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Aufbruch ins Abenteuer: Teil 1
"Lilaneeh, mein Kind, wo steckst du denn?" "Hier
bin ich, Meister, ich komme schon!" Eine junge Frau mit wallendem,
goldblondem Haar kam anmutig die Treppe des hohen Turmes herunter. "Ach,
da bist du ja. Hast du alles für unsere Gäste vorbereitet?"
Ein verwirrter Ausdruck erschien auf Lilaneehs Gesicht. "Welche Gäste,
Meister? Ihr habt mir nichts von irgendwelchen Gästen gesagt..."
"Nicht?" Meister Aldurion rieb sich die schmerzenden Augen. "Nun,
dann muß ich es wohl wieder einmal vergessen haben, tut mir leid.
Meister Sanurlas und sein Adept kommen für zwei Tage aus Shadowdale.
Bitte, mein Kind, kümmere dich um alles Notwendige, ja?" "Selbstverständlich,
Meister." Seufzend stieg Lilaneeh die Stufen Richtung Küche nach
oben. In der letzten Zeit wurde ihr Lehrmeister immer vergesslicher. Aber
das würde sie Aldurion niemals vorwerfen. Er war ein hervorragender
Lehrer in der Kunst der Magie, und er war immer sehr gut zu ihr gewesen.
Lilaneeh liebte ihn wie den Vater, den sie nie gekannt hatte.
Bereits drei Stunden später klopften Aldurions Gäste
an die Tür. Lilaneeh hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, um mit
allem rechtzeitig fertig zu werden, aber es hatte sich gelohnt. Das Abendessen
war bereit, die Gästezimmer gerichtet, und im kleinen Salon im Erdgeschoß
des Turmes prasselte ein munteres Feuer. Aldurion öffnete selbst die
Tür. Er bestand stets darauf, seine Gäste persönlich zu
begrüßen. "Sanurlas, mein Freund! Wie freue ich mich, dich
nach so langer Zeit endlich einmal wiederzusehen!" Die beiden alten
Magiere umarmten sich herzlich. "Aldurion, die Freude ist ganz meinerseits.
Darf ich dir meinen Adepten Krandur vorstellen? Er ist einer der besten
Schüler, die ich je hatte." Neugierig musterte Lilaneeh, die
eben zu den drei Männern hinzugetreten war, den etwa sechzehnjährigen
Jungen, der ob des Lobes seines Meisters verlegen zu Boden blickte. Als
er den Blick wieder hob, begegnete er den goldenen Augen Lilaneehs, welche
sie zusammen mit ihrem goldblonden Haar und den leicht spitzen Ohren als
Halbelfin auswiesen. "Ach", rief Sanurlas aus, "das muß
ja wohl die kleine Lionhead sein! Bei Mystra, du bist ja bereits eine erwachsene
Frau! Wie die Zeit vergeht! Ja, Aldurion, daran sieht man deutlich, wie
alt wir werden." Der junge Krandur fühlte seine Knie weich werden.
Gerade hatte er sich Hals über Kopf verliebt in das bezauberndste
Wesen, das er je gesehen hatte. In der jungen Halbelfin vereinigten sich
auf ideale Weise die Eigenschaften der beiden Rassen, die ihre Vorfahren
waren: Die anmutige Grazilität der Elfen in perfektem Zusammenspiel
mit den weicheren und üppigeren Formen der Menschen. Lilaneeh bemerkte
amüsiert den verträumten Ausdruck auf Krandurs Gesicht. Sie war
sich sehr wohl bewußt, welche Wirkung sie auf Männer haben konnte,
auch wenn sie selten Gelegenheit hatte, diese Wirkung zu testen. Sie war
jetzt neunzehn Jahre alt und neugierig auf das andere Geschlecht. So beschloß
Lilaneeh, daß Krandur das ideale Versuchsobjekt sein müßte.
Sie tänzelte auf den wie hypnotisiert dastehenden Jungen zu, hakte
sich bei ihm unter und führte ihn, den beiden Meistern folgend, in
den gemütlichen Salon. Endlich fand Krandur seine Sprache wieder:
"Dein Name ist also Lionhead...?" "So nennt man mich. Passend,
nicht wahr?" antwortete sie und fuhr sich mit der Hand durch ihre
ungebändigten Locken. "In der Tat. Eine Farbe wie lauteres Gold..."
stammelte Krandur in dem ungeschickten Versuch, galant zu wirken. Lilaneeh
mußte sich abwenden, damit ihr junger Verehrer ihr Grinsen nicht
sehen konnte. Lilaneeh fühlte sich überhaupt nicht verlegen,
sondern nur belustigt. Wie einfach es doch ist, dachte sie, als Frau einen
Mann zu beeinflussen, ohne daß dieser es überhaupt bemerkt.
Die beiden folgenden Tage versprachen interessant zu werden.
Der arme Krandur hatte es wirklich nicht leicht. Lilaneeh
hielt ihn fest an der Angel, wo er zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Sie hatte keine Minute lang vorgehabt, den jungen Mann näher als einen
halben Meter an sich heranzulassen, soweit reichte ihre Neugier nicht.
Sie hatte auch keinerlei schlechtes Gewissen, weil sie mit ihm spielte
wie mit einem amüsanten Plüschtier, schließlich wußte
sie sehr gut, was Männer den Frauen antun konnten, ohne dabei auch
nur ein Fünkchen an Schuldgefühlen zu empfinden. Die beiden Zaubermeister
waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß sie von alledem
kaum etwas bemerkten. Nur kurz vor der Abreise sagte Sanurlas plötzlich:
"Krandur, Krandur, du bist ja so blaß, und Ringe hast du unter
den Augen! Da paßt man mal zwei Tage nicht auf dich auf, und schon
überarbeitest du dich. Ich habe dir doch immer gepredigt, daß
du genügend schlafen sollst!" Krandur lief rot an, senkte den
Blick und murmelte: "Ja, Meister." Zum Abschied küßte
Lilaneeh den jungen Adepten auf die Wange, was diesen wiederum erröten
ließ. "Leb wohl, und viel Glück weiterhin mit deinen Studien",
hauchte sie. "J-ja, d-das wünsche ich dir auch..." Lilaneeh
lächelte. Oh ja, du warst ein angenehmes Studienobjekt...
Aufbruch ins Abenteuer: Teil 2
Wenige Tage später rief Aldurion seine Schülerin
zu sich. "Lilaneeh, mein Kind", begann er wie immer seine Rede,
"Meister Sanurlas hat mir einige interessante Dinge berichtet, die
meine Forschungen ein gutes Stück weitergebracht haben. Du kennst
doch die Geschichte von Myth Drannor?" "Selbstverständlich,
Meister, Ihr habt sie mir schließlich selbst beigebracht." "Dann
erzähle mir, was du über Myth Drannor weißt." "Nun",
Lilaneeh räusperte sich, um ihre Gedanken zu ordnen, "nun, Myth
Drannor war eine alte Elfenstadt im Elvenwood, bevor sie vor bereits über
tausend Jahren durch die Armee der Dunkelheit, welche von Nykar-Daemons
geführt wurde, zerstört worden ist. Die Stadt, die von den Elfen
>City of love< genannt wurde, war von jeher eine Begegnungsstätte
für Menschen und Elfen. Sie war eine Stadt der Geschichtenerzähler,
Kunsthandwerker und Erfinder. Von Barden wurde sie als >Towers of beauty<
besungen, was auf ihre besondere Architektur schließen läßt.
Außerdem war Myth Drannor auch berühmt als Stätte des arkanen
Wissens, der Magie, der Zauberer, der Wissenschaften und der Geschichtsschreiber.
Es soll dort noch heute viele Schätze und magische Artefakte geben,
da sich bis vor wenigen Jahren keiner in die für Elfen heiligen Ruinen
gewagt hatte. Die Waldelfen bewachten das Heiligtum mit ihrem Leben, bis
die letzten Elfen die Gegend in Richtung Evermeet verließen..."
Lilaneeh schluckte, als traurige Erinnerungen an ihren Vater in ihr aufstiegen,
doch schnell schob sie diese dunklen Gedanken beiseite: "Seither versuchen
immer wieder Abenteurer, die Schätze von Myth Drannor zu plündern,
obwohl man sich erzählt, daß es dort immer noch von Teufeln
und Dämonen wimmeln soll." Lilaneeh holte tief Luft, lächelte
ihren Lehrmeister an und fragte: "Habe ich die Frage zu Eurer Zufriedenheit
beantwortet?" "Beinahe, mein Kind, aber nun würde ich gerne
noch etwas über die Geographie hören. Wo liegt Myth Drannor?"
"Elvenwood befindet sich etwa drei Tagesritte nördlich von hier,
dem Halfaxe Trail folgend, und die Ruinenstadt liegt im westlichen Teil
des Waldes..." Lilaneeh runzelte die Stirn. "Nein, Genaueres
weiß ich nicht darüber..." "Nun, das müßte
auch reichen, damit du hinfindest...", sinnierte Aldurion. "Damit
ich...hinfinde...?" fragte Lilaneeh mit mißtrauischem Blick.
"Äh, ja, ganz recht. Ich wünsche, daß du nach Myth
Drannor reist und dort aus der Bibliothek des Zauberers Azimer ein wertvolles
Buch holst, den >Shadow Tome<." Lilaneeh wurde sichtlich blaß
um die Nase. "Ich soll mutterseelenallein acht Tage lang durch ein
von Monstern und Verbrechern verseuchtes Land reisen, um unter den Augen
von Teufeln und Dämonen irgend so einen Schmöker zu klauen...?
Meister, das kann nicht Euer Ernst sein..." "Mein liebes Kind,
es handelt sich nicht um irgendeinen Schmöker, wie du so respektlos
äußertest", empörte sich der alte Magier, "sondern
um den >Shadow Tome<, ein überaus wertvolles, in Krokodilleder
gebundenes Buch von besonderer Form. Ich brauche es unbedingt zur Fortführung
meiner Studien. Natürlich erwarte ich nicht von dir, daß du
dich alleine auf diese zugegebenermaßen gefahrvolle Reise begibst.
Hier..." Aldurion kramte in den unzähligen Taschen seiner sandfarbenen
Robe und zog schließlich ein kleines Ledersäckchen hervor. "...hier
hast du Gold. In Harrowdale wirst du sicher Leute finden, die dich gegen
angemessene Bezahlung begleiten. Von dem, was übrigbleibt, kannst
du dann noch Pferde mieten." Hilflos starrte Lilaneeh abwechselnd
auf das Säckchen in ihrer Hand und auf ihren Meister. Aldurion bemerkte
sehr wohl, daß seine Adeptin schlicht und ergreifend Angst hatte,
Angst vor dem Unbekannten, Angst vor dem Abenteuer, schließlich war
sie bisher kaum über Harrowdale hinausgekommen. "Lilaneeh, mein
Kind, es wird Zeit, daß du in die Welt hinausgehst und das Gelernte
anwendest. Du warst eine gute Schülerin, aber nun ist es am Leben,
dich etwas zu lehren. Und ich bin davon überzeugt, daß du alle
Gefahren meistern wirst. Glaubst du, wenn es anders wäre, würde
ich dich auf diese Reise schicken?" Lilaneeh schüttelte leicht
den Kopf. Bei sich dachte sie allerdings, daß ihr Meister möglicherweise
etwas weltfremd sei, hatte er doch in den letzten Jahren kaum noch seinen
Turm verlassen und wahrscheinlich keine Ahnung, welche Gefahren in der
Welt da draußen auf einen Reisenden lauerten. Aber da sie wußte,
daß es keinen Sinn hatte, Aldurion umstimmen zu wollen, straffte
Lilaneeh die Schultern, atmete tief durch und fragte: "Und wann soll
ich aufbrechen?" Aldurion antwortete mit einem leichten Lächeln:
"Sobald alle Vorbereitungen abgeschlossen sind. Heuere dir Begleiter
an, ihre Auswahl überlasse ich deiner Menschenkenntnis. Dann besorge
Pferde und Proviant für zwei Wochen, ihr werdet euch unterwegs vermutlich
noch einmal mit Nahrungsmitteln eindecken können. Tja, und dann kann
es losgehen."
Aufbruch ins Abenteuer: Teil 3
Am nächsten Morgen machte sich Lilaneeh mit einem
mulmigen Gefühl im Magen nach Harrowdale auf, um nach Abenteurern
zu suchen, die zu einer Reise nach Myth Drannor bereit wären. Am erfolgversprechendsten
erschien es ihr, in den größeren Gasthäusern der Stadt
nach durchreisenden Söldnern zu fragen. Nach zwei Fehlanzeigen wies
der Wirt der >Grünen Eiche< die junge Magierin auf einen Tisch
hin, an welchem drei abenteuerliche Gestalten saßen. Zum einen war
da eine große, grobknochige Frau, die in ein angeregtes Gespräch
mit einem blonden jungen Mann vertieft war. Dabei saß schweigend
ein Zwerg mit langem braunem Bart, dessen Streitaxt an seinem Stuhl lehnte.
