Geschichten-Archiv • Die Abenteuer des Gemalion Sandringham Starblade
Ankunft in Dalgoth: Teil 1

"Nein, Vater! Bitte!" Tränen der Wut und Verzweiflung traten dem jungen Mann in die Augen, als sein Vater den Raum verließ. Baron Erno hatte Gemalions innige Beziehung zu seinem Großvater Berannion nie akzeptieren können. Das hatte seinen Grund darin, daß Erno sich als Versager fühlte, weil sein Vater und sein Bruder beide Ritter von Solamnia waren, er aber die Prüfung nicht bestanden hatte. So hatte Erno sich als Erbe der Baronie der Sandringhams um die Ländereien gekümmert, während Vater und Bruder im dritten Drachenlanzenkrieg zu Helden geworden waren. Daß sein einziger Sohn Gemalion nur den Wunsch hatte, ebenfalls ein Ritter zu werden und deshalb Berannion sein leuchtendes Vorbild war, brach dem Baron fast das Herz. Gemalion konnte die Gefühle seines Vaters bis zu einem gewissen Grade nachvollziehen, aber dennoch hatte er kein Recht, ihm das Erbe des kürzlich verstorbenen Berannion einfach wegzunehmen. Es handelte sich hierbei um ein Schwert mit dem Namen Trojan Starblade, welches in der dritten Drachenlanzenschlacht in Berannions Besitz gekommen war. Verzweifelt warf sich Gemalion auf sein Bett und ließ den Tränen freien Lauf. Nach einer Weile ertönte ein leises Klopfen an der Tür. Schnell wischte sich Gemalion mit der Hand über das Gesicht und rief: "Herein!" Die Türe öffnete sich, und Gemalions Mutter, eine schöne Frau, in deren langen schwarzen Locken sich die ersten grauen Strähnen zeigten, betrat den Raum. "Oh, Mutter! Vater hat...", begann Gemalion, doch Gesine Sandringham unterbrach ihren Sohn: "Ich weiß, ich weiß. Ich hatte schon eine heftige Auseinandersetzung mit Erno, aber er ist wieder mal so stur wie ein Esel. Aber keine Sorge, mein Gem, ich sorge dafür, daß du Trojan zurückerhältst. Schließlich hast du Anspruch auf dein Erbe. Alles wird wieder gut." Mit diesen Worten strich sie ihm über das schwarze Haar. Gemalion haßte es, wenn seine Mutter ihn wie einen kleinen Jungen behandelte, aber er hatte es längst aufgegeben, dagegen zu protestieren. Dasselbe galt für seinen Kosenamen Gem, der übersetzt "Schmuckstück" bedeutete. Er hatte auch ohne diesen Namen schon genug unter seinen hübschen, mädchenhaften Gesichtszügen zu leiden. Seine beiden Cousins Gordon und Cecil, neidisch auf seine Stellung als Erbe der Baronie, auf welche er keinerlei Wert legte, zogen ihn häufig deswegen auf. Noch einmal strich Gesine ihrem Sohn sanft über die Wange, dann verließ sie sein Zimmer mit den Worten: "Weine nicht mehr, mein Liebling, ich bringe dir dein Schwert zurück."

Nach etwa einer halben Stunde öffnete sich Gemalions Zimmertür wieder. Seine Mutter brachte ein langes, sauber verschnürtes Bündel, drückte es Gemalion in die Hand und verließ ihn wieder ohne ein weiteres Wort. Gemalion rief ihr noch ein leises "Danke!" hinterher, dann hatte er es plötzlich sehr eilig. In der vergangenen halben Stunde hatte er einen Plan gefaßt. Wenn er seinen Traum, ein Ritter von Solamnia zu werden, nicht ein für alle mal begraben wollte, so mußte er sein Vaterhaus verlassen. Seinen bereits gepackten Rucksack zog er unter dem Bett hervor. Zunächst hängte Gemalion sich das verpackte Schwert über den Rücken, darüber schnallte er seinen Rucksack. Schließlich schlich er sich noch in die Waffenkammer und nahm sich eine Hellebarde, mit der er beinahe ebensogut umgehen konnte wie mit dem Schwert. Es tat ihm wirklich leid, daß er ohne Abschied gehen mußte, vor allem seiner Cousine Tamina, seiner einzigen wahren Freundin, hätte er gerne von seinen Plänen erzählt. Aber das konnte er nicht wagen, er durfte keine Zeit verlieren. Bei Nacht und Nebel schlich sich Gemalion aus der Burg seines Vaters und wandte seinen Schritt in Richtung einer Küstenstadt in der Nähe von Lemish, an welche die Ländereien der Sandringhams anschlossen. Dort kaufte er sich eine Passage auf dem erstbesten Schiff, das den Hafen verließ. Dieses Schiff, die "Solinaris Glanz", fuhr nach Dalgoth, einer Hafenstadt in Northern Ergoth.

Ankunft in Dalgoth: Teil 2

Es war bereits später Abend, als Gemalion nach einer fünftägigen Seereise in Dalgoth von Bord ging. Der junge Mann stand fröstelnd in der nebligen Nachtluft und zog seinen Mantel enger um sich. Dann schaute er sich genauer um. Die meisten der Seeleute von der "Solinaris Glanz", die Freiwache hatten, begaben sich zur nächstgelegenen Gaststätte, dem "Goldenen Anker". Zögernd folgte er ihnen. Die Taverne war brechend voll. Gemalion konnte sich mit Mühe und Not einen Stehplatz an der Theke erkämpfen. Dort griff er zunächst in seinen Lamellenpanzer und zog seine Geldbörse hervor. Der größte Teil seines Geldes war für die Passage nach Northern Ergoth draufgegangen. Er mußte am nächsten Tag als erstes einmal zusehen, daß er wieder zu Geld kam. Aber für ein Abendessen und eine Unterkunft würden seine Ersparnisse noch reichen. Also bestellte er ein Bier und das Tagesgericht, welches aus einer dünnen Gemüsebrühe bestand. Auf seine höfliche Frage hin, ob er wohl ein wenig Brot zu der Suppe haben könnte, erntete Gemalion nur ein gleichgültiges Kopfschütteln. Als er das karge Mahl hinuntergewürgt hatte, fragte er den Wirt nach einem Zimmer für die Nacht. "Alles belegt", lautete die lakonische Antwort. Seufzend warf sich der junge Mann seinen Mantel über, zählte das Geld für seine Zeche auf die Theke und trat wieder hinaus in den dichten Nebel, um sich in einem anderen Gasthaus ein Quartier für die Nacht zu suchen. Während er fröstelnd durch die düsteren Gassen wanderte, überlegte er, womit er sich in dieser fremden Stadt seinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Schließlich war der Fürstensohn bisher nie zu Arbeiten gezwungen gewesen. Als er um eine weitere dunkle Ecke bog, wäre er beinahe in zwei Mitglieder der Stadtgarde hineingelaufen, welche ihn mürrisch anbrummten, er möge gefälligst besser aufpassen. Gemalion murmelte eine Entschuldigung und ging weiter. Einen Moment später blieb er abrupt stehen, und seine Gesichtszüge erhellten sich. Dieser Beinahe-Zusammenstoß mußte ein Fingerzeig des Schicksals gewesen sein. Natürlich! Er würde sich bei der Stadtgarde bewerben, schließlich konnte er recht gut mit Schwert und Hellebarde umgehen. Wenn er ganz ehrlich zu sich war, dann war Kämpfen eigentlich das Einzige, was er wirklich gut konnte. Nachdem er sich nun über seine nächsten Schritte im Klaren war, fühlte sich Gemalion schon sehr viel besser.

