erster Maat ist Freick. Sag ihm Bescheid und bring mir mein
Frühstück. Kein anderer bekommt etwas zu essen, bevor
unser unbekannter Gast gefunden wurde." Während Santana zu
ihrem Zweiten Maat sprach, musterte sie seinen nackten und
gebräunten Oberkörper. „Wenn ich es mir recht ü
berlege, bring zuerst den Gefangen zurück in den Kerker. Nimm
ihm aber vorher das Amulett ab und leg es auf meinen Schreibtisch.
Anschließend bringst Du mir mein Essen." Es ist eine lange
Reise. Ich werde Tharon schon noch aus quetschen. Aber erst brauche
ich etwas entspannendes. Sie drehte sich um und schritt wieder
in ihre Kajüte. Thendor folgte ihr langsam; ein Lächeln
erschien in seinem Gesicht, als der stärker werdende Wind
Santanas Hemd etwas hob und er ungehindert einen Blick auf ihren
wohlgeformten Hintern werfen konnte. Er wußte, was ihn
erwartete, wenn er ihr das Essen bringen würde. Daß sich
am Horizont langsam schwarze Wolken zusammenbrauten, schien keiner
von ihnen zu bemerken. Tharon
erwachte durch das wütende Geschrei einer Frau. Er schreckte
hoch und saß nun senkrecht im Bett. Seine Hände waren
noch immer zusammengebunden, er war nackt. Seine Haut schmerzte und
er spürte Kratzspuren an Hals, Rücken und Brust. Wo bin
ich? Was ist geschehen? Schnell schaute Tharon sich um. Er war
offenbar in einer Schiffskajüte, eine große Gestalt lag
auf dem Boden. Als Tharon den Bewußtlosen erkannte, kamen
seine Erinnerungen zurück, die Kopfschmerzen, die ihm anfangs
die Sinne vernebelten, legten sich langsam. Das ist dieser Kerl, der
mich im Haus des Hafenmeisters niedergeschlagen hat. Wo ist Santana,
dieses Teufelsweib? Tharon schaute sich weiter um; die Tür der
Kajüte stand weit auf, ein kalter Windzug ließ den
Nackten erzittern. Das Tageslicht war düster. Vor Tharon lagen
seine Kleider, völlig zerrissen - nun erinnerte er sich auch
wieder genau an letzte Nacht. Dieses Biest! Erst verführt sie
mich, dann läßt sie mich nackt und gefesselt hier
rumsitzen. Tharon versuchte die Fesseln seiner Handgelenke zu
lösen, jedoch ohne Erfolg. Plötzlich erschien jemand ihn
der Tür. Santana kam wütend, nur mit einem weißen
Hemd bekleidet, die drei Stufen hinuntergestampft, ein krä
ftiger Seemann dicht hinter ihr. Sie beachtete Tharon nicht einmal.
„Sei sanft zu ihm." Kalt und bestimmt kamen Santana die Worte ü
ber die Lippen. Tharon schwante Schlimmes, da holte Thendor auch
schon aus und schlug dem nackten, wehrlosen Tharon mit der Faust
gegen das Kinn. „Ich sagte sanft!" Die letzten Worte, die Tharon
hörte, dann wurde wieder alles schwarz, doch in seinem Kopf
braute sich gewaltige Wut zusammen. Dann hoffte er nur noch au Ruhe,
doch sein Kopf füllte sich mit den irrsinnigsten Bildern. Wilde
Illusionen, überall Feuer. Tharon spürte die Hitze. Er sah
einen alten Mann inmitten dieses Infernos. Es war der Alte, den er
im Silbernen Bug gesehen hatte und der ihn seitdem nicht mehr in
Ruhe ließ. Dieser geheimnisvolle Greis, dem er all das zu
verdanken hatte. Du siehst mit Deinem Herz den Schmerz, den wir
erleiden mußten. Du siehst den Haß, der unsere Seelen zu
vernichten suchte. Doch bald ist die Zeit gekommen. Das Böse
versucht erneut, aus seinem Käfig zu brechen. Ihr seid die
letzte Hoffnung Ansalons, die letzte Hoffnung Krynns, die letzte
Hoffnung der Götter. Es wird nicht leicht, doch gemeinsam
werden wir die Kräfte der Vergangenheit beschwören, um die
Gegenwart zu besiegen, und die Zukunft zu retten. Dann verschwand
der alte Mann aus Tharons Geist; was blieb, war das Feuer. Und etwas
anderes. Tharon spürte die Augen, die ihn beobachteten, ihn
durchdrangen, seine Seele freilegten. In weiter Ferne schien sich
ein Schatten zu materialisieren, eine Gestalt näherte sich
Tharon, blieb jedoch immer so weit entfernt, daß er sie nicht
genau erkennen konnte. Doch etwas sah er - und dieses etwas
ließ Tharon vor Ehrfurcht erzittern. Kalte Tränen rollten
über seine Wangen, während Thendor ihm das Amulett vom
Hals riß und ihn wieder in den Kerker warf. Der Wind wurde immer stärker, entwickelte sich
zum Sturm, bald zum Orkan. Viel zu spät hatte die Mannschaft
auf der Wilden Einhorn die Vorzeichen des Unwetters erkannt. Nun
peitschten die Wellen über Bord, ließen riesige
Wassermassen auf das Deck knallen. Die Schreie der Seemänner
waren bei dem ohrenbetäubenden Lärm kaum zu hören,
gewaltiger Regen verkürzte die Sicht auf ein Minimum. „Holt die
Segel ein!!!" Santana erhielt keine Antwort auf ihren Befehl, den
sie - völlig nackt - von der Tür ihrer Kajüte aus
rief. Doch sie wußte, wenn die Segel nicht eingeholt werden
würden, würde der Wind die Maste zum brechen bringen.
Thendor zog gerade seine Hose hoch. Überraschend schnell ging
die Entwicklung des Sturmes voran. Auch er wußte, daß
die einzige Hoffnung, wenn es denn überhaupt noch eine gä
be, darin bestand, die Segel einzuholen, um dem Wind möglichst
wenig Angriffsfläche zu bieten. Santana rannte zurück zum
Bett. Obwohl sie nur kurz an der offenen Tür stand, war sie
klatschnaß. Schnell warf sie sich ein paar Sachen über,
Thendor war schon auf dem Weg nach draußen.
Geistesgegenwärtig zog Santana die beiden silberne Ketten an
sich, die auf ihrem Tisch lagen, während sie hinter ihrem
Zweiten Maat aus der Kajüte stürmte. Der Wind riß
sie zu Boden, das Wasser machte das Deck rutschig wie Eis. Sie
rappelte sich wieder auf und rannte zum Hauptmast, wo Thendor schon
mit einem anderen Seemann zusammen versuchte, das Tau ein zu ziehen,
welches das Hauptsegel einholen würde, doch durch Wind und
Regen blieb ihr Versuch erfolglos. Die Maste fingen schon an zu
knacken. Zwei andere Piraten versuchten, den beiden zu Hilfe zu
kommen, doch da brach der Hintermast, der kleinste der drei Masten,
und begrub die beiden Männer unter sich. Santana erkannte die
Hilflosigkeit dieser Situation. Ihr Schiff war verloren. Es gab nur
noch eine Rettung - das Rettungsboot. Die Halterung des Ruderbootes
war so konstruiert, daß man nur ein Tau durchschlagen
mußte, damit das Boot an die Rehling gezogen werden wü
rde. Das Durchschlagen eines weiteren Taus würde das Boot dann
in das Wasser fallen lassen. Santana versuchte, sich zurück in
ihre Kabine zu kämpfen, um einen Säbel zu holen, mit dem
sie den lebensrettenden Mechanismus in Gang bringen wollte. Wind und
Wellen machten ihr das Vorhaben ohnehin nicht leicht, da brach der
Hauptmast... Alles war dunkel
und schaukelte fürchterlich. Tharon hörte die Wellen gegen
das Schiff donnern. Er wußte nicht, wie lange er schon in
diesem Kerker war. Plötzlich zischte es kurz, ein Streichholz
entzündete sich. „Wer ist da?" „Ganz ruhig, Tharon. Ich bin's,
Quang." „Quang!?! Was machst Du denn hier?" Tharon war so ü
berrascht über die Anwesenheit seines Freundes, daß er
ganz vergaß, in was für einer Situation er sich befand.
„Ich bin Dir in den Hafen gefolgt. Als man Dich dann auf das Schiff
brachte, hab' ich mich an Bord geschlichen." „Ich habe Dir doch
verboten, mir zu folgen? Und wie konntest Du dich außerdem vor
den Piraten verstecken?" „Du hast mir nur verboten, mit Dir zu
kommen; von Folgen war nicht die Rede. Um Deine zweite Frage zu
beantworten: wer kommt schon auf die Idee, daß sich ein
blinder Passagier im Kerker versteckt hält? Übrigens bin
ich hier, um Dich zu retten. Du könntest ruhig etwas netter
sein." Quang war nun sichtlich beleidigt, während er eine
Fackel anzündete und aus einem seiner Beutel ein Schlü
sselbund mit Dietrichen zog. „Es tut mir leid, mein Freund. Ich war
nur etwas überrascht." "Ist schon in Ordnung. Komm, drauß
en wütet ein richtiger Orkan. Ich glaube, jetzt ist die beste
Möglichkeit zur Flucht. Ich weiß, wo das Rettungsboot ist
und auch, wie man es ins Wasser befördert. Eine interessante
Konstruktion. An beiden Enden des Boote ist ein starkes Tau
befestigt, das durch eine Öse gezogen mit einem Flaschenzug
verbunden ist, welcher sich seinerseits wieder an einem Haken am
Vordermast..." „Quang!!! Ganz ruhig. Du kannst mir alles später
erzählen, doch bring uns zuerst hier raus!" „In Ordnung, in
Ordnung. Ist ja gut. Bin schon dabei. Also, ich glaube, es war
dieser Dietrich hier, der das Schloß öffnete." Ein
leises Klicken gab Quang recht, das Schloß der Kerkertür
sprang auf. „Kannst Du laufen? Ich habe gesehen, daß die Dich
recht übel, zugerichtet haben." „Jaja, es geht. Ich hab' nur
irre Kopfschmerzen und mein Kiefer tut weh. Ansonsten ist alles in
Ordnung. Laß uns hier verschwinden." Als Quang die Treppen
nach oben stieg und die Tür öffnete, blies der starke Wind
in den Kerker. Tharon erzitterte am ganzen Körper. Erst jetzt
merkte er, daß er noch völlig nackt war. „Die Fesseln an
den Händen habe ich gelöst, Kleidung konnte ich aber hier
unten nicht finden." „Das können wir jetzt wohl nicht
ändern." Tharon und Quang traten vorsichtig aus der Tür
ins Freie. Die Gewalt des Orkans überraschte sie, und wenn
Tharon seinen kleinen Freund nicht festgehalten hätte, hä
tte die große Welle, die über den beiden zusammenschlug,
den Kensch wohl über Bord gespült. Auf Deck herrschte das
reinste Chaos. Zwei der drei Masten waren schon gebrochen. Nur der
Vordermast stand noch. Tharon wußte, daß es auf Grund
eines so starken Windes nur noch eine Frage der Zeit war, bis auch
der letzte Mast brechen würde, und wenn er Quang eben richtig
verstanden hatte, gab es dann keine Möglichkeit mehr, das
Rettungsboot ins Wasser zu lassen. „Schnell!!! Wir müssen uns
beeilen!!!" Quang verstand nicht, was Tharon ihm zubrüllte, das
Heulen des Windes, das Klatschen der Wassermassen übertö
nte fast jedes andere Geräusch. Doch der Kensch konnte sich
denken, was Tharon zu ihm gesagt hatte. Sofort rannte er auf das,
Ruderboot zu, der Mensch folgte ihm dicht, stets bereit, Quang bei
einer weiteren Welle erneut festzuhalten. Tharon sah zwei tote
Piraten unter dem Hintermast liegen, ansonsten war niemand auf dem
Deck zu sehen. Plötzlich kam hinter dem Hauptmast der krä
ftige Seemann hervorgesprungen, der Tharon das letzte Mal
niedergeschlagen hatte. Mit einem wütenden Schrei, der
allerdings auch im Getöse des Sturms verhallte, griff der
waffenlose Thendor den nackten Tharon an. Doch diesmal waren Tharons
Hände nicht verbunden. Thendor holte aus und wollte Tharon
wieder einen kräftigen Schlag ins Gesicht verpassen, doch
dieser konnte sich ohne Probleme ducken. Thendor, der durch die
Wucht seines eigenen Schlages nun schräg zu Tharon stand, hatte
für einen kurzen Moment keine Deckung. Tharon nutzte die
Gelegenheit und schlug so fest er konnte in die Seite des Seemanns.
