Geschichten-Archiv • Die Geschichte von Lionhead und Silvereye
Aufbruch ins Abenteuer: Teil 1

"Lilaneeh, mein Kind, wo steckst du denn?" "Hier bin ich, Meister, ich komme schon!" Eine junge Frau mit wallendem, goldblondem Haar kam anmutig die Treppe des hohen Turmes herunter. "Ach, da bist du ja. Hast du alles für unsere Gäste vorbereitet?" Ein verwirrter Ausdruck erschien auf Lilaneehs Gesicht. "Welche Gäste, Meister? Ihr habt mir nichts von irgendwelchen Gästen gesagt..." "Nicht?" Meister Aldurion rieb sich die schmerzenden Augen. "Nun, dann muß ich es wohl wieder einmal vergessen haben, tut mir leid. Meister Sanurlas und sein Adept kommen für zwei Tage aus Shadowdale. Bitte, mein Kind, kümmere dich um alles Notwendige, ja?" "Selbstverständlich, Meister." Seufzend stieg Lilaneeh die Stufen Richtung Küche nach oben. In der letzten Zeit wurde ihr Lehrmeister immer vergesslicher. Aber das würde sie Aldurion niemals vorwerfen. Er war ein hervorragender Lehrer in der Kunst der Magie, und er war immer sehr gut zu ihr gewesen. Lilaneeh liebte ihn wie den Vater, den sie nie gekannt hatte.

Bereits drei Stunden später klopften Aldurions Gäste an die Tür. Lilaneeh hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, um mit allem rechtzeitig fertig zu werden, aber es hatte sich gelohnt. Das Abendessen war bereit, die Gästezimmer gerichtet, und im kleinen Salon im Erdgeschoß des Turmes prasselte ein munteres Feuer. Aldurion öffnete selbst die Tür. Er bestand stets darauf, seine Gäste persönlich zu begrüßen. "Sanurlas, mein Freund! Wie freue ich mich, dich nach so langer Zeit endlich einmal wiederzusehen!" Die beiden alten Magiere umarmten sich herzlich. "Aldurion, die Freude ist ganz meinerseits. Darf ich dir meinen Adepten Krandur vorstellen? Er ist einer der besten Schüler, die ich je hatte." Neugierig musterte Lilaneeh, die eben zu den drei Männern hinzugetreten war, den etwa sechzehnjährigen Jungen, der ob des Lobes seines Meisters verlegen zu Boden blickte. Als er den Blick wieder hob, begegnete er den goldenen Augen Lilaneehs, welche sie zusammen mit ihrem goldblonden Haar und den leicht spitzen Ohren als Halbelfin auswiesen. "Ach", rief Sanurlas aus, "das muß ja wohl die kleine Lionhead sein! Bei Mystra, du bist ja bereits eine erwachsene Frau! Wie die Zeit vergeht! Ja, Aldurion, daran sieht man deutlich, wie alt wir werden." Der junge Krandur fühlte seine Knie weich werden. Gerade hatte er sich Hals über Kopf verliebt in das bezauberndste Wesen, das er je gesehen hatte. In der jungen Halbelfin vereinigten sich auf ideale Weise die Eigenschaften der beiden Rassen, die ihre Vorfahren waren: Die anmutige Grazilität der Elfen in perfektem Zusammenspiel mit den weicheren und üppigeren Formen der Menschen. Lilaneeh bemerkte amüsiert den verträumten Ausdruck auf Krandurs Gesicht. Sie war sich sehr wohl bewußt, welche Wirkung sie auf Männer haben konnte, auch wenn sie selten Gelegenheit hatte, diese Wirkung zu testen. Sie war jetzt neunzehn Jahre alt und neugierig auf das andere Geschlecht. So beschloß Lilaneeh, daß Krandur das ideale Versuchsobjekt sein müßte. Sie tänzelte auf den wie hypnotisiert dastehenden Jungen zu, hakte sich bei ihm unter und führte ihn, den beiden Meistern folgend, in den gemütlichen Salon. Endlich fand Krandur seine Sprache wieder: "Dein Name ist also Lionhead...?" "So nennt man mich. Passend, nicht wahr?" antwortete sie und fuhr sich mit der Hand durch ihre ungebändigten Locken. "In der Tat. Eine Farbe wie lauteres Gold..." stammelte Krandur in dem ungeschickten Versuch, galant zu wirken. Lilaneeh mußte sich abwenden, damit ihr junger Verehrer ihr Grinsen nicht sehen konnte. Lilaneeh fühlte sich überhaupt nicht verlegen, sondern nur belustigt. Wie einfach es doch ist, dachte sie, als Frau einen Mann zu beeinflussen, ohne daß dieser es überhaupt bemerkt. Die beiden folgenden Tage versprachen interessant zu werden.

Der arme Krandur hatte es wirklich nicht leicht. Lilaneeh hielt ihn fest an der Angel, wo er zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen. Sie hatte keine Minute lang vorgehabt, den jungen Mann näher als einen halben Meter an sich heranzulassen, soweit reichte ihre Neugier nicht. Sie hatte auch keinerlei schlechtes Gewissen, weil sie mit ihm spielte wie mit einem amüsanten Plüschtier, schließlich wußte sie sehr gut, was Männer den Frauen antun konnten, ohne dabei auch nur ein Fünkchen an Schuldgefühlen zu empfinden. Die beiden Zaubermeister waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß sie von alledem kaum etwas bemerkten. Nur kurz vor der Abreise sagte Sanurlas plötzlich: "Krandur, Krandur, du bist ja so blaß, und Ringe hast du unter den Augen! Da paßt man mal zwei Tage nicht auf dich auf, und schon überarbeitest du dich. Ich habe dir doch immer gepredigt, daß du genügend schlafen sollst!" Krandur lief rot an, senkte den Blick und murmelte: "Ja, Meister." Zum Abschied küßte Lilaneeh den jungen Adepten auf die Wange, was diesen wiederum erröten ließ. "Leb wohl, und viel Glück weiterhin mit deinen Studien", hauchte sie. "J-ja, d-das wünsche ich dir auch..." Lilaneeh lächelte. Oh ja, du warst ein angenehmes Studienobjekt...

Aufbruch ins Abenteuer: Teil 2

Wenige Tage später rief Aldurion seine Schülerin zu sich. "Lilaneeh, mein Kind", begann er wie immer seine Rede, "Meister Sanurlas hat mir einige interessante Dinge berichtet, die meine Forschungen ein gutes Stück weitergebracht haben. Du kennst doch die Geschichte von Myth Drannor?" "Selbstverständlich, Meister, Ihr habt sie mir schließlich selbst beigebracht." "Dann erzähle mir, was du über Myth Drannor weißt." "Nun", Lilaneeh räusperte sich, um ihre Gedanken zu ordnen, "nun, Myth Drannor war eine alte Elfenstadt im Elvenwood, bevor sie vor bereits über tausend Jahren durch die Armee der Dunkelheit, welche von Nykar-Daemons geführt wurde, zerstört worden ist. Die Stadt, die von den Elfen >City of love< genannt wurde, war von jeher eine Begegnungsstätte für Menschen und Elfen. Sie war eine Stadt der Geschichtenerzähler, Kunsthandwerker und Erfinder. Von Barden wurde sie als >Towers of beauty< besungen, was auf ihre besondere Architektur schließen läßt. Außerdem war Myth Drannor auch berühmt als Stätte des arkanen Wissens, der Magie, der Zauberer, der Wissenschaften und der Geschichtsschreiber. Es soll dort noch heute viele Schätze und magische Artefakte geben, da sich bis vor wenigen Jahren keiner in die für Elfen heiligen Ruinen gewagt hatte. Die Waldelfen bewachten das Heiligtum mit ihrem Leben, bis die letzten Elfen die Gegend in Richtung Evermeet verließen..." Lilaneeh schluckte, als traurige Erinnerungen an ihren Vater in ihr aufstiegen, doch schnell schob sie diese dunklen Gedanken beiseite: "Seither versuchen immer wieder Abenteurer, die Schätze von Myth Drannor zu plündern, obwohl man sich erzählt, daß es dort immer noch von Teufeln und Dämonen wimmeln soll." Lilaneeh holte tief Luft, lächelte ihren Lehrmeister an und fragte: "Habe ich die Frage zu Eurer Zufriedenheit beantwortet?" "Beinahe, mein Kind, aber nun würde ich gerne noch etwas über die Geographie hören. Wo liegt Myth Drannor?" "Elvenwood befindet sich etwa drei Tagesritte nördlich von hier, dem Halfaxe Trail folgend, und die Ruinenstadt liegt im westlichen Teil des Waldes..." Lilaneeh runzelte die Stirn. "Nein, Genaueres weiß ich nicht darüber..." "Nun, das müßte auch reichen, damit du hinfindest...", sinnierte Aldurion. "Damit ich...hinfinde...?" fragte Lilaneeh mit mißtrauischem Blick. "Äh, ja, ganz recht. Ich wünsche, daß du nach Myth Drannor reist und dort aus der Bibliothek des Zauberers Azimer ein wertvolles Buch holst, den >Shadow Tome<." Lilaneeh wurde sichtlich blaß um die Nase. "Ich soll mutterseelenallein acht Tage lang durch ein von Monstern und Verbrechern verseuchtes Land reisen, um unter den Augen von Teufeln und Dämonen irgend so einen Schmöker zu klauen...? Meister, das kann nicht Euer Ernst sein..." "Mein liebes Kind, es handelt sich nicht um irgendeinen Schmöker, wie du so respektlos äußertest", empörte sich der alte Magier, "sondern um den >Shadow Tome<, ein überaus wertvolles, in Krokodilleder gebundenes Buch von besonderer Form. Ich brauche es unbedingt zur Fortführung meiner Studien. Natürlich erwarte ich nicht von dir, daß du dich alleine auf diese zugegebenermaßen gefahrvolle Reise begibst. Hier..." Aldurion kramte in den unzähligen Taschen seiner sandfarbenen Robe und zog schließlich ein kleines Ledersäckchen hervor. "...hier hast du Gold. In Harrowdale wirst du sicher Leute finden, die dich gegen angemessene Bezahlung begleiten. Von dem, was übrigbleibt, kannst du dann noch Pferde mieten." Hilflos starrte Lilaneeh abwechselnd auf das Säckchen in ihrer Hand und auf ihren Meister. Aldurion bemerkte sehr wohl, daß seine Adeptin schlicht und ergreifend Angst hatte, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor dem Abenteuer, schließlich war sie bisher kaum über Harrowdale hinausgekommen. "Lilaneeh, mein Kind, es wird Zeit, daß du in die Welt hinausgehst und das Gelernte anwendest. Du warst eine gute Schülerin, aber nun ist es am Leben, dich etwas zu lehren. Und ich bin davon überzeugt, daß du alle Gefahren meistern wirst. Glaubst du, wenn es anders wäre, würde ich dich auf diese Reise schicken?" Lilaneeh schüttelte leicht den Kopf. Bei sich dachte sie allerdings, daß ihr Meister möglicherweise etwas weltfremd sei, hatte er doch in den letzten Jahren kaum noch seinen Turm verlassen und wahrscheinlich keine Ahnung, welche Gefahren in der Welt da draußen auf einen Reisenden lauerten. Aber da sie wußte, daß es keinen Sinn hatte, Aldurion umstimmen zu wollen, straffte Lilaneeh die Schultern, atmete tief durch und fragte: "Und wann soll ich aufbrechen?" Aldurion antwortete mit einem leichten Lächeln: "Sobald alle Vorbereitungen abgeschlossen sind. Heuere dir Begleiter an, ihre Auswahl überlasse ich deiner Menschenkenntnis. Dann besorge Pferde und Proviant für zwei Wochen, ihr werdet euch unterwegs vermutlich noch einmal mit Nahrungsmitteln eindecken können. Tja, und dann kann es losgehen."