Nach einer nicht ganz ruhigen Nacht in einer von Ungeziefer verseuchten Absteige machte sich Gemalion auf, um der Stadtwache von Dalgoth seine Dienste anzubieten. Also fragte er sich zum Garnisonsgebäude durch, welches sich in der Oberstadt befand. Dalgoth wurde durch den Fluß Gwathlo in eine Ober- und eine Unterstadt geteilt, wobei die Unterstadt zum größten Teil vom Hafenviertel mit seinen Anlegestellen, Tavernen und Lagerhallen eingenommen wurde. Die Oberstadt war das eigentliche Wohngebiet von Dalgoth. Von beiden Stadtteilen aus führte eine Brücke zur großen Mittelinsel auf dem Fluß, auf der sich das Diebesviertel sowie eine Vielzahl von Händlern befanden.

Schließlich stand Gemalion vor dem mächtigen, festungsähnlichen Garnisonsgebäude und kurz darauf auch vor dem für die Personalfragen der Stadtgarde zuständigen Offizier, Hauptmann Sunny: "Du willst also ein Mitglied der Stadtgarde werden?" fragte der dunkelhäutige Nord-Ergothianer und musterte Gemalion von oben bis unten. Dieser nickte stumm. "Nun, wir haben viele Bewerber, die Arbeit bei der Garde ist beliebt. Daher ist es nötig, daß alle Anwärter zunächst vier Wochen Dienst bei der Nachtwache schieben, sozusagen um die Spreu vom Weizen zu trennen. Du erhältst in dieser Zeit 5 Silberlinge Lohn pro Woche, dazu freie Kost und Logis hier im Hause. Wenn du dich in der Nachtwache bewährst, kannst du nach Ablauf der vier Wochen Antrag auf Aufnahme in die reguläre Garde stellen. Bist du bereit, diesen Weg zu gehen?" "Selbstverständlich", lautete Gemalions einfache Antwort.

Nach einer offiziellen Einführung mit den anderen Neubewerbern wurde der junge Adlige einer Gruppe zugeteilt, die in einer der dunkleren Gegenden der Oberstadt zu patroullieren hatte. Bis auf einige zu schlichtende Schlägereien und die Festnahme eines Taschendiebes verlief die erste Dienstwoche relativ ruhig. Gemalion machte diese Arbeit Freude, denn er fühlte sich in seinem Element.

Ankunft in Dalgoth: Teil 3

Zu Beginn der zweiten Woche schlenderten Gemalion und seine Begleiter sich leise unterhaltend durch die nebligen Straßen von Dalgoths Oberstadt, als sie einige Häuserblocks entfernt einen lauten Schrei hörten und kurz darauf die sich entfernenden Schritte von zwei bis drei Personen. Sofort spurtete die Nachtwache los. Am Orte des Geschehens angekommen, mußten sie leider feststellen, daß die Flüchtenden entkommen waren. Zurückgelassen hatten sie den leblosen Körper einer kleingewachsenen Frau, deren honigblondes Haar am Hinterkopf blutverklebt war. Vorsichtig drehte Gemalion den Körper auf den Rücken und tastete am Hals nach dem Puls der jungen Frau. "Paladin sei Dank, sie lebt!" seufzte er erleichtert. Einer seiner Begleiter leuchtete der Verletzten mit seiner Laterne ins Gesicht. Nun konnte man erkennen, daß es sich bei der jungen Frau um eine Elfin handelte. Ihre spitzen Ohren und die schrägstehenden Augen verrieten ihre Herkunft deutlich, auch wenn Gemalion bisher noch keinem Elfen begegnet war. Behutsam hob er den schlaffen Körper vom Boden auf. "Macht ihr weiter die Runden", rief er seinen Begleitern zu. "Ich bringe sie in den Mishakal-Tempel und erstatte der Garde Meldung über den Vorfall." Im Tempel der Göttin der Heilkunst stieß er auf erstaunte Gesichter: "Was denn, noch Eine?" Gemalion blickte den übernächtigt aussehenden Mishakal-Priester verständnislos an. "Ja", erläuterte dieser, "vor etwa einer halben Stunde wurde uns von der Nachtwache der Mittelinsel eine ähnlich schwer verletzte Halbelfin gebracht... Was ist denn heute nacht los?" Auf diese Frage wußte Gemalion auch keine Antwort, aber er beschloß bei sich, der Sache nachzugehen.