Er hörte zwar nichts, doch die Tatsache, daß seine Hand
kaum Widerstand am Körper des Gegners spürte, verriet
Tharon, daß sein Schlag Wirkung gezeigt hatte - die Rippen
waren gebrochen. Sofort seiner Atemluft beraubt, sackte Thendor auf
die Knie, nur um sofort danach einen Tritt gegen den Kopf zu
bekommen, der ihn endgültig zu Boden warf. Quang rieb sich sein
Schienbein. Sein Tritt tat ihm bestimmt fast genauso weh wie dem
Seemann - so dachte er zumindest. Ohne weiter Zeit zu verlieren,
rannten die beiden Freunde wieder auf das Rettungsboot zu. Nur noch
der Hauptmast stand zwischen ihnen und dem Vordermast, an dem das
Boot befestigt war. Als sie über ihn hinwegkletterten sah
Tharon, warum Thendor hier zuvor beim Mast gekniet hatte. Er zeigte
Quang mit einem Handwink, daß er das Boot schon einmal bereit
machen solle. Quang gehorchte sofort und zog seinen Dolch, um das
erste Tau zu lösen. Tharon kniete sich nun hin. Vor ihm unter
dem Mast begraben lag Santana, ihr Oberkörper war frei, doch
ihre Beine wurden von der schweren Last nach unten gedrückt.
Tharon versuchte mit aller Kraft, den Mast anzuheben, doch die paar
Millimeter, die er schaffte, reichten nicht aus. Erschöpft
sackte er neben Santana zusammen. Sie atmete noch. Ich muß sie
retten!!! Tharon vernahm ein Leuchten neben sich. Als er sich
umdrehte, sah er sein Amulett auf dem Deck liegen. Die Oberflä
che schimmerte in einem leichten Blauton. Tharon hob seine Kette auf
und legte sie sich um. Sofort spürte er wieder Kraft durch
seinen Körper fließen. Jetzt versuchte er es noch einmal.
Er kniete sich wieder hin und versuchte erneut, den Mast
hochzustemmen. Ein lautes Knacken, daß vom Vordermast kam,
störte seine Konzentration. Tharon drehte sich zum
Rettungsboot, von wo aus Quang ihn erschreckt anstarrte, dann aber
sofort wieder damit begann, das Tau mit seinem kleinen Dolch zu
bearbeiten. Endlich riß das erste Tau, und die riesige
Holzplanke, die das Boot mit dem Vordermast verband, schwang zur
Seite über die Rehling, so daß es nun über dem
Wasser hing. Jetzt nur noch das zweite Seil lösen, und es geht
ab ins Wasser. Während sich Quang nun an das nächste Tau
machte, versuchte Tharon nochmals, den Hauptmast anzuheben. Diesmal
konzentrierte es sich völlig auf sein Vorhaben. Er hörte
nichts mehr. Keinen Wind, keine Wellen. Mit aller Kraft stemmte er
den Mast in die Höhe. Fünf Zentimeter, das reichte. Mit
nur einer Hand hielt Tharon den Mast auf dieser Ebene, während
er mit der anderen Santana unter dem Mast hervorzog. Völlig
erschöpft ließ der das riesige Holzstück zu Boden
krachen, Santana lag nun in seinen Armen. Die riesige
Kraftanstrengung drohte ihm die Besinnung zu rauben. Doch ein
gewaltiger Lärm ließ ihn aufschrecken. Der Vordermast
knallte direkt vor seine Füße und verfehlte ihn und die
bewußtlose Santana nur knapp. Tharon nahm sie auf den Arm und
stand mit ihr auf. Das Rettungsboot war nirgends zu sehen...
Zeitpunkt des Erkennens
„Tharon!!! Schnell!!! Nur noch
ein Hieb, und das Tau ist durch!!!" Quang schrie aus dem
Rettungsboot so laut zu Tharon herüber, wie er konnte. Doch
dieser hörte ihn nicht, was nicht am lauten Getöse des
Sturmes lag, sondern an der tiefen Konzentration, die Tharon
aufbringen mußte, um den riesigen Mast anzuheben, unter dem
Santana begraben lag. Erneut knackte der Vordermast, an dem das Boot
hing. Ein großer Spalt wuchs am unteren Ende des Mastes.
„Tharon!!! Der Mast kann jeden Augenblick..." Doch da war es schon
zu spät. Mit einem letzten Krachen brach der Mast wie ein
Streichholz und knallte mit ungeheurer Wucht auf das Deck - das Tau,
welches das Boot mit dem Mast verband, hielt diese Belastung nicht
mehr aus. Quang wurde vom Rettungsboot mit in die Tiefe gerissen,
bis es schließlich unsanft auf die Wasseroberfläche
schlug. Unsicher schaute Quang über den Rand. Hohe Wellen
ließen das Ruderboot förmlich durch die Luft fliegen,
doch es hielt und landete immer wieder sicher mit dem Bauch nach
unten auf dem Wasser, so daß sich der Kensch relativ sicher
fühlte. Doch was sollte nun aus dem großen Schiff werden,
auf dem sich immer noch Tharon befand? Es trieb nun führerlos
durch den Sturm, die Wellen drängten es immer weiter auf die
Küste zu. Mit einem kleinen Rettungsboot konnte man sicherlich
unbeschadet an den Riffen vorbeikommen, auf die die Wellen die Boote
nun steuerten, aber ein so großes Schiff, wie es die Wilde
Einhorn war, hatte hier keine Chance. „Armer Tharon. Hoffentlich
schafft er es irgendwie, sicher an Land zu kommen. Armer Tharon,
mein Freund..." Quang fing an zu schluchzen, während sich das
Ruderboot von den Sturmwellen langsam auf die Küste zuwerfen
ließ. Schon bald war der große Dreimaster außer
Sicht, nur gelegentlich erhellte ein Blitz den Himmel so lange,
daß Quang das Schiff in einiger Entfernung sehen konnte, bis
es schließlich endgültig verschwand. Durch seine von
Regen und Tränen verschmierten Augen konnte Quang die ersten
Felsen aus dem Wasser vor sich ragen sehen... Es dauerte ungefähr zwei Stunden - die
Morgendämmerung hatte bereits eingesetzt - bis Quang mit dem
Rettungsboot das Festland erreichte. Gelegentlich war er mit dem
Boot gegen einen Felsen geprallt, der aus dem Wasser ragte, doch es
hielt. Als die Brandung nun den kleinen Kensch sicher an den Strand
warf, legte sich auch der Sturm langsam. Zwar regnete es immer noch
sehr stark, doch die See hatte sich weitestgehenst beruhigt, die
Wellen sahen jetzt nicht mehr so furchteinflößend aus.
Quang sprang mit einem Satz aus dem Rettungsboot und war froh,
als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte.