Aufbruch ins Abenteuer: Teil 3

Am nächsten Morgen machte sich Lilaneeh mit einem mulmigen Gefühl im Magen nach Harrowdale auf, um nach Abenteurern zu suchen, die zu einer Reise nach Myth Drannor bereit wären. Am erfolgversprechendsten erschien es ihr, in den größeren Gasthäusern der Stadt nach durchreisenden Söldnern zu fragen. Nach zwei Fehlanzeigen wies der Wirt der >Grünen Eiche< die junge Magierin auf einen Tisch hin, an welchem drei abenteuerliche Gestalten saßen. Zum einen war da eine große, grobknochige Frau, die in ein angeregtes Gespräch mit einem blonden jungen Mann vertieft war. Dabei saß schweigend ein Zwerg mit langem braunem Bart, dessen Streitaxt an seinem Stuhl lehnte. Lilaneeh beobachtete die Fremden einige Zeit, dann faßte sie sich ein Herz und trat zu ihnen an den Tisch. "Die Götter zum Gruße", begann sie das Gespräch. "Erlaubt Ihr, daß ich mich zu Euch setze?" Die Fremden musterten sie einige Zeit stumm, dann nickte die Frau mit den kurzen, blonden Haaren. Lilaneeh bedankte sich und zog sich einen Stuhl heran. "Gestattet, daß ich mich vorstelle: Man nennt mich Lionhead, und ich bin die Adeptin des Magiers Aldurion." "Freut mich", murmelte die Frau. "Mein Name ist Lulu, dies hier ist Simson", sie wies auf den jungen Mann, "und der schweigsame Zwerg dort nennt sich Radek. Darf ich fragen, was Ihr von uns wollt?" "Sicher, kommen wir gleich zur Sache. Nun, ich bin auf der Suche nach Leuten wie Euch, die mich gegen angemessene Bezahlung auf eine etwa zweiwöchige Reise begleiten." "Und wohin genau soll es gehen?" "Nach Norden, in den Elvenwood. Um es ganz genau zu sagen...: Nach Myth Drannor..." Lilaneeh erwartete empörte Ablehnung, aber Lulu blickte nur fragend zu Simson, welcher das Wort ergriff: " Nach Myth Drannor also? Ich muß sagen, das ist ein reizvoller Gedanke. Ich habe gehört, daß es da eine Menge zu holen gibt..." "Hast du vielleicht auch gehört, daß dort Dämonenarmeen ihr Unwesen treiben sollen?" meldete sich Radek zum ersten Mal mit tiefer Stimme zu Wort und sah Simson aus zusammengekniffenen Augen an. "Ach, papperlapapp, das sind doch Ammenmärchen!" entgegnete der junge Mann. "Du bist mir ja ein schöner Krieger, der Angst vor solchen Kindergeschichten hat!" Wütend verzog Radek sein Gesicht, erwiderte aber nichts. Während der sich anschließenden Diskussion ließ Simson die junge Magierin nicht aus den Augen, er schien sie mit seinen Blicken förmlich ausziehen zu wollen. Zum ersten Mal fühlte sich Lilaneeh in der Gegenwart eines Mannes unwohl in ihrer Haut. Dies war kein unerfahrener Jüngling, den sie nach ihren Wünschen manipulieren konnte. Vor ihm würde sie sich sehr in acht nehmen müssen. Schließlich wurde man sich einig, die Reise gemeinsam zu unternehmen, und auch die Bezahlung war schnell ausgehandelt. Weiterhin stellte sich heraus, daß die drei Abenteurer eigene Reittiere besaßen, sodaß Lilaneeh sich nur noch um ein Pferd für sich selbst und um ein Lasttier bemühen mußte. Man verabredete sich für den Morgen des übernächsten Tages zur Abreise in Richtung Myth Drannor. Lilaneeh war heilfroh, der Gegenwart des jungen Mannes entkommen zu können. Ich fürchte, da liegen zwei aufregende Wochen vor mir, dachte sie düster.
Zwei Tage später ging also die Reise los. Lilaneeh fühlte sich zu Pferde noch reichlich unsicher, obwohl der braune Wallach >Chestnut<, den sie sich in Harrowdale geliehen hatte, wirklich lammfromm war. Der Abschied von Aldurion war kurz und schmerzlos gewesen. Der alte Magier hatte vorgegeben, schrecklich beschäftigt zu sein und seiner Schülerin nur ein kurzes >Gute Reise!< zugerufen. Die zur Schau getragene Gleichgültigkeit ihres Meisters trug nicht gerade zur Verbesserung von Lilaneehs Laune bei. Auch Simson, der darauf achtete, stets neben ihr zu reiten, drückte auf ihre Stimmung. Alles in allem wünschte sie sich von ganzem Herzen nach Hause in ihr gemütliches Turmzimmer. Dieser Wunsch wurde im Verlauf der nächsten Tage höchstens noch stärker. Lilaneeh konnte sich ihres Verehrers nur mehr mit Mühe erwehren. Glücklicherweise waren immer entweder Lulu oder der Zwerg in ihrer Nähe, sodaß Simson nicht recht zum Zuge kam. So ritten sie drei Tage lang nordwärts, und es passierte nichts weiter, als daß Simson immer zudringlicher zu werden versuchte. Inzwischen hatte Lilaneeh allerdings keine Scheu mehr, ihm im Bedarfsfall kräftig auf die Finger zu klopfen, und so war Simson höchstens noch ein untergeordnetes Problem. Bei sich dachte die Halbelfin, daß sie eine solch ereignislose Reise auch ohne Begleiter hätte unternehmen können. Aber noch hatten sie Myth Drannor schließlich nicht erreicht.
Endlich standen sie am Rande des bedrohlich wirkenden Elvenwood. Eine geraume Weile blieb die Gruppe am Waldrand stehen. Schließlich faßte sich Radek ein Herz und ritt auf seinem kräftigen Pony voraus. Im Inneren des Waldes schalt Lilaneeh ihre dumme Angst, denn der Elvenwood war licht, freundlich und von fröhlichem Vogelgezwitscher erfüllt. Ihre Stimmung hob sich merklich. Leider kamen sie an diesem Tage nicht mehr weit, denn bald schon ging die Sonne unter und sie mußten sich einen Schlafplatz suchen. Lilaneeh fühlte sich merkwürdig sicher an diesem Ort, der Heimat ihrer elfischen Vorfahren, und schlief rasch tief und fest.

Aufbruch ins Abenteuer: Teil 4

Der nächste Tag brach hell und freundlich heran, und Lilaneeh hatte das merkwürdig beruhigende Gefühl, nach Hause zu kommen. Die Gruppe kam gut voran. Am späten Nachmittag ordnete Lilaneeh eine kurze Rast an, allerdings mehr wegen ihrer Gefährten und der Pferde, denn sie selbst fühlte sich so abenteuerlustig und frisch, daß sie den ganzen Tag ohne Unterbrechung hätte weiterreiten können. So ging es sechs Tage lang durch einen friedlichen Wald ohne jegliche erkennbare Bedrohung. Als sie sich wieder einmal zu einer Pause niedergelassen hatten, entdeckte Lilaneeh in der Nähe ihres Rastplatzes einen großen Brombeerbusch. Ihr lief das Wasser im Munde zusammen, und so erhob sie sich, um sich einige der leckeren Dingerchen zu Gemüte zu führen. Simson wollte ihr in den Wald folgen, doch ein scharfer Blick der jungen Magierin hielt ihn davon ab. Während sie so dastand und sich mit blaubefleckten Fingern Brombeeren in den Mund schob, sah sie ein Stück tiefer im Wald eine merkwürdig aussehende Pflanze. Das muß ich mir genauer ansehen, dachte sie bei sich und steuerte das farnartige Gewächs an. Allerdings konnte die Halbelfin auch nach eingehender Untersuchung der Pflanze nicht feststellen, worum es sich handeln könnte. Sie fand zwei vertrocknete Blüten, denen sie weder ursprüngliche Farbe noch frühere Form ansehen konnte. In der Hoffnung, daß in der Nähe noch weitere Exemplare der rätselhaften Pflanze wüchsen, suchte sie die Umgebung eingehend ab, aber offensichtlich war die Blütezeit gerade dieser Pflanze bereits vorüber, denn obwohl Lilaneeh noch andere Vertreter derselben Gattung entdeckte, brachte ihr dies keine neuen Erkenntnisse. Schließlich gab sie die weitere Suche auf, um sich vor dem Weiterreiten doch noch ein wenig auszuruhen. Langsam und vor sich hin sinnierend ging sie in die Richtung, in der sie ihren Rastplatz vermutete. Als sie jedoch nach fünf Minuten immer noch nicht bei ihren Gefährten angelangt war, dämmerte ihr, daß sie wohl die Orientierung verloren hatte. Lilaneeh blieb stehen, blickte sich um und rief laut nach ihren Begleitern. Keine Antwort. Sie rief weiter und drehte sich dabei langsam im Kreis. Ein Rascheln im Unterholz war die einzige Reaktion. "Talos soll diesen verfluchten Wald holen!" schrie sie wütend und verzweifelt. Nun hatte sie sich also im Elvenwood verlaufen. Na großartig! In diesem Moment erschien ihr der Wald gar nicht mehr so licht und freundlich. Mißmutig stolperte die Halbelfin weiter, dabei immer wieder die Namen ihrer Gefährten rufend. Als es langsam dunkel wurde, kämpfte sie sich noch immer durch das dichte Unterholz, ohne eine Spur von ihren Begleitern zu finden. Sie wollte die sinnlose Suche gerade aufgeben und sich erschöpft zu Boden fallen lassen, als sie ein Stück voraus etwas flackern sah, was ein Lagerfeuer sein konnte. "Mystra sei Dank!" jubelte Lilaneeh und rannte auf den einladenden Lichtschein zu, dabei wie eine Herde Nashörner durch das Unterholz brechend. Als sie gerade den Rand der Lichtung erreicht hatte und erkennen konnte, daß das Lagerfeuer verlassen war, da fühlte sie sich plötzlich von hinten von einem kräftigen Arm um den Oberkörper gepackt, und gleichzeitig spürte sie kalten Stahl an ihrer Kehle. Sie erstarrte in der Bewegung, und ihr geschmeidiger Körper versteifte sich. Als der Angreifer erkannte, was ihm da in die Arme gelaufen war, und daß dieser Jemand noch nicht einmal eine Waffe bei sich trug, lockerte er seinen Griff, und auch die scharfe Klinge des Dolches entfernte sich von Lilaneehs Kehle. Die zu Tode erschrockene Halbelfin entspannte sich wieder ein wenig, da der Mann hinter ihr offensichtlich nicht beabsichtigte, sie hier und jetzt umzubringen. "Dreh´ dich um", befahl eine unfreundliche Stimme. Lilaneeh gehorchte mit gesenktem Kopf. Dabei fiel ihr Blick auf ein Paar hohe, fellbesetzte Lederstiefel. Während sie langsam den Kopf hob, musterte Lilaneeh ihren Angreifer eingehend. Sie erblickte einen jungen Mann mit langen, schwarzen Haaren, die zu einem Zopf geflochten waren. Er trug einen silbergrauen Fellrock und ein Lederwams. An seiner Seite hing ein Langschwert, und den Dolch hielt er immer noch in der Hand. Am bemerkenswertesten waren jedoch seine Augen, die selbst im matten Licht des schwindenden Tages wie Silbermünzen glänzten. Die Beiden standen sich eine geraume Weile stumm gegenüber und blickten sich nur an. Schließlich straffte der junge Mann die Schultern und winkte Lilaneeh, ihm zu folgen. Er ging zurück ans Feuer, wo er gerade ein Reh grillte. Lilaneeh folgte ihm zögernd und ließ sich dann am Feuer nieder. Er säbelte mit seinem Dolch wortlos ein Stück Fleisch ab und bot es Lilaneeh an. Sie nahm es dankend, danach folgte wieder langes Schweigen. Da ihr Gastgeber offensichtlich nicht gewillt war, das Gespräch zu beginnen, ergriff schließlich Lilaneeh das Wort: "Ich habe mich verlaufen. Eigentlich suchte ich meine Gruppe: Eine Frau, einen Mann und einen Zwergen. Sind sie dir vielleicht begegnet?" Der junge Mann blickte von seinem Essen auf und schüttelte den Kopf. Na, der ist ja extrem gesprächig, dachte Lilaneeh. Sie startete einen neuen Versuch: "Man nennt mich Lionhead." "Silvereye", murmelte er. Lilaneeh hatte das Gefühl, mit einem schüchternen Kind zu sprechen. "Schön, Silvereye. Und wo kommst du her?" Er deutete in eine unbestimmte Richtung in den Wald. Lilaneeh war am Rande der Verzweiflung. "Und was tust du hier, mitten im Elvenwood?" "Ich esse", lautete die lakonische Antwort. Damit gab er der ohnehin schon entnervten Halbelfin den Rest -- sie verstummte. Lange hielt sie das Schweigen jedoch nicht aus. Mit einem vorsichtigen Seitenblick auf den jungen Mann fragte sie: "Ich bin auf dem Weg nach Myth Drannor. Wärst du bereit, mich gegen entsprechende Entlohnung dorthin zu begleiten?" Silvereye hob langsam den Blick und sagte nach einer längeren Pause: "Ich werde dir helfen, deine Freunde wiederzufinden." Lilaneeh war froh, dem jungen Mann einen ganzen Satz entlockt zu haben und finster entschlossen, nun nicht lockerzulassen: "Das ist sehr freundlich von dir. Aber um das klarzustellen: Als meine Freunde würde ich die Drei nicht bezeichnen wollen. Sie begleiten mich, weil ich sie bezahle. Schließlich kann eine schwache Frau wie ich nicht völlig schutzlos durch die Dales ziehen", fügte sie mit unschuldigem Augenaufschlag hinzu. Der junge Mann hörte auf zu kauen und musterte sein Gegenüber. Dann stand er auf und warf Lilaneeh eine Decke zu. "Schlaf jetzt. Ich werde Wache halten." Widerspruchslos wickelte die Halbelfin sich in die Decke und legte sich auf dem kühlen Waldboden nieder. Aber sie starrte noch geraume Zeit ins Feuer -- beziehungsweise zu Silvereye -- bevor die Erschöpfung sie schließlich übermannte und sie einschlief.

