Geschichten-Archiv • Andarion

"...Über der Ebene, auf der noch vor wenigen Augenblicken die Heerscharen der Elfen, Orks, Menschen, Zwergen und Zentauren aufeinandertrafen, lag eine unheimliche Stille. Nicht einmal das Stöhnen von Verwundeten war zu hören, denn es gab niemand der das Inferno überlebt hatte. Der beißende Gestank nach verbrannten Fleisch schwängerte die Luft. Die Ebene war innerhalb eines Wimpernschlags zu einem Massengrab geworden, die Toten zum Teil so sehr verstümmelt, das man weder Rasse noch Geschlecht erkennen konnte. Einige der verkrümmt und verkohlt am Boden liegenden Körper schwelten noch und erzeugten kleine Rauchfähnchen. Am Rand der Ebene, auf einem Hügel, stand der Mann der für diese Tat verantwortlich war: Andarion, Erzmagier und König des Menschenreiches Ondur. Die Gefährten des Magiers starrten ungläubig auf die gefallenen Massen. Der Feuersturm hatte nur ein paar Sekunden gedauert und das Schlachtfeld wie ein feuriger Mantel bedeckt. Nichts regte sich mehr in der Ebene. Andarion stand da und blickte ungläubig auf seine Hände... Er und seine Gefährten waren gekommen um eine Schlacht zu verhindern, doch niemand hatte ihnen zugehört. Die Wut war über Andarion hereingebrochen wie ein Wasserfall, hatte ihn umhüllt wie ein Umhang und ihn kontrolliert wie ein Puppenspieler... Die Worte der Formel waren aus seinem Mund geflossen, die Gesten unkontrollierbare Bewegungen seiner Hände. Unfähig seine Handlungen zu kontrollieren mußte er zusehen, wie Tausende von dem Feuer verschlungen wurden, er hörte ihre Schreie, fühlte beinahe den Schmerz jedes einzelnen von ihnen. Nach diesem mächtigen Zauber war er erschöpft, aber vor allem fühlte er sich leer. Seine Beine versagten ihren Dienst und er fiel auf seine Knie...

Plötzlich begann der Boden zu beben und von der Mitte der Ebene ausgehend entstand ein Loch, in dessen bodenlose Tiefe die Leichen der Schlacht fielen. Das Loch breitete sich aus und nahm bald die ganze Ebene ein, danach füllte es sich mit einer rot schimmernden Flüssigkeit, die aussah wie Blut. Plötzlich wurde es dunkel wie in tiefster Nacht und das einzige Licht spendete die schimmernde Flüssigkeit, die nunmehr einen See bildete... einen See aus Blut. Die Gefährten und Andarion blickten auf, als sich in der Mitte des Sees Blasen bildeten und sich eine Insel an dieser Stelle aus dem See erhob. Auf der rechten Seite der Insel dominierten Verwesung und Tod, verdorrte Pflanzen wuchsen um den Thron aus bleichen Knochen der darauf stand. Auf diesem Thron saß ein Skelett in einer schimmernd schwarzen Rüstung und mit einem Schwarzen Umhang bekleidet. Die Position der Augenhöhlen wurden durch zwei rotglühende Punkte, die unter der Kapuze hervorlugten erkennbar und in seiner Hand trug das Wesen ein Zepter, das aus einem einzigen Knochen bestand und an dessen oberer Seite ein bleicher Schädel angebracht war. Das Skelett umgab eine Aura des Schreckens, selbst gestandene Krieger fröstelten bei seinem Anblick. Keiner der Gefährten oder Andarion hatten dieses Wesen jemals gesehen und doch wußten sie alle, wer es war... Morga - der Gott des Todes... Die andere Seite der Insel war das krasse Gegenstück zu Morgas Teil. Hier wuchsen Blumen und Gras und der Thron war ein einzelner Baum dessen Stamm so gewachsen war, das sich die junge, wunderhübsche Frau genau in die Öffnung