Neugierig betrachtete er die Umgebung. Entlang der Küste zog
sich ein etwa 50 Schritt breites Band aus feinstem weißen
Sand, dahinter begann es bereits hügelig und bewaldet zu
werden. Dies konnte nur Nordergod sein - Land der Zauberwälder
und Legenden. Bei den Kendern gab es kein Gebiet auf Ansalon, aus
dem es mehr Geschichten zu erzählen gab. Es war bekannt fü
r wunderschöne Landschaften und rauhes Wetter. Es wurde auch
gesagt, daß man als Reisender besser immer auf den Straß
en bleibt, denn zu viele Leute sind schon für immer
verschwunden. Dämonen und Geister sollen in den Wäldern
herrschen, doch auch wilde Goblinbanden und gefährliche Tiere
treiben hier angeblich ihr Unwesen. Quang begann, den Strand
entlang zu gehen, wobei er gedankenverloren an einen altes Gedicht
seiner Mutter denken mußte. Fürchte die Augen, die
um Dich sind, denn Blicke töten zu geschwind Fürchte
die Klauen um Deine Kehle, denn sie erwürgen Deine Seele
Fürchte Dich vor der Schattenwelt, die nicht einmal die Sonn'
erhellt Doch wenn Du bleibst auf Deinen Wegen, kein böses
Ding wird Dich erlegen Plötzlich wurde Quang aus seinen
Gedanken gerissen. Am Strand verteilt lagen viele Holzsplitter und
Balken, auch ein paar größere Stücke, offensichtlich
von einem Schiffsrumpf Und an einem Balken hing eine Platte, ein
verziertes Schild. Quang brauchte die silbernen Buchstaben gar nicht
erst zu lesen. Er wußte, was er vor sich hatte... Einer von Euch ist falsch. Du mußt
Dich hüten. Sehe mit Deinem Herzen und entlarve den Verrä
ter. Er wird Schande über uns alle bringen... Als Lynn
erwachte, fühlte sie sich stärker als die Tage zuvor. Auch
ihr Kopf war nicht mehr benebelt. Die Sonne ging gerade auf, Vö
gel zwitscherten, die Luft roch angenehm nach Wald und der Regen
hatte aufgehört. Es war ein wundervoller Herbsttag. Das
einzige, was diese Idylle störte, war das Blut an Lynns Schwert
und die Erinnerung an den vergangenen Kampf Früher hatte ihr
der Tod eines Fremden nichts ausgemacht, doch bei diesem Wesen,
diesem mächtigen Minotauren, war das anders. Sie trauerte um
ihn, als habe sie einen guten Freund verloren, dabei war sie sich
sicher, daß sie diese Kreatur noch niemals vorher gesehen
hatte. Oder doch? Lynn erschrak, als sie die leisen,
murmelnden Worte hinter sich hörte. Als sie sich umdrehte, sah
sie Jalanthas, mit dem Rücken zu ihr gedreht, vor den Resten
des Lagerfeuers gebückt. Der Sturm letzte Nacht hatte den
Lagerplatz in ein Schlammloch verwandelt, Lynns Kleider waren von
oben bis unten beschmiert. Doch Jalanthas dunkle Robe - manchmal
schimmerte sie etwas gräulich, dann wieder eher blau - war
sauber geblieben. Nicht ein Staubkorn bedeckte den edlen Saum. Der
Elf war es, der die leisen Worte vor sich hinsummte. Es klang fast
wie ein Lied, gesungen in der Sprache der Magie. Dabei schü
ttelte er leicht mit der einen Hand eine fingergroße Flasche,
während er in der anderen ein silbernes Stilett hielt. Plö
tzlich verstummte er, schluckte den bläulichen Inhalt der
Flasche hinunter und stach sich mit dem Stilett tief in den
Unterarm. Sofort begann er, das fließende Blut aus seiner
Wunde zu trinken. Nach ein paar Sekunden hielt er inne. Lynn, die
inzwischen zu ihm getreten war und ihm nun ins Gesicht sehen konnte,
sah seine Augen wie bei einem Wahnsinnigen aufgerissen, aus seinem
Mund lief Blut. Er sah sie an, doch schien er sie nicht zu
registrieren. Er breitete die Arme aus, ließ die leere Flasche
und sein silbernes Stichwerkzeug fallen. Sein Körper fing an zu
zittern, daß Lynn vor Schreck einen Schritt zurücktrat
und über einen Holzscheit stolperte. Während sie sich
wieder aufrichtete, bebte Jalanthas' Körper weiter, das Blut
schoß aus seiner Armwunde. Sein Mund formte Worte, die
allerdings nur wie ein Krächzen aus ihm herauskamen: „Jetzt
kenne ich Dein Geheimnis, alter Mann!!! Jetzt weiß ich, wer Du
bist!!! Doch über mich hast Du keine Gewalt!!! Nicht über
mich!!!" Mit einem letzten Aufschrei brach der Dunkelelf
zusammen und zuckte noch einmal vor Schmerz kurz zusammen, bevor er
regungslos auf dem Bauch liegenblieb. Lynn kniete sich neben ihn und
fühlte seinen Puls. Er war sehr schwach und
unregelmäßig. Als sie Jalanthas auf den Rücken
drehte, wurde ihr Blick von seinem Medaillon festgehalten. Das
Amulett mit dem Einhorn, dazu noch ein Pfeil und ein silberner
Bogen. Was hatte das alles zu bedeuten? War er aus dem selben Grund
hier wie sie? Wurde auch er von dem alten Mann gerufen, und wenn ja,
war er der Verräter? Lynn wußte nicht, was sie von der
ganzen Sache halten sollte. Sie entschloß, sich erstmal um den
wunderschönen Elfen zu kümmern. Also verband sie seine
Wunde, wickelte ihn in ihre Wolldecke und machte sich auf den Weg,
um etwas trockenes Holz für ein Feuer zu suchen, während
Jalanthas von wilden Visionen geplagt wurde... Tharon stand völlig nackt auf dem Deck der
Wilden Einhorn. Auf seinem Arm trug er Santana, die durch den Schlag
des Mastes noch immer bewußtlos war, während der Sturm
immer noch wild wütete und große Wellen gegen das Schiff
warf. Hilflos dreht sich Tharon immer wieder im Kreis. „Quang!!!"
Keine Antwort. „Quaaang!!!" Doch der Kensch war nirgends zu sehen.
Tharon legte Santana neben sich vorsichtig auf den Boden und rannte
so schnell er konnte an die Rehling. Er hielt Ausschau nach dem
Rettungsboot, in dem Quang sich befinden mußte, doch er konnte
durch den strömenden Regen und die Dunkelheit nichts erkennen.
Mit einem Mal ertönte ein lautes Krachen und Quietschen, das
Schiff schien sich schnell zu drehen und zu kippen. Das Große
Riff. Wir sind verloren... Tharon eilte zurück zu Santana
und nahm sie behutsam wieder auf seine Arme, doch ein erneutes
Erschüttern des Schiffes ließ ihn stolpern. Mit voller
Wucht fiel er auf den umgestürzten Mast neben sich. Seine
Rippen schmerzten, er schmeckte Blut in seinem Mund, und doch
versuchte er, aufrecht stehen zu bleiben. Allerdings hatte Tharon
seine Sinne nicht mehr unter Kontrolle. Er spürte, wie er
langsam das Bewußtsein verlor, wie langsam alles dunkel wurde,
alles still. Nichts war mehr um ihn herum, was er noch wahrnehmen
konnte. Und trotzdem hielt er Santana noch immer fest in den Armen.
Selbst dann noch, als das Schiff endgültig umkippte und an den
Felsen zerbrach. Tharon merkte nicht, wie er in das kalte Wasser
fiel. Das einzige, was er spürte, war Santanas Nähe, sein
Medaillon, und - wie eine Hand ihn ergriff und in die Tiefe zog...
Ein sanftes Meeresrauschen
ließ Tharon erwachen. Er konnte nichts sehen, da seine Augen
verbunden waren, doch er spürte, daß er bekleidet und
zugedeckt in einem weichen Bett lag. Er wollte sich aufrichten und
die Binde von seinen Augen entfernen, doch starke Schmerzen machten
jede Bewegung zu einer unerträglichen Tortur. Eine sanfte
Stimme meldete sich: ,,Bleibt ganz ruhig liegen, Kthury. Ihr seid
schwer verletzt, doch es wird Ihnen bald besser gehen, wenn Ihr nur
Ruhe bewahrt." Tharon konnte diese Stimme nicht einordnen - sie
klang sanft wie die eines Elfen, doch mit einem merkwürdigen
Akzent, den er nicht kannte. Tharon konnte nicht einmal gewiß
sagen, welchen Geschlechts die Stimme war. „Santana?" Seine Worte
waren schwach. „Eure Begleiterin? Es geht ihr gut. Wir haben sie
gepflegt, gnädiger Kthury. Sprecht nun nicht weiter. Ihr
braucht Ruhe." „Wer bist Du?" „Wir sind Euer gnädigst ergebener
Diener, Kthury. Ihr hattet einen Unfall. Doch wir sind zutiefst
geehrt, Euch aufnehmen zu dürfen. Entschuldigt, doch wir
müssen nun nach Euer Begleiterin, Santana Kthury, sehen.
Behaltet Ruhe, Meister Tharon Kthury." „Mein Name... ist
Tharon... nur Tharon" „Sprecht nicht zuviel, Tharon Kthury. Wir
werden bald zurück sein." Mit diesen Worten verschwand die
merkwürdige Gestalt geräuschlos. Tharon versuchte noch
einmal, sich aufzurichten, doch er war zu schwach, die Schmerzen zu
groß. Mit einem Seufzer ließ Tharon sich einfach gehen.
Soll diese weiche Matratze ruhig erstmal mein Bett sein. Ich brauche
Ruhe. Ich bin so müde... Während Tharon schlief,
wärmte sein Amulett angenehm seine Brust. Ihr müßt
vorsichtig sein. Es gibt bereits einen Toten zu beklagen. Auch
spüre ich Zwietracht unter euch. Laßt den Verräter
nicht das große Werk zerstören. Das Leben aller Kreaturen
Krynns steht auf dem Spiel. Beeile dich, Tharon. Du mußt mit
Santana möglichst schnell zu unserem Treffpunkt kommen, damit
ich euch alles erklären kann. Wer ihr wart, wer ihr seid und
wer ihr werdet. Wo ist unser Treffpunkt? Wie erkenne ich den
Verräter? Gib mir Antworten, ich kann nicht länger im
Ungewissen bleiben. Was willst Du von mir? Du bringst nichts als
Schmerz, hast mein Leben aus seinen Angeln gerissen. Ich möchte
einfach nur nach Hause. Du bist auf dem Weg zu deinem Zuhause.
Habe Geduld. Du wirst Antworten bekommen. Nein, alter Mann.
Verschwinde aus meinem Kopf. Verschwinde aus meinem Leben. Schon
viel zu lange bin ich dir gefolgt. Du hast keine Macht mehr ü
ber mich! Tharon, nicht. Wir müssen zusammenhalten,
vereint gegen das Böse, so wie es... - Nein, es ist noch zu
früh. Du mußt kommen, Du bist unsere einzige Hoffnung.
Nur wenn alle Überlebenden zusammentreffen, kann ich das Band
endgültig knüpfen. Habe Vertrauen. Nein, ich
vertraue dir nicht. Nicht mehr. Geh' aus meinem Kopf!!! Geh'...
„Tharon! Wach auf! Du hast geträumt." Langsam öffnete
Tharon seine Augen. Sie waren nicht mehr verbunden, auch seine
Rippen schmerzten nicht mehr so stark wie vorher. Er schaute sich
um. Er sah das wunderschöne Gesicht Santanas, und
offensichtlich befand er sich in einer Art Höhle, die
allerdings keinen Ausgang zu haben schien. Nur in der Mitte der
Höhle war ein Loch im Boden, daß bis zum Rand mit Wasser
gefüllt war und auf wundersame Weise hellblau leuchtete und
somit die einzige Lichtquelle in diesem Raum war. Er vernahm
angenehmes Meeresrauschen, das aus nächster Nähe zu kommen
schien. „Du hast viele Stunden unruhig geschlafen. Ich hatte schon
Angst, Dich zu verlieren." „Santana! Was ist passiert? Wie geht es
Dir?" Santana kniete am Kopfende von Tharons Ruhestätte und
streichelte über seine Stirn. „Es wird alles gut. Bald wird es
Dir besser gehen, und dann werden wir zusammen den Treffpunkt
aufsuchen." Gespielt liebevoll lächelte Santana Tharon an.
„Woher weißt Du von dem' Treffpunkt? Hat der Alte Dich
geschickt, um mich mitzureißen?" „Nein, Tharon. Ich bin wie
Du. Sieh her." Santana zeigte Tharon ihr Amulett. Das silberne
Einhorn mit dem prächtigen Schwert. „Aber was...?" Tharons
Worte wurden durch Santanas Lippen unterbrochen. Nach einem langen,
leidenschaftlichen Kuß kroch Santana unter Tharons Decke. „Du
mußt Dich erholen, damit Du die Reise überstehst. Ich
werde Dir dabei helfen." Mit diesen Worten stellte sich Santana im
Bett hin und ließ ihr Kleid fallen. Sie trug nichts darunter.
„Das nennst Du Erholung?" Die nackte Schönheit antwortete ihm
gelassen: „Du hast mich gerettet. Dafür bin ich Dir zu
großem Dank verpflichtet." Sie legte sich wieder zu ihm und
schmiegte sich eng an seinen Körper, ihre Lippen formten ein
süßes Lächeln. Dann begann sie, Tharons Hals mit
zärtlichen Küssen zu liebkosen, um anschließend
langsam nach unten zu rutschen, um die Knöpfe von Tharons Hemd
mit den Zähnen zu öffnen. Als seine Brust völlig
unbedeckt war, wiederholte Santana die Prozedur mit seiner Hose.
