Geschichten-Archiv • Von schönen Steinen und stinkenden Mammuts

Wie ein schlagendes Herz pulsierte das regenbogenfarbene Licht in dem faustgroßen Edelstein. Wie ein Lebewesen, so erschien es dem Kender, der versuchte ihn aus seiner Verankerung zu lösen. Dabei hüpften seine Beutel auf und ab, als er sein gesamtes Gewicht ins Ziehen und Drücken hineinsteckte. Ab und zu fiel der eine oder andere Edelstein aus einem nicht verschnürten Beutel und landete klimpernd auf den riesigen Schatzhort darunter.
Nach der letzten Schätzung von Keshorox hatte dieser Schatz einen Wert von über 300 Mio. Stahlmünzen, alle magischen Artefakte und den Regenbogenstein nicht mitgerechnet. Damit war dieser Hort, von der Größe her gesehen, schon ein Berg für sich, weshalb er auch bereits auf gnomischen Landkarten als unterirdischer Berg mit dem Namen "Unterberg Drachengold" verzeichnet war. Dem aufmerksamen Beobachter mag bereits aufgefallen sei, daß der Eigentümer dieses Berges ein mächtiger Drache sein muß. Um genau zu sein, war jener Keshorox, unter normal sterblichen Kesh genannt, ein roter uralter Wyrm, von Kopf bis Schwanzende knapp 100 Schritt lang.
Im Moment kitzelte es ihm an den Nüstern. Noch verschlafen, zog er die schweren Augenlider hoch, blinzelte, und sah, wie direkt vor ihm eine kleine Gestalt mit Zopf und Beuteln, aus denen manchmal Edelsteine auf seine Schnauze fielen, gerade dabei war, seinen Regenbogenstein zu stehlen. "Ein Kender", seufzte Kesh leise und drehte seinen Kopf zu Seite. "Nummer 24", murmelte er gelangweilt, einen Blick auf die aufgestapelten Kenderschädel werfend. Der rote Drache gähnte laut. Der mutige Sammler vor ihm drehte den Kopf mit seinen spitzen Ohren zur Seite, legte den Zeigefinger auf die Lippen und machte: "Shhhh! Nicht so laut, der Drache wacht sonst auf." Dann wendete er sich wieder seinem Hobby zu und rüttelte weiter an dem Regenbogenstein. Kesh unterdrückte ein Schnauben, dann räusperte er sich: "Ähem..." - "Einen Moment", sagte der Kender, "bin gleich fertig...hab' ihn gleich...nur...noch..." Es knackte leise, der Kender zog noch einmal kräftig am Stein und...- krack -...in hohem Bogen flog er nach hinten und landete auf etwas nicht allzu hartem Rotem. Mit dem Regenbogenstein in der linken Hand stand er, noch etwas wackelig auf den Beinen, auf. "Hmm, was für ein seltsamer Teppich", er blickte nach unten auf die beiden Nüstern. "Ohh!", macht er und drehte sich um. Auge in Auge stand er auf des Drachen Schnauze.
"Ge..bitte..vn..ma..na..chnauze..runter", machte der Drache. "Wie? Was hast du gesagt?" Der Kender spitzte seine Ohren. Die Pupillen des Drachen bewegten sich herunter, dann wieder hoch. Der Kender kratzte sich am Kinn, sah herab und...:"Oops!", er sprang auf die Stahlmünzen, "'Tschuldigung!". Kesh schnaubte verächtlich, dann fragte er mit einer rauhen, lauernden Stimme: "Was machst du hier?" - "Ich? Nun, ich...war unterwegs, dort hinten, da", er zeigte mit dem Finger auf den Ausgang der riesigen Höhle, "ich lief gerade vor Krispan, dem bösen Zauberer, weg. Aber nicht vor Angst, wie du jetzt vielleicht denkst, ich habe niemals Angst, weißt du. Wir Kender nämlich..." Kesh unterbrach das Geplapper mit einem Schwall heißer Luft und fletschte seine Reißzähne. Er wußte, wenn ein Kender anfängt zu erzählen, hört er nicht so schnell wieder auf. "Ähem, nun ja,...", fuhr der Kender unruhig fort, "...auf jeden Fall hatte ich so einen Ring gefunden, und...Krispan meinte, der Ring gehöre ihm. Das nahm ich ihm aber nicht ab. Er wollte mich fangen und ich...uh...ohhh...was hast du nur für ein riesiges Maul und diese Zähne, ich wette sie sind messerscharf, darf ich mal anfassen?" - "NEIN!!!", brüllte Kesh, so daß das spitzohrige Plappermaul mit Zopf sich an dem Podest des Regenbogensteines festhalten mußte.
