Geschichten-Archiv • Elfen weinen nicht...

Tote Augen starrten ihn an. Blankes Entsetzten, Erkenntnis. Das Wissen, des nahen Todes, der Niederlage sprachen aus jenen Augen. Eine schwere Pranke legte sich sanft auf seine Schulter, drückte diese vorsichtig. "Der Magier hat das gefunden, was er verdient hat. Trauere nicht um ihn, es war sein Schicksal. Er hat sein Ende selbst erwählt." Die Stimme war düster und kündete von Macht, doch Morgan fühlte keine Angst. Er riß sich vom Anblick des Leichnams los und betrachtete statt dessen die Pranke, die auf seiner Schulter ruhte. Armlange, Elfenbeinfarbene Krallen, die aus einer rotgeschuppten Pranke herauswuchsen, die so groß war, das sie seinen Brustkorb mit Leichtigkeit umfassen konnte. "Elfen trauern nicht." erwiderte Morgan und ließ seine Blicke über das Dorf schweifen. Einige der Häuser waren nur noch rauchende Trümmerhaufen, andere brannten noch lichterloh. Rauch schwängerte die Luft und ein entferntes Krachen kündete von einem weiteren Haus, das den Flammen endgültig erlag und in sich zusammenbrach. Doch trotz dieser schrecklichen Zerstörungen gab es nur eine einzige Leiche, die des Dorfmagiers. "Es ist nur einfach alles nicht... richtig." Morgan wandte den Kopf und sah dem Drachen direkt ins Gesicht. Wamark nahm seine Pranke von Morgans Schulter und blickte ihn mit seinen gelben, pupillenlosen Augen an. "Sie haben getötet, nur um ihrer Freuden willen und dennoch haben wir ihr Leben verschont als sie flüchteten. Der Magier versuchte uns zu töten und der einzige Weg ihn aufzuhalten war es ihn zu töten." "Trotz allem kommt es mir falsch vor. Ich kann seinen Tod nicht als einfache Bestrafung hinnehmen, egal was er getan hat. Sein Tod kann einen anderen nicht rückgängig machen. Er war sinnlos." "Töten ist nicht leicht und darf es niemals werden. Du hast getötet um zu Überleben, nicht aus Rache. Dies ändert alles ein wenig." Der Tonfall des Drachen war nicht belehrend, er wollte nur helfen. "Es hätte nicht so kommen müssen." beharrte der Elf. "Dieser da hat seinen Tod selbst erwählt. Er hätte flüchten können. Das Wesen, das der Magier tötete, wollte flüchten, aber er hat es gejagt und abgeschlachtet nur um einen alten Aberglauben willen, das seine Macht dadurch größer werde." "Ich will es mit meinen eigenen Augen sehen." "Bist du dir da so sicher?" Der Drache legte argwöhnisch den Kopf schief. "Ja. Ja, ich will es sehen." `Entschlossenheit wie diese ist bewundernswert, aber auch gefährlich.´ dachte Wamark. "Nun denn, so sei es." sagte der Drache und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. "Wo werde ich es finden?" Morgan blickte zu Wamarks Kopf auf, der sich nun mehrere Meter über ihm befand. "Gehe die Hauptstraße entlang bis zum Marktplatz. Dort wirst du finden, was du suchst."

Morgan ging langsam durch den dichten Rauch, der von einem brennendem Haus, das wohl einmal eine Schenke gewesen war aufstieg hindurch. Seine Elfenohren nahmen das leise Knistern des Feuers wahr als er stehenblieb. Wenn er einen Schritt weiter gehen würde, würde er aus dieser Wand aus Qualm heraustreten und es sehen. Doch was war es? Was würde ihn erwarten? Er verwarf diese Gedanken, wagte den letzten Schritt und erstarrte wie vom Donner gerührt. Vieles hätte er erwartet, aber nicht diesen Anblick, der sich ihm nun darbot. Der Großteil des Marktplatzes wurde von Tischen und Bänken eingenommen, auf denen Zum Teil noch Krüge und Teller standen. Man hatte zwei große Schweine geschlachtet und auf Spießen über zwei immer noch brennenden Feuern gebraten. Ein Weinfaß, vor dem sich ein Pfütze gebildet hatte stand an einem der Tische. Aus dem Hahn tropfte noch ein wenig der Dunkelroten Flüssigkeit. Alles war ausgerichtet für ein großes Fest, doch in den Augen des Elfs wurde all dies zu einer grausamen Hinrichtung als er den Grund für die Feier erblickte. An dem großen Baum, der in der Mitte des Marktplatzes stand hing aufgeknüpft an einem Seil ein Wesen, das aussah wie eine viel kleinere Ausgabe von Wamark. Es war ein Drachenjunges. Blut tropfte noch aus der tiefen Wunde in seinem Hals und sammelte sich zu einer Pfütze, die aussah wie die vor dem Weinfaß. Elfen verbergen ihre Emotionen und so zeigte auch Morgan keine Reaktion, während in seinem Innern ein Mahlstrom der Gefühle entfesselt wurde. Doch unter all diesen Gefühlen befand sich kein Haß auf die Dorfbewohner, nur Trauer und die quälende Unwissenheit. Die Frage nach dem `Warum´. Langsam ging er auf das Drachenjunge zu und zog seinen Dolch. Vorsichtig durchtrennte er das Seil mit dem Dolch und ließ das Junge zu Boden gleiten. Nachdem er den Dolch wieder in dessen Scheide gesteckt hatte kniete er sich neben dem Leichnam in den Staub. Warum? Er hatte keine Antwort auf diese brennende Frage, die sein Innerstes zu zerreißen schien. Warum? Langsam, mit zittriger Hand schloß er die Augen des kleinen Drachens und während er dies tat, vergoß er eine einzelne Träne auf den Kopf des Leichnams. `Elfen weinen nicht.´ dachte er und erinnerte sich an ein Gedicht eines Menschen. "Elfen weinen nicht, denn ihr Mut ist nicht zu brechen. Elfen weinen nicht, und sie werden nicht aussprechen, den Kummer den sie in sich tragen, nicht in Jahren, nicht in Tagen. Denn die Träne eines Elfs ist die Träne einer Welt. Und Welten weinen nie." Leise sprach er diese Worte vor sich hin und zum ersten mal begriff er den Sinn dieser Worte, nun wußte er ob ihrer Bedeutung. Sie waren nicht die bloßen Worte eines einfältigen Menschen, als die er sie immer abgetan hatte, denn in ihnen fand er Wahrheit und Ehrlichkeit. Menschen. Die Dorfbewohner waren auch Menschen. Der Magier war auch einer gewesen. Aber jener Dichter eben auch. `Vielleicht sind die Menschen untereinander verschieden, so wie die Elfen? Vielleicht sind sie nicht alle so schlecht wie man uns glauben machen wollte?´ Nachdenklich stand er auf. `Ist das der Preis für Einsicht?´ überlegte er. `Müssen alle Elfen diesen Preis zahlen? Er ist so hoch, so...´ Langsam machte er sich wieder auf den Rückweg.