Tharon konnte nichts weiter machen, als dazuliegen und Santanas
Spiel zu genießen, daß ihre Lippen und ihre Zunge auf
seiner nackten Haut veranstalteten. Er schloß die Augen und
streichelte ihr sanft durch das lange Haar, während Santana ihn
sanft befriedigte. Nachdem sie Tharon auf erotischste Weise
geküßt hatte, setzte sich Santana auf ihn und führte
ihn vorsichtig in sich ein. Tharons Hände glitten über
ihre weiche, glatte Haut, über ihre wohlgeformten Brüste.
Er streichelte die Innenseite ihrer Oberschenkel, und wenn Santana
sich weiter nach vorn beugte, liebkoste er mit Seiner Zunge ihre
Brustwarzen. Nach einiger Zeit krallte Santana ihre Finger in die
Schultern Tharons und riß sie bis zu seinem Bauchnabel
herunter, wobei sie blutige Strähnen hinterließ. Du
gehörst mir, und mit Deiner Hilft werde ich endlich hinter das
Geheimnis des alten Mannes kommen, Du elender Narr - mein Tharon...
Als Tharon am nächsten
Morgen erwachte, lag Santana mit ihrem Kopf auf seiner Brust.
Zärtlich fuhr er durch ihr Haar und küßte ihre
Stirn. Sie drehte sich etwas, ohne jedoch den Kopf von ihm zu nehmen
oder ihre Augen zu öffnen, murmelte einige unverständliche
Worte und kam mit einem glücklichen Lächeln wieder zur
Ruhe. Plötzlich stand eine kleine Gestalt vor Tharon am Bett.
„Wir sehen, dem Tharon Kthury geht es besser. Wir hoffen, Ihr habt
zu genüge geruhet." Tharon erschrak, als er in das schrumpelige
Gesicht des Wesens blickte. Diese Kreatur war nicht größ
er als einen Meter und ähnelte einem Kobold, jedoch war seine
Haut blaugrün und mit Schuppen besetzt. Das Ding schaute Tharon
aus tiefschwarzen, traurigen Augen an. „Wer bist Du? Hast Du uns
gerettet?" „Unser Name ist Birrf. Wir fanden Euch bewuß
tlos im Wasser schwimmend, da haben wir Euch hierher gebracht,
gnädiger Kthury." „Was bist Du, Birrf? Und was zum Teufel
ist ein Kthury?" „Wir sind ein Birrf, das sagten wir doch
schon. Geht es dem Kthury wieder schlechter?" Birrf klang wirklich
sehr besorgt. „Nein, mir geht es gut. - Sehr gut" setzte Tharon den
Satz zu Ende, als er die schlafende Schönheit neben sich
betrachtete. „Wo sind wir?" „Dies ist unser Zuhause. Nicht weit vom
Strand. Wenn sich der Kthury besser fühlt, können wir Ihn
sicher dorthin begleiten." Tharon seufzte einmal tief durch.
„Später. Sag' mir erst, was ein Kthury ist, bitte." Langsam
hatte er keine Geduld mehr. „Ihr seid ein Kthury. Der erste,
den wir seit langem gesehen haben. Und dann auch noch in Begleitung.
Wir waren sehr überrascht, aber natürlich zutiefst
geehrt." Das hat wohl keinen Sinn mehr. „Hast Du noch einen dritten
kthury gesehen, einen kleinen, nur etwas größer als Du?"
„Noch einen Kthury? Nein, wir haben nur Euch beide gesehen. Und
einen kleinen Menschen, aber der ist sicher an Land gekommen."
„Quang! Er hat es geschafft. Paladin sei dank. - Aber Quang ist kein
Mensch. Er ist eine Mischung aus einem Zwerg, einem Mensch und einem
Kender." „Nein, er war ein Mensch. Alle, die auf dem Lande gehen
sind Menschen für Birrf. Das wissen wir genau. Alle, die in der
Luft fliegen, sind Vögel. Er ging auf dem Lande, er ist ein
Mensch. Da sind wir uns sicher." Jetzt war Tharon noch verdutzter,
und seine Geduld schien nun endgültig am Ende zu sein. Doch er
ließ es dabei beruhen. „Ich möchte mit meiner Gefä
hrtin bitte möglichst schnell an Land." „Natürlich. Wir
werden Euch alleine lassen, damit Ihr Euch bereit machen kö
nnt." Mit diesen Worten war Birrf plötzlich verschwunden.
Tharon schüttelte den Kopf, verwundert über diese
kleine Gestalt. Er stand auf, um sich anzuziehen, und hielt vor
Schmerz seine Hände an seine Brust. Seine Haut brannte wie
Feuer, doch als Tharon an sich herunter sah, erkannte er, daß
die Schmerzen lediglich von den Kratzspuren Santanas kamen. Er nahm
die Kleidungsstücke, die am Ende des Bettes lagen, und zog sie
an. Es war eine schwarze Lederhose und ein schwarzes Hemd, sehr
elegant geschneidert. Tharon wußte nicht, woher diese Kleidung
stammte, doch im Geiste dankte er dem kleinen Birrf. Auch das Kleid
Santanas, welche jetzt auch langsam erwachte, befand sich noch
zusammengeknäult am Fußende des Bettes. Santana
richtete sich auf und streckte sich. Tharon funkelte sie mit
glänzenden Augen an, und sie lächelte ihm zurück.
Verdammt, was für schöne Augen er hat - Ach, hör doch
auf. Er ist nichts weiter als ein Werkzeug, so wie jeder andere Mann
auch. Sie stand auf, gab Tharon eine innige Umarmung und einen
zärtlichen Kuß, und zog sich dann ihr Kleid an. Kaum
hatte sie den letzten Knopf zugemacht, geschah etwas eigenartiges.
Die ganze Höhle flimmerte plötzlich in einem grellen Blau,
welches Tharon und Santana dazu zwang, die Augen zu schließen.
Als das Licht schwächer wurde, und die beiden ihre Augen wieder
öffnen konnten, befanden sie sich nicht länger in der
Höhle. Sie standen an einem weißen Sandstrand, vor ihnen
der kleine Birrf. „Wir wünschen Euch eine gute Reise, Tharon
Kthury und Santana Kthury." Birrf drehte sich um und wollte
anscheinend ins Wasser gehen, als Tharon plötzlich ein Gedanke
durch den Kopf schoß. Ein Gedanke, auf den er vorher nicht
gekommen war. „Wenn ein Mensch alles ist, was auf dem Land geht,
warum bin ich dann ein Kthury?!" Doch Birrf hatte sich bereits in
Luft aufgelöst.. Es war
nicht viel, doch Lynn war froh, daß sie überhaupt noch
trockenes Holz gefunden hatte. Zudem konnte sie ein junges Reh
erlegen, mit Sicherheit genug Fleisch für die nächsten
fünf Tage. Während sie zurück zum Lager ging, wo sie
sich um Jalanthas kümmern wollte, dachte sie über ihr
bisheriges Abenteuer nach. Angefangen hatte alles in Solace:
Es war ein warmer Spätsommerabend, als Lynn sich erschöpft
im Wirtshaus „Zur Letzten Bleibe" ausruhte. Sie wanderte seit Wochen
im Land umher, um neue Arbeit zu finden, nachdem sie in den
Kohleminen im Südosten gekündigt hatte. Der Verdienst war
nicht der allerbeste, außerdem gefiel es ihr nicht, stä
ndig von den anderen Zwergen, die dort arbeiteten, schief angesehen
zu werden. Das Leben als Ausgestoßene war nicht einfach. Dabei
konnte sie doch nichts dafür - wer kann schon etwas dafür,
als was er geboren wird? Auf jeden Fall verdiente sie sich das
Nötigste als Handlanger bei Schmieden und als Aushilfe in
Kneipen. Einmal hatte sie sogar bei einem Wettstreit gegen einen
betrunkenen Seemann ein Silberstück gewonnen. Zudem mußte
der Seemann seine Niederlage mit dem Verlust einer Hand beklagen,
die Lynn ihm aus Notwehr mit ihrer Axt abtrennte, als er ihr von
hinten einen Dolch in den Rücken werfen wollte. Doch
jetzt war Lynn in diesem kleinen, gemütlichen (und scheinbar
langweiligen) Städtchen hängengeblieben. Sie hatte genug
Geld gesammelt, um sich einige Tage ein Zimmer zu mieten, und diesen
Luxus wollte sie sich einfach einmal gönnen, nachdem sie
wochenlang immer unter freiem Himmel schlafen mußte.
Eigentlich machte ihr das nichts aus, doch jetzt, wo sich die
Gelegenheit eines warmen Bettes anbot, wollte sie auch nicht nein
sagen. Sie suchte sich ein kleines Hotelzimmer am Rande von Solace
und verbrachte den Tag damit, sich in der ,,Letzten Bleibe"
aufzuhalten, um sich nach Arbeit umzuhören. Die Kneipe gefiel
ihr. Nicht nur, daß sie weit oben in einem
Vallenholzbaumgipfel lag, auch das Bier und die Würzkartoffeln
schmeckten köstlich. Jedoch gab es in Solace anscheinend
niemanden, der irgendeine Art Hilfe benötigte. Nicht, daß
Lynn von den Bewohnern unfreundlich behandelt worden wäre (ganz
im Gegenteil - noch nie fühlte sich Lynn in einer Stadt so wohl
wie hier), es gab hier einfach nichts für sie zu tun. Doch
eines Abends wurde sie von einem alten Mann angesprochen, der das
selbe geheimnisvolle Amulett trug wie sie, nur daß unter
seinem Einhorn keine Streitaxt wie bei ihr war, sondern ein
prunkvolles Schwert. Er sagte ihr, daß er ihr etwas über
ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen werde,
daß sie nach Nordergod reisen müßte, um sich selbst
kennenzulernen. Irgendwie stand Lynn sofort unter dem Bann des
Alten, der so eine unheimliche und doch anziehende Ausstrahlung
hatte. Doch so plötzlich wie der Alte in Solace erschienen war
(niemand kannte ihn hier, Lynn hatte überall nachgefragt)
verschwand er auch wieder. Gleich am nächsten Tag brach die
Kriegerin auf, um den Gedanken dieser geheimnisvollen Person zu
folgen, die von nun an fast jede Nacht in ihrem Kopf
umhergeisterten. Doch die Reise sollte nicht leicht werden. Lynn
hatte bisher vermutet, daß sich die Armeen der Drakonier an
der Ostküste versammelten. Zumindest erzählte man sich das
im ganzen Reich. Doch auf ihrem Weg nach Nordergod erschienen ihr
bestimmt ein Dutzend Echsenpatrouillen, die eben nicht auf dem Weg
nach Osten waren, sondern nach Nordwesten. Lynn konnte sich das
nicht erklären, hielt sie doch die bösen Drachen für
geschlagen und gezwungen, sich erst neu zu formieren. Doch
irgendwas schien sich in den nördlichen Regionen
zusammenzubrauen. Als Lynn den Lagerplatz erreichte, wo sie den
verletzten Jalanthas versorgen wollte, wurde sie aus ihren
Gedanken gerissen. Der Elf war verschwunden, das Lager verwü
stet. Als Lynn fassungslos die durcheinandergewühlten Gepä
ckstücke anstarrte, traten zwei Gestalten auf die kleine
Lichtung... „Was ist passiert,
Tharon?" Santana schaute ungläubig um sich. Wie kamen wir so
plötzlich an den Strand?" „Das war dieser Birrf. Komischer
Wicht, doch er hat uns scheinbar beiden das Leben gerettet."