Am nächsten Tag führte sein erster Gang Gemalion in den Mishakal-Tempel. Er war sehr erleichtert zu hören, daß es den beiden verletzten Frauen den Umständen entsprechend gut ging. "Allerdings", so fügte der Priester hinzu, "ist die Halbelfin noch immer bewußtlos. Die Elfin, die Ihr uns heute nacht gebracht habt, ist zwar bei Bewußtsein und ansprechbar, jedoch redet sie völlig wirr. Sie scheint ihr Gedächtnis verloren zu haben." "Kann ich trotzdem mit ihr sprechen?" "Sicher. Folgt mir." Während die beiden Männer einen langen Korridor entlangschritten, berichtete der Kleriker: "Die Elfin trägt ein Sirrion-Amulett um den Hals. Offenbar ist sie eine Priesterin, aber auch daran scheint sie sich nicht zu erinnern." Der Mishakal-Kleriker öffnete eine Tür und ließ Gemalion eintreten. Beim Anblick des jungen Kriegers richtete sich die Elfin in ihren Kissen auf und fragte mit eisiger Stimme: "Wo ist Pollux? Was habt ihr mit ihm gemacht?" Gemalion trat näher. "Pollux? War er Euer Begleiter? Wir haben nur Euch in der Seitengasse gefunden. Vielleicht wurde er entführt...?" "Entführt? Bei Rahja, wer sollte so etwas tun?" "Dieselben, die Euch vergangene Nacht niedergeschlagen und ausgeraubt haben. Erinnert Ihr Euch nicht?" Die Elfin runzelte die Stirn. "Nein. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist ein dunkler Gang und ein helles Licht... und Pollux war bei mir. Da waren auch noch andere... Wo ist Pollux?" Gemalion seufzte. "Macht Euch keine Gedanken. Die Stadtgarde wird Euren Begleiter suchen. Gebt mir bitte eine Personenbeschreibung." "Nun, wie soll ich Pollux beschreiben? Er ist jung, ach ja, etwa dreizehn Götterläufe, knabenhaft mit großen, braunen Augen, langen, schwarzen Wimpern, zierlich geschwungenen Augenbrauen... -- ach, und seine hohen, zarten Wangenknochen, seine vollen, rosenfarbenen Lippen mit dem ersten zarten Flaum..." Gemalion unterbrach den Redefluß der Elfin: "Äh, Haarfarbe, Größe, besondere Kennzeichen?" "Ich dachte, Ihr wolltet wissen, wie er aussieht? Na gut, sein mittellanges Haar ist rehbraun, fällt in weichen Locken über seine schmalen Schultern -- manchmal faßt er es allerdings auch im Nacken zu einem Zopf zusammen. Er ist..." Gemalion verdrehte die Augen. "...etwa eineinhalb Schritt groß, von zierlichem Körperbau, hat sehr feingliedrige Hände und kleine, hübsche Füße, einen kleinen... -- oh, ich glaube, das spielt hier keine Rolle... Habt Ihr noch Fragen? Wird die Beschreibung reichen, Pollux zu finden? Ich bin bereit, jede Summe zu zahlen, damit er zu mir zurückkehrt." Gemalion dachte bei sich: Ob sich Elfen wohl immer so überschwenglich ausdrücken? Laut sagte er: "Sicherlich wird die Beschreibung ausreichen. Nun zu Eurer Person: Wie lautet Euer Name und woher kommt Ihr?" "Äh, ja -- Ka... Wie war es noch? Bei Praios, ich habe meinen Namen vergessen! -- Wer ist Praios? -- Nun, ich glaube -- ach ja, Troska, das war es wohl. -- Komischer Name. -- Ich komme aus..." Die Elfin stockte mit offenem Mund. "Troska kann es doch nicht gewesen sein, das ist ja ein Frauenname." Gemalion blickte die Elfin mit zunehmender Verwirrung an: "Na und?" "Sehe ich vielleicht aus wie eine Frau?" empörte sie sich. Der junge Krieger unterdrückte mit Mühe ein Grinsen: "Also, ich mag ja zugegebenermaßen von der weiblichen Anatomie wenig Ahnung haben, aber ich glaube doch, daß ich eine Frau erkenne, wenn ich sie sehe..." Die Miene der Elfin gefror zu einer starren Fratze. "Das ist eine Beleidigung, wie könnt Ihr es wagen, Herr!" Sie blickte herausfordernd an sich hinunter, dann riß sie sich mit einem spitzen Aufschrei das Hemd von der Brust. "Eine Frau, ich bin eine Frau, das kann doch nicht sein...", sprudelte sie in panischer Verwirrung hervor. Gemalion wandte sich diskret ab. Die ganze Angelegenheit wurde immer mysteriöser. Die Elfin stammelte wirr und zusammenhanglos vor sich hin. Gemalion verließ den Raum und rief laut nach einem Kleriker. Es kam auch sofort Hilfe, was dringend nötig war, da die Elfin inzwischen dazu überging, ihr Hemd und die Bettdecke zu zerfetzen. Ein zweiter Priester erschien. "Herr, die Halbelfin ist jetzt aus ihrer Bewußtlosigkeit erwacht. Ein Wunder, daß sie nicht ihren schweren Verletzungen erlegen ist. Sie hat einen Dolch in den Rücken bekommen. Wenn Ihr mir versprecht, sie nicht auch in einen solchen Zustand zu versetzen --", er wies auf das Zimmer der immer noch tobenden Elfin, "-- könnt Ihr mit der Halbelfin jetzt auch noch reden." "Das würde ich sehr gerne. Ich kann mir übrigens überhaupt nicht erklären, was die Elfin so aus der Fassung gebracht hat", fügte Gemalion entschuldigend hinzu. Er folgte dem Priester und dachte: Mal sehen, was mich jetzt erwartet. Eine weitere Tür wurde geöffnet und Gemalion betrat ein zweites Krankenzimmer. "Paladin zum Gruße. Fühlt Ihr Euch bereits kräftig genug, um mir einige Fragen zu beantworten? Ich untersuche Euren Fall." Keine Antwort. Vielleicht spricht sie kein Common, dachte der junge Mann hilflos. Probeweise versuchte er es auf Solamnisch, weitere Sprachen beherrschte er leider nicht. Ein fragender Ausdruck erschien auf dem Gesicht der Halbelfin. Nach einer längeren, nachdenklichen Pause deutete Gemalion auf sich und sagte: "Ich Gemalion." Dann deutete er auf sein Gegenüber: "Du...?" Die Halbelfin richtete sich auf und versuchte, ihre Beine aus dem Bett zu schwingen. "Wo sind die Kerle?" fauchte sie. "Wo ist mein Schwert?" Die junge Frau verzog schmerzerfüllt ihr Gesicht und sank stöhnend in die Kissen zurück. Ihre Augen flackerten und sie verlor wieder das Bewußtsein. Gemalion fluchte. Er schien wohl mit seinen Befragungen den falschen Tag erwischt zu haben. Frustriert verließ er das Krankenzimmer und den Tempel.