Dunkelheit. Das Gefühl eingesperrt zu sein. `Ich will raus!´ Kälte. Das plötzliche Gefühl, das zum brennenden Wunsch wird. Hinaus. Luft. Leben. Dann: `geschafft!´ Licht. Ein zweibeiniges Wesen. `Mutter?´ Nein... Ein Lichtblitz. Angst. Flucht. Brennender Schmerz. Etwas glänzendes. `Kann mich nicht mehr bewegen.´ Furcht. Noch einmal Schmerz. Endlos, qualvoll. Endgültig. Tod. Wieder Dunkelheit. Schmerz. Nur kurz. `Wo bin ich?´ Keine Schmerzen mehr. Müdigkeit. Augen... auf. Immer noch dunkel. Nein. Sterne. Mond. Es ist Nacht. Leben. "Hallo du." Eine Stimme. mächtig und düster, aber auch warm und beschützend. Weise. Aufstehen. "Wo bist du, Stimme?" Erschöpfung. Keine Kraft. `Kann nicht aufstehen.´ Enttäuschung. Wamark sah wie das Junge sich aufrappeln wollte, aber gleich wieder zusammenbrach. Er fühlte die Enttäuschung. "Ich bin hier. Bei dir. Ruh dich aus." "Ich kann dich nicht sehen, Stimme. Wer bist du?" "Man nennt mich Wamark. Schließe jetzt deine Augen. Schlaf erstmal. Du mußt wieder zu Kräften kommen." Müdigkeit. Gähnen. `Die Stimme spricht wahr.´ Unzufriedenheit. `Worüber?´ Erkenntnis. "Was ist passiert? Stimme Wamark, war ich Tod? Warum lebe ich wieder, Stimme Wamark?" Neugierde. Wamark nahm das Junge gerade vorsichtig in die Arme als es fragte. Er zögerte. Sollte er ihm die Wahrheit erzählen? "Willst du das Wirklich wissen?" "Ja, Stimme Wamark. Erzähl´s mir." "Nun gut. Du sollst es wissen. Ja, du warst Tod. Ein Menschenmagier wollte seine Macht vergrößern, indem er dich tötete." Verwirrung. Schrecken. Wissensdurst. "Ich war Tod?" Unglauben. `Nein. die Stimme Wamark würde mich nie belügen.´ "Wurde seine Macht wirklich größer?" "Nein, das ist nur ein alter Aberglaube, aber manche glauben daran." "Was ist das, Stimme Wamark? Ein Aberglaube?" "Ein Aberglaube ist eine alte Legende, an die manche Wesen immer noch glauben." Nachdenklich blickte er auf das Drachenjunge in seinen Pranken. `Ja, manche Wesen glauben an Legenden, sonst wäre ich nicht hier.´ "Stimmt es, Stimme Wamark, das wenn man nur fest genug an etwas glaubt, dieses dann wahr wird?" "Daß weiß niemand so genau, aber wer weis, vielleicht wird ja eines Tages der Aberglaube eines Wesens wahr und sein innigster Wunsch geht in Erfüllung? Aber du solltest jetzt schlafen." Das Junge rollte sich zusammen und schloß die Augen. "Na gut." sagte es. Wamark blickte noch einmal auf die Überreste des Marktplatzes und breitete dann seine Flügel aus. Langsam hob er ab und flog, das Drachenjunge in den Pranken zurück zum Drachenberg, Morgan würde ihn schon suchen. Schlaf. Das plötzliche Gefühl etwas vergessen zu haben. Erwachen. "Stimme Wamark? Du hast mir immer noch nicht gesagt, wie ich wieder zum Leben erweckt wurde." Wamark hatte gehofft, das Drachenjunge würde vergessen das zu fragen, aber er konnte es nicht belügen. "Durch die Träne eines Elfs." "Aber Elfen weinen nicht, Stimme Wamark. Das ist doch nur ein Märchen." "Nein, Junges." Er zögerte. "Es ist ein Aberglaube."

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