„Ja, das hat er wohl. Als ich in der Höhle das erste Mal zu mir
kam, versorgte er mich gerade. Er nannte mich immer Kthury
oder so ähnlich. Was hat das zu bedeuten?" „Ich weiß es
nicht." Tharon sprach so leise, daß Santana ihn gar nicht
verstanden hatte. „Was sagtest Du?" „Ich sagte, ich weiß es
auch nicht. Ich weiß überhaupt nicht, was ich hiervon
halten soll." Santana beobachtet weiterhin interessiert die
Umgebung. Dann, in einem Anfall von Euphorie, rief sie: ,,Tharon,
schau! Der weiße Sand, die Hügel und Wälder -
daß muß die Nordküste von Nordergod sein. Wir sind
fast am Ziel!" Sie umarmte Tharon, doch er riß sich
sofort los, schaute sie verärgert an und schrie: „Unser Ziel?!
Was soll denn unser Ziel sein? Ist es unsere Bestimmung, zu tun, was
irgend so ein alter Illusionist in unseren Geist zaubert? Ist das
Dein Ziel? Dann viel Glück. Mein Ziel ist es nicht!!!"
Tharon drehte sich um und ging schnell den Küstenstreifen
entlang. Santana rannte Tharon hinterher, schleuderte ihn an den
Schultern herum und schlug ihm mit der Faust so stark ins Gesicht,
daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte. Während
Tharon völlig verdutzt am Boden saß und sich seinen
Unterkiefer hielt, brüllte Santana ihn an: „Willst Du nicht
wissen, wer Du bist?!? Bist Du nicht daran interessiert, zu
erfahren, woher Du kommst, was diese ganze Sache auf sich hat?"
Santana sank vor ihm auf die Knie und begann zu schluchzen, die
Tränen schossen ihr unkontrolliert über die Wangen.
„Willst Du nicht wissen, warum Du eine einsame Kindheit geführt
hast, warum Du keine Eltern hattest, die Dich liebten? Dann geh doch
zurück in Dein ungewisses Leben. Aber merke Dir, daß Du
damit nicht nur Dein eigenes Leben im Dunkeln beläßt. Ich
brauche Dich, um mich selbst kennenzulernen. Bitte, Du mußt
mit mir kommen." Nun verlor sich Santana völlig in Tränen
und stürzte Tharon in die Arme. Er nahm Santana in den Arm.
„Ist ja gut. Es tut mir leid. Wir werden zum Treffpunkt gehen. Wir
stehen das gemeinsam durch." Er versuchte sie mit seiner ruhigen
Stimme zu trösten. Das breite Grinsen auf ihrem Gesicht konnte
er nicht sehen. Ich hab Dich wieder in meiner Hand, mein kleiner
Tharon. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg ins
Landesinnere, durch die wunderschönen Wälder von
Nordergod, bis sie schließlich nach ein paar Stunden auf eine
kleine Lichtung traten. Unweit von ihnen war ein kleine, verwü
stete Feuerstelle, an der eine Zwergenkriegerin stand. Als die
Kriegerin sie bemerkte, starrte sie Santana und Tharon an, ohne sich
zu rühren. Auch die beiden Schiffbrüchigen konnten sich
nicht rühren und sahen wie gebannt zu der Gestalt am Lagerplatz
herüber. Irgendwie schienen sie zu wissen, wen sie dort sahen.
Sie waren sich nicht fremd; es war, als würden sie sich schon
eine Ewigkeit kennen. Keiner von ihnen wußte, wie lange sie so
dastanden, da trat noch eine vierte Person auf die kleine Lichtung.
Es war ein alter Mann in einer aschgrauen Robe, um seinen Hals hing
das selbe Amulett wie bei den drei anderen, doch seines schien von
allen am hellsten im Licht der untergehenden Sonne zu strahlen.
Seine Stimme klang ruhig und hatte doch einen majestätischen
Unterton: „Meine Kinder, nun begrüßt Euch schon, wie es
sich für Geschwister gehört."
Das Geheimnis wird gelüftet
Sie standen einfach da und
starrten sich an, verteilt um das Lagerfeuer. Tharon, Santana, Lynn
und der Alte. Er war immer noch in seine grauen Gewänder
gehüllt, doch seine Kapuze war nun zurückgeschlagen und
verbarg nicht länger sein altes, von tiefen Narben zerfurchtes
Gesicht. Über seinem Rücken trug er einen riesigen
Leinsack. Er schaute lächelnd in die Runde und schien die
verdutzten Gesichter der anderen zu genießen. Dann, nach
einiger Zeit - niemand der Anwesenden konnte abschätzen, wie
lange es dauerte; Sekunden, Minuten oder sogar Stunden - ließ
er mit einem leichten Stöhnen den Sack neben sich herunter. Ein
Klirren deutete auf seinen metallischen Inhalt hin. „Nun, wir sind
fast vollzählig. Doch für das, was ich beabsichtige, ist
Jalanthas nicht unbedingt notwendig." Santana war die erste der
anderen, die sich wieder faßte. „Moment mal, was zum Abgrund
geht hier eigentlich vor, alter Mann? Wenn Du uns nicht sofort die
Antworten gibst, die wir haben wollen, dann..." Sie griff instinktiv
an ihren Gürtel, doch seit dem Untergang ihres Schiffes war sie
unbewaffnet. „Was dann?" sagte der Alte mit einer nicht
überhörbaren Spur von Ironie in seiner Stimme. „Dann werde
ich dich töten." Jetzt war auch Lynn endgültig wieder bei
vollem Bewußtsein und hielt sowohl Axt als auch Schwert in
ihren Händen. Der Alte drehte sich zu ihr und schaute in ihr
Gesicht, doch zu ihrer Überraschung verschwand das sarkastische
Lächeln nicht aus seinen Augen. „Glaube mir, du brauchst
weitaus stärkere Waffen, um mich zu töten. Zum Beispiel
eine solche" Mit diesen Worten zog er eine riesige Streitaxt aus dem
Leinensack. Lynn erstarrte bei dem Anblick dieser Waffe. So etwas
hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen. Auch die anderen waren
von der Form, der Farbe, des Glanzes der Axt wie gebannt. Wä
hrend die Klinge aus reinstem Silber zu sein schien und ihre
wellenförmige Form sich an der Spitze in zwei gewaltige Klingen
spaltete, schimmerte der kunstvoll gedrehte Griff in einem tiefen
Schwarzton und machte den Anschein, als bestünde er aus
nachtschwarzem Glas. Jedem wäre diese Waffe wie etwas ganz
besonderes vorgekommen, doch für Lynn, die langsam ihre Waffen
senkte und sie schließlich auf den Boden fallen ließ,
sollte dies zum Wendepunkt in ihrem Leben werden, denn diese
gewaltige, wunderschöne und todbringende Waffe war exakt die
auf ihrem Amulett, welches nun bläulich zu leuchten begann. Mit
aufgerissenen Augen und heruntergeklapptem Unterkiefer bemerkten nun
auch Tharon und Santana diesen Umstand. „Was zum..." war alles, was
Tharon herausbekam. „Setzt euch, meine Lieben. Ich werde euch alles
erklären." Den drei anderen blieb nichts anderes übrig,
als ihm zu gehorchen, wenn sie endlich wissen wollten, was hier vor
sich ging. Sie setzten sich im Kreis um das gelöschte Feuer,
daß der Alte aber durch eine einzige Handbewegung wieder
entfachte. Magie war zu dieser Zeit nichts ungewöhnliches, und
daß der alte Mann ein Zauberer sei, hatten alle drei sowieso
schon vermutet. Daher waren sie über diese Tat nicht sehr
überrascht. Santana wollte gerade den Mund aufmachen, da
erhielt sie schon die Antwort auf die ungestellte Frage. „Ja, ich
habe auch eure Waffen dabei. Doch dazu gleich mehr. Ich beginne ganz
am Anfang. Ihr seid nicht, was ihr glaubt zu sein. Soviel dü
rfte euch inzwischen bewußt sein. Ihr seid alle Geschwister
aus einem Hause." Hier räusperte sich der Alte, und diese
Gelegenheit nutzte Tharon, um zu seiner angeblichen Schwester
herüberzuschauen. Wenn sie wirklich meine Schwester ist,
dann... Er führte diesen ihm abscheulich vorkommenden Gedanken
nicht weiter und schaute Santana weiter an. Er merkte, wie sich ihr
Gesicht verhärtete. Sie spürt meinen Blick also, nur will
sie ihn nicht erwidern. Wahrscheinlich hatte sie gerade den selben
Gedanken wie ich. Lynn wollte diese kleine Unterbrechung auch
nutzen. „Darf ich..." „Nein. Noch nicht." Schroff gab der Alte ihr
die Antwort und zog die wundersame Streitaxt näher zu sich
heran und damit außer Reichweite von Lynns Händen. Nach
einem strengen, ermahnenden Blick in die Runde fuhr der Alte fort.