Lilaneeh beobachtete die Fremden einige Zeit, dann faßte sie sich
ein Herz und trat zu ihnen an den Tisch. "Die Götter zum Gruße",
begann sie das Gespräch. "Erlaubt Ihr, daß ich mich zu
Euch setze?" Die Fremden musterten sie einige Zeit stumm, dann nickte
die Frau mit den kurzen, blonden Haaren. Lilaneeh bedankte sich und zog
sich einen Stuhl heran. "Gestattet, daß ich mich vorstelle:
Man nennt mich Lionhead, und ich bin die Adeptin des Magiers Aldurion."
"Freut mich", murmelte die Frau. "Mein Name ist Lulu, dies
hier ist Simson", sie wies auf den jungen Mann, "und der schweigsame
Zwerg dort nennt sich Radek. Darf ich fragen, was Ihr von uns wollt?"
"Sicher, kommen wir gleich zur Sache. Nun, ich bin auf der Suche nach
Leuten wie Euch, die mich gegen angemessene Bezahlung auf eine etwa zweiwöchige
Reise begleiten." "Und wohin genau soll es gehen?" "Nach
Norden, in den Elvenwood. Um es ganz genau zu sagen...: Nach Myth Drannor..."
Lilaneeh erwartete empörte Ablehnung, aber Lulu blickte nur fragend
zu Simson, welcher das Wort ergriff: " Nach Myth Drannor also? Ich
muß sagen, das ist ein reizvoller Gedanke. Ich habe gehört,
daß es da eine Menge zu holen gibt..." "Hast du vielleicht
auch gehört, daß dort Dämonenarmeen ihr Unwesen treiben
sollen?" meldete sich Radek zum ersten Mal mit tiefer Stimme zu Wort
und sah Simson aus zusammengekniffenen Augen an. "Ach, papperlapapp,
das sind doch Ammenmärchen!" entgegnete der junge Mann. "Du
bist mir ja ein schöner Krieger, der Angst vor solchen Kindergeschichten
hat!" Wütend verzog Radek sein Gesicht, erwiderte aber nichts.
Während der sich anschließenden Diskussion ließ Simson
die junge Magierin nicht aus den Augen, er schien sie mit seinen Blicken
förmlich ausziehen zu wollen. Zum ersten Mal fühlte sich Lilaneeh
in der Gegenwart eines Mannes unwohl in ihrer Haut. Dies war kein unerfahrener
Jüngling, den sie nach ihren Wünschen manipulieren konnte. Vor
ihm würde sie sich sehr in acht nehmen müssen. Schließlich
wurde man sich einig, die Reise gemeinsam zu unternehmen, und auch die
Bezahlung war schnell ausgehandelt. Weiterhin stellte sich heraus, daß
die drei Abenteurer eigene Reittiere besaßen, sodaß Lilaneeh
sich nur noch um ein Pferd für sich selbst und um ein Lasttier bemühen
mußte. Man verabredete sich für den Morgen des übernächsten
Tages zur Abreise in Richtung Myth Drannor. Lilaneeh war heilfroh, der
Gegenwart des jungen Mannes entkommen zu können. Ich fürchte,
da liegen zwei aufregende Wochen vor mir, dachte sie düster.
Zwei Tage später ging also die Reise los. Lilaneeh fühlte sich
zu Pferde noch reichlich unsicher, obwohl der braune Wallach >Chestnut<,
den sie sich in Harrowdale geliehen hatte, wirklich lammfromm war. Der
Abschied von Aldurion war kurz und schmerzlos gewesen. Der alte Magier
hatte vorgegeben, schrecklich beschäftigt zu sein und seiner Schülerin
nur ein kurzes >Gute Reise!< zugerufen. Die zur Schau getragene Gleichgültigkeit
ihres Meisters trug nicht gerade zur Verbesserung von Lilaneehs Laune bei.
Auch Simson, der darauf achtete, stets neben ihr zu reiten, drückte
auf ihre Stimmung. Alles in allem wünschte sie sich von ganzem Herzen
nach Hause in ihr gemütliches Turmzimmer. Dieser Wunsch wurde im Verlauf
der nächsten Tage höchstens noch stärker. Lilaneeh konnte
sich ihres Verehrers nur mehr mit Mühe erwehren. Glücklicherweise
waren immer entweder Lulu oder der Zwerg in ihrer Nähe, sodaß
Simson nicht recht zum Zuge kam. So ritten sie drei Tage lang nordwärts,
und es passierte nichts weiter, als daß Simson immer zudringlicher
zu werden versuchte. Inzwischen hatte Lilaneeh allerdings keine Scheu mehr,
ihm im Bedarfsfall kräftig auf die Finger zu klopfen, und so war Simson
höchstens noch ein untergeordnetes Problem. Bei sich dachte die Halbelfin,
daß sie eine solch ereignislose Reise auch ohne Begleiter hätte
unternehmen können. Aber noch hatten sie Myth Drannor schließlich
nicht erreicht.
Endlich standen sie am Rande des bedrohlich wirkenden Elvenwood. Eine geraume
Weile blieb die Gruppe am Waldrand stehen. Schließlich faßte
sich Radek ein Herz und ritt auf seinem kräftigen Pony voraus. Im
Inneren des Waldes schalt Lilaneeh ihre dumme Angst, denn der Elvenwood
war licht, freundlich und von fröhlichem Vogelgezwitscher erfüllt.
Ihre Stimmung hob sich merklich. Leider kamen sie an diesem Tage nicht
mehr weit, denn bald schon ging die Sonne unter und sie mußten sich
einen Schlafplatz suchen. Lilaneeh fühlte sich merkwürdig sicher
an diesem Ort, der Heimat ihrer elfischen Vorfahren, und schlief rasch
tief und fest.
Aufbruch ins Abenteuer: Teil 4
Der nächste Tag brach hell und freundlich heran,
und Lilaneeh hatte das merkwürdig beruhigende Gefühl, nach Hause
zu kommen. Die Gruppe kam gut voran. Am späten Nachmittag ordnete
Lilaneeh eine kurze Rast an, allerdings mehr wegen ihrer Gefährten
und der Pferde, denn sie selbst fühlte sich so abenteuerlustig und
frisch, daß sie den ganzen Tag ohne Unterbrechung hätte weiterreiten
können. So ging es sechs Tage lang durch einen friedlichen Wald ohne
jegliche erkennbare Bedrohung. Als sie sich wieder einmal zu einer Pause
niedergelassen hatten, entdeckte Lilaneeh in der Nähe ihres Rastplatzes
einen großen Brombeerbusch. Ihr lief das Wasser im Munde zusammen,
und so erhob sie sich, um sich einige der leckeren Dingerchen zu Gemüte
zu führen. Simson wollte ihr in den Wald folgen, doch ein scharfer
Blick der jungen Magierin hielt ihn davon ab. Während sie so dastand
und sich mit blaubefleckten Fingern Brombeeren in den Mund schob, sah sie
ein Stück tiefer im Wald eine merkwürdig aussehende Pflanze.
Das muß ich mir genauer ansehen, dachte sie bei sich und steuerte
das farnartige Gewächs an. Allerdings konnte die Halbelfin auch nach
eingehender Untersuchung der Pflanze nicht feststellen, worum es sich handeln
könnte. Sie fand zwei vertrocknete Blüten, denen sie weder ursprüngliche
Farbe noch frühere Form ansehen konnte. In der Hoffnung, daß
in der Nähe noch weitere Exemplare der rätselhaften Pflanze wüchsen,
suchte sie die Umgebung eingehend ab, aber offensichtlich war die Blütezeit
gerade dieser Pflanze bereits vorüber, denn obwohl Lilaneeh noch andere
Vertreter derselben Gattung entdeckte, brachte ihr dies keine neuen Erkenntnisse.
Schließlich gab sie die weitere Suche auf, um sich vor dem Weiterreiten
doch noch ein wenig auszuruhen. Langsam und vor sich hin sinnierend ging
sie in die Richtung, in der sie ihren Rastplatz vermutete. Als sie jedoch
nach fünf Minuten immer noch nicht bei ihren Gefährten angelangt
war, dämmerte ihr, daß sie wohl die Orientierung verloren hatte.
Lilaneeh blieb stehen, blickte sich um und rief laut nach ihren Begleitern.
Keine Antwort. Sie rief weiter und drehte sich dabei langsam im Kreis.
Ein Rascheln im Unterholz war die einzige Reaktion. "Talos soll diesen
verfluchten Wald holen!" schrie sie wütend und verzweifelt. Nun
hatte sie sich also im Elvenwood verlaufen. Na großartig! In diesem
Moment erschien ihr der Wald gar nicht mehr so licht und freundlich. Mißmutig
stolperte die Halbelfin weiter, dabei immer wieder die Namen ihrer Gefährten
rufend. Als es langsam dunkel wurde, kämpfte sie sich noch immer durch
das dichte Unterholz, ohne eine Spur von ihren Begleitern zu finden. Sie
wollte die sinnlose Suche gerade aufgeben und sich erschöpft zu Boden
fallen lassen, als sie ein Stück voraus etwas flackern sah, was ein
Lagerfeuer sein konnte. "Mystra sei Dank!" jubelte Lilaneeh und
rannte auf den einladenden Lichtschein zu, dabei wie eine Herde Nashörner
durch das Unterholz brechend. Als sie gerade den Rand der Lichtung erreicht
hatte und erkennen konnte, daß das Lagerfeuer verlassen war, da fühlte
sie sich plötzlich von hinten von einem kräftigen Arm um den
Oberkörper gepackt, und gleichzeitig spürte sie kalten Stahl
an ihrer Kehle. Sie erstarrte in der Bewegung, und ihr geschmeidiger Körper
versteifte sich. Als der Angreifer erkannte, was ihm da in die Arme gelaufen
war, und daß dieser Jemand noch nicht einmal eine Waffe bei sich
trug, lockerte er seinen Griff, und auch die scharfe Klinge des Dolches
entfernte sich von Lilaneehs Kehle. Die zu Tode erschrockene Halbelfin
entspannte sich wieder ein wenig, da der Mann hinter ihr offensichtlich
nicht beabsichtigte, sie hier und jetzt umzubringen. "Dreh´
dich um", befahl eine unfreundliche Stimme. Lilaneeh gehorchte mit
gesenktem Kopf. Dabei fiel ihr Blick auf ein Paar hohe, fellbesetzte Lederstiefel.
Während sie langsam den Kopf hob, musterte Lilaneeh ihren Angreifer
eingehend. Sie erblickte einen jungen Mann mit langen, schwarzen Haaren,
die zu einem Zopf geflochten waren. Er trug einen silbergrauen Fellrock
und ein Lederwams. An seiner Seite hing ein Langschwert, und den Dolch
hielt er immer noch in der Hand. Am bemerkenswertesten waren jedoch seine
Augen, die selbst im matten Licht des schwindenden Tages wie Silbermünzen
glänzten. Die Beiden standen sich eine geraume Weile stumm gegenüber
und blickten sich nur an. Schließlich straffte der junge Mann die
Schultern und winkte Lilaneeh, ihm zu folgen. Er ging zurück ans Feuer,
wo er gerade ein Reh grillte. Lilaneeh folgte ihm zögernd und ließ
sich dann am Feuer nieder. Er säbelte mit seinem Dolch wortlos ein
Stück Fleisch ab und bot es Lilaneeh an. Sie nahm es dankend, danach
folgte wieder langes Schweigen. Da ihr Gastgeber offensichtlich nicht gewillt
war, das Gespräch zu beginnen, ergriff schließlich Lilaneeh
das Wort: "Ich habe mich verlaufen. Eigentlich suchte ich meine Gruppe:
Eine Frau, einen Mann und einen Zwergen. Sind sie dir vielleicht begegnet?"
Der junge Mann blickte von seinem Essen auf und schüttelte den Kopf.
Na, der ist ja extrem gesprächig, dachte Lilaneeh. Sie startete einen
neuen Versuch: "Man nennt mich Lionhead." "Silvereye",
murmelte er. Lilaneeh hatte das Gefühl, mit einem schüchternen
Kind zu sprechen. "Schön, Silvereye. Und wo kommst du her?"
Er deutete in eine unbestimmte Richtung in den Wald. Lilaneeh war am Rande
der Verzweiflung. "Und was tust du hier, mitten im Elvenwood?"
"Ich esse", lautete die lakonische Antwort. Damit gab er der
ohnehin schon entnervten Halbelfin den Rest -- sie verstummte. Lange hielt
sie das Schweigen jedoch nicht aus. Mit einem vorsichtigen Seitenblick
auf den jungen Mann fragte sie: "Ich bin auf dem Weg nach Myth Drannor.