"Mußt ja nicht so unhöflich sein." Der Kender war beleidigt, doch seine Neugier gewann schnell wieder die Oberhand. "Mein Name ist Murmel, Murmel Beutelleer, und wie heißt du?" Er streckte seine kleine Hand aus. Kesh beruhigte sich erst, dann streckte er Murmel vorsichtig seine Klaue entgegen. Die Knochen knirschten fürchterlich, er war halt nicht mehr der Jüngste. "Kesh, ja, Kesh, so nennt man mich." Zufrieden einen neuen Freund gefunden zu haben, umschloß Murmel mit seinem Händchen die Spitze eines Nagels der Klaue. "Du weißt doch kleiner Murmel", fuhr Kesh gemächlich fort, "daß ich dich jetzt rösten muß?" - "Wie, rösten? Toll, wie spannend, aber...ist das nicht ein bißchen zu heiß?" - "Nun, ein bißchen..." - "Nee, dann nicht, das wäre zu unangenehm. Ich meine, im Sommer, wenn die Sonne direkt über meinem Kopf steht, dann ist es so heiß, daß ich denke, ich würde schmelzen; und ich habe auch schon von jemandem gehört, der wurde geröstet, und wie der schmolz. Ich glaube, das ist nichts für mich." - "Aber Murmel, ich muß dich jetzt rösten, denn du hast gestohlen, und wer stiehlt, muss bestraft werden, so lautet die..." - "Nein, nein, nein! Kesh, da verstehst du etwas ganz falsch. Ich habe gar nicht gestohlen, ich stehle nämlich nie..." - "Ach!", schnaubte der Drache, "und was hast du da in deiner linken Hand?" Schnell versteckte Murmel seine Hände hinter dem Rücken, dann zog er seine linke Hand hervor. Sie war leer.
Ein dröhnendes Lachen schallte durch das Gewölbe. Als junger Drache hätte Kesh sich jetzt vor Lachen auf dem Boden gekugelt. Kender konnten so komisch sein. Eine Schande, daß er sterben mußte. Doch bei seinem Regenbogenstein kannte er keine Gnade. Das hatten schon die 23 Kender davor zu spüren bekommen. Er schüttelte den Kopf.
"Nun, die rechte, die rechte Hand!" Kesh wurde ungeduldig. Erleichtert atmete er auf, als Murmel die Hand mit dem Regenbogenstein hob. "Ach! Du meinst diesen wunderschönen Regenbogenstein?" fragte der Kender ganz unschuldig. Der Drache nickte. "Du meinst, ich hätte ihn stehlen wollen?" Kesh nickte wieder, diesmal mit einem aufgesetzten Lächeln. "Da hast du dich aber mächtig geirrt, ich will ihn nämlich nur ausleihen." - "Ausleihen? Und...wann bringst du ihn mir bitte wieder?" - "Nun, das weiß ich noch nicht, spätestens bis ich hier wieder vorbeikomme, wenn..." Prustend lachte der Drache plötzlich los, das heißt, aus dem Lachen wurde ein ersticktes Husten. "Und...ähem", Kesh räusperte sich und zwang sich ruhig zu bleiben, "und wann...gedenkst du mir den Regenbogenstein zurück zu bringen?" Murmel wollte gerade antworten, da fiel ihm gerade ein, daß er noch eine Verabredung mit Gileas hatte, einem alten Freund. Mit einer Geschwindigkeit, für die Kender bekannt sind, nahm er seinen auf dem Edelsteinboden liegenden Hupak in die freie Hand und lief plötzlich los.
Er kam, grob geschätzt, gerade mal einen halben Fuß weit, denn auch Drachen sind für etwas bekannt, für Magie nämlich. Es hat nur einen einzigen Gedanken in der Sprache der Magie gebraucht, um den Kender in der Bewegung festzuhalten. Er konnte nur noch drei Dinge tun: hören, sehen und denken. Er dachte: "Hm, komisches Gefühl, sich nicht bewegen zu können." Er sah: Krispan, den bösen Zauberer in einer schwarzen Robe, der wild mit seinen Händen rumfuchtelte. Er hörte: Wie dieser unverständliche Worte sang. Die hörte Kesh natürlich auch. Brüllend richtete er sich auf und schwenkte seinen langen Hals in Krispans Richtung: "Wer wagt es mich hier zu...?" Kesh verstummte, als er merkte, daß Krispan einen Zauber beendete. Mit Entsetzten wandte er seinen Kopf zu Murmel und sah das, was er befürchtete: Der Regenbogenstein löste sich langsam aus des Kenders Hand und schwebte in Richtung Zauberer. "Der Stein scheint wohl sehr beliebt zu sein", dachte Kesh. "Wollte Krispan nicht den Ring haben? Was will er mit dem Regenbogenstein?", fragte sich Murmel. Der Kender und der Drache sahen zu, wie der Stein immer schneller werdend auf Krispan zuschwebte. Kesh reagierte sofort und griff mit seiner Klaue nach dem Stein, doch er war nicht schnell genug. Krispan erhöhte die Geschwindigkeit, denn Kesh brüllte auf und sprang, seine riesigen Lederschwingen zur Hilfe nehmend dem Stein hinterher.
"Gleich habe ich ihn," dachte sich Krispan, "Dieser dumme Kender, hat er mich doch durch das Labyrinth und die Fallen zum Schatzhort von Kesh, dem uralten roten Drachen geführt.Tagelang habe ich diese kleine Beutelratte verfolgt, weil er mir meinen Magierring stahl, doch den kann er jetzt behalten. Mit dem Regenbogenstein werde ich eine Macht erlangen, wie...wie sie nur der legendäre Raistlin Majere hatte." Krispan sah auf den Stein wie er sich gerade aus des Kenders Hand löste; das Toben des Drachen ignorierte er, seine Schutzzauber würden ihn vor möglichen Angriffen bewahren. "Wenn ich den Stein erst einmal in der Hand halte, werde ich dich besiegen, Kesh", murmelte der Magier und fügte belustigt hinzu: "Und dann werde ich dich, Kender, Stück für Stück grausam töten."
Erstaunen zeigte sich auf Krispans Gesicht, nachdem er den Stein schneller fliegen ließ, denn dieser hielt plötzlich an, etwa fünfzig Meter vor ihm. Gleichzeitig spürte er eine Kraft, die auf den Stein wirkte, und zwar entgegen der seinen. Der Drache! Er zog seinerseits den Regenbogenstein zu sich hin, so daß dieser nach kurzer Zeit zwischen den beiden Magiekundigen schwebte.