„Euer Vater war ein König. Nicht irgend ein König, sondern
König Malaran der Erste, Herr der Wälder Ergods. Er war
ein mächtiger, stolzer Mann und genoß großes
Ansehen bei seinem Volke, welches in einer alten Sprache Kthury
genannt wird. Das heißt in etwa Geheimes Volk. Der Legende
nach erschuf Paladin selbst diese Rasse heimlich ohne Wissen seiner
göttlichen Geschwister. Wie ihr sicher bemerkt habt, fü
hltet ihr euch sofort zueinander hingezogen und auf besondere Weise
attraktiv." Bei dieser Bemerkung mußte Tharon wieder zu
Santana herüberschauen, doch wieder erwiderte sie seinen Blick
nicht. „Das liegt daran, daß die Kthury die schönste
Rasse sind, die jemals auf Krynn gelebt hat. Selbst die Irda
verblassen neben diesem Anblick. Unter eurer Tarnung konntet ihr
immer einen Teil der wahren Faszination erblicken. Aber wieder
zurück zur Geschichte: Über viele Generationen hinweg
lebten die Kthury in Frieden miteinander, bis sich eines Tages eine
Gruppe bildete, die gegen die Politik des Malaran war. Sie
forderten, daß die Kthury ihre Stärke nutzen, um
größere Gebiete zu erobern und so in größerem
Wohlstand leben zu können. Als der König sich weigerte, in
den Krieg zu ziehen, verließ die Gruppe das Reich. Viele
glaubten, daß sie nie wieder von den 12 Verdammten, wie sie
irrtümlicher weise bezeichnet wurden (denn verdammt hatte
Malaran sie nicht), hören würden. Doch nach einigen
weiteren Jahren in Frieden kehrten sie zurück und brachten mit
sich viele Verbündete gegen den König. Die Kthury waren
ein magisch sehr begabtes Volk und Herr über alle Tiere und
Pflanzen im Wald, und so kam es zur entscheidenden Schlacht, die von
allen Waldbewohnern ausgetragen wurde. Eichen kämpften gegen
Buchen, Löwen gegen Wölfe. Der König war sich seiner
baldigen Niederlage bewußt und sah nur eine Möglichkeit,
sein Reich vor dem Untergang zu retten. Er ließ seine neun
neugeborenen Kinder in Kinder der anderen Rassen verwandeln und mit
einem Teleportzauber in die jeweiligen Reiche bringen, um sie zu
schützen. Sie sollten später das Reich der Kthury neu
gründen und wieder erblühen lassen. Um diesen Zauber
rückgängig zu machen und die Königskinder - also
euch, denn ihr seid die letzten Überlebenden der neun - wieder
in ihre alte Gestalt zu verwandeln, benötigt man eure heiligen
Schutzamulette, die magischen Waffen, die die Kraft der Kthury in
sich bergen und eine ganz bestimmte Konstellation der drei Monde.
Diese Konstellation ergibt sich heute abend bei Sonnenuntergang."
Hier setzte der Alte aus und räusperte sich. Tharon
nutzte die Gelegenheit. „Was genau sind die Kthury, und wer bist Du?
Wer ist der Verräter? Bist Du König Malaran, unser Vater?"
„Beruhige dich, Tharon. Du wirst schon noch erfahren, was die Kthury
sind. Und nein, ich bin nicht Malaran. Als er die Formel sprach, die
seine Kinder in sichere Entfernung bringen sollte, stürmte der
Oberste der 12, Zorak,sein Gemach und belegte eines der Neugeborenen
mit einem Fluch, damit es Tod und Verderben über alle Kthury
bringen sollte, wenn es jemals zurückverwandelt werden sollte.
Niemand, nicht einmal Zorak selbst, wußte, welches Kind er
getroffen hatte. Dann kam es zum Kampf. Zum ersten mal in der
Geschichte Krynns wendeten zwei Kthury einander direkt gegenseitige
Gewalt an. Zorak tötete Malaran. Paladin, entsetzt über
den Mord eines Kthury an einem anderem, verdammte alle Kthury in die
unergründlichen Irrwälder Ergods, aus denen den Kthury
kein Entrinnen ermöglicht war. Nur einer, ein einzelner Kthury,
wurde vom Gott Paladin verschont, um sich um die unschuldigen Kinder
zu kümmern, danach wendete sich Paladin für immer von den
Kthury ab. Dieser eine auserwählte Kthury bin ich, Laesotho,
Bruder des Malaran, euer Onkel. Und heute ist der Tag, an dem durch
eure Wiederkehr das Volk der Kthury wieder auferstehen wird."
Während Laesotho die letzten Sätze sprach, wurde seine
Stimme zunehmend lauter und erregter, bis er schließlich bei
den finalen Worten triumphierend die Hände gen Himmel streckte.
Danach war Schweigen. „Woher weißt du, daß der
Verräter noch am Leben ist. Vielleicht ist er einer der fü
nf, die schon gestorben sind." Santana war wieder einmal die erste,
die reagierte. „Glaube mir, er lebt noch. Ich spüre es." „Und
dieses Märchen sollen wir dir glaube, Laesotho oder wer auch
immer du sein magst?" Spöttisch lachte sie, stand auf und
wollte gehen. „Ich werde es dir beweisen, Santana, Tochter des
Malaran. Sieh her." Laesotho sprach seine Worte ruhig, doch man
konnte die tiefe Wut vernehmen, die in ihm steckte. Er stand
ebenfalls auf und ging einige Schritte vom Lagerfeuer weg.
Inzwischen war es etwas dunkler geworden, die Sonne würde bald
gänzlich untergegangen sein. Laesotho drehte sich zu Tharon,
Lynn (die beide nicht so recht wußten, wie sie mit der
Situation umgehen sollten) und Santana, die nun in ihrer Bewegung
innehielt und Laesotho gespannt betrachtete. Dieser begann mit dem
Murmeln einiger Worte und Vollführen von merkwürdigen
Handgesten. Santana hatte schon öfters Magier bei ihrem Werk
gesehen, doch die magischen Worte und Gesten des alten Mannes
schienen ihr etwas völlig anderes zu sein - eine völlig
andere Art der Magie. Nach einigen Augenblicken begann sich plö
tzlich der Körper des Mannes zu verformen, während er
weiter vor sich hinmurmelte und gestikulierte. Jetzt standen auch
Tharon und Lynn erstaunt auf. Laesotho schien vor ihnen hinzuknien,
seine Arme und Beine streckten sich, sein Hals wurde länger und
dicker. Seine Kleidung verschwand, doch anstatt nackt zu sein, wurde
weißes Fell sichtbar. Laesotho schien sich in einen gewaltigen
weißen Hengst zu verwandeln. Doch als die Metamorphose beendet
war, standen Santana, Lynn und Tharon keinem Pferd gegenüber,
sondern einem herrlich weißen - Einhorn! „Glaubt ihr mir nun?"
Zwei ungleiche Gesellen
Quang irrte schon seit Stunden
durch den Wald, doch noch immer fand er keine Spur von Tharon, der,
wie er hoffte, es doch noch irgend wie ans sichere Ufer geschafft
hätte. Natürlich war Quang nicht auf den schmalen Pfaden
geblieben, wie es das alte Gedicht empfahl, an das er sich
erinnerte, sondern war auf seiner Suche schnurstracks in den dichten
Wald gerannt. Inzwischen wurde es dunkel und Quang war kalt und der
Hunger plagte ihn. „Tharon!!! - Tharon!!!". Sein kleines Stimmchen
klang kaum noch lauter als ein Krächzen. Plötzlich knackte
es hinter ihm im Unterholz. Kaum hatte Quang sich nach dem Gerä
usch umgedreht, wurde alles um ihn herum dunkel und still. Jalanthas
stand, zitternd und mit bleichem Gesicht, über der kleinen, am
Boden liegenden Gestalt. Wieder einmal war jemand auf seine plumpe
Ablenkungsmethode hereingefallen. Schlapp ließ er sich neben
den Kensch auf den Boden fallen. Als Quang erwachte, waren seine Arme hinter seinen Rücken
gefesselt und ein dickes Stofftuch so um seinen Mund gebunden,
daß er keinen Ton herausbekam. Er drehte sich und zerrte an
seinen Strängen, bis er in das zerfurchte Gesicht Jalanthas'
blickte. Dann blieb er kurz regungslos. „Wenn Du deinen Mund hä
ltst und nur auf meine Fragen antwortest, werde ich dich losbinden,
Kender." Quang setzte sich auf und zog mit seiner plötzlich
freien Hand den Knebel aus seinem Mund. „Danke, das ist sehr nett
von Dir, aber das kann ich auch selber", sagte er mit freundlicher
Stimme. „Das ist übrigens ein ganz toller Knoten, den muß
t mir mal zeigen. War gar nicht so leicht, den aufzubekommen. Mein
Name ist Quang, und wer bist Du? Ich bin übrigens kein Kender.
Weißt Du, meine Mutter war ein Hügelzwergin mit Namen
Amarella, und mein Vater hieß Olp. Er war halb Kender und halb
Mensch. Du wirst Dich jetzt sicherlich fragen...aua!" Jalanthas
unterbrach die Redelust Quangs mit einem recht starken Schlag auf
den Hinterkopf. „Hör mir zu, kleines Etwas" flüsterte er.
„Wer oder was immer zu auch bist, wenn du noch einen einzigen Mucks
von dir gibst, werde ich dich töten." Das Stilett vor Quangs
Augen schien ihn von der Aufrichtigkeit dieser Warnung zu ü
berzeugen, so daß Quang sich selbst den Mund zuhielt. Der
Dunkelelf zeigte in eine bestimmte Richtung das Waldes, wo Quang
eine Art Altar ausmachen konnte. Jalanthas flüsterte nun wieder
etwas in Quangs Ohren, worauf dieser mal erstaunt die Augen
aufriß, mal zustimmend nickte, und sich dabei immer noch
selbst den Mund zuhielt. Nach einiger Zeit machten sich die beiden
gemeinsam auf den Weg zu der Lichtung, wo sich die anderen befanden.
„Das darf doch nicht war sein!"
Lynn war völlig fassungslos angesichts dieses Anblicks. „Du
willst doch nicht etwa auf so eine Illusion reinfallen, oder?"
Santana schaute Lynn fragend und wütend an. Als sie gar nicht
erst auf sie reagierte, sondern weiter dieses wunderschöne
Einhorn anblickte, drehte sich Santana zu Tharon. „Und was ist mit
Dir, Tharon?" „Ich...- ich weiß auch nicht." Tharon war
verunsichert, doch wurde dann etwas lauter: „Santana hat Recht,
Laesotho. Was ist, wenn das alles nur eine Täuschung ist?" „Es
ist keine Täuschung." Die Stimme kam von hinten. Alle drehten
sich herum, auch das Einhorn Laesotho schaute zu der Baumreihe, von
wo die Stimme kam. Jalanthas trat zwischen den Bäumen hervor.
„Er ist tatsächlich ein Einhorn - ein Kthury. Genau wie du
,Tharon, und du, Santana, und du, Lynn. Und genau wie ich. Ich
weiß nicht, was er mit euch vorhat, aber ich vertraue ihm
nicht!" Das Einhorn ging ein paar Schritte auf ihn zu und sagte dann
laut: „Du vertraust mir nicht? Bist du denn selbst überhaupt
vertrauenswert? Warum erzählst du Lynn nicht, wer sie ü
berfallen hat? Soll sie dir vertrauen?" Jetzt wendete sich Lynn an
Jalanthas: „Was meint er damit, Jalanthas? Warst du es, hast du mich
von hinten niedergeschlagen?" „Ja, ich war es - bevor ich wuß
te, wer du bist." Er ist es. Er ist der Verräter. Lynn hö
rte die Stimme aus ihrem Inneren. Als sie sich Laesotho zuwendete,
nickte er kurz mit dem Kopf. Lynn tat einen schnellen Schritt zur
Seite, schnappte sich den großen Leinensack und leerte ihn
neben der Feuerstelle aus. Zum Vorschein kamen zwei Beidhä
nderschwerter sowie ein Langbogen und noch eine Streitaxt, wie sie
bereits auf dem Boden lag. „Dies sind unsere Waffen, Bruder und
Schwester. Nehmt sie und helft mir gegen den Verräter. Mit
diesen Worten ergriff Lynn ihre Streitaxt - sie wußte
instinktiv, welche von den beiden ihre war, zumal von der einen Axt
der Griff viel blasser wirkte als bei der anderen - woraufhin sie
sofort auf die Knie sackte und voller Schmerz aufschrie. Auch sie
vollzog nun die selbe Verwandlung wie Laesotho vor ihr. Die anderen
konnten beobachten, wie sich ihre Streitaxt langsam aufzulösen
schien und sich an ihrer Stirn zu einem Horn verschmolz. Nach
wenigen Augenblicken war der Vorgang abgeschlossen, und ein zweites
weißes Einhorn befand sich auf der Wiese. „Bei Paladin, du
hattest Recht." Nun war auch Santana überzeugt und nahm sich
ihr Schwert. Nach wenigen Augenblicken war auch ihre Verwandlung
vollzogen. Tharon zögerte noch. „Er ist unser Bruder, nicht
wahr? Wollt ihr gegen euren eigenen Bruder kämpfen? Wißt
ihr nichts, was passiert ist, als das letzte mal ein Kthury gegen
einen anderen Kthury gewaltsam vorging?" Kurzes Schweigen, dann
ergriff Laesotho das Wort. „Paladin hat sich von uns abgewendet. Uns
wird keine Schande mehr treffen für einen weiteren Toten.