Wärst du bereit, mich gegen entsprechende Entlohnung dorthin zu begleiten?"
Silvereye hob langsam den Blick und sagte nach einer längeren Pause:
"Ich werde dir helfen, deine Freunde wiederzufinden." Lilaneeh
war froh, dem jungen Mann einen ganzen Satz entlockt zu haben und finster
entschlossen, nun nicht lockerzulassen: "Das ist sehr freundlich von
dir. Aber um das klarzustellen: Als meine Freunde würde ich die Drei
nicht bezeichnen wollen. Sie begleiten mich, weil ich sie bezahle. Schließlich
kann eine schwache Frau wie ich nicht völlig schutzlos durch die Dales
ziehen", fügte sie mit unschuldigem Augenaufschlag hinzu. Der
junge Mann hörte auf zu kauen und musterte sein Gegenüber. Dann
stand er auf und warf Lilaneeh eine Decke zu. "Schlaf jetzt. Ich werde
Wache halten." Widerspruchslos wickelte die Halbelfin sich in die
Decke und legte sich auf dem kühlen Waldboden nieder. Aber sie starrte
noch geraume Zeit ins Feuer -- beziehungsweise zu Silvereye -- bevor die
Erschöpfung sie schließlich übermannte und sie einschlief.
Aufbruch ins Abenteuer: Teil 5
Bei Sonnenaufgang wurde Lilaneeh durch eine Hand an ihrer
Schulter geweckt. Sie richtete sich auf und stellte fest, daß ihr
Begleiter bereits alle Habseligkeiten eingepackt hatte. "Kein Frühstück?"
murrte die unausgeschlafene Magierin. "Nicht, wenn du wirklich noch
vorhast, deine Leute wiederzufinden", lautete die Antwort, deren Logik
Lilaneeh sich nicht entziehen konnte. Silvereye rollte die Decke zusammen
und schnallte sie an seinen Rucksack. Dann warf er sich noch seinen Langbogen
über die Schulter, und los ging es. Einige Stunden stolperte Lilaneeh
hinter dem jungen Mann durch die Büsche und konnte in dieser Zeit
kaum ein Wort aus ihm herausbringen. Plötzlich blieb Silvereye abrupt
stehen, kniete sich nieder, untersuchte den Boden und dann einige umstehende
Büsche. "Wart ihr mit Pferden unterwegs?" fragte er seine
Begleiterin. Lilaneeh nickte. "Sicher", antwortete sie. Silvereye
blickte sie ärgerlich an. "Wenn du mir das gleich gesagt hättest,
könnten wir deine Gruppe schon längst wiedergefunden haben, es
gibt hier nicht allzu viele Stellen, wo man mit Pferden vernünftig
durchkommt", murrte er. "Entschuldigung. Ich hatte keine Ahnung,
daß das wichtig war." Lilaneeh war ehrlich zerknirscht, weil
sie daran nicht gedacht hatte. "Naja, schon gut", beruhigte Silvereye.
"Die Spuren hier sind noch von gestern. Also werden wir in Kürze
an eurem Lagerplatz sein. Von da aus sehen wir dann weiter." Nach
diesen Worten fiel der junge Mann wieder in Schweigen. Kurze Zeit später
hörten die Beiden ein Pferd wiehern. Lilaneehs Gruppe hatte anscheinend
den Lagerplatz nicht verlassen in der Hoffnung, ihre Auftraggeberin würde
doch noch auftauchen. Es gab ein großes Hallo, als Lilaneeh und Silvereye
gemeinsam die Lichtung betraten. Simson ging sogar so weit, die Halbelfin
hochzuheben und im Kreise zu wirbeln. Lilaneeh schien darüber nicht
begeistert zu sein, und zu seiner eigenen Überraschung stellte Silvereye
fest, daß ihm diese Vertraulichkeit außerordentlich mißfiel.
In diesem Moment faßte er einen Entschluß. Er trat zu Lilaneeh
und sagte: "Also, wenn dein Angebot noch steht, würde ich euch
doch gerne nach Myth Drannor begleiten." "Sicher", antwortete
Lilaneeh mit ihrem strahlendsten Lächeln. "Das würde mich
sehr freuen. Wie kommt es zu dem plötzlichen Sinneswandel?" Silvereye
blickte verlegen zu Boden und machte nur eine unbestimmte Geste. Wie sollte
er ihr etwas erklären, was er selbst nicht verstand? "Naja, das
Warum ist ja auch nícht so wichtig. Also, Leute, dies hier ist Silvereye,
und er wird uns von nun an begleiten. Silvereye, das sind meine Begleiter
Lulu, Simson und Radek." Vor allem Simson schien von seinem neuen
Kameraden nicht begeistert zu sein. Lilaneeh fuhr fort: "Verteilt
das Gepäck vom Lasttier auf unsere Pferde, viel ist es ohnehin nicht
mehr. Ich hoffe, du kannst auf einem ungesattelten Pferd reiten, Silvereye."
Der junge Mann nickte stumm. So setzte die Gruppe von nun an ihren Weg
zu fünft fort.
Gegen Abend entdeckte Silvereye eine Höhle in einer
hochaufragenden Klippe und entschied, daß dies ein ideales Nachtlager
sei. Die Reisenden richteten sich also auf die Übernachtung ein, die
Pferde wurden angebunden, Silvereye machte ein Feuer am Höhleneingang
und Lilaneeh las im schwindenden Licht in ihrem Zauberbuch. Während
des gemeinsamen Abendessens wurde die Reihenfolge der Nachtwache festgelegt.
Silvereye sollte beginnen und dann Simson wecken, welcher wiederum an Radek
übergeben sollte. Silvereye plazierte sich also vor dem Höhleneingang,
ließ die Beine über den Rand der Klippe baumeln und blickte
über den nächtlichen Wald, während seine Begleiter sich
im hinteren Teil der Höhle in ihre Decken wickelten. Lilaneeh beobachtete
den jungen Mann, der sich deutlich vor dem Nachthimmel abzeichnete. Schließlich
stand sie auf und schlich zu ihm. Sie hatte das Bedürfnis, seine Nähe
zu spüren. Er zuckte leicht zusammen, als Lilaneeh ihm die Hand auf
die Schulter legte und sich dann neben ihm niederließ. "Ich
kann nicht schlafen", erklärte sie, als sie seinen fragenden
Blick bemerkte. Eine Zeitlang schauten sie gemeinsam in den sternenklaren
Nachthimmel. "Da, sieh mal!" rief Silvereye plötzlich und
deutete in die Dunkelheit. Lilaneeh konnte dank der elfischen Fähigkeit
der Infravision deutlich die Lebensaura einer großen Fledermaus erkennen,
die dicht bei der Höhle über die Bäume strich. "Du
konntest sie doch sehen?" vergewisserte sich Silvereye. "Du bist
doch eine Halbelfin, nicht wahr?" Lilaneeh nickte. "Und du hast
ebenfalls elfische Vorfahren?" "Ja. Ich bin aber von Menschen
aufgezogen worden. Mein Vater war ein Elf, aber er ist als einer der ersten
nach Evermeet aufgebrochen." Lilaneeh seufzte traurig. "Wem erzählst
du das? Ich war noch ein Säugling, als mein Vater unsere Familie verließ.
Meine Mutter wußte nicht, wie sie mich und meine beiden älteren
Geschwister durchbringen sollte, daher wurde ich in die Obhut des Magiers
Aldurion von Harrowdale gegeben. Nicht, daß ich mich etwa beklagen
will... Aldurion ist wirklich großartig... aber dennoch wüßte
ich gerne, wie mein Vater so gewesen ist..." Lilaneeh verstummte.
Tränen schimmerten in ihren goldenen Augen. Silvereye saß ein
wenig hilflos daneben und wußte nicht, wie er sich jetzt verhalten
sollte. "Wie hieß denn dein Vater?" fragte er schließlich
ein wenig ungeschickt. "Lavender. Lavender Goldeye." schniefte
Lilaneeh. Silvereye warf einen scheuen Seitenblick zu der Halbelfin und
sagte leise: "Wenn man dich ansieht, weiß man, wie er zu seinem
Nachnamen gekommen sein muß. Sicher hatte er die gleichen schönen
Augen wie du." Lilaneeh lächelte durch ihre Tränen. "Mein
richtiger Name ist... oh, eigentlich dürfte ich dir das gar nicht
erzählen... ach, was soll´s, ich vertraue dir. Also, mein richtiger
Name ist Lilaneeh Daleflower." Lilaneeh staunte über sich selbst.
Außer ihrer Familie und Aldurion kannte niemand ihren wahren Namen.
Magiere waren immer sehr darauf bedacht, diesen nicht preiszugeben. Und
nun saß sie hier und erzählte diesem jungen Mann, den sie eigentlich
überhaupt nicht kannte, ihr Geheimnis. "Ein schöner Name",
sagte Silvereye. "Sicherlich elfisch. Ich habe auch noch einen anderen
Namen, aber niemand nannte mich je so. Mein wirklicher Name ist Vanderghast
Dalelander." "Tja, ich glaube, wir haben eine Menge gemeinsam",
seufzte Lilaneeh und lehnte ihren Kopf an Silvereyes Schulter. So schauten
sie schweigend in die Dunkelheit. Hätten sie jedoch geahnt, daß
sie aus dem Inneren der Höhle aufmerksam und eifersüchtig beobachtet
wurden, wären sie wahrscheinlich nicht so ruhig gewesen... Irgendwann
war Lilaneeh doch so müde, daß ihr die Augen.zufielen, und sie
legte sich schlafen. Kurz darauf übergab Silvereye die Wache an Simson.
Myth Drannor: Teil 1
Am nächsten Morgen wurden sie durch einen Wutschrei
des Zwergen geweckt. "Dieser verdammte Mistkerl!" brüllte
er. "Ich wußte, daß das eines Tages passieren würde!"
"Was ist denn los, Radek?" fragte Lulu verschlafen. "Na
Simson, das Aas. Der Schuft ist abgehauen. Er hat mich nicht zur Wache
geweckt, sondern hat sich klammheimlich aus dem Staub gemacht. Wir wären
leichte Beute für jegliches Raubzeug gewesen!" "Der ist
längst über alle Berge", brummte Silvereye, der sich gleich
darangemacht hatte, nach Spuren zu suchen. "Ja, und zwar mit unserer
Reisekasse", fügte Lilaneeh mit saurer Miene hinzu. "Wäre
ich nicht so hundemüde gewesen, hätte ich den Diebstahl vielleicht
bemerkt. Aber so..." Die vier Zurückgelassenen machten während
des ganzen Frühstücks ihrem Ärger gehörig Luft und
entschieden dann, sich durch diesen Vorfall nicht von der weiteren Durchführung
ihres Planes abhalten zu lassen. So machten sie sich denn wieder auf den
Weg.
Am frühen Nachmittag desselben Tages stand die Gruppe plötzlich
vor der Ruine eines einst zweigeschossigen Steingebäudes. "Ist
das schon Myth Drannor?" fragte der an der Spitze reitende Silvereye.
Lilaneeh zuckte die Schultern. "Durchaus möglich. Laßt
uns einfach weiterreiten, dann werden wir es sehen." Tatsächlich
stießen sie hinter dem ersten Gebäude auf eine Vielzahl weiterer
Ruinen, größtenteils von Büschen, Unkraut und Moos überwuchert.
Zögernd, beinahe ehrfürchtig ritt die Gruppe durch die einstmals
belebten Gassen. Aber bereits nach zwei Häuserblocks wurde ihnen der
Weg durch sechs zwielichtige Gestalten versperrt. Während Silvereye
und Radek zu ihren Waffen griffen, raunte Lilaneeh: "Haltet euch bitte
erstmal zurück und laßt mich machen. Vielleicht können
wir einen Kampf vermeiden. Aber möglicherweise funktioniert es auch
nicht... seid also bereit." Während sie sprach, zog sie ein kleines
Beutelchen hervor, strich sich daraus ein weißes Pulver ins Gesicht
und murmelte dazu Worte in einer fremdartig klingenden Sprache. In diesem
Moment ging eine merkwürdige Veränderung mit ihr vor. Wenn sie
zuvor schon eine sehr gutaussehende Frau gewesen war, so wirkte sie jetzt,
als sei sie gerade den Himmeln entstiegen. So trat sie den schwerbewaffneten
Fremden entgegen, die drohend näherkamen. "Die Götter zum
Gruße", sagte sie mit ihrer melodisch klingenden Stimme. Die
Reaktion der Wegelagerer war überraschend: Sie ließen ihre Waffen
sinken und glotzten die Halbelfin mit offenen Mündern an. Der Anführer
der Bande fand als erster seine Worte wieder. "Cyric zum Gruße",
entgegnete er. "Was führt eine schöne Frau wie Euch in diese
Gegend?" "Oh, wir haben einen dringenden Auftrag, und mit Euren
Kenntnissen über die Örtlichkeiten könnt Ihr uns sicher
behilflich sein", gurrte Lilaneeh. "Kennt Ihr zufällig die
Bibliothek des Zauberers Azimer?" Die Räuber blickten sich an.