Ankunft in Dalgoth: Teil 4

Am nächsten Tag jedoch stattete Gemalion den beiden Verletzten einen erneuten Besuch ab. Er wollte es zunächst noch einmal bei der Halbelfin versuchen, da er sich von ihr noch Informationen erhoffte. Der gestrige Besuch bei ihr hatte ja keine neuen Erkenntnisse geliefert. Heute machte die Halbelfin einen weniger verwirrten Eindruck als am Vortag. Bei Gemalions Eintreten strich sie sich die braunen Haare aus der Stirn und brachte sogar ein leichtes Lächeln zustande. "Fühlt Ihr Euch heute besser?" fragte der junge Mann vorsichtig. "Bedeutend besser", antwortete sie. "Aber mir ist jetzt auch klar, daß ich noch keine Bäume aussreißen kann." "Gut. Mein Name ist Gemalion Sandringham, und ich bin Mitglied der Nachtwache von Dalgoth. Seid Ihr bereit, mir einige Fragen zu beantworten?" Sie runzelte die Stirn. "Ich will es versuchen", sagte sie zweifelnd. Gemalion räusperte sich und setzte eine geschäftsmäßige Miene auf. "Beginnen wir am besten mit Eurer Person. Wie lautet Euer Name, woher kommt Ihr und warum kamt Ihr nach Dalgoth?" "Erstens: Ich heiße Silvana; zweitens und drittens: Keine Ahnung. Und überhaupt: Wo sind mein Schwert und mein Zundersack?" Gemalion dachte nur bei sich: Was habe ich eigentlich verbrochen? Hoffentlich rastet sie jetzt nicht wieder aus... Laut sagte er: "Ihr könnt Euch also nicht erinnern. Wißt Ihr vielleicht noch Einzelheiten des Überfalles?" "Nein, das ist irgendwie alles ziemlich nebulös..." Das kann man wohl sagen, dachte Gemalion. "Halt, doch!" Silvana saß plötzlich kerzengerade im Bett. "Da war ein großer Kerl mit einer Nase... nein, mit einer Narbe quer über die Wange. Und er wurde von einem weiteren Bastard, einem Zwergen, begleitet. Dann muß da noch ein Dritter gewesen sein, der mir von hinten einen Dolch in den Rücken gerammt hat -- " Die Halbelfin hatte sich in Rage geredet, dann japste sie plötzlich nach Luft, verdrehte die Augen und verlor erneut das Bewußtsein. Gemalion war am Rande der Verzweiflung. Resigniert verließ er Silvanas Zimmer und beschloß, seiner Frustration noch einen Besuch bei der Elfin hinzuzufügen. Vorsichtig klopfte er an ihre Zimmertür. "Ja, bitte", ertönte eine Stimme von drinnen. Gemalion öffnete die Tür einen Spaltbreit und steckte den Kopf hindurch. "Hallo, ich bin es wieder. Darf ich hereinkommen?" "Aber ja", sagte die Elfin, strich sich durch das Haar und musterte ihn aufmerksam. "Es tut mir leid, daß ich Euch gestern solche Schwierigkeiten bereitet habe", fügte sie verlegen hinzu, "aber Ihr müßt verstehen -- nein, wie solltet Ihr das verstehen, wo ich doch selbst nicht weiß...." Gemalion trat in das Zimmer und schloß die Tür hinter sich. "Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen. Schließlich habt Ihr einen ganz schönen Schlag auf den Kopf bekommen. Mein Name ist übrigens Gemalion. Wenn ich mich recht erinnere, nanntet Ihr Euch Troska -- oder habt Ihr es Euch inzwischen doch wieder anders überlegt?" "Uh -- nein, ich glaube, es bleibt dabei. Solange sich nicht grundlegend etwas an meiner Situation ändert. Wißt Ihr, ich habe mich noch nicht so ganz mit meinem Los abgefunden. Wenn ich nur wüßte, was eigentlich passiert ist! Ich mache mir solche Sorgen um Pollux -- ja, ich glaube, so hieß er...." Eine steile Falte erschien auf ihrer Stirne. "Ich fürchte, ich habe bei dem Schlag mein Gedächtnis verloren -- vielleicht werde ich auch verrückt. Aber das würdet Ihr wohl auch, wenn Ihr plötzlich feststellen würdet, daß Ihr.... -- daß Euer Körper....-- daß...." Die junge Frau wandte sich ab und vergrub ihr Gesicht in den Händen, um die Tränen zu verbergen, die ihr in die Augen stiegen. Gemalion stand ziemlich hilflos neben ihrem Bett und überlegte krampfhaft, wie er auf ihren Gefühlsausbruch reagieren sollte. Aber bevor er zu einer Entscheidung kam, hatte sich seine Gesprächspartnerin bereits wieder gefangen. Daher räusperte er sich nur geräuschvoll und sagte dann leise: "Erzählt mir davon. Ich werde versuchen, es zu verstehen." "Es ist alles so verwirrend. Ich weiß nur, daß ich eine Reise gemacht habe durch ein Gebiet, das irgendwie unwirkliche Farben hatte: Der Sand war blau und.... nun, wir waren eine Gruppe von mehreren Leuten, außer mir waren da noch Pollux, mein -- mein Gefährte....? Aber die Bilder meiner Erinnerung sind nicht klar, alles scheint mir zu entgleiten. Ich erwachte hier, dann kamt Ihr, mein Herr, und dann entdeckte ich, was mit meinem Körper geschehen war -- wißt Ihr, ich bin eigentlich ein Mann, oder zumindest war ich das bisher -- glaube ich." Die Elfin erschauerte und blickte auf ihre Hände, die auf der Bettdecke lagen. Gemalion scharrte betreten mit den Füßen. "Das ist wirklich nur schwer zu verstehen", sagte er nach einer längeren Pause. "Aber vielleicht können Euch die Kleriker helfen." Dann wechselte er unvermittelt das Thema: "Ach, da fällt mir noch etwas ein: In derselben Nacht, in welcher Ihr überfallen wurdet, fand man noch eine weitere Frau, der man ebenfalls ganz schön übel mitgespielt hatte. Sie erzählte, daß sie von drei Männern angegriffen wurde; einer davon ein Zwerg und einer ziemlich groß mit einer langen Narbe im Gesicht. Waren das vielleicht dieselben Kerle, die Euch überfallen haben?" "Hm, an einen Überfall kann ich mich eigentlich gar nicht erinnern.... Aber ich würde Euch auch gerne etwas fragen." Die junge Frau nestelte von unter ihrem Nachthemd eine Kette hervor, an der ein Medallion hing, das eine rote Flamme auf goldenem Grund zeigte. "Ich weiß nicht, warum ich dieses Amulett trage, aber wenn ich es berühre, fühle ich so ein -- nun, man könnte vielleicht sagen: Ein Kribbeln in der Seele. Habt Ihr so etwas schon einmal gesehen oder wißt Ihr, wer mir etwas darüber sagen könnte?" Gemalion trat einen Schritt näher und ließ sich vorsichtig auf der Bettkante nieder. "Tja, das ist das Heilige Symbol des Gottes Sirrion -- beim Platindrachen, Euch muß es ja wirklich böse erwischt haben, wenn Ihr Euch nicht einmal mehr an Euren Gott erinnert!" "Bei Rahja, das scheint mir auch so....", murmelte sie. Gemalion legte die Stirn in Falten und fragte beunruhigt: "Und wer zur Hölle ist Rahja...?" "Nun, Rahja ist die Göttin der --" Sie stockte. "Sagte ich Rahja? Eigentlich weiß ich auch nicht, wer das ist.... Was für ein Gott ist denn Sirrion?" "Nun", der junge Adlige kratzte sich am Kopf, "Sirrion ist einer der neutralen Götter, er steht für Feuer, Zerstörung und Naturgewalten. Dämmert was?" "Oh, ich kannte einmal eine sehr lästige und unsympathische Frau, die wohl seine Anhängerin gewesen sein muß. Ich glaube, ihr Name war Silvana." "Sagtet Ihr Silvana? So ein Zufall! Die zweite überfallene Frau, von der ich vorhin sprach, heißt auch Silvana. Sie ist eine Halbelfin, schlank mit langen, braunen Haaren. Ist das Eure Bekannte?" "Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, daß sie es auf Pollux und mich abgesehen hatte. Ständig hat sie Feuer gelegt -- kriminell, so etwas. Das ist aber das einzige, was ich noch von ihr weiß. Auch an Pollux und die anderen kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Vielleicht habe ich auch alles nur geträumt." Sie rieb sich mit den Fingerspitzen die Schläfen. "Ich habe Kopfschmerzen. Mir wird das jetzt zuviel. Würdet Ihr mich bitte alleine lassen, ich will versuchen, ein wenig zu schlafen", bat sie. "Selbstverständlich", antwortete er rasch, "aber wenn Ihr es wünscht, komme ich Euch morgen gerne wieder besuchen." Mit diesen Worten erhob er sich. "Das wäre sehr liebenswürdig von Euch. Ich habe ja im Moment niemanden sonst, der mir helfen kann, etwas Klarheit in meine derzeitige Situation zu bringen. Vielen Dank, und Gute Nacht." "Gute Nacht, und erholt Euch."