Außerdem wird er uns alle vernichten, wenn er lebt. Der Geist
Zoraks ist in ihm." Doch Tharon ließ sich in seiner
Entscheidung nicht beirren. „Ich weiß nicht genau, was hier
vor sich geht, aber tief in mir spüre ich keinen Groll gegen
meinen Bruder. Spürt ihr das nicht auch? Der einzige, der
für mich der Verräter scheint, bist du, Laesotho! Warum
willst du uns gegeneinander aufbringen?" Nun meldete sich auch
Jalanthas wieder zu Wort. „Ja? Warum, Laesotho, oder sollte ich
besser sagen: Zodak?" Ein Schauer durchfuhr Laesotho. „Was?! Nein!!!
Du bist Zodak, du bist der Verräter, Jalanthas!!!" Laesotho
wollte gerade auf Jalanthas zurennen (bzw. galoppieren), da stellte
sich Tharon ihm in den Weg. „Wenn du meinem Bruder etwas antun
willst, mußt du erst an mir vorbei." Lynn und Santana
schritten mit gesenktem Haupt langsam auf Tharon zu. Er versuchte
sie zu beruhigen. „Hört auf euer Innerstes, vertraut auf euer
Herz. Ich spüre, daß Jalanthas die Wahrheit sagt." Eine
der Stuten antwortete ihm: „Geh mir aus dem Weg, Tharon. Zwing mich
nicht, dich zu töten." Tharon stand nun genau neben dem letzten
verbliebenen Schwert, das neben dem Feuer auf dem Boden lag. Langsam
ging er in die Hocke, um es zu ergreifen... Endloser, tiefer Schmerz, wie ich ihn niemals zuvor
erfahren habe. Als würden sämtliche Knochen auf einmal
gebrochen und selbst die innersten Gedärme herausgerissen. Doch
passiert nicht auch gerade mit mir? Ich spüre eine zweite
Nähe. Ist es mein wahres Sein, daß auf mich zukommt? Mein
Sohn. Wer spricht zu mir? Vater, bist Du es? Dieser Schmerz...
Du hast es bald überstanden, mein Sohn. Doch höre
mir zu. Ich überbringe Dir diese Nachricht aus längst
verlorener Vergangenheit... Schmerz... so tief... was
passiert... mit mir...? Du wirst, was Du warst. Vereine das
Reich, mein Sohn. Nur Du kannst sie führen. Aber warum? Warum ich? Feuer.. - Feuer!!! Tharon erwachte schweiß
gebadet aus seinem Traum. Langsam öffnet er die Augen. Er liegt
auf einer kleinen Lichtung im Wald, neben ihm ein brennendes
Lagerfeuer. Er schaut sich um. Ein Elf, drei Einhörner. Jetzt
kommt die Erinnerung zurück. Tharon sprang auf und landete
etwas wackelig auf seinen Beinen - auf seinen vier Beinen...
Er blickte Jalanthas ins Gesicht. Seine Miene verriet nichts, nur
ein leichtes Kopfnicken konnte Tharon ausmachen. Dann wand er sich
den anderen zu. Nun erkannte er in den Gesichtern der Einhörner
die Gesichter seiner beiden Schwestern und das Gesicht Laesothos.
Alle drei starrten ihn fassungslos an. „Was ist, was habt ihr?" Erst
dann schaute Tharon an sich herunter. Er sah die starke Pferdebrust,
seine kräftigen Vorderbeine, die gespaltenen Hufe, und sein
glänzendes Fell - schwarz...
Die Rückkehr der Einhörner
Tharon konnte es nicht glauben.
Vor ihm standen drei weiße Einhörner, und nun hatte er
sich selbst in eines verwandelt - und hatte schwarzes Fell. Bin ich
der Verräter, ohne es zu wissen? War es eben wirklich mein
Vater, der zu mir sprach? Ein wütender Schrei holte ihn aus
seinen Gedanken. „Tötet ihn!!!" Lynn und Santana
galoppierten mit drohend gesenkten Köpfen auf ihn zu, ihr
gedrehtes Horn wie Waffen auf in ausgerichtet, während Laesotho
sich im Hintergrund hielt. Verunsichert schaute er sich nach
Jalanthas um, konnte ihn jedoch nirgends erblicken. Plötzlich
schlug ein Blitz zwischen Tharon und den beiden auf ihn zustü
rmenden Einhörnern - seine Schwestern - ein. Eine riesige
Qualmwolke verdunkelte die Lichtung, die ohnehin durch das kleine
Lagerfeuer nur noch schlecht belichtet wurde. Lynn und Santana
blieben verwirrt stehen, und auch Tharon wußte nichts zu tun,
bis auf einmal Jalanthas wie aus dem Nichts neben ihm auftauchte und
auf seinen Rücken Sprang. „Los, schnell. Folge meiner Hand."
Der Elf streckte eine Hand aus und schloß die Augen. Tharon
vertraute ihm und galoppierte los. Hinter sich hörte er die
erbosten Rufe Laesothos: „Sie entkommen, hinterher!!! Sie dü
rfen uns nicht entwischen!!!" Tharon spürte, daß ihm die
Verfolger auf den Versen waren. Nach wenigen Augenblicken war er an
einem Altar aus weißen Marmor angekommen. Auf dem reichlich
verzierten Sockel der großen Platte konnte er ein Einhorn und
einen Pegasus ausmachen. Jalanthas sprang von seinem Rücken.
„Schnell Bruder. Uns bleibt nicht viel Zeit, unseren Stamm wieder
zurückzuholen." Tharon war hilflos. „Was meinst Du? Was hast Du
vor?" „Vertraue mir. Du mußt Dich auf den Altar legen, wä
hrend ich die Zauberformel spreche." „Was für eine Formel?"
Tharon war völlig verwirrt, sprang jedoch, ohne Jalanthas'
Antwort abzuwarten, auf den Altar und legte sich hin. Sofort begann
Jalanthas mit der Beschwörung seiner Magie. Tharon spürte,
wie die kalte Steinplatte unter ihm wärmer wurde. Nun
erreichten auch Lynn, Santana und Laesotho den Schrein. „Haltet sie
auf!!! Sie werden das Volk für immer einsperren!!!" Nicht nur
Wut, sondern auch Angst zeichnete sich in der Stimme Laesothos ab.
Schnell wandte Jalanthas sich um und schleuderte seinen beiden auf
ihn zukommenden Schwestern einen Zauberspruch entgegen, der sie
zurückprallen ließ, als wären sie gegen eine Mauer
gelaufen. Tharon wollte sich erheben, doch Jalanthas drückte
ihn herunter. „Bleib liegen. Wir müssen das Ritual vollenden,
ehe sie mein Kraftfeld durchdringen." Wieder zelebrierte er die
geheimen Silben und Handbewegungen. Erneut spürte Tharon die
wachsende Wärme, und nun wurde er sich bewußt, das diese
Wärme von ihm ausging. Ein Energiestrom schien von ihm in den
Altar überzulaufen. Seine Kräfte verließen ihn
langsam, doch er spürte, daß er das richtige tat.
Plötzlich ließ ein gewaltiger Donner den Boden erzittern
und die magische Kuppel Jalanthas' zerbersten. Tharon hörte
Stimmen, viele Stimmen - hunderte von Stimmen. Es sind die Bä
ume! Tatsächlich schien jeder einzelne Baum auf ihn einzureden
und, was noch bedeutender war, seine Form zu ändern. In den
Stämmen formten sich Gesichter - die Gesichter der Kthury.
Tharon schaute sich um. Ja, jeder Baum, den er sah, fing an, sich zu
verwandeln. Dann erblickte er Jalanthas' verzerrtes Gesicht. Ein
weißes Horn ragte aus seiner Brust... Jalanthas war dabei, die letzten Silben zu
sprechen. Nur noch ein paar Sätze, nur ein paar kleine
Augenblicke. Doch dann dieses donnernde Geräusch. Jalanthas
wußte, daß ihm nur noch wenige Sekunden blieben. Kurz
vor Vollendung des Rituals durchbohrte Santanas Horn von hinten sein
rechtes Schulterblut und trat auf der Vorderseite wieder heraus.
Rotes Blut spritzte auf die weiße Marmorplatte. Sofort seiner
Atemluft beraubt, sackte Jalanthas zu Boden. Auch Lynn war stand
jetzt direkt am Altar und wollte gerade ihr Horn in den wehrlos vor
ihr liegenden Tharon stoßen, als sie Zweifel überkamen.
Sie blickte in die entsetzten Augen ihres Bruders, doch als sie
bemerkte, daß er sie gar nicht wahrzunehmen schien, folgte sie
seinem Blick. Was sie sah, traf sie wie einen Schlag. Die Bä
ume. Aus einigen Stämmen waren bereits Köpfe und
Vorderläufe von Einhörnern herausgetreten, doch nun nahmen
sie langsam wieder ihre alte Gestalt an, und die Einhörner
erstarrten zu Holz. Jetzt konnte auch sie die letzten Stimmen
hören. Was habt ihr getan? Rettet uns! „Bei Paladin, was haben
wir getan..." Auch Santana hatte inzwischen bemerkt, was passiert
war. Wütend drehte sie sich zu Laesotho herum. „Du hast uns
belogen! Sie hätten sie zurückgebracht! Dafür wirst
du bezahlen!" Sie rannte auf ihn los, um ihn mit ihrem Horn
aufzuspießen, doch er konnte sich ohne weiteres aus ihrer Bahn
drehen und verpaßte ihr einen so gewaltigen Tritt, daß
sie durch die Luft gewirbelt wurde und einige Meter entfernt
bewußtlos auf dem Boden aufschlug. Auch Lynn griff ihn an.