Schließlich antwortete ihr Anführer: "Es gibt eine große
Bibliothek in der Schule der Zauberei. Folgt dieser Straße bis zu
ihrem Ende, dann biegt links ab und am Ende dieser Straße wieder
rechts. Dann müßt Ihr über einen Schutthügel und danach
ist es das zweite große Gebäude auf der linken Seite. Aber....
wollt Ihr uns nicht noch ein wenig Gesellschaft leisten, schöne Frau?"
"Äh, nein, wir haben es ein wenig eilig. Habt vielen Dank für
Eure Hilfe. Würdet Ihr uns bitte durchlassen?" Entgegen ihrer
eigenen Erwartungen machten die Räuber tatsächlich Platz. Lilaneeh
trieb ihr Pferd vorwärts und winkte ihren Begleitern, ihr schnell
zu folgen.
In schnellem Trab ging es die Straße hinunter, bis die Gruppe zu
der Weggabelung kam, an der sie nach links abbiegen sollten. Hinter der
Ecke parierten sie ihre Pferde durch. Lilaneeh wischte sich das Pulver
aus dem Gesicht und seufzte erleichtert. Silvereye fragte fassungslos:
"Wie hast du das gemacht?" "Tja, ich bin eben doch nicht
ganz so hilflos, wie alle immer glauben", antwortete die Halbelfin
spitz, dann fügte sie in freundlicherem Ton hinzu: "Schließlich
habe ich jahrelang die Kunst der Magie studiert." Nach diesen Worten
trieb sie ihr Pferd weiter und beendete damit das Thema. Schließlich
stand die Gruppe vor dem wahrhaft gewaltigen Schutthügel, von dem
die Räuber gesprochen hatten. Während Lulu, Lilaneeh und Silvereye
berieten, wie man das Hindernis am besten umgehen könnte, suchte Radek
auf eigene Faust einen Weg. Doch bereits wenige Augenblicke später
kam er kreidebleich zurückgaloppiert und schrie dabei: "Hilfe,
ich werde von Teufeln und Dämonen verfolgt! Ich wußte es, wir
hätten nie hierherkommen dürfen!" Es dauerte eine geraume
Weile, bis sie von dem Zwergen eine verständliche Erklärung bekamen:
"Da, hinter dem Hügel, da war ein greuliches Ungeheuer. Es ging
auf vier Beinen, hatte eine leuchtendrote Schuppenhaut und ein mörderisches
Raubtiergebiß. Und das Schlimmste war.... aus seinem Kopf wuchsen
Schlangen, glitschige, sich windende Schlangen...." Der Zwerg erbebte.
Seine drei Gefährten mußten ihm einige Minuten lang gut zureden,
bevor er sich dazu überreden ließ, den Weg um den Schutthügel
herum mit ihnen fortzusetzen. Endlich hatte die Gruppe einen freien Blick
auf die Schule der Zauberei. Das Gebäude war weniger imposant, als
Lilaneeh gedacht hatte. Tatsächlich war der größte Teil
völlig zerstört, aber der Eingangsbereich schien unversehrt.
Ein wenig enttäuscht stieg Lilaneeh vom Pferd und band das Tier an
einen der zahlreichen Sträucher. Dann ging sie, mit ihren Gefährten
im Schlepptau, auf das einen Spalt weit offenstehende Tor zu, welches auf
leichten Druck hin quietschend nach innen schwang und den Blick freigab
auf eine hohe, staubige Halle, deren Decke und Seitenwände zu einem
Großteil eingestürzt waren. Aber eine steile Wendeltreppe ohne
Geländer führte in engen Spiralen nach unten. Silvereye entzündete
eine Fackel, dann zog er sein Schwert und stellte sich beschützend
vor Lilaneeh. "Ich gehe vor", raunte er. Die Treppenstufen waren
bedeckt mit Staub, Spinnweben und kleinen Steinen, die wohl von der eingestürzten
Decke stammten. Knirschend zerfiel das Skelett einer Ratte unter Lilaneehs
Fuß zu Staub. Plötzlich blieb Silvereye stehen. "Hier ist
kürzlich schon einmal jemand hinuntergestiegen", flüsterte
er seinen Gefährten zu. "Seht ihr die Spuren im Staub? Sie sind
relativ frisch." Noch vorsichtiger als bisher setzten die vier ihren
Weg nach unten fort.
Myth Drannor: Teil 2
Die Treppe endete in einem achteckigen Raum, der aus dem
massiven Fels herausgehauen zu sein schien. An jeder Diagonalseite des
Raumes befand sich eine geschlossene Tür mit Ringen aus Messing, in
seiner Mitte ein kreisrundes Becken, welches früher wohl einmal ein
Springbrunnen gewesen, nun aber ausgetrocknet und staubig war. An einer
Wand stand eine übermannsgroße, steinerne Statue, die einen
Menschen mit geschlossenen Augen darstellte. Es entbrannte eine kurze Diskussion
über die weitere Vorgehensweise, doch schließlich einigte man
sich auf eine Tür, nämlich auf die einzige, die bereits einen
Spaltbreit offenstand. Möglicherweise waren hier die Verursacher der
Fußspuren auf der Treppe entlanggegangen. Hinter besagter Tür
befand sich ein schmaler Gang, der nach einigen Metern wiederum an einer
Tür endete. Silvereye öffnete diese Tür vorsichtig ein Stück
weit und warf einen Blick in den dahinterliegenden Raum. Dann stieß
er die Türe ganz auf und gab den Blick frei auf eine riesige, hohe
Halle. Die Überreste von langen Holztischen und mehreren Dutzend Stühlen
mit hohen Lehnen waren in zwei Reihen in Längsrichtung der Halle aufgestellt.
An den Wänden zur Rechten und Linken spannten sich große Torbögen,
die mit mottenzerfressenen Teppichen verhängt waren. An der gegenüberliegenden
Wand war eine rostige Eisenstange angebracht, von der lange Fetzen eines
schwarzen Stoffes herabhingen. Silvereye betrat vorsichtig den Raum, ging
um den einen der beiden Tische herum und blieb mit einem überraschten
Ausruf stehen. Auf dem Boden lagen die Leichen von zwei Männern in
Kettenhemden. Silvereye beugte sich zu dem ersten Körper und stellte
fest, daß sein Gesicht, seine Brust und Hände Spuren aufwiesen,
die auf den Kontakt mit einer sehr intensiven Kältequelle hindeuteten.
Inzwischen hatte sich Lilaneeh zu der zweiten Leiche begeben. Außer
einem Breitschwert trug der Tote auch einen hübsch gearbeiteten Dolch
bei sich, den die Magierin kurzerhand einsteckte. Die vier Gefährten
berieten sich eine Weile, konnten jedoch keine Erklärung für
den Tod der beiden Männer finden. Sicher war nur, daß sie erst
ein paar Tage tot sein konnten. Daher vermutete Silvereye, daß die
Spuren auf der Treppe tatsächlich von ihnen stammten. Schließlich
drängte Lilaneeh zum Weitergehen und wandte sich selbst dem Durchgang
zur Linken zu. Sie schlug den Vorhang zur Seite und sah in einen kleineren
Raum, der einen einzelnen langen Tisch mit fünf Stühlen enthielt.
Ein in den Fels gemeißelter Durchgang führte aus diesem Raum
weg.
Silvereye setzte sich wieder an die Spitze der Gruppe und die Vier folgten
dem schmalen Gang. Nach wenigen Metern gelangten sie in eine kleine Kammer,
in welcher nur ein Holzkasten mit einem Loch in der Mitte stand. Aus diesem
Loch heraus hörte man von tief unten her Wasser rauschen. Lilaneeh
warf einen prüfenden Blick auf diesen Sitz und meinte dann grinsend:
"Das ist aber mal eine komfortable Toilette." Nach kurzem Nachdenken
fügte sie hinzu: "So gesehen ist der vorherige Raum, der mit
dem einzelnen Tisch, vielleicht gar nicht schlecht, um ein wenig Schlaf
zu bekommen. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich für
meinen Teil bin hundemüde." Zur Bekräftigung ihrer Worte
gähnte sie herzhaft. Lulu nickte zustimmend. "Du hast recht.
Kommt, laßt uns schlafen gehen", sagte sie und ging den kurzen
Gang zurück zum vorigen Raum. "In Ordnung", meinte Silvereye
und folgte der Klerikerin. "Ich übernehme die erste Wache."
Als Lilaneeh ihre Decke ausrollte und es sich gerade auf dem Boden bequem
machen wollte, fiel ihr Blick auf eine merkwürdige Vorrichtung an
der Unterseite der Tischplatte. Auf Händen und Knien kroch die Magierin
unter den Tisch, gefolgt von drei neugierigen Augenpaaren. Sie fand einen
etwa dreißig Zentimeter langen, hölzernen Stab, der mithilfe
von zwei Messingringen an der Unterseite der Tischplatte befestigt war.
Vorsichtig nahm Lilaneeh den Stab aus seiner Halterung. Dann krabbelte
sie mit ihrer Beute wieder unter dem Tisch hervor. "Was hast du da?"
fragte Silvereye interessiert. "Einen Stab", antwortete Lilaneeh
geistesabwesend, während sie das Fundstück eingehend untersuchte.
"Hier unten ist etwas eingraviert. Könntest du bitte mal kurz
mit der Fackel herkommen, Silvereye?" Der Halbelf nahm achselzuckend
die Fackel aus der Wandhalterung und ging zu Lilaneeh hinüber. Im
flackernden Licht der Pechfackel gelang es der Magierin, die Gravur zu
entziffern. ">Zamper<", las sie. Nach einer kurzen Pause
fügte sie leise hinzu: "Das muß ein Kommandowort sein.
Der Stab ist sicherlich magisch. Aber ich muß ihn erst noch einer
tiefergehenden Untersuchung unterziehen. Äh, danke für das Licht,
Silvereye, ich brauche es jetzt nicht mehr." Mit diesen Worten verstaute
Lilaneeh den Stab in ihrem Rucksack und rollte sich dann zum Schlafen zusammen.
Wortlos befestigte Silvereye die Fackel wieder an der Wand und machte es
sich dann für seine Wache bequem.
Myth Drannor: Teil 3
Als alle genügend ausgeruht waren, nahmen die Gefährten
eine kurze Mahlzeit ein, während der Lilaneeh konzentriert in ihrem
Zauberbuch las. Dann brach die Gruppe wieder auf und durchquerte die große
Halle, um die Räume hinter dem ebenfalls von einem Wandteppich verdeckten
zweiten Ausgang zu erforschen. Der Raum, in den der Durchgang sie führte,
war eine Küche mit einer rußgeschwärzten Balkendecke, von
der mächtige Fleischerhaken hingen, einem schweren Holztisch und einem
Hackblock. An einer Wand stand ein großer, ebenfalls rußschwarzer
Steinofen. Die Küche hatte drei weitere Ausgänge, zwei davon
durch massive Holztüren verschlossen, der dritte nur ein offener Durchgang.
Lilaneeh warf zunächst einen Blick in den Nebenraum ohne Tür,
aber es handelte sich nur um eine kleine Vorratskammer mit einigen Fässern,
daher ging sie hinüber zu Silvereye, der gerade an der linken der
beiden Holztüren lauschte. Er schien dahinter nichts zu hören,
daher drückte er die Klinke und öffnete vorsichtig die Tür.
Sie schwang laut quietschend nach innen und gab den Blick frei auf Regale,
die mit inzwischen völlig vergammelten Lebensmitteln vollgestopft
waren. Silvereye wollte die Türe gerade wieder schließen, da
bemerkte er ein seltsames, grünliches Leuchten in einer Ecke des Raumes.
Mit gezogenem Schwert näherte sich der Halbelf vorsichtig Schritt
für Schritt dem phosphoreszierenden Licht, gespannt beobachtet von
seinen Gefährten. Nach drei Schritten entspannte sich der junge Mann
sichtlich, als er die Quelle des merkwürdigen Leuchtens entdeckte:
Ein etwa dreißig Zentimeter langer Glühwurm lag dort und labte
sich an den Überresten irgendwelcher Kräuter. "Alles in
Ordnung", beruhigte Silvereye seine Begleiter, "es ist nur eine
Art überdimensioniertes Glühwürmchen. Laßt uns einen
Blick hinter die andere Tür werfen." Gesagt, getan. Doch auch
bei diesem Raum handelte es sich nur um einen Vorratsraum, und so verließen
sie den Küchentrakt. Schließlich standen sie wieder in der achteckigen
Eingangshalle, und um weitere stundenlange Diskussionen über das weitere
Vorgehen zu vermeiden, ging Silvereye kurzerhand zu einer weiteren Tür
und versuchte sie vorsichtig zu öffnen. Doch im selben Moment, als
er die Tür berührte, formte sich auf dem glatten Stein der Umriß
eines großen Mundes und eine tiefe Stimme fragte: "Ihr wagt
es, die Ruhe des Einen zu stören, der über Myth Drannor herrscht?