Ankunft in Dalgoth: Teil 5

Gemalion verließ den Raum und schloß leise die Tür hinter sich. Er war diesmal mit dem Verlauf des Gespräches recht zufrieden, auch wenn er wenig Neues erfahren hatte. Er schritt gerade die Stufen des Tempels hinunter, als er hinter sich rasche Schritte vernahm. Er drehte sich um und erblickte eine Laienhelferin, ein etwa zwölfjähriges Mädchen, die ihm nacheilte. "Gut, daß ich Euch noch erwischt habe", keuchte sie. "Die Halbelfin möchte gerne noch einmal mit Euch sprechen. Sie sagte, es sei wichtig." "Äh, ja gut, ich komme", stotterte Gemalion überrascht. Was konnte sie bloß von ihm wollen? Die ersten beiden Besuche bei ihr waren alles andere als erfreulich gewesen. Nun, vielleicht war ihr ja noch etwas Wichtiges eingefallen. Gemalion betrat also zum dritten Mal Silvanas Zimmer. "Ah, da bist du ja", begann die Halbelfin ohne Einleitung. Gemalion ärgerte sich über ihre Unhöflichkeit, machte aber gute Miene zum bösen Spiel. Silvana fuhr fort: "Du sagtest doch, du bist hier bei der Stadtwache. Da ich nicht vorhabe, die Bestrafung der Dreckskerle, die mich niedergestochen haben, irgendwelchen Gardisten zu überlassen, will ich auch der Stadtwache beitreten. Kannst du das für mich einfädeln?" "Ähem, ich fürchte, du hast mich falsch verstanden", Gemalion wechselte nun seinerseits zu der weniger förmlichen Anrede. "Ich bin Mitglied der Nachtwache, das ist eine Art Vorstufe zur Garde. Du kannst dich wie jeder andere um eine Aufnahme in die Nachtwache bei Hauptmann Sunny bewerben. Ich habe keinerlei Einfluß auf die Einstellungen." "Hm." Silvana überlegte. "Na gut, dann werde ich das tun. Danke für die Information." "Nichts zu danken. Ist sonst noch etwas? Mein Dienst beginnt nämlich gleich." "Äh, nein, nein, das war alles. Nochmals danke." "In Ordnung. Auf Wiedersehen." "Ja, auf Wiedersehen." Gemalion verließ das Zimmer. Draußen atmete er erst einmal tief durch und ließ sich schwer gegen die geschlossene Tür fallen. Diese Frau gab ihm wirklich Rätsel auf. Er ging nachdenklich zurück zum Garnisonsgebäude, holte seine Hellebarde und trat den nächtlichen Dienst an. Am nächsten Tag klopfte Gemalion erneut an Troskas Zimmertür. Er fand die Elfin mit ihrem Sirrion-Amulett spielend vor. "Ah, Ihr seid es", sagte sie bei seinem Eintreten. "Ich muß Euch etwas erzählen, wenn Ihr bereit wärt, mir zuzuhören." Gemalion ließ sich wieder auf ihrer Bettkante nieder und versicherte: "Es ist mir ein Vergnügen. Erzählt nur." Troska betrachtete noch einen Moment lang versonnen das Heilige Symbol, dann ließ sie es wieder unter ihrem Hemd verschwinden und begann: "Ich hatte heute nacht einen seltsamen Traum, und durch ihn sind mir verschiedene Dinge wieder eingefallen. Sagen Euch die Namen Aventurien oder Dere etwas? Das müssen Länder oder Kontinente sein. Ich glaube, daß ich dort war, bevor mich das Schicksal hierher verschlagen hat." Gemalion runzelte die Stirn und strich sich mit dem Zeigefinger über seinen langsam sprießenden Oberlippenbart. "Nein, diese beiden Namen habe ich noch nie gehört, aber das muß nichts heißen. Man sollte einmal einen Gelehrten danach fragen." Troska seufzte. "Das habe ich befürchtet, wahrscheinlich hatte der Traum doch nichts zu bedeuten." Gemalion beschloß, das Thema zu wechseln, bevor die Elfin erneut in Melancholie versank: "Die Priester sagten mir, daß Ihr in zwei Tagen soweit wiederhergestellt seid, daß Ihr das Spital verlassen könnt. Wißt Ihr schon, was Ihr dann tun werdet?" "Das ist eine schwierige Frage. Ich habe hier ja Niemanden, den ich kenne und auch keinen Ort, zu dem ich zurückgehen könnte. Aber ich muß irgendwie versuchen, eine Erklärung zu finden für das, was passiert ist. Ich habe keine andere Wahl, wenn ich mich und mein früheres Leben wiederfinden möchte.... und das möchte ich." Gemalion nickte nachdenklich. Dann holte er tief Luft und sagte: "Ich kann Euch leider auch keine Unterkunft bieten, denn ich wohne im Garnisonsgebäude, aber...." Er zögerte kurz. "....aber vielleicht wäre das ja auch etwas für Euch. Ihr hättet ein Dach über dem Kopf und könntet Euch ein wenig Geld verdienen, bis Ihr wißt, was Ihr letztendlich tun wollt." "Aber ich habe noch nie eine solche Arbeit gemacht - ich kann nicht einmal vernünftig mit einer Waffe umgehen." "Naja, das Kämpfen ist bei diesem Job eigentlich Nebensache. Die Nachtwache, für die ich arbeite, ist eine Art Vorstufe zur eigentlichen Stadtgarde und soll nur für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgen, solange der Nebel über der Stadt liegt. Aber abgesehen von dem Überfall auf Euch war der Dienst bisher ziemlich ruhig." "Irgendwie ist die Idee gar nicht so schlecht. Ich wäre versorgt und könnte nach dem Dienst meine Nachforschungen betreiben. Und wenn Ihr meint, ich könnte das.... An wen müßte ich mich denn da wenden?" "Meldet Euch im Garnisonsgebäude bei Hauptmann Sunny. Er wird euch den nächsten Einstellungstermin nennen.... Hm, ich werde auch mal mit ihm reden. Vielleicht kann ich meinen Dienst bei der Nachtwache ja verlängern.... dann hättet Ihr Jemanden, den Ihr schon kennt...." "Oh, das wäre schön! Meint Ihr, ich könnte sofort nach meiner Entlassung aus dem Spital dort anfangen? Ich habe ja kein Geld für eine zwischenzeitliche Unterkunft." "Tja, normalerweise ist einmal pro Woche Neurekrutierung - vielleicht habt Ihr Glück und es trifft sich mit Eurer Entlassung. Falls nicht.... nun, ich werde sehen, was ich tun kann." "Vielen Dank, das ist sehr nett von Euch." Gemalion klopfte sich auf die Schenkel und erhob sich. "Gern geschehen. So, dann werde ich jetzt mal gehen und mich bei Sunny erkundigen. Ich komme morgen wieder, um euch alles wichtige mitzuteilen. Auf Wiedersehen, und erholt Euch weiterhin gut." "Ich werde es versuchen, auf Wiedersehen." Als Gemalion am nächsten Morgen nach seinem Dienst erschöpft ins Bett fiel, konnte er lange nicht einschlafen. Er mußte immerzu an Tamina denken, seine süße Cousine Tamina, mit ihrem langen, blonden Haar und den großen, blauen Augen. Er hatte das Bedürfnis, ihr einen Brief zu schreiben, ihr alles zu erklären und sich für seinen übereilten Aufbruch zu entschuldigen. Aber ihm war klar, daß ein Brief sie in diesen Kriegszeiten nie erreichen würde. Und so wälzte er sich schlaflos von einer Seite auf die andere und wünschte sich, bei ihr in Sandringham Castle zu sein.