setzen konnte, die er lies. Neben dieser Schönheit wäre sogar eine Nymphe aus dem Orlanwald verblaßt. Ihr nußbraunes Haar wallte ihr über die Schultern und ihr Körper wurde von keinerlei Kleidung verdeckt. Für viele stellte sie die Verkörperung vollkommener Schönheit dar, doch sie war mehr als nur das, sie war die Göttin des Lebens: Laila. Der Erdboden schüttelte sich unter einem erneuten Beben und zu beiden Seiten der Insel mit den Göttern erhoben sich jeweils zwei weitere, kleinere Inseln und bildeten so einen Halbkreis. Nachdem das Beben aufgehört hatte, flackerte auf der dem Totengott am nächsten gelegenen Insel ein Feuer auf. Das Feuer wuchs, brannte höher und höher und formte sich zu einer humanoiden Gestalt: Farion, Elementarherr des Feuers. Nur einen Moment später erschien auf der der Göttin des Lebens am nächsten gelegenen Insel eine Regenwolke, deren Tropfen sich in einer Pfütze auf der Insel sammelten, nach ein paar Sekunden verschwand die Wolke und aus der Pfütze wuchs eine humanoide Gestalt von drei Metern Größe aus purem Wasser: Worgan, Elementarherr des Wassers. Die Insel neben der des Elementarherrn des Feuers begann zu Beben, der Boden brach auf und aus dem Loch wuchs ein Wesen, das einem Erdgolem ähnelte, nur viel bulliger und Größer: Eargon, der Elementarherr der Erde. Ein Wirbelsturm erschien auf der einzigen noch freien Insel. Der obere Teil des Trichters verwandelte sich in einen Rumpf mit Armen und einem Kopf: der letzte der Elementarherren: Largo, Elementarherr der Luft. Drei weitere Inseln erhoben sich vor der des Totengottes und der Lebensgöttin aus der wogenden See aus Blut. Diese Inseln waren in einem Dreieck angeordnet, dessen Spitze auf Andarion und dessen Gefährten zeigte. Auf der vordersten erschien ein Humanoide in glänzender, silberner Vollrüstung mit aufgesetzten und geschlossenen Visierhelm: Kurgon, der Kriegsgott. Auf der Insel links hinter Kurgon erschien der letzte der acht Götter: Ongrim, Gott der Weltlichen Güter. Erneut wurde die Erde von einem Beben erschüttert und diesmal erschien ein Steg, eine steinerne Brücke die von der letzten Insel ausging und vor Andarion endete. Kurgon begann zu sprechen und seine Stimme klang eigenartig sanft: "Andarion, wir haben dich schon seit langer Zeit beobachtet und deine Fortschritte mit Wohlwollen bemerkt. Du hast Macht gesammelt und nun ist es Zeit den Tatsachen ins Auge zu sehen: Deine Macht ist gleich der eines Gottes und mit dieser letzten Demonstration deiner Macht hast du uns zum handeln gezwungen. Andarion: Nimm deinen Platz in den Reihen der Götter als Gott der Arkanen Kräfte ein und werde unsterblich oder stirb und bleibe den Wesen dieser Welt in ewiger Erinnerung als Andarion der Zerstörer, als ein MÖRDER!" "NEIN! ich werde mich mit dieser Tat nicht in die Reihen der Götter aufschwingen! Dieser Preis ist zu hoch!" Morga reckte sich in seinem Thron: "Ist das dein letztes Wort?" Andarion rappelte sich auf die Füße. "Nein! Ich habe noch etwas zu sagen!" Laia nickte ihm zu. "So sprich schnell. unsere Geduld kennt Grenzen!" Andarion schwang drohend die Faust in die Richtung der Götter. Eigentlich eine nutzlose Geste, denn er wußte, das er in seinem gegenwärtigen Zustand keine Chance gegen sie gehabt hätte. Dennoch wollte er seine Worte mit dieser Geste unterstreichen. Die Göttin des Lebens zeigte als