Nennt seinen Namen, oder der Eintritt wird Euch verwehrt!“ Die vier Gefährten
wechselten erschreckte und beunruhigte Blicke, dann faßte Lilaneeh
sich ein Herz und trat vor die Tür. Sie nannte den einzigen Namen,
den sie im Zusammenhang mit der Magierschule von Myth Drannor kannte: "Azimer."
Der magisch entstandene Mund verschwand und vom Türschloß her
war ein leises Klicken zu hören. Nach kurzem Zögern streckte
Lilaneeh eine Hand nach dem schweren Messingring aus und zog mit angehaltenem
Atem daran. Sie spürte, wie Silvereye mit gezogenem Schwert neben
sie trat, während die Tür widerstandslos nach innen schwang.
Dahinter befand sich ein langer Gang. "Nach dem magischen Siegel zu
schließen, nähern wir uns den inneren Gemächern",
konstatierte Lilaneeh. "Vermutlich hast du recht", stimmte Silvereye
zu. "Laß mich vorangehen."
Bereits nach wenigen Metern stieß die Gruppe auf
zwei weitere Steintüren. Als Silvereye jedoch am Messinggriff der
ersten Tür drehte, mußte er feststellen, daß sie wohl
verschlossen war. Auch ein kräftiges Rütteln öffnete sie
nicht. "Laß mich mal ´ran", brummte Radek und schob
den Halbelfen beiseite. Er hob seine Streitaxt und nach zwei wuchtigen
Schlägen hatte der Zwerg das Schloß zertrümmert und die
Tür ließ sich aufdrücken. Dahinter befand sich ein Raum
mit quadratischem Grundriß, der völlig leer war, was die Vier
bereits auf den ersten Blick feststellen konnten. Achselzuckend ging Silvereye
zu der zweiten Tür, deren Griff sich zwar drehen ließ, die dem
Druck des jungen Mannes jedoch einen nicht unwesentlichen Widerstand entgegensetzte.
Silvereye stemmte sich mit der Schulter kräftig dagegen, aber erst
mit Radeks Hilfe ließ sich der auf der anderen Seite der Tür
aufgetürmte Schutthaufen soweit wegschieben, daß der Halbelf
sich durch den entstehenden Spalt quetschen konnte. In dem hinter der Tür
liegenden Raum fand der junge Mann die Leiche eines Elfen, dessen Körper,
wie die der bereits zuvor gefundenen Toten, mit Frostmalen übersät
war. Silvereye kniete sich neben der Leiche zu Boden, um die Wunden näher
zu inspizieren, während Lilaneeh und Lulu sich nun ebenfalls in den
Raum schoben. Radek gab nach einem entmutigenden Versuch, bei dem er beinahe
steckengeblieben wäre, das Vorhaben auf und deckte stattdessen draußen
leise vor sich hinbrummelnd den Rückzug. Lulu machte sich ihrerseits
sofort daran, die Taschen des Toten zu durchsuchen. Lilaneeh mochte sich
nicht daran beteiligen, doch dann fiel ihr Blick auf einen Ring an der
Hand des Elfen. Rasch bückte sich die Magierin, streifte den schmalen
Reif vom Finger der Leiche und betrachtete ihn näher, indem sie ihn
gegen den flackernden Schein von Silvereyes Fackel hielt. Es handelte sich
um einen hübsch gearbeiteten Silberring mit einem kleinen, blauen
Stein. Dann steckte die Halbelfin sich das Schmuckstück kurzerhand
an ihren linken Ringfinger. In der Zwischenzeit waren auch Lulu und Silvereye
fündig geworden. Der junge Krieger betrachtete zwei im Fackelschein
funkelnde Edelsteine, während die hochgewachsene Frau etwas metallisch
Klimperndes in ihrer Tasche verschwinden ließ. Daraufhin erhob sie
sich und sagte lakonisch: "So, das war´s. Mehr ist bei dem nicht
zu holen." Bei diesen Worten verzog Lilaneeh das Gesicht, da sie Lulus
zur Schau getragene Gefühlslosigkeit nicht verstehen konnte, und als
sie in Silvereyes Augen blickte, konnte die Halbelfin erkennen, daß
er ähnlich dachte. Aber beide blieben stumm und folgten der Klerikerin,
die sich bereits wieder durch den Türspalt auf den Gang schob, wo
sie vom Zwergen schon ungeduldig erwartet wurden.
Myth Drannor: Teil 4
Die Vier folgten nun weiter dem Korridor, der wenig später
vor einer etwa 20 Meter tiefen und 25 Meter breiten Schlucht endete. Allerdings
konnte man erkennen, daß der Gang auf der anderen Seite des Abgrundes
weiterging. Die Gefährten blickten sich zunächst ratlos an, doch
schließlich zuckte Silvereye die Schultern und sagte: "Tja,
da hilft wohl alles nichts, wir müssen irgendwie da rüber. Wie
viele Seile haben wir dabei?" Es stellte sich heraus, daß jeder
der vier Abenteurer 15 Meter Seil bei sich hatte. "Gut. Das reicht,
um das Seil doppelt um einen Stalagmiten herumlaufen zu lassen, sodaß
wir es einfach zu uns runterziehen können, wenn alle unten sind. Das
macht die Kletterei zwar etwas schwieriger, aber wir können es uns
nicht leisten, Seile zu verlieren", resümierte Silvereye. Seine
drei Begleiter nickten, wenn Radek auch ein höchst bedenkliches Gesicht
machte. Es wurden also drei Seile aneinandergeknotet und, wie Silvereye
vorgeschlagen hatte, um einen Stalagmiten gelegt, sodaß sie doppelt
nach unten liefen. Dann schwang sich der Halbelf als Erster über den
Rand der Schlucht und kletterte vorsichtig, aber sicher abwärts. Als
nächstes folgte Lilaneeh, deren Abstieg von Silvereye besorgt beobachtet
wurde. Aber obwohl diese Art körperlicher Betätigung ganz offensichtlich
nicht zum täglichen Brot der Magierin gehörte, kletterte sie
behende und mühelos am Seil hinab. Als sie etwa die Hälfte der
Strecke zurückgelegt hatte, schwang Radek sich ächzend über
den Rand der Klippe und rutschte wenig elegant, dafür aber umso schneller
am Seil hinunter, sodaß Lilaneeh sich beeilen mußte, damit
der Zwerg nicht auf ihrem Kopf landete. Unten angelangt, wischte sich Radek
mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn und brummelte
unverständlich vor sich hin. Inzwischen hatte Lulu ebenfalls die halbe
Strecke des Seiles hinter sich gebracht, und kurz darauf standen die Vier
am Grunde der Schlucht und sahen sich um, wobei Silvereye das Seil wieder
aufwickelte und Radek eine neue Fackel entzündete. Der Felsboden des
Grabens war mit feinem Sand bedeckt, und an den wenigen blanken Stellen
wuchsen phosphoreszierende Moose und Pilze. Hier und da lagen Gegenstände
verstreut, die sich bei näherem Hinsehen als Knochen entpuppten. Lilaneeh
schauderte. Zu wem oder was mochten diese körperlichen Überreste
gehören? Der Panzer eines toten Riesenskorpions lag wie ein Schiffswrack
auf dem Rücken, während die flackernden Schatten im Fackelschein
über ihn hinwegspielten. Schließlich stießen die Gefährten
auch auf einige eindeutig humanoide Skelette. Lilaneeh und Silvereye standen
unschlüssig herum, während Lulu und Radek sich wie Aasgeier auf
die anscheinend gut ausgerüsteten Leichen stürzten. Schließlich
zuckte Silvereye die Schultern und trat seinerseits an einen der Toten
heran. Die Magierin blickte sich um und entdeckte ein Skelett, das in eine
zerrissene rote Robe gekleidet war. Dies weckte ihr Interesse, und sie
ging zielstrebig zu dem ausgestreckten Körper hinüber. Der Tote
hielt einen zerbrochenen Stab umklammert, der ihn, wie Lilaneeh gehofft
hatte, als Zauberkundigen auswies. Am Mittelfinger der anderen Hand steckte
ein schmuckloser Messingring. Zögernd streckte Lilaneeh die Hand nach
dem Ring aus und zog ihn dann vom fleischlosen Finger des toten Magiers,
wobei ihr ein kalter Schauer über den Rücken rann. Rasch streifte
sie den Ring über den Mittelfinger ihrer rechten Hand und wandte sich
dann dem Rucksack zu, der neben dem Toten lag. Mit klammen Fingern schnürte
sie ihn auf und blickte hinein. Obenauf lag ein Buch, dessen Umschlag mit
arkanen Symbolen verziert war. Aufgeregt zog die Magierin das Buch heraus
und schlug es auf. Tatsächlich, es handelte sich um ein Zauberbuch!
Leider hatte sie jetzt keine Zeit, sich eingehender damit zu befassen,
daher steckte sie den wertvollen Fund erst einmal ein. Desweiteren fand
sich im Rucksack des toten Magiers ein verkorkter Flacon. Lilaneeh entstöpselte
ihn und schnupperte vorsichtig daran. Ein leicht stechender Geruch stieg
ihr in die Nase. Achselzuckend korkte sie die Phiole wieder zu und verstaute
sie ebenfalls in ihrem Rucksack. Sonst waren nur noch eine zerbrochene
Kerze und einige gebrauchte Gänsekiele im Beutel des Magiers. Wo hatte
er nur seine Materialkomponenten verwahrt, jene Kleinigkeiten, die für
das Wirken von Zaubern unabdingbar waren? Sicherlich besaß seine
Robe kleine Taschen extra für diesen Zweck. So war es auch. Während
Lilaneeh noch mit spitzen Fingern die Robe des toten Magiers untersuchte,
schallte plötzlich ein Schrei durch den Graben, der der Halbelfin
das Blut in den Adern gerinnen ließ. Auch ihre Gefährten hielten
in der Leichenfledderei inne und sahen sich beunruhigt um. "Wir sollten
hier schnellstmöglichst verschwinden", stellte Lulu fest. "Richtig",
stimmte Silvereye zu. "Dann haben wir nur noch das Problem, wie wir
das Seil da rauf kriegen...." Mit einem schiefen Lächeln brachte
Radek einen Wurfhaken zum Vorschein. "Laß´ mich das machen",
sagte er einfach. Wieder erklang der markerschütternde Schrei. Lilaneeh
fühlte, wie sich die feinen Härchen in ihrem Nacken aufrichteten.
Radek ließ sich nun jedoch nicht mehr beirren, sondern holte mit
dem Wurfhaken weit aus und schleuderte ihn nach oben. Beim zweiten Versuch
verhakte sich der Stahlanker tatsächlich an einem Stalagmiten und
gab auch nicht nach, als der Zwerg sich mit seinem ganzen, nicht unbeträchtlichen
Gewicht daranhängte. Er machte eine einladende Handbewegung in Richtung
der beiden Halbelfen: "Bitte sehr, nach euch." Silvereye blickte
zögernd von einem zum anderen, straffte dann die Schultern und begann
mit dem Aufstieg. Lilaneeh, Radek und Lulu folgten in kurzen Abständen.
Silvereye hatte fast den Rand der Klippe erreicht, als der furchteinflößende
Schrei zum drittenmal erklang, jetzt allerdings bereits wesentlich näher.
Und einen Augenblick später erkannte man auch den Urheber der schrillen
Töne: Eine riesige Fledermaus mit einer Spannweite von mindestens
drei Metern schoß im Sturzflug auf die am Seil hängenden Abenteurer
zu. Lilaneeh stieß einen entsetzten Schrei aus, aber das Ungeheuer
steuerte direkt auf den wie hypnotisiert vor sich hinstarrenden Zwergen
zu. Silvereye erkletterte gerade die Klippe und streckte Lilaneeh eine
helfende Hand entgegen, als ein heftiger Ruck durch das Seil ging. Die
Fledermaus hatte Radek mit ihren klauenbewehrten Hinterbeinen gepackt und
zerrte nun an dem in Todesangst schreienden Zwergen. Schließlich
konnte er sich nicht mehr halten. Unter dem triumphierenden Kreischen des
geflügelten Ungeheuers stürzte er in die Tiefe, wobei er auch
noch die unglückliche Lulu mit ins Verderben riß. Lilaneeh hatte
Silvereyes Hand ergriffen, blickte nun aber vor Entsetzen gelähmt
nach unten, wo die Fledermaus im Sturzflug den fallenden Körpern folgte.