"Hm...Lust auf ein kleines Magieduell, wie?", höhnte Krispan. - "Das nennst du Magieduell, robenumhangener Mensch?", konterte Kesh und zog ohne das kleinste Anzeichen von Antrengung den Stein langsam zu sich hin. Er sah die Unruhe des Zauberers, wie er sich anstrengte den Stein nicht zu verlieren - und wie er in seinen Beuteln kramte. Kesh grinste innerlich, als Krispan eine schwarze Perle hervorzog, sie mit seiner rechten Hand fest umschloß und sich mit geschlossenen Augen konzentrierte. Gleichzeitig änderte der Regenbogenstein wieder seine Richtung und flog nun wieder auf die schwarze Robe zu; und das ziemlich schnell sogar, wenn man bedenkt, daß der Zauber von Kesh noch wirkte.
"Wirklich beeindruckend...die Macht...der Perle", dachte Kesh ironisch - und brach seinen eigenen Zauber ab. Damit war die Kraft, die den Stein ungefähr in Schwebe hielt, schlicht und einfach - weg. Und schon schoß der Regenbogenstein wie ein Blitz auf Krispan zu. Als Magier spürte er natürlich die Veränderung und riß sofort seine Augen auf - doch es war zu spät. Der Stein war so schnell, daß jegliche Reaktion zu spät kam. Er durchbrach alle Schutzzauber, die Krispan auf sich gelegt hatte und traf den armseligen Magier direkt in der Magengegend. Krispan krümmte sich unter Schmerzen, er keuchte und stöhnte. Der Regenbogenstein lag direkt vor ihm, doch er konnte sich nicht bewegen, war wie gelähmt und schnappte nach Luft.
Murmel fing an zu lachen, das heißt: Er lachte innerlich, denn er konnte ja seinen Mund nicht bewegen. "Ja! Gib's ihm, Kesh!" dachte er, "zeig ihm, was man mit Dieben macht: Rösten! Rösten! Rösten!" Irritiert warf Kesh dem Kender einen Blick zu, denn er konnte seine Gedanken lesen. Dann wand er sich wieder zu dem Magier, der bereits auf den Beinen war und umständlich nach dem Objekt seiner Begierde griff. Kesh richtete sich zu voller Größe auf. Dann schätzte er die Umgebung um den Magier ein. Keine wertvollen Gegenstände, nur Münzen, hauptsächlich Kupfermünzen. "Gut so", dachte er und holte tief Luft.
Ja, der Regenbogenstein war in seinen Händen. Krispan umschloß den Stein mit seiner rechten Hand und hielt ihn triumphierend in die Höhe. Er sah wie der Drache seine Lungen füllte. Doch das störte ihn nicht. Er sah auf den Stein, wie er in allen Farben pulsierte; ein Herz, schöner als in Legenden beschrieben. Dann richtete er seinen Blick auf den Drachen und beobachtete wie ein riesiger Kegel aus loderndem Feuer auf ihn zukam.
Das Feuer hüllte ihn vollständig ein und einen großen Teil seiner Umgebung. Die Felswände des Eingangs hinter ihm wurden erst schwarz, dann glühend rot, und schließlich schmolzen sie; wie die Münzen, die im Bereich des Feuers und noch viel weiter weg, herumlagen.
Kesh beendete das Feuerwerk - und mußte dem höhnischen Lachen des Krispan zuhören, als die letzten Flammenzungen ihn freigaben. Er hatte gar nichts abbekommen, nicht einmal Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Kesh war sich nicht sicher, aber...hatte der Kender nicht gerade "Hm...dein Feuer ist nicht gerade heiß..." gedacht? Egal, denn jetzt wurde Kesh so richtig zornig. Er bebte am ganzen Körper, der Schwanz zuckte hin und her. Er holte noch einmal tief Luft und bereitete sich vor noch einmal Feuer zu speien.
Dies sah Krispan und zuckte vor Beunruhigung zusammen. Das Amulett der Feuerresistenz war verbraucht, für das Aufladen war keine Zeit. Er griff also in einen Beutel und holte etwas Diamantstaub heraus. Mit einigen magischen Worten begleitend, warf er den Staub einen Bogen beschreibend in die Luft. Gerade in diesem Moment spie Kesh einen weiteren Feuerkegel, der in seinen Zorn genährt fast doppelt so groß war. Doch dieses Mal stieß das Feuer auf eine unsichtbare Wand und zog sich an ihr entlang, so daß Murmel voller Begeisterung über dieses Schauspiel sah, wie sich eine riesige Hohlkugel aus lodernden Flammen, nur begrenzt durch Wand und Boden, über dem Magier bildete.