Horn prallte gegen Horn, beide stiegen sie hoch und traten mit ihren
Vorderläufen aufeinander ein, bis Laesotho sie überlistete
und sein Horn in ihre Brust rammte. Tödlich getroffen sank sie
zu Boden, das wunderschöne weiße Fell von rotem Blut
besudelt. Langsam trottete Laesotho auf den immer noch geschwä
cht auf dem Altar liegenden Tharon zu. „Und nun zu dir, Tharon -
Thronfolger. Nein, niemals wirst Du diesen Platz einnehmen. Denn er
steht mir zu - mir, dem Bruder des Königs! Mir, Laesotho
Zodak!" Das Einhorn schritt nun ganz an den Altar heran, und
Laesotho nahm wieder seine menschliche Gestalt an - er war wieder
der alte Mann mit dem grauen Mantel. Er wollte gerade eine Hand auf
Tharons Stirn setzten, da hörte er ein leises Krächzen von
unten. „Du bist nicht des Königs Bruder. Nur sein Halb-Bruder."
Laesotho war überrascht. „Jalanthas, du lebst also doch noch."
Er blickte auf den schwerverletzten Elfen herab, der in seiner
eigenen Blutlache lag. Immer noch strömte der rote Saft des
Lebens aus seiner großen Wunde, und auch aus seinem Mund
blutete er. Er sprach sehr gequält. „Tharon ist der wahre
Thronfolger. Sohn von König Malaran, dem Einhorn, und seiner
Gemahlin, Königin Serenada, der Pegasus." Laesotho war ü
berrascht. „Du kennst dich ziemlich gut aus. Woher stammt dein
Wissen?" Jalanthas schaffte es, in sein schmerzverzogenes Gesicht
ein höhnisches Lächeln zu bringen. „Warum soll ich das
einem toten Mann erzählen, Zodak?" Jalanthas warf einen Blick
auf ein Gebüsch hinter Zodaks Rücken, worauf es dort kurz
raschelte. „Du glaubst doch nicht, daß ich auf so einen
billigen Trick hereinfalle, Jalanthas?" Er lachte auf, doch da traf
ihn von hinten ein silberner Pfeil in der Schulter. Verdutzt und von
Schmerz gepeinigt drehte er sich um und empfing den nächsten
Pfeil - in seiner Kehle. Röchelnd stolperte er zurück an
den Altar. Vor sich sah er ein kleines Männchen. Jetzt erkannte
er ihn wieder. Es war diese merkwürdige Gestalt, die er auch in
Palanthas in der Kneipe gesehen hatte. Quang stand einige
Meter vor ihm, den Bogen von Jalanthas in den Händen, und legte
gerade den dritten Pfeil an. Der sterbende Zodak streckte ihm seine
flache Hand entgegen und ballte sie zur Faust, worauf hin der arme
Quang mit eingedrückter Kehle tot zu Boden fiel. Zodak spü
rte seine Lebenskraft weichen. Inzwischen lag er fast auf dem Altar,
auf dem auch Tharon, bewegungslos von den Auswirkungen des Rituals,
sich befand. Mit letzter Kraft zog Zodak einen silbernen Dolch unter
seinem Mantel hervor und stieß ihn in Tharon Stirn, genau
unter sein Horn. Der wehrlose Tharon starb sofort, gleich nach ihm
verließ auch sein Mörder das Reich der Lebenden.
„Nein!!!" Jalanthas schrie, so laut er konnte. Doch er war nicht in
der Lage, etwas zu tun. Sein Bruder, sein König, war tot.
Die letzten der Kthury
Santana erwachte aus ihrer
tiefen Ohnmacht. Sie stand wackelig und noch etwas benommen auf und
schaute sich um. Um sie herum nur Tod. Unweit von ihr lag eine
merkwürdige, kleine Gestalt zusammengesackt in der Erde, den
Bogen von Jalanthas noch fest umklammert. Dieser lag regungslos an
den weißen Altar gelehnt. Darauf ihr zweiter Bruder, Tharon,
in einer riesigen Lache seines eigenen Blutes. Etwa fünf
Schritt entfernt lag ihre tödlich verwundete Schwester Lynn,
und hinter dem Altar sah sie die Beine eines alten Mannes -
Laesotho, wie sie richtig annahm. Sie wollte sich gerade von diesem
schrecklichen Bild abwenden, da bemerkte sie eine kleine Bewegung -
Jalanthas! Er lebt! Eilig schritt sie auf ihn zu und kniete sich
neben ihn. Er blickte sie aus glasigen Augen an und legte sein Hand
an ihren weißen Hals. „Ich habe es nicht geschafft, Schwester.
Ich konnte ihn nicht retten." Seine Stimme war sehr schwach und
zitterig. „Bleib ganz ruhig. Es war alles mein Fehler. Ich hä
tte auf Dich hören müssen, doch mein Herz war nicht offen
für die Wahrheit, sondern nur für den Haß Zodaks."
Besorgt musterte sie ihn. „Wirst Du es schaffen?" „Ich weiß es
nicht, aber ich glaube, ich habe eine Idee. Dort drüben liegt
mein Bogen. Könntest Du ihn mir bitte bringen?" Santana stand
sofort auf und ging zu Quangs Leiche, nahm den silbernen Bogen in
ihr Maul und brachte ihn zu ihrem Bruder. „Weißt Du auch, was
Du tust? Vielleicht läßt es sich nicht mehr
rückgängig machen..." Jalanthas blickte ihr tief in die
Augen. „Das weiß ich. Doch es ist meine letzte Hoffnung, und
wenn ich schon sterbe, dann auch als das, was ich bin." Mit diesen
Worten ergriff er den Bogen...
Am nächsten Morgen wurden sie vom süßen
Vogelgezwitscher geweckt. Es roch wunderbar nach Wald, nach frischer
Luft und schönem Regen. Die Welt sieht, aus den Augen eines
Einhorns betrachtet, völlig anders aus. Jeder einzelne Huf
spürt den weichen Boden unter sich, und die Eichhörnchen
und Füchse, die Mäuse und Adler, kommen zu Dir
herangeflogen und reden mit Dir. Sie erzählen Dir ihre Sorgen
und was sie Schönes erlebt haben. Doch dieser Friede kann nicht
für ewig sein. Dieser Zauberwald wäre ein so wunderbarer
Ort der Stille und der Freude, wenn nicht diese vier Leichen
niedergestreckt auf der kleinen Lichtung bei dem im Sonnenlicht
silber schimmerndem Altar liegen würden. Der kleine
Quang, gestorben, weil er seinen besten Freund verteidigen wollte.
Lynn, früher Zwergenkriegerin, jetzt ein totes, weißes,
wunderschönes Einhorn, in ihrem eigenen Blut, weil sie zu
spät erkannte, daß sie nur mißbraucht wurde. Zodak
Laesotho, der sterben mußte, weil ihm der Neid und der
Haß auf seinen Neffen wichtiger war als alles andere im Leben.
Und schließlich Tharon, wahrer Thronfolger des Königs
Malaran, dem Einhorn, und seiner Gemahlin, Königin Serenada,
der Pegasus. Ein Kind der Liebe zweier Oberhäupter entzweiter
Stämme, geboren, um die Reiche der gehörnten und der
geflügelten Kthury wieder zu vereinen, getötet von seinem
Onkel, der selber den Thron besteigen wollte. Jalanthas erzä
hlte Santana alles, was er wußte, als sie gemeinsam durch den
jetzt friedlichen Wald schritten. Er erzählte ihr, daß er
von den Elfen verbannt wurde, weil er verbotene Bücher gelesen
hatte. Seine Neugier über seine Vergangenheit war zu
groß, und so stahl er mehrere der dicken Bände, in denen
er zufällig eine Zeichnung seines Amulettes gefunden hatte,
eher er für immer aus dem Reich geschickt wurde. Enthalten
waren einige Fragmente dieser uralten Geschichte: Daß ein
Streit den Stamm der Einhörner und den Stamm der Pegasus
entzweit habe. Daß König Malaran und Königin
Serenada sich aber trotz alledem ineinander verliebten und sie ihm
Neunlinge gebar, wobei der Erstgeborene ein schwarzes Fell hatte,
was bei den Kthury nur äußerst selten und nur in
großen Königsgeschlechtern vorkommt. Dieser Junge sollte
zum Zeichen der Wiedervereinigung als Thronfolger eingesetzt wurde.
Die Bücher erwähnten den eifersüchtigen Bruder des
Königs, der durch ein Attentat versuchte, das junge
Elternglück zu beenden um selber König zu werden - und vom
verhängnisvollen Plan Malarans, wie er seine Kinder schü
tzen wollte, indem er sie in Kinder der anderen Rassen (Kender,
Zwerge, Menschen, Elfen, Gnome, Irda, Minotauren) verwandelte und
sie im ganzen Reich versteckte, als er merkte, daß er Zodak
und seinen Mitstreitern nicht mehr lange wird standhalten kö
nnen. All das erzählte Jalanthas ihr, und Santana hörte
aufmerksam zu. Er berichtete vom Mord Zodaks an Malaran, seinem
Bruder. Er klärte sie auch über den Fluch auf, den die
Zwölf, das Konzil der Verräter, über die Stämme
legten, und so alle Kthury in Bäume verwandelten. Der böse
Zauberspruch, mit Hilfe der Fürstin der Dunkelheit, Takhisis,
gesprochen, gewährte nur dem wahren Thronfolger die Mö
glichkeit, das Volk wieder zu erwecken. Zodak wollte die Kinder des
Malaran so beeinflussen, daß er durch sie herrschen konnte,
wenn die Zeit zur Erweckung kommen würde. „Ich tat mir
mit den Übersetzungen der alten, fremden Sprache in den Bü
chern immer sehr schwer, und teilweise konnte ich überhaupt
nichts entziffern. Doch jetzt, wo ich das alles hier gesehen habe,
verstehe ich endlich die Zusammenhänge." Jalanthas ging langsam
und vorsichtig, denn seine Wunde schmerzte noch immer sehr stark,
doch es wurde besser. Durch die Verwandlung, die nun auch er
vollzogen hatte, wurde wenigstens die Blutung gestillt. Santana ging
neben ihm. „Was werden wir jetzt tun?" Sie war ratlos. „Als erstes
werde ich versuchen, uns wieder die Gestalt von Menschen
beziehungsweise Elfen zu geben. Ich denke, daß werde ich
hinbekommen, doch es braucht einige Zeit. Ich weiß nicht, was
wir dann machen sollen. Ein normales Leben führen, schätze
ich. Die Kthury sind verloren. Nur ein Schwarzes Einhorn kann den
Bann brechen. Und eine Mondkonstellation wie gestern Nacht wird es
erst in 30 Jahren wieder geben." „Dann ist alles vorbei, mein
Bruder?" „Ich fürchte ja. Die Kthury sind ausgestorben."
Schweigend gingen sie weiter durch den Wald. Santana spürte
tiefe Trauer, doch was sie nicht spürte, war der neue Kö
nig, der Herr der Wälder, der Sohn ihres Bruders, der in ihr zu
wachsen begann. Geschrieben von
Jan Grimm, angefangen im Sommer 1997, doch vollendet erst im Juli
1999. Für meine Liebe, die ich aus eigener Schuld verloren
habe.
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