Aufbruch ins Abenteuer: Teil 5

Bei Sonnenaufgang wurde Lilaneeh durch eine Hand an ihrer Schulter geweckt. Sie richtete sich auf und stellte fest, daß ihr Begleiter bereits alle Habseligkeiten eingepackt hatte. "Kein Frühstück?" murrte die unausgeschlafene Magierin. "Nicht, wenn du wirklich noch vorhast, deine Leute wiederzufinden", lautete die Antwort, deren Logik Lilaneeh sich nicht entziehen konnte. Silvereye rollte die Decke zusammen und schnallte sie an seinen Rucksack. Dann warf er sich noch seinen Langbogen über die Schulter, und los ging es. Einige Stunden stolperte Lilaneeh hinter dem jungen Mann durch die Büsche und konnte in dieser Zeit kaum ein Wort aus ihm herausbringen. Plötzlich blieb Silvereye abrupt stehen, kniete sich nieder, untersuchte den Boden und dann einige umstehende Büsche. "Wart ihr mit Pferden unterwegs?" fragte er seine Begleiterin. Lilaneeh nickte. "Sicher", antwortete sie. Silvereye blickte sie ärgerlich an. "Wenn du mir das gleich gesagt hättest, könnten wir deine Gruppe schon längst wiedergefunden haben, es gibt hier nicht allzu viele Stellen, wo man mit Pferden vernünftig durchkommt", murrte er. "Entschuldigung. Ich hatte keine Ahnung, daß das wichtig war." Lilaneeh war ehrlich zerknirscht, weil sie daran nicht gedacht hatte. "Naja, schon gut", beruhigte Silvereye. "Die Spuren hier sind noch von gestern. Also werden wir in Kürze an eurem Lagerplatz sein. Von da aus sehen wir dann weiter." Nach diesen Worten fiel der junge Mann wieder in Schweigen. Kurze Zeit später hörten die Beiden ein Pferd wiehern. Lilaneehs Gruppe hatte anscheinend den Lagerplatz nicht verlassen in der Hoffnung, ihre Auftraggeberin würde doch noch auftauchen. Es gab ein großes Hallo, als Lilaneeh und Silvereye gemeinsam die Lichtung betraten. Simson ging sogar so weit, die Halbelfin hochzuheben und im Kreise zu wirbeln. Lilaneeh schien darüber nicht begeistert zu sein, und zu seiner eigenen Überraschung stellte Silvereye fest, daß ihm diese Vertraulichkeit außerordentlich mißfiel. In diesem Moment faßte er einen Entschluß. Er trat zu Lilaneeh und sagte: "Also, wenn dein Angebot noch steht, würde ich euch doch gerne nach Myth Drannor begleiten." "Sicher", antwortete Lilaneeh mit ihrem strahlendsten Lächeln. "Das würde mich sehr freuen. Wie kommt es zu dem plötzlichen Sinneswandel?" Silvereye blickte verlegen zu Boden und machte nur eine unbestimmte Geste. Wie sollte er ihr etwas erklären, was er selbst nicht verstand? "Naja, das Warum ist ja auch nícht so wichtig. Also, Leute, dies hier ist Silvereye, und er wird uns von nun an begleiten. Silvereye, das sind meine Begleiter Lulu, Simson und Radek." Vor allem Simson schien von seinem neuen Kameraden nicht begeistert zu sein. Lilaneeh fuhr fort: "Verteilt das Gepäck vom Lasttier auf unsere Pferde, viel ist es ohnehin nicht mehr. Ich hoffe, du kannst auf einem ungesattelten Pferd reiten, Silvereye." Der junge Mann nickte stumm. So setzte die Gruppe von nun an ihren Weg zu fünft fort.

Gegen Abend entdeckte Silvereye eine Höhle in einer hochaufragenden Klippe und entschied, daß dies ein ideales Nachtlager sei. Die Reisenden richteten sich also auf die Übernachtung ein, die Pferde wurden angebunden, Silvereye machte ein Feuer am Höhleneingang und Lilaneeh las im schwindenden Licht in ihrem Zauberbuch. Während des gemeinsamen Abendessens wurde die Reihenfolge der Nachtwache festgelegt. Silvereye sollte beginnen und dann Simson wecken, welcher wiederum an Radek übergeben sollte. Silvereye plazierte sich also vor dem Höhleneingang, ließ die Beine über den Rand der Klippe baumeln und blickte über den nächtlichen Wald, während seine Begleiter sich im hinteren Teil der Höhle in ihre Decken wickelten. Lilaneeh beobachtete den jungen Mann, der sich deutlich vor dem Nachthimmel abzeichnete. Schließlich stand sie auf und schlich zu ihm. Sie hatte das Bedürfnis, seine Nähe zu spüren. Er zuckte leicht zusammen, als Lilaneeh ihm die Hand auf die Schulter legte und sich dann neben ihm niederließ. "Ich kann nicht schlafen", erklärte sie, als sie seinen fragenden Blick bemerkte. Eine Zeitlang schauten sie gemeinsam in den sternenklaren Nachthimmel. "Da, sieh mal!" rief Silvereye plötzlich und deutete in die Dunkelheit. Lilaneeh konnte dank der elfischen Fähigkeit der Infravision deutlich die Lebensaura einer großen Fledermaus erkennen, die dicht bei der Höhle über die Bäume strich. "Du konntest sie doch sehen?" vergewisserte sich Silvereye. "Du bist doch eine Halbelfin, nicht wahr?" Lilaneeh nickte. "Und du hast ebenfalls elfische Vorfahren?" "Ja. Ich bin aber von Menschen aufgezogen worden. Mein Vater war ein Elf, aber er ist als einer der ersten nach Evermeet aufgebrochen." Lilaneeh seufzte traurig. "Wem erzählst du das? Ich war noch ein Säugling, als mein Vater unsere Familie verließ. Meine Mutter wußte nicht, wie sie mich und meine beiden älteren Geschwister durchbringen sollte, daher wurde ich in die Obhut des Magiers Aldurion von Harrowdale gegeben. Nicht, daß ich mich etwa beklagen will... Aldurion ist wirklich großartig... aber dennoch wüßte ich gerne, wie mein Vater so gewesen ist..." Lilaneeh verstummte. Tränen schimmerten in ihren goldenen Augen. Silvereye saß ein wenig hilflos daneben und wußte nicht, wie er sich jetzt verhalten sollte. "Wie hieß denn dein Vater?" fragte er schließlich ein wenig ungeschickt. "Lavender. Lavender Goldeye." schniefte Lilaneeh. Silvereye warf einen scheuen Seitenblick zu der Halbelfin und sagte leise: "Wenn man dich ansieht, weiß man, wie er zu seinem Nachnamen gekommen sein muß. Sicher hatte er die gleichen schönen Augen wie du." Lilaneeh lächelte durch ihre Tränen. "Mein richtiger Name ist... oh, eigentlich dürfte ich dir das gar nicht erzählen... ach, was soll´s, ich vertraue dir. Also, mein richtiger Name ist Lilaneeh Daleflower." Lilaneeh staunte über sich selbst. Außer ihrer Familie und Aldurion kannte niemand ihren wahren Namen. Magiere waren immer sehr darauf bedacht, diesen nicht preiszugeben. Und nun saß sie hier und erzählte diesem jungen Mann, den sie eigentlich überhaupt nicht kannte, ihr Geheimnis. "Ein schöner Name", sagte Silvereye. "Sicherlich elfisch. Ich habe auch noch einen anderen Namen, aber niemand nannte mich je so. Mein wirklicher Name ist Vanderghast Dalelander." "Tja, ich glaube, wir haben eine Menge gemeinsam", seufzte Lilaneeh und lehnte ihren Kopf an Silvereyes Schulter. So schauten sie schweigend in die Dunkelheit. Hätten sie jedoch geahnt, daß sie aus dem Inneren der Höhle aufmerksam und eifersüchtig beobachtet wurden, wären sie wahrscheinlich nicht so ruhig gewesen... Irgendwann war Lilaneeh doch so müde, daß ihr die Augen.zufielen, und sie legte sich schlafen. Kurz darauf übergab Silvereye die Wache an Simson.