Ein schallendes Gelächter begleitete das Erlöschen der Flammen. Kesh knirschte mit den Zähnen. Und Murmel wartete gespannt auf den nächsten Feuerschwall. "Nun...großer, mächtiger, roter Drache! Soviel zum Magieduell...", begann Krispan, doch Kesh warf sofort entgegen: "Es steht immer noch Eins zu Null für mich, wenn ich mich recht erinnere, oder hast du den Regenbogenstein vergessen? Sitzt dein Gehirn etwa im Magen, so daß dein Gedächtnis leicht betrübt ist?" - "Nein! Es steht immer noch Eins zu Null für mich, Kesh! Aber ich verstehe, in deinem Alter haben die Augen sicherlich nachgelassen. Wie sonst ist zu erklären, daß du meinen Regenbogenstein nicht in meiner Hand erblickst!" Krispan hielt demonstrativ den Stein in die Höhe. Kesh schnaubte wütend. Krispan zog ein ekelhaftes Grinsen auf, wie Murmel fand. Er steckte den Regenbogenstein in eine seiner Taschen und machte einige Schritte rückwärts, während er das Kribbeln in seinen Fingern unterdrückte, Kesh mit Angriffszaubern zu bombardieren. Er wollte sichergehen, deshalb stand die genaue Erforschung der Mächte des Regenbogensteines im Vordergrund. Dann konnte er immer noch wiederkommen, ein Drache verläßt seinen Hort niemals. Er zeigte mit dem Finger auf Kesh und versprach mit einer Stimme, die nur aus der Dunkelheit kommen konnte: "Du bist des Todes, roter Drache!" Dann drehte er sich in einer schnellen Bewegung um und rannte hinaus...und zwar direkt gegen eine Wand aus erkalteter Lava. Dabei stoß er sich den Kopf und fiel rücklings hin. Sofort glitt er in die Bewußtlosigkeit.
Diesmal hallte ein dröhnendes Gelächter durch die Hallen. Kesh konnte sich vor Lachen, daß sich teilweise wie ersticktes Husten anhörte, nicht mehr halten. Er ließ sich auf seinen Edelsteinboden fallen, drehte sich auf den Rücken und hielt sich den Bauch. Genauso hemmungslos lachte auch Murmel, nur innerlich. Er hätte so gerne mitgelacht, doch er konnte es einfach nicht. Ein interessantes Gefühl, dachte er, aber doch kenderungewohnt.
Keshs Lachanfall verebbte, sich räuspernd stand er wierder auf und warf einen kontrollierenden Blick auf Murmel, der ihn mit flehenden Augen bittete, den Zauber wieder aufzuheben. "Ich weiß, kleiner Murmel, daß es eine fürchterliche Strafe für einen Kender wie dich ist, sich nicht bewegen zu können, aber wer stiehlt, muß..." - "...bestraft werden", beendete Murmel den Satz in Gedanken. "Aber ich habe nicht gestohlen!" beteuerte er seine Unschuld, "ich wollte es mir nur...nur ausborgen." - "Ich weiß, kleiner Murmel, ich weiß", dachte Kesh murmelnd und sah ihm direkt in die Augen. Kesh war ein roter Drache, ein böser Drache; doch trotzdem empfand er eine Spur Mitleid mit dem kleinen Wesen. Er ging auf Krispan zu. Er war immer noch bewußtlos. Mit einer Klaue tastete er nach dem Kraftfeld, daß das Feuer aufgehalten hatte. Es war da. Der Drache erstarrte kurz und dachte nach, ging sein Schatzinventar vor seinem geistigen Auge durch. Dann ging er wieder zu Murmel und dachte ein Wort. Ein Kribbeln durchzog Murmels Körper. Irgendetwas war anders, das wußte der Kender, doch er wußte nicht was, so stand er weiterhin da, in seiner Bewegung erstarrt. Er sah den Drachen, seine Augen..."Wieso guckst du mich so komisch an?" fragte Murmel nach einiger Zeit. Der Drache zog ein Grinsen auf. "Ich stehe hier bewegungslos da, bin gefangen auf Lebzeiten; und du...du lachst mich aus. Toll!" Der Kender verschränkte seine Arme und drehte sich mit dem Rücken zu Kesh. "Das finde ich gar nicht nett von dir! Nach alldem was wir erlebt haben, kann ich doch ein bißchen Respekt erwarten von einem...einem...." Murmel schluchzte künstlich, er hatte von Gileas, seinem bardischen Freund, viel in Sachen Schauspielkunst gelernt; und irgendwie...war dies der richtige Zeitpunkt sein Können unter Beweis zu stellen. Er blickte betroffen zur Seite und drückte aus dem linken Auge eine Träne heraus, um möglichst perfekt zu schauspielern und beendete gleichzeitig seinen Satz: "...einem...einem Freund."
"Da steckt Murmel also", dachte nur wenige Meter entfernt jemand. "Nun, kleiner Freund, du hast dich bereits um zwei Tage verspätet. Du hast es wohl nicht so eilig zu den Minotauren zu reisen. Aber ich seh' schon: Ein riesiger Schatzhort und ein noch größerer Drache sind natürlich Grund genug, eine Verabredung zu vergessen. Und so wie es scheint, wird es noch etwas dauern, bis du wieder freikommst, wahrscheinlich wird dich der Drache sogar zum Frühstück verspeisen..." Gileas erblickte den Kenderschädelhaufen. "Oh, ich korrigiere mich. Du wirst definitiv zum Frühstück verspeist werden. - Ich überlege...ob der Drache telephatisch begabt ist? Höchst wahrscheinlich ja. Also sollte ich lieber nicht mit dir in Kontakt treten. Ich wunder mich bereits jetzt, wieso der Drache...der Drache...moment mal...bei dieser Schatzgröße und diesen Gewölben durch die ich geflogen war, müßte dies doch...ein roter Drache?...Oh oh!...Tja, Murmel, ich muß mich wieder korrigieren. Du wirst definitiv definitiv verspeist werden. Ich habe mal gehört, daß dieser Kesh auch Kesh, der Kenderfresser genannt wird. - Wow, hast du ein Glück, Murmel, er hebt den Kender festhalten Zauber auf! Wahrscheinlich läßt er dich wie ein Kaninchen weglaufen damit er dich fangen kann. Naja, so lebst du wenigsten ein bißchen länger. Ach, wie süß, versuchst es jetzt auf die Mitleidstour. Na dann viel Glück. Ich glaube aber kaum, daß Kesh darauf reinfällt. Ich würde es ganz bestimmt nicht." Gileas lachte plötzlich auf. "Ha, ha. Ich dachte nicht, daß du diesen Trick mal anwendest. Zumindest nicht in einer Situation, in der er sowieso nutzlos ist. Aber, wenn du Spaß daran hast...aber paß auf, daß Kesh es nicht sieht, wie du dir in den Finger piekst." Er lachte wieder. "Schneid' dir doch gleich den ganzen Finger ab, dann fließt nicht nur eine Träne. Vielleicht schaffst du es auch die Halle hier zu überschwemmen. Dann würdest du sogar den roten feuerspeienden Drachen buchstäblich auslöschen." An dieser Stelle konnte sich Gileas nicht mehr halten, er fing dermaßen an zu lachen, daß er sich auf dem Boden gekugelt und den Bauch vor Lachen hätte halten müssen. Doch wie sollte das gehen, wenn man keinen Körper mehr besaß?