Als Silvereye ihr Zögern bemerkte, zog er kräftig an ihrer Hand
und brüllte sie an: "Mach, daß du hier hoch kommst! Wir
können ihnen nicht helfen. Außerdem kommt das Monster vielleicht
gleich wieder zurück!" Tatsächlich ertönte von unten
schon wieder das Rauschen der gewaltigen, ledernen Flügel. Mehr brauchte
es nicht, um Lilaneeh in Windeseile den letzten Meter bis zum Klippenrand
hinaufzutreiben. An Silvereyes Hand stolperte sie weiter in den schmalen
Gang. Das Ungeheuer war ihnen dicht auf den Fersen, doch der Durchgang
war zu eng für seine mächtigen Schwingen. Die beiden Halbelfen
mußten sich die Ohren zuhalten, so schrill klangen die wegen der
entgangenen Beute wütenden und frustrierten Schreie des Untiers. Aber
endlich wandte sich die Fledermaus ab und schwang sich wieder hinunter
in den Graben, wo eine üppige Mahlzeit sie erwartete. Atemlos hielten
die Halbelfen inne. Lilaneeh blickte ängstlich über die Schulter
zurück, doch das Ungeheuer war und blieb verschwunden.
Myth Drannor: Teil 5
"Bei den sieben Höllen, das war knapp",
seufzte die junge Magierin und fuhr sich nervös durch ihre goldblonden
Locken. Ihr Herz klopfte bis zum Halse und sie zitterte am ganzen Leib.
Silvereye dagegen schien den Schrecken dieser Begegnung bereits abgeschüttelt
zu haben, denn er ging den Korridor vorsichtig, aber zielstrebig weiter.
Dieser öffnete sich nach einer sanften Biegung in einen kleinen Raum,
von welchem wiederum zwei Türen und ein weiterer Korridor abgingen.
Lilaneeh folgte ihrem Begleiter, der in den dunklen Gang spähte..
Doch als der Halbelf weitergehen wollte, hielt sie ihn zurück und
sagte: "Spürst du diesen feuchtkühlen Hauch, der uns aus
diesem Gang entgegenweht? Hier befindet sich die Bibliothek sicherlich
nicht. Laß´ uns keine Zeit mit unnötigen Erkundungen verlieren.
Ich bin dafür, daß wir die Bibliothek suchen, das Buch für
meinen Meister nehmen und schnellstens von hier verschwinden." Damit
machte sie auf dem Absatz kehrt und ging zu der ersten der beiden Türen.
Silvereye folgte ihr wortlos. Die schmucklose Steintür ließ
sich jedoch nicht aufdrücken, selbst mit der vereinten Kraft der beiden
Halbelfen nicht. Während Silvereye noch immer an dem massiven Türknauf
rüttelte, zog Lilaneeh ihren neuerworbenen Dolch aus dem Gürtel,
schob ihren Begleiter mit der Schulter beiseite und begann, mit der schlanken
Waffe im Türschloß herumzustochern. Silvereye sah sie verblüfft
an: "Kannst du sowas?" Mit einem giftigen Seitenblick antwortete
die Magierin: "Keine Ahnung, aber ich kann´s doch wenigstens
mal probieren, oder?" Nach mehreren erfolglosen Versuchen -- Silvereye
wollte ihr den Dolch gerade aus der Hand nehmen, um es selbst zu versuchen
-- klickte etwas im Mechanismus des Schlosses und die Tür sprang auf.
Dahinter erstreckte sich ein langer Gang. Mit einem triumphierenden Lächeln
steckte Lilaneeh den Dolch wieder weg und betrat den Korridor, von welchem
nach einigen Metern eine weitere Tür abging, die sich gleichfalls
nicht öffnen ließ. Lilaneeh wollte gerade wieder seufzend den
Dolch zücken, als Silvereye ein erschrecktes Keuchen ausstieß.
Ungeduldig wandte sich die Magierin um - und ihre Augen weiteten sich vor
Entsetzen: Durch die Tür, die sie vorher mit ihrem Dolch geöffnet
hatte, wankte die lächelnde Gestalt eines Mannes, der schon lange
tot sein mußte. Seine pergamentene Haut lag eng um das fleischlose
Gerippe, sein Lächeln war das eines Totenschädels. Er trug eine
zerrissene und halbverrottete Robe und in seinen Augenhöhlen funkelten
nur zwei weißliche Lichtpunkte. Er hielt einen Arm vorgestreckt,
als wolle er den beiden Halbelfen die Hand schütteln, während
er zielstrebig auf sie zusteuerte, und eine Kälte ging ihm voraus,
die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. "Große
Götter, nichts wie weg hier!" kreischte Lilaneeh und stolperte
mit Silvereye im Schlepptau den Gang weiter, der sich schließlich
in einen großen Raum öffnete. Lilaneeh blieb so abrupt stehen,
daß Silvereye sie beinahe über den Haufen gerannt hätte.
"Die Bibliothek!" rief sie aus. "Ja, aber ohne weiteren
Ausgang", stellte ihr Begleiter fest. "Und was ist das da für
ein weißes Leuchten? Wohin sollen wir jetzt? Der Zombie kommt immer
näher!" Lilaneeh blickte sich gehetzt um. "Vielleicht kennzeichnet
dieses weiße Licht einen Teleporter. Uns bleibt keine Wahl, wir müssen
es versuchen", sagte sie und spurtete los. Silvereye folgte ihr dichtauf
und der untote Magier war nur wenige Schritte hinter den beiden Halbelfen.
Mit dem Mut der Verzweiflung sprangen die Gefährten in das pulsierende
Licht -- dann wurde es dunkel...
Verloren zwischen den Welten: Teil 1
Nach unbestimmter Zeit kam Lilaneeh langsam wieder zu
sich. Sie hörte Vogelgezwitscher, nahm einen harzigen Geruch wahr
und stellte schließlich fest, daß sie bäuchlings in duftendem
Gras lag. Vorsichtig öffnete sie die Augen und erkannte, daß
sie sich auf einer Lichtung inmitten eines dichten Mischwaldes befand.
Das konnte nicht der Elvenwood sein! Silvereye rappelte sich ebenfalls
gerade auf und blickte sich ratlos um. Lilaneeh überwand ein starkes
Schwindelgefühl und kam schwankend auf die Beine. Dann wankte sie
auf ihren Gefährten zu und fragte mit brüchiger Stimme: "Wo,
bei allen Höllen, sind wir?" Silvereye sah sich nachdenklich
um, doch als er gerade zu einer Antwort ansetzen wollte, unterbrach ihn
Lilaneeh mit alarmiertem Gesichtsausdruck: "Sag´ jetzt nicht:
>Im Wald<!" Silvereye klappte den Mund wieder zu, da er tatsächlich
etwas in dieser Art zu sagen beabsichtigt hatte. Lilaneeh drehte sich abrupt
um und ließ sich ins Gras zurückplumpsen. Silvereye seufzte
und begann Holz für ein Feuer zu sammeln, da die Sonne bereits unterzugehen
begann. Als ihr Begleiter außer Sicht war, breitete Lilaneeh ihre
Habseligkeiten aus und murmelte eine Zauberformel, woraufhin der Stab mit
dem eingravierten Kommandowort, der Trank, der Dolch und beide Ringe in
einem sanften, rötlichen Licht zu schimmern begannen. "Magisch",
konstatierte sie zufrieden. Als Silvereye mit einem Armvoll Feuerholz auf
die Lichtung zurückkehrte, sah er Lionhead auf dem Boden sitzend ihre
Schätze begutachten. Er trat vor sie hin, ließ das Brennmaterial
fallen und kniete sich nieder, um das Feuer anzuzünden. Vorsichtig
ließ Lilaneeh ihren Blick auch über ihn wandern. Sein neues
Kurzschwert wies ebenfalls jenen rötlichen Schimmer auf, der es als
einen magischen Gegenstand kennzeichnete. Der goldene Ring an seinem Finger
blieb jedoch dunkel. Schließlich hatte der Halbelf das Feuer in Gang
gebracht und setzte sich neben die Magierin. Sie warf ihm einen vorsichtigen
Blick zu, aber da er eine Aufteilung der gefundenen Schätze nicht
erwähnte, ließ sie es ebenfalls dabei bewenden. Sie war ausgesprochen
zufrieden so, wie es war. Aber lange freuen konnte sie sich darüber
nicht, denn ihr wurde schnell wieder die verfahrene Situation bewußt,
in der sie sich befanden. Sie seufzte tief und lehnte sich schutzsuchend
an Silvereye. Der Halbelf versteifte sich, dann hob er seinen Arm und legte
ihn behutsam, ganz behutsam, um Lilaneehs Schulter. Als Reaktion kuschelte
sie sich noch enger an ihn und seufzte erneut -- diesmal klang es allerdings
viel behaglicher.
Verloren zwischen den Welten: Teil 2
Die beiden Halbelfen hätten nicht zu sagen vermocht,
wie lange sie so dagesessen waren, als Silvereye plötzlich alarmiert
den Kopf hob. Er hatte sich nähernde Geräusche vernommen. Vorsichtig
erhob er sich und nahm seinen Bogen zur Hand. Er drehte sich um und erkannte
fünf Gestalten, die am Rande der Lichtung in eine geflüsterte
Diskussion vertieft zu sein schienen. Silvereye rief ihnen mit fester Stimme
zu: "Heda, Freund oder Feind?" Die Fremden wandten sich ihm zu
und kamen mit fragendem Gesichtsausdruck näher heran. Einer der Fünf
richtete nun das Wort an die beiden Halbelfen, doch diese verstanden nicht
eine einzige Silbe. Inzwischen war Lilaneeh neben ihren Gefährten
getreten und bemühte sich nun, eine Verständigung zuwege zu bringen.
Währenddessen hatte Silvereye Gelegenheit, die Fremden eingehend zu
mustern. Am Auffälligsten war ein Mann von beträchtlichem Leibesumfang,
der in kostbare Gewänder gekleidet war und damit hier mitten im Wald
reichlich fehl am Platze wirkte. Neben ihm stand in lässiger Haltung
ein mittelgroßer Mann, der neben dem Dicken noch hagerer wirkte,
als er es ohnehin schon war. Er hatte schwarzes Haar, und ein spöttisches
Lächeln umspielte seine Lippen. Seine linke Hand ruhte auf der Schulter
eines etwa dreizehnjährigen Jungen, während er in der rechten
eine aufgerollte Peitsche hielt. Die großen, braunen Augen des Kindes
begutachteten Lionhead in einer Weise, die in Anbetracht seines Alters
als unanständig zu bezeichnen war. Silvereye wandte irritiert seine
Aufmerksamkeit den beiden Personen zu, die sich im Hintergrund hielten.
Da war zunächst eine große, schlanke Frau mit langem, braunem
Haar und in schwerer Rüstung. Ihre Augen und ihr Mund wirkten zu verkniffen,
als daß man sie gutaussehend hätte nennen können. Neben
ihr stand ein untersetzter Mann mit blauschwarzem Haar und schrägstehenden
Augen, an dessen Seite ein großer, weißer Hund saß, den
er an einer kurzen Leine hielt. Gemeinsam war dieser bunt zusammengewürfelten
Truppe einzig eine weiße Binde, die Jeder wie ein Erkennungszeichen
um den rechten Arm geschlungen hatte. Inzwischen war es Lilaneeh gelungen,
zumindest die Namen der Fremden zu erfahren. Langsam und deutlich stellte
sie ihnen ihren Begleiter Silvereye vor. Der Halbelf bemühte sich,
die Namen zu behalten, die Lionhead ihm nannte. Der Dicke hieß Oleario,
der Hagere mit der Peitsche nannte sich Kastor und stellte den Jungen als
Pollux vor. Die große Kriegerin hieß Silvana, ein Name, der
Silvereye an Sylvanus, den Gott der Wälder, erinnerte. Nun trat der
Mann mit dem Hund vor und präsentierte zunächst mit einem gewissen
Stolz in der Stimme sein Tier: "Lorca." Dann legte er sich die
Hand auf seinen breiten Brustkorb und sagte: "Vennik." Nachdem
auf diese etwas umständliche Weise der erste Schritt aufeinander zu
getan war, bemühte man sich beiderseits, weitere Informationen auszutauschen,
was sich als recht mühselig erwies. Schließlich ergriff Oleario
das Wort und sagte etwas zu den anderen, was auf allgemeine Zustimmung
zu stoßen schien. Den beiden Halbelfen wurde mit Händen und
Füßen klargemacht, daß es in der Nähe ein Dorf gäbe,
wo man übernachten könne. Lilaneeh und Silvereye folgten den
Fremden und gelangten tatsächlich nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch,
welcher von Olearios Stöhnen und Murren untermalt wurde, in ein kleines
Dorf, dessen Einwohner die ankommende Gruppe mit eher unfreundlichen Blicken
empfingen. Sie kamen an der noch qualmenden Ruine eines abgebrannten Gasthauses
vorbei, wo ein gutes Dutzend Menschen mit Aufräumarbeiten beschäftigt
waren. Oleario sprach einen der Männer an und dieser wies mit einigen
mürrischen Worten auf eine Scheune in der Nähe. Oleario protestierte
und zog eine dicke Geldbörse hervor, was zur Folge hatte, daß
er als einziger in einem Gasthaus nächtigen konnte, während die
anderen mit dem Stroh in der Scheune vorlieb nehmen mußten. Lilaneeh
hatte während Olearios Diskussion mit dem Einheimischen einen Blick
auf die Münzen erhaschen können und festgestellt, daß es
sich um eine ihr völlig unbekannte Währung handelte. Als die
Truppe es sich im Stroh bequem machte, flüsterte Lilaneeh ihrem Gefährten
zu: "Ich fürchte, wir sind nicht nur nicht mehr in den Dales,
sondern gar nicht mehr auf Faerun. Sie -" die Halbelfin deutete auf
die Fremden - "nennen diese Welt Dere oder Aventurien. Und hast du
dir den Sternenhimmel genauer betrachtet? Er hat keinerlei Ähnlichkeit
mit Sternbildern, die ich je und sei es auch nur auf Karten gesehen habe."