Die Nachtwache: Teil 1

Troska hatte Glück. Am Tage ihrer Entlassung aus dem Spital fand die Neurekrutierung für die Nachtwache statt. Unter den Bewerbern erblickte Gemalion auch die Halbelfin Silvana. Der allabendliche Nebel war bereits heraufgezogen. Er wurde von den Einheimischen The Veil genannt, weil er wie der Schleier einer schönen Frau alles Wesentliche verbarg. Während dieser dichte Nebel in den Straßen hing, schlossen die Händler ihre Waren weg, da sie sonst mit größter Sicherheit auf wundersame Weise verschwinden würden. Gemalion hatte mit Hauptmann Sunny gesprochen, und dieser hatte ihm das Kommando über eine der nächtlichen Patrouillen anvertraut. Bei der Auslosung des Revieres hatte der junge Adlige dieses Mal allerdings Pech gehabt und das Hafenviertel erwischt, die gefährlichste Gegend von Dalgoth. Er hatte bereits die blaue Scheibe, das Symbol für das Hafenviertel, an der Blendlaterne der Nachtwache angebracht und Troska ein blaues Los zugesteckt. Dann ging Captain Saru mit einem Beutel durch die Reihen der Bewerber, aus welchem jeder ein farbiges Los ziehen mußte. Anschließend wurden die Bewerber aufgefordert, sich dem Patrouillenführer mit der gleichfarbigen Scheibe in der Blendlaterne zuzuordnen. Es stellte sich heraus, daß zu Gemalions Truppe neben Troska auch Silvana, ein junger Mann namens Toyluk und ein griesgrämiger Zwerg gehörten. Nachdem sich die Patrouillen gruppiert hatten, ergriff Sunny das Wort: "Von nun an repräsentiert Ihr die Stadt und ihre Gesetze. Obwohl Ihr keine Amtsgewalt besitzt, werdet Ihr in Dalgoth als die Friedenshüter betrachtet, solange The Veil über der Stadt liegt. Aufstellen zur Inspektion!" Captain Saru und Hauptmann Sunny gingen langsam die Reihen der Bewerber ab und wechselten mit dem einen oder anderen einige Worte. Bei einer Gruppe blieben die beiden stehen und Sunny schüttelte nach einem kurzen Gespräch bedauernd den Kopf. Ein Junge verließ mit traurigem Gesicht den Platz. "Zu jung", ging unter den Rekruten die Kunde. Schließlich erreichten die beiden Offiziere Gemalion und seine Gruppe. Sunny lächelte, nickte und ging dann mit Saru weiter. Nach einigen weiteren Minuten war die Inspektion beendet und Sunny baute sich erneut vor den Rekruten auf. "Falls noch jemand unter Euch Zweifel hegt, ob er der Aufgabe gewachsen ist, so steht es ihm frei zu gehen...." Der Hauptmann ließ seinen Blick prüfend über die Bewerber schweifen. "Das scheint nicht der Fall zu sein.... Nun, dann hebt Eure rechte Hand und sprecht mir nach: Als Rekrut der Nachtwache.... schwöre ich feierlich.... mit Herz und Hand dafür zu sorgen.... daß in meinem Sektor.... die Gesetze von Dalgoth eingehalten und der Friede bewahrt wird.... Ich schwöre, selbst keine Gesetze zu übertreten.... und während des Dienstes Niemanden zu töten.... Ich schwöre dies als Mitglied der Nachtwache." Daraufhin stemmte Sunny die Hände in die Hüften und nickte zufrieden. "Mögen die Götter mit Euch sein!" Nachdem der Hauptmann mit Captain Saru den Vorplatz vor dem Garnisonsgebäude verlassen hatte, deutete Silvana auf sich und Troska und fragte Gemalion: "Wo kriegen wir jetzt Waffen her? Mein Schwert ist ja verschwunden, und Geld habe ich auch keines." Gemalion strich sich nachdenklich über die Oberlippe: "Also meines Wissens kann sich jeder Rekrut vom Rüstmeister einen Holzknüppel geben lassen. Ansonsten.... Silvana, kannst du mit einer Hellebarde umgehen? Dann würde ich dir nämlich meine leihen. Ich habe noch ein Schwert auf meinem Zimmer." Silvanas Augen leuchteten auf. "Naja, mit einer Hellebarde habe ich bisher noch nie gekämpft, aber du könntest mir ja dein Schwert...." "Auf keinen Fall!" unterbrach Gemalion schärfer als beabsichtigt und fügte in freundlicherem Ton hinzu: "Tut mir leid, aber mein Schwert gebe ich nicht aus der Hand. Also: Hellebarde oder Knüppel?" "Na, dann lieber die Hellebarde", knurrte Silvana mit säuerlichem Gesicht. "Gut", nickte Gemalion, "hier hast du sie. Würdest du bitte Troska zum Rüstmeister begleiten? Ich hole in der Zwischenzeit mein Schwert." Auf seinem Zimmer, welches Gemalion mit einem weiteren Rekruten der Nachtwache teilte, holte er das immer noch fest verschnürte Bündel unter seinem Bett hervor. Vorsichtig, beinahe andächtig wickelte er Trojan aus und betrachtete die einfache Lederscheide, die den wertvollsten Besitz des jungen Mannes enthielt. Gemalion zog das Schwert aus der Scheide und strich liebevoll über die scharfe Klinge mit den drei eingravierten Sternsymbolen. Dabei dachte er an seinen Großvater, sein Vorbild und bis zu seinem Tode sein bester Freund, und seufzte leise. Rasch ließ er Trojan wieder in der Scheide verschwinden und ging zurück zu seinen Kameraden. Die erste Nacht des Dienstes im Hafenviertel verlief relativ ruhig. Die Gruppe hatte nur einen Streit zu schlichten, den einige betrunkene Seeleute auf dem Vorplatz der Taverne "Zum Steuerrad" angezettelt hatten. Dennoch kam Toyluk am Morgen mit betretener Miene zu Gemalion, um ihm seine Kündigung mitzuteilen. Er begründete sie damit, daß er sich den Job nicht so anstrengend vorgestellt hätte. Gemalion nahm die Erklärung achselzuckend zur Kenntnis und teilte dem jungen Mann mit, daß er seine Kündigung an Hauptmann Sunny richten sollte. Vor dem zweiten nächtlichen Dienst kam Sunny zu Gemalion und unterrichtete ihn davon, daß der Zwerg um die Versetzung in eine andere Patrouille gebeten hatte, da er die Zusammenarbeit mit einer Elfin als unzumutbar betrachtete. "Werdet Ihr es zu dritt denn schaffen?" fragte Sunny mit besorgtem Blick. Gemalion hob beruhigend die Hand. "Ja, sicher, ich denke schon. Dieser mürrische Zwerg und der grüne Junge waren uns ohnehin keine große Hilfe." "Schön. Dann alles Gute für heute Nacht." Mit diesen Worten verabschiedete sich der Hauptmann.