Myth Drannor: Teil 1

Am nächsten Morgen wurden sie durch einen Wutschrei des Zwergen geweckt. "Dieser verdammte Mistkerl!" brüllte er. "Ich wußte, daß das eines Tages passieren würde!" "Was ist denn los, Radek?" fragte Lulu verschlafen. "Na Simson, das Aas. Der Schuft ist abgehauen. Er hat mich nicht zur Wache geweckt, sondern hat sich klammheimlich aus dem Staub gemacht. Wir wären leichte Beute für jegliches Raubzeug gewesen!" "Der ist längst über alle Berge", brummte Silvereye, der sich gleich darangemacht hatte, nach Spuren zu suchen. "Ja, und zwar mit unserer Reisekasse", fügte Lilaneeh mit saurer Miene hinzu. "Wäre ich nicht so hundemüde gewesen, hätte ich den Diebstahl vielleicht bemerkt. Aber so..." Die vier Zurückgelassenen machten während des ganzen Frühstücks ihrem Ärger gehörig Luft und entschieden dann, sich durch diesen Vorfall nicht von der weiteren Durchführung ihres Planes abhalten zu lassen. So machten sie sich denn wieder auf den Weg.
Am frühen Nachmittag desselben Tages stand die Gruppe plötzlich vor der Ruine eines einst zweigeschossigen Steingebäudes. "Ist das schon Myth Drannor?" fragte der an der Spitze reitende Silvereye. Lilaneeh zuckte die Schultern. "Durchaus möglich. Laßt uns einfach weiterreiten, dann werden wir es sehen." Tatsächlich stießen sie hinter dem ersten Gebäude auf eine Vielzahl weiterer Ruinen, größtenteils von Büschen, Unkraut und Moos überwuchert. Zögernd, beinahe ehrfürchtig ritt die Gruppe durch die einstmals belebten Gassen. Aber bereits nach zwei Häuserblocks wurde ihnen der Weg durch sechs zwielichtige Gestalten versperrt. Während Silvereye und Radek zu ihren Waffen griffen, raunte Lilaneeh: "Haltet euch bitte erstmal zurück und laßt mich machen. Vielleicht können wir einen Kampf vermeiden. Aber möglicherweise funktioniert es auch nicht... seid also bereit." Während sie sprach, zog sie ein kleines Beutelchen hervor, strich sich daraus ein weißes Pulver ins Gesicht und murmelte dazu Worte in einer fremdartig klingenden Sprache. In diesem Moment ging eine merkwürdige Veränderung mit ihr vor. Wenn sie zuvor schon eine sehr gutaussehende Frau gewesen war, so wirkte sie jetzt, als sei sie gerade den Himmeln entstiegen. So trat sie den schwerbewaffneten Fremden entgegen, die drohend näherkamen. "Die Götter zum Gruße", sagte sie mit ihrer melodisch klingenden Stimme. Die Reaktion der Wegelagerer war überraschend: Sie ließen ihre Waffen sinken und glotzten die Halbelfin mit offenen Mündern an. Der Anführer der Bande fand als erster seine Worte wieder. "Cyric zum Gruße", entgegnete er. "Was führt eine schöne Frau wie Euch in diese Gegend?" "Oh, wir haben einen dringenden Auftrag, und mit Euren Kenntnissen über die Örtlichkeiten könnt Ihr uns sicher behilflich sein", gurrte Lilaneeh. "Kennt Ihr zufällig die Bibliothek des Zauberers Azimer?" Die Räuber blickten sich an. Schließlich antwortete ihr Anführer: "Es gibt eine große Bibliothek in der Schule der Zauberei. Folgt dieser Straße bis zu ihrem Ende, dann biegt links ab und am Ende dieser Straße wieder rechts. Dann müßt Ihr über einen Schutthügel und danach ist es das zweite große Gebäude auf der linken Seite. Aber.... wollt Ihr uns nicht noch ein wenig Gesellschaft leisten, schöne Frau?" "Äh, nein, wir haben es ein wenig eilig. Habt vielen Dank für Eure Hilfe. Würdet Ihr uns bitte durchlassen?" Entgegen ihrer eigenen Erwartungen machten die Räuber tatsächlich Platz. Lilaneeh trieb ihr Pferd vorwärts und winkte ihren Begleitern, ihr schnell zu folgen.
In schnellem Trab ging es die Straße hinunter, bis die Gruppe zu der Weggabelung kam, an der sie nach links abbiegen sollten. Hinter der Ecke parierten sie ihre Pferde durch. Lilaneeh wischte sich das Pulver aus dem Gesicht und seufzte erleichtert. Silvereye fragte fassungslos: "Wie hast du das gemacht?" "Tja, ich bin eben doch nicht ganz so hilflos, wie alle immer glauben", antwortete die Halbelfin spitz, dann fügte sie in freundlicherem Ton hinzu: "Schließlich habe ich jahrelang die Kunst der Magie studiert." Nach diesen Worten trieb sie ihr Pferd weiter und beendete damit das Thema. Schließlich stand die Gruppe vor dem wahrhaft gewaltigen Schutthügel, von dem die Räuber gesprochen hatten. Während Lulu, Lilaneeh und Silvereye berieten, wie man das Hindernis am besten umgehen könnte, suchte Radek auf eigene Faust einen Weg. Doch bereits wenige Augenblicke später kam er kreidebleich zurückgaloppiert und schrie dabei: "Hilfe, ich werde von Teufeln und Dämonen verfolgt! Ich wußte es, wir hätten nie hierherkommen dürfen!" Es dauerte eine geraume Weile, bis sie von dem Zwergen eine verständliche Erklärung bekamen: "Da, hinter dem Hügel, da war ein greuliches Ungeheuer. Es ging auf vier Beinen, hatte eine leuchtendrote Schuppenhaut und ein mörderisches Raubtiergebiß. Und das Schlimmste war.... aus seinem Kopf wuchsen Schlangen, glitschige, sich windende Schlangen...." Der Zwerg erbebte. Seine drei Gefährten mußten ihm einige Minuten lang gut zureden, bevor er sich dazu überreden ließ, den Weg um den Schutthügel herum mit ihnen fortzusetzen. Endlich hatte die Gruppe einen freien Blick auf die Schule der Zauberei. Das Gebäude war weniger imposant, als Lilaneeh gedacht hatte. Tatsächlich war der größte Teil völlig zerstört, aber der Eingangsbereich schien unversehrt. Ein wenig enttäuscht stieg Lilaneeh vom Pferd und band das Tier an einen der zahlreichen Sträucher. Dann ging sie, mit ihren Gefährten im Schlepptau, auf das einen Spalt weit offenstehende Tor zu, welches auf leichten Druck hin quietschend nach innen schwang und den Blick freigab auf eine hohe, staubige Halle, deren Decke und Seitenwände zu einem Großteil eingestürzt waren. Aber eine steile Wendeltreppe ohne Geländer führte in engen Spiralen nach unten. Silvereye entzündete eine Fackel, dann zog er sein Schwert und stellte sich beschützend vor Lilaneeh. "Ich gehe vor", raunte er. Die Treppenstufen waren bedeckt mit Staub, Spinnweben und kleinen Steinen, die wohl von der eingestürzten Decke stammten. Knirschend zerfiel das Skelett einer Ratte unter Lilaneehs Fuß zu Staub. Plötzlich blieb Silvereye stehen. "Hier ist kürzlich schon einmal jemand hinuntergestiegen", flüsterte er seinen Gefährten zu. "Seht ihr die Spuren im Staub? Sie sind relativ frisch." Noch vorsichtiger als bisher setzten die vier ihren Weg nach unten fort.

Myth Drannor: Teil 2

Die Treppe endete in einem achteckigen Raum, der aus dem massiven Fels herausgehauen zu sein schien. An jeder Diagonalseite des Raumes befand sich eine geschlossene Tür mit Ringen aus Messing, in seiner Mitte ein kreisrundes Becken, welches früher wohl einmal ein Springbrunnen gewesen, nun aber ausgetrocknet und staubig war. An einer Wand stand eine übermannsgroße, steinerne Statue, die einen Menschen mit geschlossenen Augen darstellte. Es entbrannte eine kurze Diskussion über die weitere Vorgehensweise, doch schließlich einigte man sich auf eine Tür, nämlich auf die einzige, die bereits einen Spaltbreit offenstand. Möglicherweise waren hier die Verursacher der Fußspuren auf der Treppe entlanggegangen. Hinter besagter Tür befand sich ein schmaler Gang, der nach einigen Metern wiederum an einer Tür endete. Silvereye öffnete diese Tür vorsichtig ein Stück weit und warf einen Blick in den dahinterliegenden Raum. Dann stieß er die Türe ganz auf und gab den Blick frei auf eine riesige, hohe Halle. Die Überreste von langen Holztischen und mehreren Dutzend Stühlen mit hohen Lehnen waren in zwei Reihen in Längsrichtung der Halle aufgestellt. An den Wänden zur Rechten und Linken spannten sich große Torbögen, die mit mottenzerfressenen Teppichen verhängt waren. An der gegenüberliegenden Wand war eine rostige Eisenstange angebracht, von der lange Fetzen eines schwarzen Stoffes herabhingen. Silvereye betrat vorsichtig den Raum, ging um den einen der beiden Tische herum und blieb mit einem überraschten Ausruf stehen. Auf dem Boden lagen die Leichen von zwei Männern in Kettenhemden. Silvereye beugte sich zu dem ersten Körper und stellte fest, daß sein Gesicht, seine Brust und Hände Spuren aufwiesen, die auf den Kontakt mit einer sehr intensiven Kältequelle hindeuteten. Inzwischen hatte sich Lilaneeh zu der zweiten Leiche begeben. Außer einem Breitschwert trug der Tote auch einen hübsch gearbeiteten Dolch bei sich, den die Magierin kurzerhand einsteckte. Die vier Gefährten berieten sich eine Weile, konnten jedoch keine Erklärung für den Tod der beiden Männer finden. Sicher war nur, daß sie erst ein paar Tage tot sein konnten. Daher vermutete Silvereye, daß die Spuren auf der Treppe tatsächlich von ihnen stammten. Schließlich drängte Lilaneeh zum Weitergehen und wandte sich selbst dem Durchgang zur Linken zu. Sie schlug den Vorhang zur Seite und sah in einen kleineren Raum, der einen einzelnen langen Tisch mit fünf Stühlen enthielt. Ein in den Fels gemeißelter Durchgang führte aus diesem Raum weg.
Silvereye setzte sich wieder an die Spitze der Gruppe und die Vier folgten dem schmalen Gang. Nach wenigen Metern gelangten sie in eine kleine Kammer, in welcher nur ein Holzkasten mit einem Loch in der Mitte stand. Aus diesem Loch heraus hörte man von tief unten her Wasser rauschen. Lilaneeh warf einen prüfenden Blick auf diesen Sitz und meinte dann grinsend: "Das ist aber mal eine komfortable Toilette." Nach kurzem Nachdenken fügte sie hinzu: "So gesehen ist der vorherige Raum, der mit dem einzelnen Tisch, vielleicht gar nicht schlecht, um ein wenig Schlaf zu bekommen. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich für meinen Teil bin hundemüde." Zur Bekräftigung ihrer Worte gähnte sie herzhaft. Lulu nickte zustimmend. "Du hast recht. Kommt, laßt uns schlafen gehen", sagte sie und ging den kurzen Gang zurück zum vorigen Raum. "In Ordnung", meinte Silvereye und folgte der Klerikerin. "Ich übernehme die erste Wache." Als Lilaneeh ihre Decke ausrollte und es sich gerade auf dem Boden bequem machen wollte, fiel ihr Blick auf eine merkwürdige Vorrichtung an der Unterseite der Tischplatte. Auf Händen und Knien kroch die Magierin unter den Tisch, gefolgt von drei neugierigen Augenpaaren. Sie fand einen etwa dreißig Zentimeter langen, hölzernen Stab, der mithilfe von zwei Messingringen an der Unterseite der Tischplatte befestigt war. Vorsichtig nahm Lilaneeh den Stab aus seiner Halterung. Dann krabbelte sie mit ihrer Beute wieder unter dem Tisch hervor. "Was hast du da?" fragte Silvereye interessiert. "Einen Stab", antwortete Lilaneeh geistesabwesend, während sie das Fundstück eingehend untersuchte. "Hier unten ist etwas eingraviert. Könntest du bitte mal kurz mit der Fackel herkommen, Silvereye?" Der Halbelf nahm achselzuckend die Fackel aus der Wandhalterung und ging zu Lilaneeh hinüber. Im flackernden Licht der Pechfackel gelang es der Magierin, die Gravur zu entziffern. ">Zamper<", las sie. Nach einer kurzen Pause fügte sie leise hinzu: "Das muß ein Kommandowort sein. Der Stab ist sicherlich magisch. Aber ich muß ihn erst noch einer tiefergehenden Untersuchung unterziehen. Äh, danke für das Licht, Silvereye, ich brauche es jetzt nicht mehr." Mit diesen Worten verstaute Lilaneeh den Stab in ihrem Rucksack und rollte sich dann zum Schlafen zusammen. Wortlos befestigte Silvereye die Fackel wieder an der Wand und machte es sich dann für seine Wache bequem.

Myth Drannor: Teil 3

Als alle genügend ausgeruht waren, nahmen die Gefährten eine kurze Mahlzeit ein, während der Lilaneeh konzentriert in ihrem Zauberbuch las. Dann brach die Gruppe wieder auf und durchquerte die große Halle, um die Räume hinter dem ebenfalls von einem Wandteppich verdeckten zweiten Ausgang zu erforschen. Der Raum, in den der Durchgang sie führte, war eine Küche mit einer rußgeschwärzten Balkendecke, von der mächtige Fleischerhaken hingen, einem schweren Holztisch und einem Hackblock. An einer Wand stand ein großer, ebenfalls rußschwarzer Steinofen. Die Küche hatte drei weitere Ausgänge, zwei davon durch massive Holztüren verschlossen, der dritte nur ein offener Durchgang. Lilaneeh warf zunächst einen Blick in den Nebenraum ohne Tür, aber es handelte sich nur um eine kleine Vorratskammer mit einigen Fässern, daher ging sie hinüber zu Silvereye, der gerade an der linken der beiden Holztüren lauschte. Er schien dahinter nichts zu hören, daher drückte er die Klinke und öffnete vorsichtig die Tür. Sie schwang laut quietschend nach innen und gab den Blick frei auf Regale, die mit inzwischen völlig vergammelten Lebensmitteln vollgestopft waren. Silvereye wollte die Türe gerade wieder schließen, da bemerkte er ein seltsames, grünliches Leuchten in einer Ecke des Raumes. Mit gezogenem Schwert näherte sich der Halbelf vorsichtig Schritt für Schritt dem phosphoreszierenden Licht, gespannt beobachtet von seinen Gefährten. Nach drei Schritten entspannte sich der junge Mann sichtlich, als er die Quelle des merkwürdigen Leuchtens entdeckte: Ein etwa dreißig Zentimeter langer Glühwurm lag dort und labte sich an den Überresten irgendwelcher Kräuter. "Alles in Ordnung", beruhigte Silvereye seine Begleiter, "es ist nur eine Art überdimensioniertes Glühwürmchen. Laßt uns einen Blick hinter die andere Tür werfen." Gesagt, getan. Doch auch bei diesem Raum handelte es sich nur um einen Vorratsraum, und so verließen sie den Küchentrakt. Schließlich standen sie wieder in der achteckigen Eingangshalle, und um weitere stundenlange Diskussionen über das weitere Vorgehen zu vermeiden, ging Silvereye kurzerhand zu einer weiteren Tür und versuchte sie vorsichtig zu öffnen. Doch im selben Moment, als er die Tür berührte, formte sich auf dem glatten Stein der Umriß eines großen Mundes und eine tiefe Stimme fragte: "Ihr wagt es, die Ruhe des Einen zu stören, der über Myth Drannor herrscht? Nennt seinen Namen, oder der Eintritt wird Euch verwehrt! Die vier Gefährten wechselten erschreckte und beunruhigte Blicke, dann faßte Lilaneeh sich ein Herz und trat vor die Tür. Sie nannte den einzigen Namen, den sie im Zusammenhang mit der Magierschule von Myth Drannor kannte: "Azimer." Der magisch entstandene Mund verschwand und vom Türschloß her war ein leises Klicken zu hören. Nach kurzem Zögern streckte Lilaneeh eine Hand nach dem schweren Messingring aus und zog mit angehaltenem Atem daran. Sie spürte, wie Silvereye mit gezogenem Schwert neben sie trat, während die Tür widerstandslos nach innen schwang. Dahinter befand sich ein langer Gang. "Nach dem magischen Siegel zu schließen, nähern wir uns den inneren Gemächern", konstatierte Lilaneeh. "Vermutlich hast du recht", stimmte Silvereye zu. "Laß mich vorangehen."