Er tut nur so. Das wußte Kesh, doch es war gut so, denn es war sehr amüsant. Besonders als er es schaffte, eine Träne fließen zu lassen. Es macht Spaß mit Kendern zu spielen, also bin ich heute mal sein Freund. "Okay, Murmel", fing Kesh an, "ich entschuldige mich." Kesh hatte sichtbare Mühe diese Worte über die Lippen zu bringen. Des Kender Augen strahlten. "Och, das finde ich aber..." Schnell unterbrach Kesh ihn: "Ich...schlage dir einen Handel vor:..." Murmel wollte wieder was sagen, doch er verstummte, als Kesh ihm einen durchdringenden Blick zuwarf. "Ein Handel", fuhr der Drache fort, "ich lasse dich laufen und du hilfst mir die Schwarze Robe gefangen zu nehmen." - "Abgemacht!" schoß es aus Murmels Mund heraus und er streckte ihm die Hand entgegen. Kesh reichte ihm eine Klaue. "Aber", hielt Kesh den Kender auf, der bereits zum Magier laufen wollte, "du mußt mir erst beweisen, daß du wirklich kein Dieb bist." - "Nichts leichter als das", sagte Murmel bestimmt, "Was soll ich tun?" - "Zeig' mir deine Hände!" - "Meine Hände?" - "Ja, deine Hände." - "Wieso?" - "Wieso nicht?" - "Weil ich keine Lust dazu habe?" - "Oh doch, du hast Lust. Denk an unseren Handel..." - "Hmmm..." - "Und?" - "Na gut!" Ganz unauffällig und schnell ließ Murmel die wunderschöne goldverzierte Untertasse aus Silber auf den Boden gleiten, dann streckte er die Hände nach vorne. "Ist das Beweis genug?" fragte Murmel. Kesh sah sich die Hände genau an. Ihm ging es gar nicht darum, ob Murmel wieder was gestohlen hatte. Er würde ihn ja sowieso auffressen. Er wollte nur sehen, ob...ja...an dem kleinen Finger da: ein frischer Einstich. "Ich wußte doch, wie du es geschafft hast, eine Träne entstehen zu lassen", dachte Kesh befriedigt. "Gut", fuhr er an Murmel gerichtet fort, der sichtlich froh war bewiesen zu haben, daß er unschuldig war, "deine Aufgabe ist es in meinem Schatz einen Stab zu finden, einen grauen Stab, mit vielen verschiedenen Runen darauf. Er müßte ungefähr..." Doch Murmel war schon losgesprungen und wühlte durch den riesigen Schatz. "Das war ein Fehler, Kesh", dachte Gileas.
Bald hatte Murmel neben vielen anderen schönen Sachen, die nicht einmal alle in seine Beutel passten, einen grauen Stab gefunden. Viele verschiedene Linien und Einkerbungen waren darauf. Das mußte der Stab sein. Solche Runen hatte Murmel zwar noch nie gesehen, doch Runen sehen immer geheimnisvoll aus, das wußte er. "Ich hab' ihn!" rief der Kender aus, "Was soll ich machen?" - "Berühre die unsichtbare Wand mit dem Stab", Kesh deutete in Richtung Krispan, dabei gähnte er, denn während Murmels Suche hat dieser von jedem Schatzhort erzählt, auf den er je gestoßen war. Zumindest hat er mit diesem Thema angefangen, schweifte aber schnell davon ab und hat zuletzt über die Trinkgewohnheiten bei Kenderfamilien in Kenderheim geplaudert. Bei den Themen, die dazwischen lagen, hatte Kesh nicht zugehört, so daß er froh war, als Murmel den Stab endlich fand. "Wo ist denn die Wand überhaupt, ich kann sie nicht sehen!" Murmel tastete angestrengt mit den Händen die Luft ab. Der Drache schüttelte sich und unterdrückte einen kurzen Flammenstoß. Murmel grinste. "War doch bloß ein Scherz", beruhigte er ihn. Schnell fand er die unsichtbare Wand, baute sich vor ihr auf, und tippte mit dem Stab darauf.