Die Nachtwache: Teil 2

Gemalions Truppe begann ihre Patrouille auf dem Fischmarkt von Dalgoth. Es war noch früher als am Vortag und The Veil zog gerade erst herauf. Der Geruch nach Seewasser und altem Fisch war überwältigend. Viele der Marktstände waren bereits geschlossen oder ihre Besitzer waren gerade beim Aufräumen. Hier versuchte ein alter Fischer noch seine letzten übriggebliebenen Tintenfische an den Käufer zu bringen, dort standen zwei kleine Mädchen, die den Dreien exotisch aussehende Muscheln verkaufen wollten. Dann zog der Ruf eines Marktschreiers Gemalions Aufmerksamkeit auf sich: "Ratten am Spieß! Fette Ratten am Spieß! Ganz frisch!" Gemalion verzog angewidert das Gesicht. Troska und Silvana machten ebenfalls keinen begeisterten Eindruck. Gemalion trat näher an den Marktstand heran. Ein kleiner, schmutziger Mann röstete tatsächlich Ratten über einem offenen Feuer. "Sagt mir doch bitte" sprach der junge Krieger den Händler an, "gibt es wirklich Leute, die Euch das da abkaufen?" "Aber sicher", antwortete dieser. "Es werden mit jedem Tag mehr. Kein Wunder, es ist ja auch eine echte Delikatesse. Es wundert mich, daß noch nicht alle auf den Geschmack gekommen sind." "Und wo bekommt Ihr Eure.... äh, Ware her?" "Sie werden mir jeden Morgen frisch ausgenommen geliefert. Wollt Ihr nicht doch probieren, junger Herr?" fragte der Marktschreier und hielt Gemalion einen Spieß unter die Nase. "Nein, danke." Gemalion wandte sich ab und hielt sich eine Hand vor den Mund, um einen Brechreiz zu unterdrücken. Nun trat Silvana näher. Ihr fiel auf, daß die aufgespießten Ratten Bißspuren aufwiesen wie von den Zähnen anderer kleiner Nager. Sie fragte den Händler danach. Dieser zuckte nur die Schultern. "Keine Ahnung, woher die Bißspuren kommen. Ist mir auch egal. Also, wollt Ihr nun was kaufen oder nicht." Silvana schüttelte den Kopf und folgte Gemalion und Troska, die sich bereits zum Gehen gewandt hatten. Die drei passierten einen kleinen Jungen, der verschiedenstes Angelgerät verkaufte. Einige Stände weiter pries eine bucklige alte Frau ihre Ware an: "Schöne Fischköpfe für eine schöne Frau! Schöner Fischkopfschmuck! Hält die Ratten fern! Seht, wie ihre Augen leuchten, wenn die Sonne auf sie fällt!" Gemalion schüttelte nur lächelnd den Kopf über die verrückte Alte, schließlich war die Sonne bereits untergegangen. Er wollte mit seinen beiden Begleiterinnen gerade weitergehen, da fügte sie hinzu: "Und magisch sind sie außerdem!" Interessiert kam Troska näher. "Magisch, sagt Ihr? In welcher Hinsicht?" fragte sie. Die Alte winkte Troska mit verschwörerischer Miene näher und wisperte dann ziemlich laut: "Sie locken garantiert Katzen an!" Daraufhin brach sie in schallendes Gelächter aus. Kopfschüttelnd folgte die Elfin ihren Kameraden, die bereits zum nächsten Stand weitergegangen waren, wo ein zerzaust aussehender Mann in einer blutigen Schürze Fische in kleine Stücke zerhackte. Über dem Stand hing ein Schild mit der Aufschrift "Köder". Der Mann hob den Kopf und starrte die Gruppe an, die sich ihm näherte. Sein Blick war irre, seine Zähne gefletscht und er atmete heftig und stoßweise. Langsam wandte er sich der alten Fischkopfverkäuferin zu und schrie: "Ich kann dieses Gejaule nicht mehr ertragen, du alte Vettel!" Dann stürzte er mit erhobenem Fischmesser hinter seinem Stand hervor und rannte auf die Alte zu. Gemalion reagierte am schnellsten. Er versuchte den Tobsüchtigen von hinten festzuhalten und ihn zu entwaffnen, mußte jedoch feststellen, daß der Mann über enorme Kräfte verfügte. Er holte mit der linken Hand, in der er das Fischmesser hielt, aus und hieb es Gemalion tief in den rechten Oberarm. Stöhnend brach der junge Krieger zusammen. Während Troska sofort zu dem Verletzten stürzte, gelang es Silvana, den Rasenden zu überwältigen und bewußtlos zu schlagen. Troska kniete hilflos neben dem bewußtlosen Gemalion und umklammerte krampfhaft ihr Sirrion-Amulett. "Sirrion, bitte, ich weiß, daß du helfen kannst, aber ich weiß nicht, was ich dazu tun muß -- bitte, heile diesen