Silvereye brummte schläfrig und antwortete: "Daran können
wir heute nacht auch nichts mehr ändern. Morgen ist auch noch ein
Tag, um sich Sorgen zu machen. Wir sollten zusehen, daß wir etwas
Schlaf kriegen. Gute Nacht." Damit rollte er sich in seine Decke und
ließ Lilaneeh mit ihren schlimmsten Befürchtungen alleine.
Verloren zwischen den Welten: Teil 3
Als Silvereye am nächsten Morgen erwachte, war Lilaneeh,
die sonst eher schwer aus dem Bett zu kriegen war, bereits wach und studierte
ihr Zauberbuch. Da er wußte, daß sie dabei nicht gestört
werden durfte, kramte er etwas Brot und einen Rest kalten Rehbratens aus
seinem Rucksack und wartete kauend, bis seine Gefährtin fertig war.
Schließlich klappte Lilaneeh seufzend ihr Zauberbuch zu und starrte
nachdenklich vor sich hin. Mit dem Anflug eines Lächelns nahm sie
das Essen an, das Silvereye ihr reichte, bevor er sie fragte: "Du
glaubst also, wir sind nicht mehr auf Faerun?" Lilaneeh hörte
auf zu kauen und schüttelte zögernd den Kopf. "Das befürchte
ich. Wir müssen heute versuchen, weitere Informationen aus unseren
neuen Begleitern herauszubekommen."
Nach dem Frühstück wurde also weiter probiert, eine verständliche
Kommunikation zustande zu kriegen. Während sich Silvereye hauptsächlich
mit Silvana und Oleario unterhielt, schien Lilaneeh einen guten Draht zu
dem kleinen Pollux geknüpft zu haben. Bald kicherten die beiden über
ihre mehr oder weniger erfolgreichen Versuche, dem Anderen irgendeinen
Zusammenhang begreiflich zu machen, dabei ständig eifersüchtig
von Kastor beobachtet. Irgendwann schien dem hageren Mann der Geduldsfaden
zu reißen, denn plötzlich stand er auf und packte Lilaneeh grob
am Arm, wobei er sie drohend anzischte. Sofort sprang Silvereye dazwischen,
stieß Kastor zurück und knurrte: "Faß´ sie
nicht an!" Kastors Hand zuckte zu der Peitsche, die an seinem Gürtel
hing, doch dann schien er es sich anders zu überlegen und funkelte
Silvereye nur böse an. In diese feindselige Atmosphäre hinein
ließ Oleario, der sich am Morgen zu den Anderen gesellt hatte, eine
Bemerkung fallen, die Vennik und Pollux zum Kichern brachte und Silvana
ein verächtliches Schnauben abrang, und entspannte auf diese Weise
die Situation.
Im Laufe der Gespräche erhärtete sich der Verdacht immer mehr,
daß die beiden Halbelfen sich tatsächlich nicht mehr auf Faerun
befanden. Desweiteren stellte sich heraus, daß die fünf Fremden
irgendeine göttlicht Mission erhalten hatten, den Dimensionsreisenden
zu helfen, in ihre Heimat zurückzugelangen.
Am frühen Nachmittag saßen sie immer noch in der Scheune und
redeten, als draußen im Dorf plötzlich Stimmen laut wurden.
Die Gruppe ging nach draußen, um die Ursache der Aufregung zu ergründen
und sah Menschen, zum Teil verletzt, einige weinend, durch die Strassen
wanken,wo sie von besorgten Dorfbewohnern in Empfang genommen wurden. Silvana
gesellte sich zu einem der Grüppchen und erfuhr, daß das Dorf
dieser Flüchtlinge von einem noch nie zuvor beschriebenen Ungeheuer
überfallen und regelrecht dem Erdboden gleichgemacht worden war. Viele
Männer waren bei dem Versuch, dieses Monster aufzuhalten, getötet
worden. Sie beschrieben das Biest in Zeichnungen im Sand als riesige Schildkröte
mit scharfen Zähnen, die auf dem Rücken eine haiähnliche
Flosse trug. Als Silvana diese Informationen an Lilaneeh und Silvereye
weiterreichte, erblaßten die beiden Halbelfen. Die Beschreibung paßte
haargenau zu einem gefräßigen Monster, das bisweilen die Gegenden
von Faerun unsicher machte: Der Landhai. Allerdings erkannte Lilaneeh in
dieser Tragödie auch eine Chance. Sie erklärte Silvereye, daß
das Dimensionstor nach Faerun noch offenstehen müsse, wenn es der
Bulette, wie der Landhai auch genannt wurde, gelungen war, in diese Welt
zu wechseln. Vielleicht konnte man die Spur der Verwüstung, die die
Bulette hinterlassen hatte, zurückverfolgen und so das Dimensionstor
finden. Der Halbelf nickte nachdenklich. Gemeinsam versuchten sie ihren
neugewonnenen Gefährten diesen Umstand begreiflich zu machen. Kastor
war der Erste, der die Zusammenhänge zu durchschauen schien, und erklärte
nun den Anderen Lilaneehs Theorie. Schließlich wurde beschlossen,
dieser Möglichkeit nachzugehen, und so brach die Truppe in Richtung
des überfallenen Dorfes auf.
Dort angekommen bot sich den Reisenden ein Bild der Zerstörung. Eine
breite Schneise schlängelte sich durch das gesamte Dorf, in deren
Verlauf Hütten und Bäume, der zentrale Brunnen und ein kleiner
Schrein niedergewalzt worden waren. Fassungslos starrten sie auf die unbeschreibliche
Verwüstung. Silvana hatte das Entsetzen als erste abgeschüttelt
und folgte langsam dem mehr als gut sichtbaren Weg, den der Landhai gekommen
war. Schließlich setzte sich auch der Rest der Truppe nach und nach
in Bewegung.
Schweigend folgten die ungleichen Reisegefährten der breiten Schneise,
die der Landhai in dem waldreichen Gebiet hinterlassen hatte. Allen war
die Lust auf Gespräche gründlich vergangen; zu tief hatte sich
der grauenvolle Anblick des völlig zerstörten Dorfes in ihre
Gedanken eingebrannt.
Verloren zwischen den Welten: Teil 4
Der Pfad der Zerstörung endete vor einer steilen
Klippe. In etwa zwölf Metern Höhe gähnte ein weiter Höhleneingang.
Unschlüssig blieb die Gruppe stehen. Aber nach kurzem Hin und Her
stand fest: Die Höhle war der einzige Weg, der sie der Lösung
des Problems näherbringen konnte also wurde beschlossen, daß
Silvereye hinaufklettern und oben ein Seil festmachen sollte, an dem dann
der Rest der Gruppe hinaufklettern konnte. Während der Vorbereitungen
schüttelte Oleario unwillig den Kopf. Er schien von Allen am wenigsten
begeistert von der Aussicht, an einer Kletterpartie teilnehmen zu müssen,
was bei seiner Leibesfülle allerdings verständlich war. Schließlich
war Silvereye oben angelangt und hatte das Seil verankert. Silvana folgte
ihm als erste. Flink und geschickt erreichte sie den gähnenden Höhlenschlund.
Als nächstes folgte Kastor, der Pollux so gut es ging unterstützte.
Inzwischen hatten Lilaneeh und Vennik ein provisorisches Brustgeschirr
für den Hund angefertigt, so daß dieser nun hinaufgezogen werden
konnte. Das Tier zappelte und winselte, und Vennik hatte alle Mühe,
seinen Liebling zu beruhigen. Nachdem auch Vennik selbst oben angekommen
war, bedeutete Lilaneeh Oleario, daß er als nächster den Aufstieg
wagen solle. Sehr zögernd griff er nach dem Seil, von oben durch Zurufe
ermutigt. Keuchend und ächzend hievte sich der schwere Mann langsam
nach oben. Von dort aus wurde gleichzeitig kräftig am Seil gezogen.
Aber als Oleario etwa auf der Hälfte angekommen war, geschah das Unvermeidliche:
Olearios Fuß rutschte ab, seine Hände vermochten sein hohes
Gewicht nicht zu halten und mit einem Schrei stürzte er in die Tiefe.
Lilaneeh hatte seinen Aufstieg aufmerksam beobachtet. Als sie ihn nun den
Halt verlieren sah, deutete sie rasch auf ihn und flüsterte: "Featherfall!"
Wie durch ein Wunder wurde nun der Fall des Händlers gebremst, und
leicht wie eine Daunenfeder schwebte er sanft dem Erdboden zu. Rasch eilte
Lilaneeh zu ihm. Sie machte ihm klar, daß der Zauber noch eine kleine
Weile dauern würde und daß er sich nun ganz leicht am Seil hinaufziehen
könnte. Auf diese Weise gelangte schließlich auch der fettleibige
Oleario zum Rande der Höhle. Lilaneeh kletterte als Letzte hinauf,
wobei sie sich als so geschickt wie bereits zuvor erwies. Als alle sich
von dem ausgestandenen Schrecken erholt hatten, führten Silvereye
und Lilaneeh die Gruppe in das Innere der Höhle, nachdem sie den anderen
umständlich klargemacht hatten, daß sie über Infravision
verfügten und daher eine vorausgetragene Lichtquelle eher hinderlich
sei. Also folgte Silvana den beiden mit einer Fackel. Sie wanderten geraume
Zeit immer tiefer in das Innere des Berges hinein und verloren unterdessen
jegliches Gefühl für Zeit oder Richtung. Insbesondere Vennik
schien sich hier ausgesprochen unwohl zu fühlen. Er redete beinahe
ununterbrochen leise auf den Hund an seiner Seite ein und hatte seine Hand
krampfhaft in dessen dichtes, weißes Fell verkrallt. Schließlich
öffnete sich der behauene Tunnel in eine geräumige, natürliche
Höhle. Der Anblick war atemberaubend: Stalaktiten glitzerten im flackernden
Schein der Fackel, und ihr Farbenspiel wurde tausendfach reflektiert von
einem klaren, unterirdischen See, der fast den gesamten Höhlenboden
bedeckte. In der Mitte des Sees, etwa sieben Meter vom Ufer entfernt, erhob
sich eine Insel aus dem stillen Wasser. Ein eigenartiger Glanz schien vom
Zentrum dieser Insel auszugehen, und Lilaneeh bat Silvana, die Fackel zu
löschen, was diese nur widerwillig tat. Tatsächlich kam das Leuchten
von einer Lanze, die an der höchsten Stelle der Erhebung aufgepflanzt
war. Die Gruppe stand unschlüssig am Ufer und starrte hinüber.
Schließlich wandte sich Lilaneeh an Silvereye: "Ich weiß nicht,
wie du das siehst, aber meiner Meinung nach sollte man sich diese Lanze
genauer ansehen." Silvereye nickte, kniete nieder und testete die Wassertiefe
und -temperatur. "Es wird sehr schnell tief", stellte er fest. "Außerdem
ist es eiskalt. Schwimmen ist nicht drin." Lilaneeh dachte kurz nach und
sagte dann: "Gebt mir zehn Minuten, ich kümmere mich darum." Silvereye
erklärte dem Rest der Gruppe, was die Halbelfin gesagt hatte, während
diese es sich im Schneidersitz, so gut es auf dem felsigen Boden ging,
bequem machte und ihr Zauberbuch aufschlug. Zehn Minuten später klappte
sie das Buch wieder zu, verstaute es in ihrem Rucksack und erhob sich.