Es passierte - nichts...Das heißt: fast nichts. Denn Murmel empfand ein sonderbares Kribbeln, was sich komisch anfühlte, doch das erstaunte ihn nicht besonders. Statt dessen starrte er nach vorne, wo er immer noch mit der Hand das Kraftfeld fühlen konnte."Hmm, so 'n Mist!" rief er aus, dann, zum Drachen gewand: "Hey, dieser Stab funktioniert gar nicht, der..." Er verstummte denn das Kribbeln wurde stärker. Jetzt war er aber neugierig und sah auf sich herunter. Doch was er jetzt sah, konnte er gar nicht glauben, ebenso wenig wie Kesh und Gileas, die mit offenem Maul und offenem Mund...sofern man das bei Geistern so sagen konnte...den Kender beobachteten.
Murmel sah, wie er wuchs - ja, richtig...Murmel Beutelleer, der ein Meter vierzehn kleine Kender wuchs, ganz langsam: erst ein Meter zwanzig, dann ein Meter dreißig, schließlich überschritt er ein Meter fünfzig. "Wow!", machte Murmel, "jetzt bin ich größer als ein Zwerg." Die Nähte seiner Kleider, sein rotes Hemd, der Gürtel mit den Beuteln und die leuchtendblaue Hose platzten, sogar seine plüschweiche Fellweste, die er so sehr liebte, zerriß; denn er wuchs nicht nur, er bekam sogar Muskeln. Seine einst dünnen Arme und Beine wurden dicker, umpfangreicher und muskulöser. Das kleine, artige Patschehändchen wurde auch immer größer und größer und seine blasse Haut wurde zunehmend dunkler. Doch das Wachsen hörte nicht auf: eins siebzig, eins achtzig, eins neunzig. "Wowww!!!", machte er, dieses Mal lauter, "jetzt bin ich größer als alle meine Freunde!" Und er wurde noch größer und überschritt sogar die Zwei-Meter-Grenze. "Ww...", jetzt war er sprachlos, denn er wußte, er wird ein Riese. Schnell schaute er an die Decke. Hoffentlich reichte die aus, wenn nicht, mußte er sich eben hinsetzen. Doch er wurde enttäuscht, denn als er, ziemlich genau sogar, seine doppelte Größe erreichte, hörte das Wachsen auf. "Ohh, wie schade...", seufzte Murmel, und starrte sehnsüchtig an die Decke der Drachenhöhle. Plötzlich jedoch geriet er aus dem Gleichgewicht; geschickt, wie er als Kender eigentlich war, versuchte er sein Gewicht zu verlagern und so die Balance zu halten, doch er fiel rücklings in die Edelsteine, die gar nicht pieksten, wie er fand, denn er hatte eine dicke Haut... und riesige Muskeln, wie er voller Begeisterung feststellte, als er sich aufsetzte. Und als er entlang seiner starken Beine sah, stockte ihm der Atem: Dort, wo eben noch zehn kleine Kenderzehen waren, hatte er jetzt nur noch vier. Zwei riesige Zehen auf jedem Fuß, mit übergroßen Fußnägeln..."Hufe, ich habe Hufe!" entfuhr es ihm in plötzlicher Einsicht, "ich bin ein, na, wie hieß das doch gleich? Ein Paarhufer, ja, ein Paarhufer! Wie lustig, wie...wie...oh, nein...oh, bitte nein!...Großer Reorx!!...Ich werde eine Kuh!!!" Denn gerade erblickte er eine große Schnauze vor seinen Augen, die sich mit seinen Kopfbewegungen immer mitzubewegen schien. Nicht, daß er Angst davor hatte, eine Kuh zu sein. Kender haben vor nichts und niemandem Angst. Doch empfand er dieses Wissen um seine Zukunft nicht gerade als angenehm. Den ganzen Tag auf einer Wiese stehen und Gras fressen. Igitt, es ekelte ihn an und er spuckte. Und dann, abends, musste er alles, was er gegessen hatte, wieder herauskotzen. Das heißt, er würde kotzen, aber er dürfe nicht den Mund dazu aufmachen. "Bäääähhhhhh!!!", machte er. Die Kotze würde sich in seinem Mund stauen...Er betrachtete seine große Schnauze: Nun, es würde eine ganze Menge da reinpassen. Und dann müßte er das Gefressene ein zweites Mal durchkauen..."Wieso eigentlich?" fragte er sich selbst, "haben Kühe so schlechte Zähne?" Es ekelte ihn dermaßen an, seine eigene Kotze wieder und wieder durchkauen zu müssen, daß er sich übergeben mußte, woraufhin der wie Gileas immer noch staunende Drache zusammenzuckte, als er das Erbrochene des Kenders auf seine Diamanten und Opale fließen sah. "Nein!", wimmerte Murmel, "ich will kein Wiederkauer sein, oder wie man zu solchen Tieren auch immer sagt. Ich..." Plötzlich kam ihm eine Erkenntnis, als Kuh könnte er sich jeden Tag ganz alleine frische Milch melken, und frische Milch ist gesund, hat Mama zumindest immer behauptet. Sein Gesicht hellte sich wieder auf, als er daran dachte, daß er als Kuh ein Milchgeschäft aufmachen könnte. Doch dann fiel ihm ein, daß er dann rosa Euter hätte, die er beim Melken immer wieder drücken musste. Das war etwas, was dafür sprach, doch keine Kuh zu werden. Als er sich dann erinnerte, wie es aussah, als er einmal zwei Kühe beim Kindermachen erwischt hatte, faßte er sich an den Kopf und entschied sich endgültig dagegen, eine...moment Mal..." Seine Ohren, sie waren nicht mehr so spitz wie früher und saßen auch nicht mehr richtig. Er spielte mit ihnen herum und stellte fest, daß er sie in jede Richtung bewegen konnte, außerdem waren sie flauschig weich. Begeisterung machte sich in ihm breit, denn erst jetzt fiel ihm auf, daß er ein kurzes braunes Fell hatte...am ganzen Körper! "Hey, das ist ja besser als jede Fellweste, ich glaub', das behalte ich." Und auf einmal wußte er es, denn er erkannte: Er, der Kender, war ein Minotaurus. Und wenn ich ein Minotaurus bin, schlußfolgerte er, dann habe ich auch...er faßte sich an den Kopf...Hörner! Und die hatte er auch. Murmel stand also auf, noch etwas wackelig auf seinen neuen Füßen, und war glücklich wie noch nie zuvor. Er ballte seine Fäuste - seine alten Kenderhände hatten gespreizt gerade mal die Breite von zwei und halb Mintaurenfingern gehabt. "Jetzt sollen mir mal Goblins oder Drakonier in die Quere kommen!", rief er. Und dann schrie er es heraus: "ICH WOLLTE SCHON IMMER MAL EIN MINOTAURUS SEIN !!!" Seine neue rauhe, dunkle Stimme hallte durch die Gewölbe und schreckte kleine Tiere auf, Maulwürfe und Dachse, die versuchten, ein bißchen Schlaf zu finden.