Bereits nach wenigen Metern stieß die Gruppe auf zwei weitere Steintüren. Als Silvereye jedoch am Messinggriff der ersten Tür drehte, mußte er feststellen, daß sie wohl verschlossen war. Auch ein kräftiges Rütteln öffnete sie nicht. "Laß mich mal ´ran", brummte Radek und schob den Halbelfen beiseite. Er hob seine Streitaxt und nach zwei wuchtigen Schlägen hatte der Zwerg das Schloß zertrümmert und die Tür ließ sich aufdrücken. Dahinter befand sich ein Raum mit quadratischem Grundriß, der völlig leer war, was die Vier bereits auf den ersten Blick feststellen konnten. Achselzuckend ging Silvereye zu der zweiten Tür, deren Griff sich zwar drehen ließ, die dem Druck des jungen Mannes jedoch einen nicht unwesentlichen Widerstand entgegensetzte. Silvereye stemmte sich mit der Schulter kräftig dagegen, aber erst mit Radeks Hilfe ließ sich der auf der anderen Seite der Tür aufgetürmte Schutthaufen soweit wegschieben, daß der Halbelf sich durch den entstehenden Spalt quetschen konnte. In dem hinter der Tür liegenden Raum fand der junge Mann die Leiche eines Elfen, dessen Körper, wie die der bereits zuvor gefundenen Toten, mit Frostmalen übersät war. Silvereye kniete sich neben der Leiche zu Boden, um die Wunden näher zu inspizieren, während Lilaneeh und Lulu sich nun ebenfalls in den Raum schoben. Radek gab nach einem entmutigenden Versuch, bei dem er beinahe steckengeblieben wäre, das Vorhaben auf und deckte stattdessen draußen leise vor sich hinbrummelnd den Rückzug. Lulu machte sich ihrerseits sofort daran, die Taschen des Toten zu durchsuchen. Lilaneeh mochte sich nicht daran beteiligen, doch dann fiel ihr Blick auf einen Ring an der Hand des Elfen. Rasch bückte sich die Magierin, streifte den schmalen Reif vom Finger der Leiche und betrachtete ihn näher, indem sie ihn gegen den flackernden Schein von Silvereyes Fackel hielt. Es handelte sich um einen hübsch gearbeiteten Silberring mit einem kleinen, blauen Stein. Dann steckte die Halbelfin sich das Schmuckstück kurzerhand an ihren linken Ringfinger. In der Zwischenzeit waren auch Lulu und Silvereye fündig geworden. Der junge Krieger betrachtete zwei im Fackelschein funkelnde Edelsteine, während die hochgewachsene Frau etwas metallisch Klimperndes in ihrer Tasche verschwinden ließ. Daraufhin erhob sie sich und sagte lakonisch: "So, das war´s. Mehr ist bei dem nicht zu holen." Bei diesen Worten verzog Lilaneeh das Gesicht, da sie Lulus zur Schau getragene Gefühlslosigkeit nicht verstehen konnte, und als sie in Silvereyes Augen blickte, konnte die Halbelfin erkennen, daß er ähnlich dachte. Aber beide blieben stumm und folgten der Klerikerin, die sich bereits wieder durch den Türspalt auf den Gang schob, wo sie vom Zwergen schon ungeduldig erwartet wurden.

Myth Drannor: Teil 4

Die Vier folgten nun weiter dem Korridor, der wenig später vor einer etwa 20 Meter tiefen und 25 Meter breiten Schlucht endete. Allerdings konnte man erkennen, daß der Gang auf der anderen Seite des Abgrundes weiterging. Die Gefährten blickten sich zunächst ratlos an, doch schließlich zuckte Silvereye die Schultern und sagte: "Tja, da hilft wohl alles nichts, wir müssen irgendwie da rüber. Wie viele Seile haben wir dabei?" Es stellte sich heraus, daß jeder der vier Abenteurer 15 Meter Seil bei sich hatte. "Gut. Das reicht, um das Seil doppelt um einen Stalagmiten herumlaufen zu lassen, sodaß wir es einfach zu uns runterziehen können, wenn alle unten sind. Das macht die Kletterei zwar etwas schwieriger, aber wir können es uns nicht leisten, Seile zu verlieren", resümierte Silvereye. Seine drei Begleiter nickten, wenn Radek auch ein höchst bedenkliches Gesicht machte. Es wurden also drei Seile aneinandergeknotet und, wie Silvereye vorgeschlagen hatte, um einen Stalagmiten gelegt, sodaß sie doppelt nach unten liefen. Dann schwang sich der Halbelf als Erster über den Rand der Schlucht und kletterte vorsichtig, aber sicher abwärts. Als nächstes folgte Lilaneeh, deren Abstieg von Silvereye besorgt beobachtet wurde. Aber obwohl diese Art körperlicher Betätigung ganz offensichtlich nicht zum täglichen Brot der Magierin gehörte, kletterte sie behende und mühelos am Seil hinab. Als sie etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte, schwang Radek sich ächzend über den Rand der Klippe und rutschte wenig elegant, dafür aber umso schneller am Seil hinunter, sodaß Lilaneeh sich beeilen mußte, damit der Zwerg nicht auf ihrem Kopf landete. Unten angelangt, wischte sich Radek mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn und brummelte unverständlich vor sich hin. Inzwischen hatte Lulu ebenfalls die halbe Strecke des Seiles hinter sich gebracht, und kurz darauf standen die Vier am Grunde der Schlucht und sahen sich um, wobei Silvereye das Seil wieder aufwickelte und Radek eine neue Fackel entzündete. Der Felsboden des Grabens war mit feinem Sand bedeckt, und an den wenigen blanken Stellen wuchsen phosphoreszierende Moose und Pilze. Hier und da lagen Gegenstände verstreut, die sich bei näherem Hinsehen als Knochen entpuppten. Lilaneeh schauderte. Zu wem oder was mochten diese körperlichen Überreste gehören? Der Panzer eines toten Riesenskorpions lag wie ein Schiffswrack auf dem Rücken, während die flackernden Schatten im Fackelschein über ihn hinwegspielten. Schließlich stießen die Gefährten auch auf einige eindeutig humanoide Skelette. Lilaneeh und Silvereye standen unschlüssig herum, während Lulu und Radek sich wie Aasgeier auf die anscheinend gut ausgerüsteten Leichen stürzten. Schließlich zuckte Silvereye die Schultern und trat seinerseits an einen der Toten heran. Die Magierin blickte sich um und entdeckte ein Skelett, das in eine zerrissene rote Robe gekleidet war. Dies weckte ihr Interesse, und sie ging zielstrebig zu dem ausgestreckten Körper hinüber. Der Tote hielt einen zerbrochenen Stab umklammert, der ihn, wie Lilaneeh gehofft hatte, als Zauberkundigen auswies. Am Mittelfinger der anderen Hand steckte ein schmuckloser Messingring. Zögernd streckte Lilaneeh die Hand nach dem Ring aus und zog ihn dann vom fleischlosen Finger des toten Magiers, wobei ihr ein kalter Schauer über den Rücken rann. Rasch streifte sie den Ring über den Mittelfinger ihrer rechten Hand und wandte sich dann dem Rucksack zu, der neben dem Toten lag. Mit klammen Fingern schnürte sie ihn auf und blickte hinein. Obenauf lag ein Buch, dessen Umschlag mit arkanen Symbolen verziert war. Aufgeregt zog die Magierin das Buch heraus und schlug es auf. Tatsächlich, es handelte sich um ein Zauberbuch! Leider hatte sie jetzt keine Zeit, sich eingehender damit zu befassen, daher steckte sie den wertvollen Fund erst einmal ein. Desweiteren fand sich im Rucksack des toten Magiers ein verkorkter Flacon. Lilaneeh entstöpselte ihn und schnupperte vorsichtig daran. Ein leicht stechender Geruch stieg ihr in die Nase. Achselzuckend korkte sie die Phiole wieder zu und verstaute sie ebenfalls in ihrem Rucksack. Sonst waren nur noch eine zerbrochene Kerze und einige gebrauchte Gänsekiele im Beutel des Magiers. Wo hatte er nur seine Materialkomponenten verwahrt, jene Kleinigkeiten, die für das Wirken von Zaubern unabdingbar waren? Sicherlich besaß seine Robe kleine Taschen extra für diesen Zweck. So war es auch. Während Lilaneeh noch mit spitzen Fingern die Robe des toten Magiers untersuchte, schallte plötzlich ein Schrei durch den Graben, der der Halbelfin das Blut in den Adern gerinnen ließ. Auch ihre Gefährten hielten in der Leichenfledderei inne und sahen sich beunruhigt um. "Wir sollten hier schnellstmöglichst verschwinden", stellte Lulu fest. "Richtig", stimmte Silvereye zu. "Dann haben wir nur noch das Problem, wie wir das Seil da rauf kriegen...." Mit einem schiefen Lächeln brachte Radek einen Wurfhaken zum Vorschein. "Laß´ mich das machen", sagte er einfach. Wieder erklang der markerschütternde Schrei. Lilaneeh fühlte, wie sich die feinen Härchen in ihrem Nacken aufrichteten. Radek ließ sich nun jedoch nicht mehr beirren, sondern holte mit dem Wurfhaken weit aus und schleuderte ihn nach oben. Beim zweiten Versuch verhakte sich der Stahlanker tatsächlich an einem Stalagmiten und gab auch nicht nach, als der Zwerg sich mit seinem ganzen, nicht unbeträchtlichen Gewicht daranhängte. Er machte eine einladende Handbewegung in Richtung der beiden Halbelfen: "Bitte sehr, nach euch." Silvereye blickte zögernd von einem zum anderen, straffte dann die Schultern und begann mit dem Aufstieg. Lilaneeh, Radek und Lulu folgten in kurzen Abständen. Silvereye hatte fast den Rand der Klippe erreicht, als der furchteinflößende Schrei zum drittenmal erklang, jetzt allerdings bereits wesentlich näher. Und einen Augenblick später erkannte man auch den Urheber der schrillen Töne: Eine riesige Fledermaus mit einer Spannweite von mindestens drei Metern schoß im Sturzflug auf die am Seil hängenden Abenteurer zu. Lilaneeh stieß einen entsetzten Schrei aus, aber das Ungeheuer steuerte direkt auf den wie hypnotisiert vor sich hinstarrenden Zwergen zu. Silvereye erkletterte gerade die Klippe und streckte Lilaneeh eine helfende Hand entgegen, als ein heftiger Ruck durch das Seil ging. Die Fledermaus hatte Radek mit ihren klauenbewehrten Hinterbeinen gepackt und zerrte nun an dem in Todesangst schreienden Zwergen. Schließlich konnte er sich nicht mehr halten. Unter dem triumphierenden Kreischen des geflügelten Ungeheuers stürzte er in die Tiefe, wobei er auch noch die unglückliche Lulu mit ins Verderben riß. Lilaneeh hatte Silvereyes Hand ergriffen, blickte nun aber vor Entsetzen gelähmt nach unten, wo die Fledermaus im Sturzflug den fallenden Körpern folgte. Als Silvereye ihr Zögern bemerkte, zog er kräftig an ihrer Hand und brüllte sie an: "Mach, daß du hier hoch kommst! Wir können ihnen nicht helfen. Außerdem kommt das Monster vielleicht gleich wieder zurück!" Tatsächlich ertönte von unten schon wieder das Rauschen der gewaltigen, ledernen Flügel. Mehr brauchte es nicht, um Lilaneeh in Windeseile den letzten Meter bis zum Klippenrand hinaufzutreiben. An Silvereyes Hand stolperte sie weiter in den schmalen Gang. Das Ungeheuer war ihnen dicht auf den Fersen, doch der Durchgang war zu eng für seine mächtigen Schwingen. Die beiden Halbelfen mußten sich die Ohren zuhalten, so schrill klangen die wegen der entgangenen Beute wütenden und frustrierten Schreie des Untiers. Aber endlich wandte sich die Fledermaus ab und schwang sich wieder hinunter in den Graben, wo eine üppige Mahlzeit sie erwartete. Atemlos hielten die Halbelfen inne. Lilaneeh blickte ängstlich über die Schulter zurück, doch das Ungeheuer war und blieb verschwunden.