einzige Reaktion darauf; ein spöttisches Lächeln. "Ihr wolltet mich in eure Reihen aufnehmen für das Blut von Tausenden! Das kann ich nicht akzeptieren! Ihr wollt gute Götter sein? Und dabei reicht euch noch nicht einmal, von den Wesen dieser Welt verehrt zu werden! Nein! Ihr müßt auch noch unter den sterblichen wandeln und eure Macht demonstrieren indem ihr ohne Grund und wahllos mordet! Ihr weidet euch an dem Leid Sterblicher! Ich sage, ihr seid keine Götter! Ihr seid entweder Teufel oder größenwahnsinnige Sterbliche, denen zuviel Macht gegeben wurde, mit deren Hilfe sie den Tod überlisteten und sich über die anderen stellten!" Stille überkam die Ebene nach diesen Worten und wurde dann plötzlich von dem Murmeln Andarions durchbrochen, der seinen gesamten Lebensfaden mit einem Zauber verwob. Erneut hatte seine Wut Macht über ihn erlangt und er war dabei den mächtigsten Zauber seines Lebens zu erschaffen. In seiner erhobenen rechten Hand erschien ein Bündel Nachtpfeile, acht an der Zahl! Jene mächtigen, nachtschwarzen Pfeile aus purer Magie, die ihr Ziel immer fanden und deren Kraft unaussprechlich war. Andarion schleuderte die Pfeile auf die Götter und brach danach unter der Belastung zusammen. Die Götter schrien wie aus einem Munde auf und verschwanden. Der Tag kehrte zurück und die Flüssigkeit, die die Ebene füllte verlor ihren roten Schimmer und zeigte ihre wahre oder vielleicht neue Natur: Es war ein See aus Teer. Die Gefährten erwachten wie aus einer Trance und liefen zu Andarion um zu sehen, ob er noch lebte, aber es war zu spät. Der Magier hatte seine ganze Lebenskraft in die Pfeile gelegt und war danach gestorben. In einer unmöglich verkrümmten Position lag er da, der Körper ausgemergelt, jedweiliger Lebenskraft entzogen.

Die Gefährten wußten nicht, ob sie um ihren verlorenen Freund trauern sollten, denn immerhin hatte er Heerscharen mit nur einem Schlag vernichtet. Wie betäubt standen sie da und wußten nicht, was sie tun sollten. Plötzlich begann die Luft über dem Leichnam zu flimmern und ein geisterhaftes Abbild des Magiers erschien. "Meine Freunde. Meine Taten sollen eine Lehre sein für alle die jetzt leben und nach mir kommen werden. Kein sterbliches Wesen sollte solche Macht besitzen und ich glaube fast... nein, ich weiß das niemand auf der Welt solche Macht besitzen soll, nicht einmal Götter! Ich habe sie schwächen, jedoch nicht vernichten können, aber es sollte ausreichen um sie für die nächsten 500 Jahre davon abzuhalten sich in die Angelegenheiten Sterblicher zu mischen. Dadurch hat mein Tod einen Sinn erlangt und ich habe vielleicht einen ganz kleinen Teil dessen wiedergutgemacht, was ich verbrochen habe, wenn es auch keinen Weg gibt, die Wesen wieder lebendig zu machen, so habe ich vielleicht einen Weg gefunden ihren Seelen ein wenig Ruhe zu geben." Nachdem er diese Worte gesprochen hatte drehte er sich um und machte Gesten in Richtung des Teersees. Ein goldenes Schloß brach aus den Fluten und die Zugbrücke fiel auf den Hügel, vor die Füße der Gefährten. Andarions Geist drehte sich wieder zu seinen Gefährten um. "Die Götter haben vorgesorgt. Um sich an mir Rächen zu können sobald sie genug Macht gesammelt haben, haben sie mich in einen unsterblichen Geist verwandelt. Doch auch ich werde die Zeit nutzen. Dieses Schloß wird mein Gefängnis sein. In ihm werde ich die