Gileas war sprachlos. Kesh war sprachlos. Krispan war bewußtlos.
Kesh unterbrach das Schweigen zuerst, den Blick auf den Kender, nein, Minotaurus gerichtet, wie dieser umständlich versuchte, durch die verrücktesten körperlichen Verrenkungen seine Muskeln zur Geltung zu bringen, indem er kurz hüstelte. Murmel sah auf. Kesh deutete dezent nach unten. "Wieso...", begann Murmel und blickte nach unten, gefolgt von einem leisen "Oops", denn er war nackt. Schnell nahm er seine Kleiderfetzen und bedeckte die Stelle an seinem Körper, von der er dachte, daß diese niemanden was angehe, und die ihn ganz besonders stolz machte, in Form eines Lendenschurzes. Dabei wurde er so rot wie der Drache. Dieser streckte seinen Hals aus und kam nah an Murmel heran: "Du Dummkopf, kleiner Kender..." - "Minotaurus!", warf Murmel schnell ein, "ich bin ein Minotaurus, du riesengroße Fledermaus!" Irgendwie fühlte sich Murmel mutiger als sonst. "Ja, ja. Minotaurus...", Kesh reagierte nicht auf die Beleidigung, "...doch trotzdem ein Dummkopf !" - "Wie bitte?" - "Du hast den falschen Stab benutzt!" zischte Kesh ihn an; dann ruhiger: "Wenn Krispan gleich aufwacht, bist du schuld, wenn er flieht." Murmel trat vor, tippte Kesh mit einem Minotaurenfinger, von denen er immer noch begeistert war, auf die Nüstern und sprach drohend: "Ist mir doch egal, soll er doch aufwachen. Ich bin jetzt ein Minotaurus und ich habe keine Angst vor dir. Das heißt: Ich hatte noch nie Angst vor dir. Aber jetzt bin ich ein mächtiger Krieger mit einem strengen Kodex: Gewinnne und lasse verlieren...ähh...nein...Gewinne und töte?...nee, auch nicht...Töte oder werde getötet?...Ja, ich glaube das war 's." In Gedanken faßte sich Gileas an den Kopf, der sein Erstaunen inzwischen auch überwunden hatte: "Nein, Murmel. Nein. Es heißt: Der Stärkere hat immer Recht. Wer schwach ist, hat Unrecht." - "Und da ich jetzt ungeheuer stark bin...", fuhr Murmel fort, "...hast du Angst vor mir zu haben. So!" Murmel, zufrieden über seine Worte, schob schnell seinen roten Lendenschurz zurecht, der etwas verrutscht war, - er nahm sich vor das Binden von Lendenschürzen noch etwas zu üben -, dann verschränkte er seine mit Muskeln bepackten Arme vor seiner ebenso kräftigen Brust. Kesh reagierte erst einmal nicht und es entstand eine kleine Pause, in der sich die beiden unentwegt in die Augen starrten. Es war Kesh, der zuerst blinzelte, was Murmel mit Genugtuung aufnahm. Kesh hatte keine Lust mehr auf diese Kenderspielchen eines Minotauren und wollte die Angelegenheit so schnell wie möglich beenden, denn der Minotaurus namens Murmel hatte etwas an sich, das alle seiner Art hatten, und das hasste er, wie er sonst nichts auf dieser Welt hasste. "Du stinkst!" zischte Kesh ihm direkt ins Gesicht. Auf solch eine Beleidigung war selbst Murmel nicht vorbereitet, die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht. "Du stinkst", wiederholte der Drache, "ich wünsche also, daß du meine Höhle sofort verläßt." - "Wie? Was?" - "Und das ist mein voller Ernst! Also...", er zeigte mit einer Klaue auf einen Ausgang. Murmel war beleidigt. So etwas konnte er sich doch nicht bieten lassen, da war er Gast bei einem Drachen, und dann das. "Du blöder, mutierter, feuerspuckender Wurm, du fliegende Riesenratte mit Flügeln, du edelsteinausbrütendes, nesthockendes, rotes Riesenhuhn, du..." - "RAUSSS!!!!", brüllte der Drache so laut, daß die Höhlenwände erbebten, "verpeste meine Höhle nicht mit deinem Gestank!" -"Nein", dachte sich Murmel, "das geht entschieden zu weit." Er drehte sich auf seinen Hufen um und stapfte wütend zu seinen Sachen. "Der Drache ist sowas von unverschämt, hier bleiber ich nicht länger. Ich nehme meine Sachen und verschwinde von diesem Ort. Ich wollte hier sowieso nicht lange bleiben, schon gar nicht bei solch einem rauchendem Schlot mit Mundgeruch!" Die letzten Worte schrie er heraus, doch der Drache reagierte nicht. Er wartete nur geduldig ab, bis Murmel seine Sachen nahm und verschwand. Er hätte ihn auch töten können, doch dann würde er seinen Hort mit Minotaurengestank verpesten, und das wollte er nicht. Und was den Diebstahl anging; für einen Kender ist ein Minotaurus zu sein schon Strafe genug, zumindest meinte dies Kesh.