Myth Drannor: Teil 5

"Bei den sieben Höllen, das war knapp", seufzte die junge Magierin und fuhr sich nervös durch ihre goldblonden Locken. Ihr Herz klopfte bis zum Halse und sie zitterte am ganzen Leib. Silvereye dagegen schien den Schrecken dieser Begegnung bereits abgeschüttelt zu haben, denn er ging den Korridor vorsichtig, aber zielstrebig weiter. Dieser öffnete sich nach einer sanften Biegung in einen kleinen Raum, von welchem wiederum zwei Türen und ein weiterer Korridor abgingen. Lilaneeh folgte ihrem Begleiter, der in den dunklen Gang spähte.. Doch als der Halbelf weitergehen wollte, hielt sie ihn zurück und sagte: "Spürst du diesen feuchtkühlen Hauch, der uns aus diesem Gang entgegenweht? Hier befindet sich die Bibliothek sicherlich nicht. Laß´ uns keine Zeit mit unnötigen Erkundungen verlieren. Ich bin dafür, daß wir die Bibliothek suchen, das Buch für meinen Meister nehmen und schnellstens von hier verschwinden." Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging zu der ersten der beiden Türen. Silvereye folgte ihr wortlos. Die schmucklose Steintür ließ sich jedoch nicht aufdrücken, selbst mit der vereinten Kraft der beiden Halbelfen nicht. Während Silvereye noch immer an dem massiven Türknauf rüttelte, zog Lilaneeh ihren neuerworbenen Dolch aus dem Gürtel, schob ihren Begleiter mit der Schulter beiseite und begann, mit der schlanken Waffe im Türschloß herumzustochern. Silvereye sah sie verblüfft an: "Kannst du sowas?" Mit einem giftigen Seitenblick antwortete die Magierin: "Keine Ahnung, aber ich kann´s doch wenigstens mal probieren, oder?" Nach mehreren erfolglosen Versuchen -- Silvereye wollte ihr den Dolch gerade aus der Hand nehmen, um es selbst zu versuchen -- klickte etwas im Mechanismus des Schlosses und die Tür sprang auf. Dahinter erstreckte sich ein langer Gang. Mit einem triumphierenden Lächeln steckte Lilaneeh den Dolch wieder weg und betrat den Korridor, von welchem nach einigen Metern eine weitere Tür abging, die sich gleichfalls nicht öffnen ließ. Lilaneeh wollte gerade wieder seufzend den Dolch zücken, als Silvereye ein erschrecktes Keuchen ausstieß. Ungeduldig wandte sich die Magierin um - und ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen: Durch die Tür, die sie vorher mit ihrem Dolch geöffnet hatte, wankte die lächelnde Gestalt eines Mannes, der schon lange tot sein mußte. Seine pergamentene Haut lag eng um das fleischlose Gerippe, sein Lächeln war das eines Totenschädels. Er trug eine zerrissene und halbverrottete Robe und in seinen Augenhöhlen funkelten nur zwei weißliche Lichtpunkte. Er hielt einen Arm vorgestreckt, als wolle er den beiden Halbelfen die Hand schütteln, während er zielstrebig auf sie zusteuerte, und eine Kälte ging ihm voraus, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. "Große Götter, nichts wie weg hier!" kreischte Lilaneeh und stolperte mit Silvereye im Schlepptau den Gang weiter, der sich schließlich in einen großen Raum öffnete. Lilaneeh blieb so abrupt stehen, daß Silvereye sie beinahe über den Haufen gerannt hätte. "Die Bibliothek!" rief sie aus. "Ja, aber ohne weiteren Ausgang", stellte ihr Begleiter fest. "Und was ist das da für ein weißes Leuchten? Wohin sollen wir jetzt? Der Zombie kommt immer näher!" Lilaneeh blickte sich gehetzt um. "Vielleicht kennzeichnet dieses weiße Licht einen Teleporter. Uns bleibt keine Wahl, wir müssen es versuchen", sagte sie und spurtete los. Silvereye folgte ihr dichtauf und der untote Magier war nur wenige Schritte hinter den beiden Halbelfen. Mit dem Mut der Verzweiflung sprangen die Gefährten in das pulsierende Licht -- dann wurde es dunkel...

Verloren zwischen den Welten: Teil 1

Nach unbestimmter Zeit kam Lilaneeh langsam wieder zu sich. Sie hörte Vogelgezwitscher, nahm einen harzigen Geruch wahr und stellte schließlich fest, daß sie bäuchlings in duftendem Gras lag. Vorsichtig öffnete sie die Augen und erkannte, daß sie sich auf einer Lichtung inmitten eines dichten Mischwaldes befand. Das konnte nicht der Elvenwood sein! Silvereye rappelte sich ebenfalls gerade auf und blickte sich ratlos um. Lilaneeh überwand ein starkes Schwindelgefühl und kam schwankend auf die Beine. Dann wankte sie auf ihren Gefährten zu und fragte mit brüchiger Stimme: "Wo, bei allen Höllen, sind wir?" Silvereye sah sich nachdenklich um, doch als er gerade zu einer Antwort ansetzen wollte, unterbrach ihn Lilaneeh mit alarmiertem Gesichtsausdruck: "Sag´ jetzt nicht: >Im Wald<!" Silvereye klappte den Mund wieder zu, da er tatsächlich etwas in dieser Art zu sagen beabsichtigt hatte. Lilaneeh drehte sich abrupt um und ließ sich ins Gras zurückplumpsen. Silvereye seufzte und begann Holz für ein Feuer zu sammeln, da die Sonne bereits unterzugehen begann. Als ihr Begleiter außer Sicht war, breitete Lilaneeh ihre Habseligkeiten aus und murmelte eine Zauberformel, woraufhin der Stab mit dem eingravierten Kommandowort, der Trank, der Dolch und beide Ringe in einem sanften, rötlichen Licht zu schimmern begannen. "Magisch", konstatierte sie zufrieden. Als Silvereye mit einem Armvoll Feuerholz auf die Lichtung zurückkehrte, sah er Lionhead auf dem Boden sitzend ihre Schätze begutachten. Er trat vor sie hin, ließ das Brennmaterial fallen und kniete sich nieder, um das Feuer anzuzünden. Vorsichtig ließ Lilaneeh ihren Blick auch über ihn wandern. Sein neues Kurzschwert wies ebenfalls jenen rötlichen Schimmer auf, der es als einen magischen Gegenstand kennzeichnete. Der goldene Ring an seinem Finger blieb jedoch dunkel. Schließlich hatte der Halbelf das Feuer in Gang gebracht und setzte sich neben die Magierin. Sie warf ihm einen vorsichtigen Blick zu, aber da er eine Aufteilung der gefundenen Schätze nicht erwähnte, ließ sie es ebenfalls dabei bewenden. Sie war ausgesprochen zufrieden so, wie es war. Aber lange freuen konnte sie sich darüber nicht, denn ihr wurde schnell wieder die verfahrene Situation bewußt, in der sie sich befanden. Sie seufzte tief und lehnte sich schutzsuchend an Silvereye. Der Halbelf versteifte sich, dann hob er seinen Arm und legte ihn behutsam, ganz behutsam, um Lilaneehs Schulter. Als Reaktion kuschelte sie sich noch enger an ihn und seufzte erneut -- diesmal klang es allerdings viel behaglicher.

Verloren zwischen den Welten: Teil 2

Die beiden Halbelfen hätten nicht zu sagen vermocht, wie lange sie so dagesessen waren, als Silvereye plötzlich alarmiert den Kopf hob. Er hatte sich nähernde Geräusche vernommen. Vorsichtig erhob er sich und nahm seinen Bogen zur Hand. Er drehte sich um und erkannte fünf Gestalten, die am Rande der Lichtung in eine geflüsterte Diskussion vertieft zu sein schienen. Silvereye rief ihnen mit fester Stimme zu: "Heda, Freund oder Feind?" Die Fremden wandten sich ihm zu und kamen mit fragendem Gesichtsausdruck näher heran. Einer der Fünf richtete nun das Wort an die beiden Halbelfen, doch diese verstanden nicht eine einzige Silbe. Inzwischen war Lilaneeh neben ihren Gefährten getreten und bemühte sich nun, eine Verständigung zuwege zu bringen. Währenddessen hatte Silvereye Gelegenheit, die Fremden eingehend zu mustern. Am Auffälligsten war ein Mann von beträchtlichem Leibesumfang, der in kostbare Gewänder gekleidet war und damit hier mitten im Wald reichlich fehl am Platze wirkte. Neben ihm stand in lässiger Haltung ein mittelgroßer Mann, der neben dem Dicken noch hagerer wirkte, als er es ohnehin schon war. Er hatte schwarzes Haar, und ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen. Seine linke Hand ruhte auf der Schulter eines etwa dreizehnjährigen Jungen, während er in der rechten eine aufgerollte Peitsche hielt. Die großen, braunen Augen des Kindes begutachteten Lionhead in einer Weise, die in Anbetracht seines Alters als unanständig zu bezeichnen war. Silvereye wandte irritiert seine Aufmerksamkeit den beiden Personen zu, die sich im Hintergrund hielten. Da war zunächst eine große, schlanke Frau mit langem, braunem Haar und in schwerer Rüstung. Ihre Augen und ihr Mund wirkten zu verkniffen, als daß man sie gutaussehend hätte nennen können. Neben ihr stand ein untersetzter Mann mit blauschwarzem Haar und schrägstehenden Augen, an dessen Seite ein großer, weißer Hund saß, den er an einer kurzen Leine hielt. Gemeinsam war dieser bunt zusammengewürfelten Truppe einzig eine weiße Binde, die Jeder wie ein Erkennungszeichen um den rechten Arm geschlungen hatte. Inzwischen war es Lilaneeh gelungen, zumindest die Namen der Fremden zu erfahren. Langsam und deutlich stellte sie ihnen ihren Begleiter Silvereye vor. Der Halbelf bemühte sich, die Namen zu behalten, die Lionhead ihm nannte. Der Dicke hieß Oleario, der Hagere mit der Peitsche nannte sich Kastor und stellte den Jungen als Pollux vor. Die große Kriegerin hieß Silvana, ein Name, der Silvereye an Sylvanus, den Gott der Wälder, erinnerte. Nun trat der Mann mit dem Hund vor und präsentierte zunächst mit einem gewissen Stolz in der Stimme sein Tier: "Lorca." Dann legte er sich die Hand auf seinen breiten Brustkorb und sagte: "Vennik." Nachdem auf diese etwas umständliche Weise der erste Schritt aufeinander zu getan war, bemühte man sich beiderseits, weitere Informationen auszutauschen, was sich als recht mühselig erwies. Schließlich ergriff Oleario das Wort und sagte etwas zu den anderen, was auf allgemeine Zustimmung zu stoßen schien. Den beiden Halbelfen wurde mit Händen und Füßen klargemacht, daß es in der Nähe ein Dorf gäbe, wo man übernachten könne. Lilaneeh und Silvereye folgten den Fremden und gelangten tatsächlich nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch, welcher von Olearios Stöhnen und Murren untermalt wurde, in ein kleines Dorf, dessen Einwohner die ankommende Gruppe mit eher unfreundlichen Blicken empfingen. Sie kamen an der noch qualmenden Ruine eines abgebrannten Gasthauses vorbei, wo ein gutes Dutzend Menschen mit Aufräumarbeiten beschäftigt waren. Oleario sprach einen der Männer an und dieser wies mit einigen mürrischen Worten auf eine Scheune in der Nähe. Oleario protestierte und zog eine dicke Geldbörse hervor, was zur Folge hatte, daß er als einziger in einem Gasthaus nächtigen konnte, während die anderen mit dem Stroh in der Scheune vorlieb nehmen mußten. Lilaneeh hatte während Olearios Diskussion mit dem Einheimischen einen Blick auf die Münzen erhaschen können und festgestellt, daß es sich um eine ihr völlig unbekannte Währung handelte. Als die Truppe es sich im Stroh bequem machte, flüsterte Lilaneeh ihrem Gefährten zu: "Ich fürchte, wir sind nicht nur nicht mehr in den Dales, sondern gar nicht mehr auf Faerun. Sie -" die Halbelfin deutete auf die Fremden - "nennen diese Welt Dere oder Aventurien. Und hast du dir den Sternenhimmel genauer betrachtet? Er hat keinerlei Ähnlichkeit mit Sternbildern, die ich je und sei es auch nur auf Karten gesehen habe." Silvereye brummte schläfrig und antwortete: "Daran können wir heute nacht auch nichts mehr ändern. Morgen ist auch noch ein Tag, um sich Sorgen zu machen. Wir sollten zusehen, daß wir etwas Schlaf kriegen. Gute Nacht." Damit rollte er sich in seine Decke und ließ Lilaneeh mit ihren schlimmsten Befürchtungen alleine.