nächsten 500 Jahre verbringen und mich auf die Rückkehr der Götter vorbereiten. Ihr werdet mich darin einschließen müssen, das Tor von außen verriegeln. Und am Tage der Rückkehr müssen eure Nachfolger das Tor wieder öffnen damit ich die, die sich Götter nennen endgültig vernichten kann und die Seelen derer, die heute hier durch meine Hand gestorben sind meine erhalten und endgültige Ruhe finden." Der Geist schwebte über die Brücke durch das Tor, das daraufhin zuschlug. Ein großer, goldener Schlüssel steckte in dem Schlüsselloch. Die Gefährten sahen sich schweigend an und wußten alle, das sie es tun mußten. Es war Andarions letzter Wunsch. Dennoch wollte keiner den Anfang machen. Plötzlich, und ohne ein Wort setzten sie sich alle gleichzeitig, wie auf ein geheimes Zeichen hin in Bewegung und gingen auf das Tor zu. Jeder drehte den Schlüssel ein kleines Stück weiter. Zuerst Landril, der Elfenbogenschütze, danach Grimbel, der Zwergenschmied, dann folgte Holak, der Zentauerkrieger und als zuletzt Orak, der Orkdieb den Schlüssel zum Ende drehte und die Tür damit für immer verschloß, fiel der Schlüssel zu Boden und zersprang in 5 gleich große Teile. Jeder der Gefährten nahm einen Teil an sich und würde es mit, in sein Heimatland nehmen. Den fünften Teil legten sie zu der Leiche Andarions, die sie auf dessen Pferd festzurrten. Nachdem die Gefährten die Zugbrücke verlassen hatten, versank das Schloß wieder im See und mit ihm Andarion. Die Gefährten sahen nicht zurück, sie wollten es nicht sehen. Sie packten ihre Sachen und versprachen einander den Magier immer als den im Gedächtnis zu halten, der er war: ein fairer und guter Freund.

So ritten sie zurück ins Land der Menschen um den Leichnam des Magiers in dessen Schloß zu bestatten. Während des ganzen einwöchigen Ritts sprach keiner der Gefährten ein Wort. Nach der Bestattung des toten Magiers ritt jeder der Gefährten in sein Reich zurück und brachte die Kunde von Andarion dem Göttertrotzer, der den Göttern zeigte, wo ihre Grenzen lagen und der zur letzten Schlacht wiederkehren würde um die Götter auf ewig von dieser Welt zu verbannen..."

So steht es in den Legenden geschrieben und so klingt es in den Liedern der Barden nun schon seit vielen, vielen Jahren. Viel ist geschehen in dieser Zeit, neue Rassen wurden entdeckt und neue Länder. Die Schlüsselteile wurden zu Herrschersymbolen, Andarion zu einem Messias, der eines Tages zurückkehren wird. Wir schreiben das Jahr 365 n. A. 365 Jahre nachdem Andarion der Göttertrotzer mit seinem Schloß in dem See, der einstmals die Ebene von Alkon war, versank und damit eine neue Zeitrechnung einläutete. Es ist eine dunkle Zeit, eine Zeit des Krieges, in der die Kräfte, die Andarion und dessen Taten ehren gegen jene ins Feld ziehen, die die Rückkehr der Götter vorbereiten. Die Gründe, aus denen die Anhänger die Götter verehren sind vielfältig: die Hoffnung auf Macht am Tage der Rückkehr der Götter ist nur ein Beweggrund für jene, die die vielen Splittergruppen leiten, und sich selbst die Bischöfe nennen. Sie operieren im Hintergrund und lassen ihre Lakaien in den sicheren Tod rennen, wenn es ihren Zwecken dienlich ist. Die Bischöfe stellen die größte Bedrohung dieser Zeit dar und viele machen sich zu Helden, indem sie einen von ihnen zur Strecke bringen...

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