Die ganze Zeit über stieß Murmel Fluch über Fluch heraus und war ganz begeistert von sich selbst, wie er den Ausdruck "Bei Sargonnas!" in seine Sätze einbaute, dem minotaurischen Rachegott. Die Zeiten, in denen er "Bei Reorx Bart!" ausrief, schienen vorbei zu sein. Doch er fand es aufregend ein Minotaurus zu sein, besonders da er mit Gileas zu den Minotaureninseln reisen wollte. Das wird ein Spaß sein! Doch dafür brauchte er einen passenderen Namen. Murmel klang so...so ungefährlich. Vielleicht...Murmelon...nein....Murmelus....auch nicht...Momel....Bei Sargonnas! Nein!...Mamult...Hmmm?...Ich hab's: Mammut. Ja! Das war ein gefährlicher und furchteinflößender Name: Mammut, der Minotaurus.
Zufrieden schnallte er sich seine Beutel um die Taille, die jetzt viel größer war. "Gut", dachte sich Mammut, "passen halt mehr Beutel dran." Dann füllte er ganz unauffällig, wie ein Kender eben, die Beutel mit Edelsteinen und sonstigen netten kleinen Gegenständen sowie dem Stab, der ihn verwandelt hatte. "Den kann ich noch gut gebrauchen...", dachte er sich. Als Minotaurus brauchte er natürlich eine riesige Streitaxt und Kesh hatte offenbar nichts dagegen, als er sich mal eben aus dem Schatzhort bediente. Er wiederholte nur wieder dieses Wort mit vier Buchstaben. Mammut hörte schon gar nicht mehr hin. Dann nahm er noch seinen Hupak, der ihn an seine Zeit als Kender erinnern sollte und machte sich auf den Rückweg - aus der Drachenhöhle hinaus. Er wollte sich ja draußen mit Gileas treffen, fiel ihm ein, und so fing er an zu laufen, denn er hatte eine tolle Geschichte zu erzählen.
Gileas, der die ganze Zeit nicht weit weg vom Geschehen in der Luft geschwebt war, folgte Murmel unauffällig hinaus, denn er wollte seinen neuen Freund, Mammut, den Minotauren, überraschen. Über den verrückten Namen kichernd, beobachtete er noch aus dem Augenwinkel, wie Kesh mit dem richtigen Stab das Kraftfeld aufhebte; gerade rechtzeitig, als sich der Magier anfing zu bewegen. Dann war der Magier, der aufstehen wollte, plötzlich von tausenden klebrigen Fäden bedeckt, so daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Doch Krispan brauchte nur seine Lippen zu bewegen - und schon war er verschwunden und tauchte hinter dem Drachen auf. Unter wilden Drohungen zauberte er einen Blitzstrahl, der den zu voller Größe aufgerichteten Drachen voll traf und nach hinten fallen ließ. Dabei bebte der gesamte Berg. Dann entbrannte auch schon ein wilder Kampf, den Gileas sich lieber vorstellte, als direkt beobachtete, denn die Höhle wurde schnell heiß und kalt durch die vielen Angriffszauber beider Seiten, sowie dem gefährlichen Drachenfeuer. So schwebte er also aus der Höhle hinaus und sah zu, daß er Murm...ähh...Mammut einholte, denn dieser hatte bereits einen gehörigen Vorsprung.
Mit Sehnsucht vernahm Mammut die leiser werdenden Kampfgeräusche zwischen Kesh und Krispan, aber er wußte, sein Weg führte weg von Kesh und seinen...Meinungen. Mit einem zufriedenem Gesichtsausdruck hörte er noch einen angstverzerrten Schrei von einem Menschen, der gerade gut durchgebraten in einem riesigen Maul endete. Dann wurde es still und Mammut hörte nur noch das Geräusch seiner Hufe, die beim Gehen auf dem Steinboden aufschlugen.
Der Regenbogenstein wurde inzwischen wieder von vorsichtigen Drachenklauen auf sein Podest zurückgelegt.
Vorsichtig schlich sich Gileas an Mammut heran. Eigentlich brauchte er nicht vorsichtig zu sein, denn als Geist kann er sich nahezu allem und jedem, ohne bemerkt zu werden, nähern. Trotzdem - er wollte ganz sicher sein, daß Mammut nicht einmal dachte, sein bester Freund könne hinter ihm sein.
Und als Gileas ganz nah bei dem Minotaurus schwebte, zuckte dieser vor Entsetzen zusammen, als er eine strenge Stimme in seinem Kopf hörte, die voller Ekel ausrief: "Mammut, du stinkst!"

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