Verloren zwischen den Welten: Teil 3

Als Silvereye am nächsten Morgen erwachte, war Lilaneeh, die sonst eher schwer aus dem Bett zu kriegen war, bereits wach und studierte ihr Zauberbuch. Da er wußte, daß sie dabei nicht gestört werden durfte, kramte er etwas Brot und einen Rest kalten Rehbratens aus seinem Rucksack und wartete kauend, bis seine Gefährtin fertig war. Schließlich klappte Lilaneeh seufzend ihr Zauberbuch zu und starrte nachdenklich vor sich hin. Mit dem Anflug eines Lächelns nahm sie das Essen an, das Silvereye ihr reichte, bevor er sie fragte: "Du glaubst also, wir sind nicht mehr auf Faerun?" Lilaneeh hörte auf zu kauen und schüttelte zögernd den Kopf. "Das befürchte ich. Wir müssen heute versuchen, weitere Informationen aus unseren neuen Begleitern herauszubekommen."
Nach dem Frühstück wurde also weiter probiert, eine verständliche Kommunikation zustande zu kriegen. Während sich Silvereye hauptsächlich mit Silvana und Oleario unterhielt, schien Lilaneeh einen guten Draht zu dem kleinen Pollux geknüpft zu haben. Bald kicherten die beiden über ihre mehr oder weniger erfolgreichen Versuche, dem Anderen irgendeinen Zusammenhang begreiflich zu machen, dabei ständig eifersüchtig von Kastor beobachtet. Irgendwann schien dem hageren Mann der Geduldsfaden zu reißen, denn plötzlich stand er auf und packte Lilaneeh grob am Arm, wobei er sie drohend anzischte. Sofort sprang Silvereye dazwischen, stieß Kastor zurück und knurrte: "Faß´ sie nicht an!" Kastors Hand zuckte zu der Peitsche, die an seinem Gürtel hing, doch dann schien er es sich anders zu überlegen und funkelte Silvereye nur böse an. In diese feindselige Atmosphäre hinein ließ Oleario, der sich am Morgen zu den Anderen gesellt hatte, eine Bemerkung fallen, die Vennik und Pollux zum Kichern brachte und Silvana ein verächtliches Schnauben abrang, und entspannte auf diese Weise die Situation.
Im Laufe der Gespräche erhärtete sich der Verdacht immer mehr, daß die beiden Halbelfen sich tatsächlich nicht mehr auf Faerun befanden. Desweiteren stellte sich heraus, daß die fünf Fremden irgendeine göttlicht Mission erhalten hatten, den Dimensionsreisenden zu helfen, in ihre Heimat zurückzugelangen.
Am frühen Nachmittag saßen sie immer noch in der Scheune und redeten, als draußen im Dorf plötzlich Stimmen laut wurden. Die Gruppe ging nach draußen, um die Ursache der Aufregung zu ergründen und sah Menschen, zum Teil verletzt, einige weinend, durch die Strassen wanken,wo sie von besorgten Dorfbewohnern in Empfang genommen wurden. Silvana gesellte sich zu einem der Grüppchen und erfuhr, daß das Dorf dieser Flüchtlinge von einem noch nie zuvor beschriebenen Ungeheuer überfallen und regelrecht dem Erdboden gleichgemacht worden war. Viele Männer waren bei dem Versuch, dieses Monster aufzuhalten, getötet worden. Sie beschrieben das Biest in Zeichnungen im Sand als riesige Schildkröte mit scharfen Zähnen, die auf dem Rücken eine haiähnliche Flosse trug. Als Silvana diese Informationen an Lilaneeh und Silvereye weiterreichte, erblaßten die beiden Halbelfen. Die Beschreibung paßte haargenau zu einem gefräßigen Monster, das bisweilen die Gegenden von Faerun unsicher machte: Der Landhai. Allerdings erkannte Lilaneeh in dieser Tragödie auch eine Chance. Sie erklärte Silvereye, daß das Dimensionstor nach Faerun noch offenstehen müsse, wenn es der Bulette, wie der Landhai auch genannt wurde, gelungen war, in diese Welt zu wechseln. Vielleicht konnte man die Spur der Verwüstung, die die Bulette hinterlassen hatte, zurückverfolgen und so das Dimensionstor finden. Der Halbelf nickte nachdenklich. Gemeinsam versuchten sie ihren neugewonnenen Gefährten diesen Umstand begreiflich zu machen. Kastor war der Erste, der die Zusammenhänge zu durchschauen schien, und erklärte nun den Anderen Lilaneehs Theorie. Schließlich wurde beschlossen, dieser Möglichkeit nachzugehen, und so brach die Truppe in Richtung des überfallenen Dorfes auf.
Dort angekommen bot sich den Reisenden ein Bild der Zerstörung. Eine breite Schneise schlängelte sich durch das gesamte Dorf, in deren Verlauf Hütten und Bäume, der zentrale Brunnen und ein kleiner Schrein niedergewalzt worden waren. Fassungslos starrten sie auf die unbeschreibliche Verwüstung. Silvana hatte das Entsetzen als erste abgeschüttelt und folgte langsam dem mehr als gut sichtbaren Weg, den der Landhai gekommen war. Schließlich setzte sich auch der Rest der Truppe nach und nach in Bewegung.
Schweigend folgten die ungleichen Reisegefährten der breiten Schneise, die der Landhai in dem waldreichen Gebiet hinterlassen hatte. Allen war die Lust auf Gespräche gründlich vergangen; zu tief hatte sich der grauenvolle Anblick des völlig zerstörten Dorfes in ihre Gedanken eingebrannt.

Verloren zwischen den Welten: Teil 4

Der Pfad der Zerstörung endete vor einer steilen Klippe. In etwa zwölf Metern Höhe gähnte ein weiter Höhleneingang. Unschlüssig blieb die Gruppe stehen. Aber nach kurzem Hin und Her stand fest: Die Höhle war der einzige Weg, der sie der Lösung des Problems näherbringen konnte also wurde beschlossen, daß Silvereye hinaufklettern und oben ein Seil festmachen sollte, an dem dann der Rest der Gruppe hinaufklettern konnte. Während der Vorbereitungen schüttelte Oleario unwillig den Kopf. Er schien von Allen am wenigsten begeistert von der Aussicht, an einer Kletterpartie teilnehmen zu müssen, was bei seiner Leibesfülle allerdings verständlich war. Schließlich war Silvereye oben angelangt und hatte das Seil verankert. Silvana folgte ihm als erste. Flink und geschickt erreichte sie den gähnenden Höhlenschlund. Als nächstes folgte Kastor, der Pollux so gut es ging unterstützte. Inzwischen hatten Lilaneeh und Vennik ein provisorisches Brustgeschirr für den Hund angefertigt, so daß dieser nun hinaufgezogen werden konnte. Das Tier zappelte und winselte, und Vennik hatte alle Mühe, seinen Liebling zu beruhigen. Nachdem auch Vennik selbst oben angekommen war, bedeutete Lilaneeh Oleario, daß er als nächster den Aufstieg wagen solle. Sehr zögernd griff er nach dem Seil, von oben durch Zurufe ermutigt. Keuchend und ächzend hievte sich der schwere Mann langsam nach oben. Von dort aus wurde gleichzeitig kräftig am Seil gezogen. Aber als Oleario etwa auf der Hälfte angekommen war, geschah das Unvermeidliche: Olearios Fuß rutschte ab, seine Hände vermochten sein hohes Gewicht nicht zu halten und mit einem Schrei stürzte er in die Tiefe. Lilaneeh hatte seinen Aufstieg aufmerksam beobachtet. Als sie ihn nun den Halt verlieren sah, deutete sie rasch auf ihn und flüsterte: "Featherfall!" Wie durch ein Wunder wurde nun der Fall des Händlers gebremst, und leicht wie eine Daunenfeder schwebte er sanft dem Erdboden zu. Rasch eilte Lilaneeh zu ihm. Sie machte ihm klar, daß der Zauber noch eine kleine Weile dauern würde und daß er sich nun ganz leicht am Seil hinaufziehen könnte. Auf diese Weise gelangte schließlich auch der fettleibige Oleario zum Rande der Höhle. Lilaneeh kletterte als Letzte hinauf, wobei sie sich als so geschickt wie bereits zuvor erwies. Als alle sich von dem ausgestandenen Schrecken erholt hatten, führten Silvereye und Lilaneeh die Gruppe in das Innere der Höhle, nachdem sie den anderen umständlich klargemacht hatten, daß sie über Infravision verfügten und daher eine vorausgetragene Lichtquelle eher hinderlich sei. Also folgte Silvana den beiden mit einer Fackel. Sie wanderten geraume Zeit immer tiefer in das Innere des Berges hinein und verloren unterdessen jegliches Gefühl für Zeit oder Richtung. Insbesondere Vennik schien sich hier ausgesprochen unwohl zu fühlen. Er redete beinahe ununterbrochen leise auf den Hund an seiner Seite ein und hatte seine Hand krampfhaft in dessen dichtes, weißes Fell verkrallt. Schließlich öffnete sich der behauene Tunnel in eine geräumige, natürliche Höhle. Der Anblick war atemberaubend: Stalaktiten glitzerten im flackernden Schein der Fackel, und ihr Farbenspiel wurde tausendfach reflektiert von einem klaren, unterirdischen See, der fast den gesamten Höhlenboden bedeckte. In der Mitte des Sees, etwa sieben Meter vom Ufer entfernt, erhob sich eine Insel aus dem stillen Wasser. Ein eigenartiger Glanz schien vom Zentrum dieser Insel auszugehen, und Lilaneeh bat Silvana, die Fackel zu löschen, was diese nur widerwillig tat. Tatsächlich kam das Leuchten von einer Lanze, die an der höchsten Stelle der Erhebung aufgepflanzt war. Die Gruppe stand unschlüssig am Ufer und starrte hinüber. Schließlich wandte sich Lilaneeh an Silvereye: "Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber meiner Meinung nach sollte man sich diese Lanze genauer ansehen." Silvereye nickte, kniete nieder und testete die Wassertiefe und -temperatur. "Es wird sehr schnell tief", stellte er fest. "Außerdem ist es eiskalt. Schwimmen ist nicht drin." Lilaneeh dachte kurz nach und sagte dann: "Gebt mir zehn Minuten, ich kümmere mich darum." Silvereye erklärte dem Rest der Gruppe, was die Halbelfin gesagt hatte, während diese es sich im Schneidersitz, so gut es auf dem felsigen Boden ging, bequem machte und ihr Zauberbuch aufschlug. Zehn Minuten später klappte sie das Buch wieder zu, verstaute es in ihrem Rucksack und erhob sich. Sie reichte Silvereye den Rucksack, stellte sich breitbeinig ans Ufer des unterirdischen Sees und atmete tief durch. Konzentriert entnahm sie einem Schächtelchen ein Grashüpfer-Hinterbein, murmelte eine magische Formel, zerbrach das Insektenbein - und übersprang anschließend zum allgemeinen Erstaunen aus dem Stand und scheinbar mühelos die Distanz zu der kleinen Insel. Dort angekommen, drehte sie sich noch einmal um und winkte ihren Gefährten lächelnd zu. Dann näherte sich die Halbelfin zögernd der Lanze, die aus purem Gold zu sein schien und strahlte wie eine Fackel. Sie stellte sich mit leicht gespreizten Beinen davor und streckte ihre Arme aus, um die Lanze fest mit beiden Händen zu umfassen. Irgendwie dachte sie, sie müsse in diesem Augenblick etwas Besonderes empfinden, ein Kribbeln oder etwas ähnliches, aber tatsächlich fühlte sie gar nichts. Mit einem kräftigen Ruck befreite Lilaneeh die schlanke Waffe aus dem felsigen Inselboden und hob sie triumphierend über ihren Kopf. Dann drehte sie sich um und trat wieder ans Ufer. Nun wiederholte sich das Zeremoniell mit dem Grashüpferbein, und wenige Augenblicke später stand die Halb-elfin mit der Lanze wieder bei ihren staunenden Gefährten. Aber sie wirkte erschöpft, ihr feingeschnittenes Gesicht war blaß und ihre Hände zitterten. "Ich brauche eine Stunde Ruhe", flüsterte sie, drückte Silvereye die Lanze in die Hand, wickelte sich in ihre Decke und rollte sich ohne ein weiteres Wort auf dem nackten Boden zusammen. Silvereye blickte ein wenig hilflos von ihr zu der Lanze und machte dann den Anderen klar, daß nun eine kleine Zwangspause eingelegt werden mußte. Also machten sie es sich so gut es ging bequem und warteten, bis Lionhead wieder einsatzfähig wäre. Sie nutzten die Zeit, um die Lanze genauer unter die Lupe zu nehmen. Ihre Spitze schien tatsächlich aus reinem Gold zu bestehen, und der hölzerne Griff war über und über mit fremdartigen Runen bedeckt. Leider konnte keiner der Anwesenden die verschnörkelten Schriftzeichen entziffern, und so legten sie die Stangenwaffe bald wieder beiseite.