Sie reichte Silvereye den Rucksack, stellte sich breitbeinig ans Ufer des
unterirdischen Sees und atmete tief durch. Konzentriert entnahm sie einem
Schächtelchen ein Grashüpfer-Hinterbein, murmelte eine magische
Formel, zerbrach das Insektenbein - und übersprang anschließend
zum allgemeinen Erstaunen aus dem Stand und scheinbar mühelos die
Distanz zu der kleinen Insel. Dort angekommen, drehte sie sich noch einmal
um und winkte ihren Gefährten lächelnd zu. Dann näherte
sich die Halbelfin zögernd der Lanze, die aus purem Gold zu sein schien
und strahlte wie eine Fackel. Sie stellte sich mit leicht gespreizten Beinen
davor und streckte ihre Arme aus, um die Lanze fest mit beiden Händen
zu umfassen. Irgendwie dachte sie, sie müsse in diesem Augenblick
etwas Besonderes empfinden, ein Kribbeln oder etwas ähnliches, aber
tatsächlich fühlte sie gar nichts. Mit einem kräftigen Ruck
befreite Lilaneeh die schlanke Waffe aus dem felsigen Inselboden und hob
sie triumphierend über ihren Kopf. Dann drehte sie sich um und trat
wieder ans Ufer. Nun wiederholte sich das Zeremoniell mit dem Grashüpferbein,
und wenige Augenblicke später stand die Halb-elfin mit der Lanze wieder
bei ihren staunenden Gefährten. Aber sie wirkte erschöpft, ihr
feingeschnittenes Gesicht war blaß und ihre Hände zitterten.
"Ich brauche eine Stunde Ruhe", flüsterte sie, drückte Silvereye
die Lanze in die Hand, wickelte sich in ihre Decke und rollte sich ohne
ein weiteres Wort auf dem nackten Boden zusammen. Silvereye blickte ein
wenig hilflos von ihr zu der Lanze und machte dann den Anderen klar, daß
nun eine kleine Zwangspause eingelegt werden mußte. Also machten
sie es sich so gut es ging bequem und warteten, bis Lionhead wieder einsatzfähig
wäre. Sie nutzten die Zeit, um die Lanze genauer unter die Lupe zu
nehmen. Ihre Spitze schien tatsächlich aus reinem Gold zu bestehen,
und der hölzerne Griff war über und über mit fremdartigen
Runen bedeckt. Leider konnte keiner der Anwesenden die verschnörkelten
Schriftzeichen entziffern, und so legten sie die Stangenwaffe bald wieder
beiseite.
Verloren zwischen den Welten: Teil 5
Schließlich erwachte Lilaneeh und streckte sich
zunächst einmal ausgiebig. "Aah, das hat gut getan", gähnte sie.
"Jetzt geht es mir schon viel besser." Sie warf einen Blick in die Runde.
"Seid ihr auch soweit? Können wir weitergehen?" Gesagt, getan. Wenige
Minuten später war die Gruppe wieder unterwegs. Vorsichtig beschritten
sie den schmalen Grat zwischen Höhlenwand und See und standen kurz
darauf auf der anderen Seite der großen Höhle. Hier führte
ein Gang seitlich tiefer in den Berg hinein. Nach einiger Zeit des eintönigen
Vor-sich-Hinschlurfens endete der Gang urplötzlich vor einer massiven
Tür, deren Holz völlig schwarz war, als sei es einmal einem Brand
zum Opfer gefallen. In den steinernen Türsturz waren Worte eingemeißelt,
die Lilaneeh nicht lesen konnte. Oleario jedoch schien Schrift und Sprache
zu kennen, denn er las die Worte den anderen laut vor, woraufhin alle Blicke
zu der Lanze mit der goldenen Spitze schweiften, die Silvereye bei sich
trug. Die beiden Halbelfen blickten ihre Gefährten verständnislos
an. Gerade wollte Oleario ihnen zu erklären versuchen, was die Inschrift
bedeutete, als Silvana zu Silvereye trat und ihm kurzerhand die Lanze aus
der Hand nahm. Oleario verstummte. Kastor wollte protestieren, doch Silvana
brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Sie kniete sich vor der
Türe nieder, die statt einer Klinke oder eines Knaufs nur ein kleines,
kreisrundes Loch aufwies. Silvana schob die Spitze der Lanze in dieses
Loch, worauf ein deutliches Klicken zu hören war und die Türe
nach innen schwang. Kastor, Oleario und Vennik machten einige ängstliche
Schritte rückwärts, als erwarteten sie, durch die nun geöffnete
Türe von einem Ungeheuer angesprungen zu werden. Tatsächlich
ertönte aus dem absoluten Dunkel des dahinterliegenden Raumes, welches
die Fackel nicht zu durchdringen vermochte, ein tiefes Grollen, das Lilaneeh
einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte. Silvana hatte
die Lanze drohend erhoben, reichte dem hinter ihr stehenden Silvereye die
Fackel und machte einen vorsichtigen Schritt in das Dunkel. Ein Fauchen
ertönte, und irgend etwas, das schwärzer war als die tiefste
Nacht, stürzte sich brüllend auf die Kriegerin. Doch Silvana
war auf der Hut. Sie rammte dem Angreifer die schlanke Waffe voller Wucht
an die Stelle, wo sie ein weit geöffnetes Maul auszumachen glaubte.
Ein schrilles Kreischen ertönte, und einen Wimpernschlag später
gab es eine gewaltige Explosion. Silvana wurde nach hinten geschleudert
und riß Silvereye mit sich um. Die Türe war vollends aufgeflogen,
und dicker, schwarzer Qualm quoll aus dem Raum, in dem die unbekannte Bestie
offenbar explodiert war. Nachdem man festgestellt hatte, daß niemand
ernstlich verletzt worden war, warf Silvereye einen vorsichtigen Blick
hinter die angekohlte Tür. Er konnte mittels seiner Infravision keine
Lebensform in dem Raum ausmachen und ging daher mit gezogenem Schwert hinein.
Der Rest der Gruppe folgte ihm zögernd. Der Qualm hatte sich mittlerweile
weitgehend verzogen, und es lag nur noch ein stechender, schwefeliger Gestank
in der Luft. Silvereye stieß mit dem Fuß an etwas Klebriges
und winkte Silvana mit der Fackel zu sich heran. Die klebrige Substanz
erwies sich als zähe, schwarze Flüssigkeit, von welcher der schwefelige
Gestank auszugehen schien. Offenbar handelte es sich um die Überreste
des abscheulichen Monsters, von dem Silvana beim Betreten des Raumes angegriffen
worden war. Die Gruppe bahnte sich angeekelt einen Weg um die schleimige
Masse und entdeckte nach einigen weiteren Schritten eine Tür auf der
anderen Seite des Raumes. Dahinter setzte sich der Gang fort. Immer häufiger
stießen die Reisenden jetzt auf Abzweigungen des Haupttunnels, aber
sie verließen den breiten Hauptpfad nie. Nach weiteren endlos scheinenden
Minuten - oder waren es Stunden? - endete der Gang erneut an einer schweren
Holztüre, die diesmal jedoch keine Verbrennungsspuren aufwies. Allerdings
befanden sich auch hier die fremdartigen Schriftzeichen auf dem Türsturz.
Oleario trat näher an die Türe heran und las seinen Begleitern
die Worte vor, wovon Lilaneeh und Silvereye selbstverständlich keine
Silbe verstanden. Aber ihnen entging nicht, daß die anderen sich
ratlos anblickten. Oleario streckte die Hand aus und drückte gegen
die massive Tür, die weder Knauf noch Klinke besaß. Nichts rührte
sich. Der fettleibige Händler zuckte hilflos die Achseln und wandte
sich an Lilaneeh und Silvereye. Er öffnete den Mund und suchte offensichtlich
nach einer Möglichkeit, den beiden Halbelfen das Problem begreiflich
zu machen, was ihm das Aussehen eines dicken Karpfens verlieh, der auf
dem Trockenen liegt und nach Luft schnappt. Kastor trat hinzu und machte
an Lilaneeh gewandt einige eindeutige Gesten: Schlafen, aufgehende Tür.
Meinte er damit, wenn man ein Weilchen darüber schliefe, würde
sich die Türe von selbst öffnen? Nein, zu banal. Während
die Halbelfin noch grübelte, was Kastor gemeint haben könnte,
näherten sich aus dem Gang eilige Schritte in schweren Stiefeln. Die
Gruppe fuhr herum. Ein kräftig gebauter Mann in Lederrüstung
stürmte mit gezogenem Schwert auf sie zu, erblickte die bunte Truppe
und bremste sofort, wobei er die Fremden ansprach. Seiner Haltung konnte
Lilaneeh entnehmen, daß er keinerlei Feindseligkeiten gegen die Gruppe
hegte, sondern vielmehr vor irgend etwas auf der Flucht war. Kastor und
Oleario redeten nun ihrerseits auf den Fremden ein. Dieser begann wort-
und gestenreich mit einer Beschreibung, die Oleario sichtlich erbleichen
ließ.
Kastor wandte sich an Lilaneeh und sagte nur: "Bulette." Der Fremde machte
ein verständnisloses Gesicht, und Oleario beeilte sich, ihm den Sachverhalt
zu erklären. Als der Händler geendet hatte, wandte sich der Neuankömmling
an Lilaneeh und redete sie in einer Sprache an, die ihr vertraut vorkam.
Es handelte sich um einen Goblindialekt, wie er ähnlich auch in den
Dales bekannt war. Der Fremde sagte in der gutturalen, groben Sprache der
Halbmenschen: "Dicker Mann sagen, Ihr mit vielen Zungen sprechen. Mich
verstehen?" Lilaneeh beeilte sich, diese Frage zu bejahen. "Monster kommen",
fuhr er fort, "schnell gehen!" Lilaneeh deutete auf die Schriftzeichen
über der Tür und fragte, ebenfalls in Goblinisch: "Was heißen?"
Der Mann las stirnrunzelnd die Worte und wandte sich dann wieder an Lilaneeh,
wobei er sichtlich um die richtigen Worte rang. "Tür aufgehen, wenn....
wenn.... Geist schlafen." Dabei zuckte er hilflos die Schultern. Lilaneeh
konnte seine Schwierigkeiten durchaus nachvollziehen. Sie wußte,
wie wenig differenziert die Sprache der Goblins war, insbesondere dann,
wenn es um abstrakte Begriffe wie Geist oder Bewußtsein ging - Bewußtsein?
Könnte das gemeint sein? Wenn das Bewußtsein schläft....
Vielleicht mittels Hypnose? Lilaneeh beherrschte einen entsprechenden Zauberspruch
und wandte sich nachdenklich an Silvereye, der von ihrem Gespräch
mit dem Fremden keine Silbe verstanden hatte. "Hör´ zu," sagte
sie und legte dem Halbelfen eine Hand auf die Schulter, "ich habe eine
Idee, wie wir durch diese Tür kommen könnten. Aber dazu müßte
ich dich hypnotisieren...." Silvereyes Miene zeigte deutliche Abneigung
und war voller Zweifel, darum sah Lilaneeh ihm eindringlich in die Augen
und sagte nur: "Vertraue mir!" Schließlich seufzte Silvereye und
nickte: "Gut, versuche es. Ich bin dein williges Opfer." Unter ziemlicher
Anstrengung brachte er ein schiefes Grinsen zustande. Lilaneeh schloß
einen Moment die Augen, um sich den richtigen Zauberspruch noch einmal
zu vergegenwärtigen, dann schaute sie Silvereye eindringlich an. Ihre
Hände fuhren in gegengleich kreisenden Bewegungen durch die Luft und
sie sagte mit lauter, klarer Stimme: "Öffne die Tür!" Dann begann
sie einen leisen Singsang, in dessen Verlauf Silvereyes Blick glasig wurde.
Als die Magierin ihren Zauber beendet hatte, drehte sich der Halbelf abrupt
zu der Türe um, ging schnurstracks darauf zu und im selben Moment,
in dem er das dunkle Holz berührte, schwang die Tür auf. Dahinter
pulsierte ein helles, weißliches Licht. "Das Dimensionstor!" schrie
Lilaneeh begeistert. Silvereye schüttelte den Kopf, um sich von den
Nachwirkungen der Hypnose zu befreien und blickte dann verständnislos
auf die offenstehende Tür. Er konnte sich an die vergangenen Sekunden
nicht erinnern. In diesem Moment wurde im Gang hinter ihnen ein Rumpeln
laut, als wenn ein riesenhafter Maulwurf sich durch die Stollen grübe,
begleitet von einem raubtierartigen Brüllen. Der Fremde erbleichte
sichtlich und zögerte dann keine Sekunde länger: Mit einem Aufschrei
stürzte er sich in das pulsierende Licht der Dimensionspforte und
verschwand. Die Anderen tauschten unsichere Blicke, während das Ungeheuer
inzwischen schon recht nahe klang. Silvereye war der Nächste, der
die Initiative ergriff. Er packte Lilaneeh unsanft am Unterarm und sprang
gemeinsam mit ihr durch die Türe. Dann wurde es dunkel um die beiden
Halbelfen...
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