Verloren zwischen den Welten: Teil 5

Schließlich erwachte Lilaneeh und streckte sich zunächst einmal ausgiebig. "Aah, das hat gut getan", gähnte sie. "Jetzt geht es mir schon viel besser." Sie warf einen Blick in die Runde. "Seid ihr auch soweit? Können wir weitergehen?" Gesagt, getan. Wenige Minuten später war die Gruppe wieder unterwegs. Vorsichtig beschritten sie den schmalen Grat zwischen Höhlenwand und See und standen kurz darauf auf der anderen Seite der großen Höhle. Hier führte ein Gang seitlich tiefer in den Berg hinein. Nach einiger Zeit des eintönigen Vor-sich-Hinschlurfens endete der Gang urplötzlich vor einer massiven Tür, deren Holz völlig schwarz war, als sei es einmal einem Brand zum Opfer gefallen. In den steinernen Türsturz waren Worte eingemeißelt, die Lilaneeh nicht lesen konnte. Oleario jedoch schien Schrift und Sprache zu kennen, denn er las die Worte den anderen laut vor, woraufhin alle Blicke zu der Lanze mit der goldenen Spitze schweiften, die Silvereye bei sich trug. Die beiden Halbelfen blickten ihre Gefährten verständnislos an. Gerade wollte Oleario ihnen zu erklären versuchen, was die Inschrift bedeutete, als Silvana zu Silvereye trat und ihm kurzerhand die Lanze aus der Hand nahm. Oleario verstummte. Kastor wollte protestieren, doch Silvana brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Sie kniete sich vor der Türe nieder, die statt einer Klinke oder eines Knaufs nur ein kleines, kreisrundes Loch aufwies. Silvana schob die Spitze der Lanze in dieses Loch, worauf ein deutliches Klicken zu hören war und die Türe nach innen schwang. Kastor, Oleario und Vennik machten einige ängstliche Schritte rückwärts, als erwarteten sie, durch die nun geöffnete Türe von einem Ungeheuer angesprungen zu werden. Tatsächlich ertönte aus dem absoluten Dunkel des dahinterliegenden Raumes, welches die Fackel nicht zu durchdringen vermochte, ein tiefes Grollen, das Lilaneeh einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte. Silvana hatte die Lanze drohend erhoben, reichte dem hinter ihr stehenden Silvereye die Fackel und machte einen vorsichtigen Schritt in das Dunkel. Ein Fauchen ertönte, und irgend etwas, das schwärzer war als die tiefste Nacht, stürzte sich brüllend auf die Kriegerin. Doch Silvana war auf der Hut. Sie rammte dem Angreifer die schlanke Waffe voller Wucht an die Stelle, wo sie ein weit geöffnetes Maul auszumachen glaubte. Ein schrilles Kreischen ertönte, und einen Wimpernschlag später gab es eine gewaltige Explosion. Silvana wurde nach hinten geschleudert und riß Silvereye mit sich um. Die Türe war vollends aufgeflogen, und dicker, schwarzer Qualm quoll aus dem Raum, in dem die unbekannte Bestie offenbar explodiert war. Nachdem man festgestellt hatte, daß niemand ernstlich verletzt worden war, warf Silvereye einen vorsichtigen Blick hinter die angekohlte Tür. Er konnte mittels seiner Infravision keine Lebensform in dem Raum ausmachen und ging daher mit gezogenem Schwert hinein. Der Rest der Gruppe folgte ihm zögernd. Der Qualm hatte sich mittlerweile weitgehend verzogen, und es lag nur noch ein stechender, schwefeliger Gestank in der Luft. Silvereye stieß mit dem Fuß an etwas Klebriges und winkte Silvana mit der Fackel zu sich heran. Die klebrige Substanz erwies sich als zähe, schwarze Flüssigkeit, von welcher der schwefelige Gestank auszugehen schien. Offenbar handelte es sich um die Überreste des abscheulichen Monsters, von dem Silvana beim Betreten des Raumes angegriffen worden war. Die Gruppe bahnte sich angeekelt einen Weg um die schleimige Masse und entdeckte nach einigen weiteren Schritten eine Tür auf der anderen Seite des Raumes. Dahinter setzte sich der Gang fort. Immer häufiger stießen die Reisenden jetzt auf Abzweigungen des Haupttunnels, aber sie verließen den breiten Hauptpfad nie. Nach weiteren endlos scheinenden Minuten - oder waren es Stunden? - endete der Gang erneut an einer schweren Holztüre, die diesmal jedoch keine Verbrennungsspuren aufwies. Allerdings befanden sich auch hier die fremdartigen Schriftzeichen auf dem Türsturz. Oleario trat näher an die Türe heran und las seinen Begleitern die Worte vor, wovon Lilaneeh und Silvereye selbstverständlich keine Silbe verstanden. Aber ihnen entging nicht, daß die anderen sich ratlos anblickten. Oleario streckte die Hand aus und drückte gegen die massive Tür, die weder Knauf noch Klinke besaß. Nichts rührte sich. Der fettleibige Händler zuckte hilflos die Achseln und wandte sich an Lilaneeh und Silvereye. Er öffnete den Mund und suchte offensichtlich nach einer Möglichkeit, den beiden Halbelfen das Problem begreiflich zu machen, was ihm das Aussehen eines dicken Karpfens verlieh, der auf dem Trockenen liegt und nach Luft schnappt. Kastor trat hinzu und machte an Lilaneeh gewandt einige eindeutige Gesten: Schlafen, aufgehende Tür. Meinte er damit, wenn man ein Weilchen darüber schliefe, würde sich die Türe von selbst öffnen? Nein, zu banal. Während die Halbelfin noch grübelte, was Kastor gemeint haben könnte, näherten sich aus dem Gang eilige Schritte in schweren Stiefeln. Die Gruppe fuhr herum. Ein kräftig gebauter Mann in Lederrüstung stürmte mit gezogenem Schwert auf sie zu, erblickte die bunte Truppe und bremste sofort, wobei er die Fremden ansprach. Seiner Haltung konnte Lilaneeh entnehmen, daß er keinerlei Feindseligkeiten gegen die Gruppe hegte, sondern vielmehr vor irgend etwas auf der Flucht war. Kastor und Oleario redeten nun ihrerseits auf den Fremden ein. Dieser begann wort- und gestenreich mit einer Beschreibung, die Oleario sichtlich erbleichen ließ.
Kastor wandte sich an Lilaneeh und sagte nur: "Bulette." Der Fremde machte ein verständnisloses Gesicht, und Oleario beeilte sich, ihm den Sachverhalt zu erklären. Als der Händler geendet hatte, wandte sich der Neuankömmling an Lilaneeh und redete sie in einer Sprache an, die ihr vertraut vorkam. Es handelte sich um einen Goblindialekt, wie er ähnlich auch in den Dales bekannt war. Der Fremde sagte in der gutturalen, groben Sprache der Halbmenschen: "Dicker Mann sagen, Ihr mit vielen Zungen sprechen. Mich verstehen?" Lilaneeh beeilte sich, diese Frage zu bejahen. "Monster kommen", fuhr er fort, "schnell gehen!" Lilaneeh deutete auf die Schriftzeichen über der Tür und fragte, ebenfalls in Goblinisch: "Was heißen?" Der Mann las stirnrunzelnd die Worte und wandte sich dann wieder an Lilaneeh, wobei er sichtlich um die richtigen Worte rang. "Tür aufgehen, wenn.... wenn.... Geist schlafen." Dabei zuckte er hilflos die Schultern. Lilaneeh konnte seine Schwierigkeiten durchaus nachvollziehen. Sie wußte, wie wenig differenziert die Sprache der Goblins war, insbesondere dann, wenn es um abstrakte Begriffe wie Geist oder Bewußtsein ging - Bewußtsein? Könnte das gemeint sein? Wenn das Bewußtsein schläft.... Vielleicht mittels Hypnose? Lilaneeh beherrschte einen entsprechenden Zauberspruch und wandte sich nachdenklich an Silvereye, der von ihrem Gespräch mit dem Fremden keine Silbe verstanden hatte. "Hör´ zu," sagte sie und legte dem Halbelfen eine Hand auf die Schulter, "ich habe eine Idee, wie wir durch diese Tür kommen könnten. Aber dazu müßte ich dich hypnotisieren...." Silvereyes Miene zeigte deutliche Abneigung und war voller Zweifel, darum sah Lilaneeh ihm eindringlich in die Augen und sagte nur: "Vertraue mir!" Schließlich seufzte Silvereye und nickte: "Gut, versuche es. Ich bin dein williges Opfer." Unter ziemlicher Anstrengung brachte er ein schiefes Grinsen zustande. Lilaneeh schloß einen Moment die Augen, um sich den richtigen Zauberspruch noch einmal zu vergegenwärtigen, dann schaute sie Silvereye eindringlich an. Ihre Hände fuhren in gegengleich kreisenden Bewegungen durch die Luft und sie sagte mit lauter, klarer Stimme: "Öffne die Tür!" Dann begann sie einen leisen Singsang, in dessen Verlauf Silvereyes Blick glasig wurde. Als die Magierin ihren Zauber beendet hatte, drehte sich der Halbelf abrupt zu der Türe um, ging schnurstracks darauf zu und im selben Moment, in dem er das dunkle Holz berührte, schwang die Tür auf. Dahinter pulsierte ein helles, weißliches Licht. "Das Dimensionstor!" schrie Lilaneeh begeistert. Silvereye schüttelte den Kopf, um sich von den Nachwirkungen der Hypnose zu befreien und blickte dann verständnislos auf die offenstehende Tür. Er konnte sich an die vergangenen Sekunden nicht erinnern. In diesem Moment wurde im Gang hinter ihnen ein Rumpeln laut, als wenn ein riesenhafter Maulwurf sich durch die Stollen grübe, begleitet von einem raubtierartigen Brüllen. Der Fremde erbleichte sichtlich und zögerte dann keine Sekunde länger: Mit einem Aufschrei stürzte er sich in das pulsierende Licht der Dimensionspforte und verschwand. Die Anderen tauschten unsichere Blicke, während das Ungeheuer inzwischen schon recht nahe klang. Silvereye war der Nächste, der die Initiative ergriff. Er packte Lilaneeh unsanft am Unterarm und sprang gemeinsam mit ihr durch die Türe. Dann wurde es dunkel um die beiden Halbelfen...

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