Mann!" Tatsächlich schien der Gott ihr unbeholfen vorgebrachtes Gebet zu erhören, denn das Blut aus der tiefen Armwunde floß beinahe augenblicklich weniger heftig und Gemalion erlangte sein Bewußtsein wieder. "Ich danke dir, Sirrion", murmelte Troska und küßte das Amulett. In der Zwischenzeit hatte sich um den Ort des Geschehens eine Menschenmenge gebildet, und es wurden Stimmen laut, die fragten, warum der nette Theodore von der Nachtwache niedergeschlagen worden sei. Silvana versuchte den Vorfall zu erklären, aber die Anschuldigungen wurden immer heftiger. Als Silvana gerade befürchtete, die Menge würde handgreiflich werden, da trat ein etwa siebenjähriger Junge in den Kreis der aufgebrachten Dalgother. Silvana erkannte in ihm das Kind, das ihnen einige Stände vorher Angelgerät zum Kauf angeboten hatte. Überraschenderweise gelang es dem Jungen, durch seine Schilderung der Ereignisse den Mob zu beruhigen. Er berichtete, daß Theodore sich schon den ganzen Tag merkwürdig benommen hätte. Seinem Großvater gegenüber hätte er einen "wertvollen Schatz" erwähnt, den er heute gefunden hätte. "Bitte, helft Theodore! Sicher ist er schuldlos in diese Situation geraten!" schloß er seinen Bericht. Silvana warf dem Jungen einen dankbaren Blick zu. "Das war wirklich nett von dir, Kleiner", sagte sie. "Wie können wir uns dafür revanchieren?" "Oh, das ist ganz einfach", strahlte das Kind. "Kommt doch morgen Abend zu mir und erzählt mir eine Gute-Nacht-Geschichte, ja? Fragt einfach nach T.J., das bin ich." Silvana versprach ihm, zu kommen und beugte sich erneut über den immer noch Bewußtlosen. Sie entdeckte unter seiner Schürze ein Amulett, das mit der Haut auf der Brust verschmolzen zu sein schien. Es war der Halbelfin nicht möglich, es zu entfernen. Mit fasziniertem Entsetzen starrten die Umstehenden das seltsame Schmuckstück an. Während Silvana noch überlegte, was nun zu tun sei, trat ein Elf in merkwürdiger Kleidung aus Seegras in den Kreis der Neugierigen. "Was ist mit diesem Mann geschehen?" fragte er in strengem Ton. Hinter ihm stand eine zweite Person, die ähnlich gekleidet war. "Geht das jetzt wieder von vorne los?" murmelte Silvana seufzend, schilderte dann aber in knappen Worten den Vorfall.

Die Nachtwache: Teil 3

Nachdem sie geendigt hatte, legte der Elf ihr beruhigend die Hand auf die Schulter und sagte: "Keine Sorge, wir haben ein kleines Refugium hier in der Nähe für diejenigen, welche Hilfe brauchen. Ihr könnt ihn uns überlassen. Wir bringen ihn an einen sicheren Ort." Silvana zögerte. "Hm, ja, ach, vielleicht könntet Ihr Euch zunächst einmal das hier ansehen", sagte sie und zeigte dem Elfen das in Theodores Brust eingewachsene Amulett. Der Elf kniete sich neben sie und untersuchte das merkwürdige Schmuckstück. Dann wandte er sich der jungen Frau zu und sagte mit nachdenklicher Stimme: "Das ist ein >Amulett der unterseeischen Freundschaft<, zumindest wirkt es bei wasseratmenden Lebewesen als solches. Luftatmer hingegen treibt es in den Wahnsinn. Was als Segen gedacht war, ist für diesen Mann zum Fluch geworden. Aber dieser Fluch kann gebrochen werden. Wenn Ihr mir den Unglücklichen anvertrauen würdet...." Silvana musterte die Umstehenden. In einigen Gesichtern las sie Ablehnung, doch der größte Teil der einheimischen Händler schien dem Elfen zu vertrauen. Also zuckte Silvana die Schultern und sagte: "Meinetwegen, nehmt ihn mit. Ich hätte ohnehin keine bessere Idee." Während der Elf und sein Begleiter den immer noch bewußtlosen Theodore davonschleppten, meldete sich Troska wieder zu Wort: "Hey, Silvana, nachdem das nun geklärt ist, könntest du mir helfen, Gemalion zum Spital zu bringen. Es geht ihm zwar schon etwas besser, aber er muß unbedingt noch von einem Mishakal-Priester versorgt werden. Na los, nun mach´ schon!" Tatsächlich hatte Gemalion selbst mit Troskas Hilfe Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten. Die linke Hand auf die tiefe Armwunde gepreßt, stützte er sich schwer auf die Elfin. Gemeinsam schleppten die beiden Frauen den verletzten Krieger zum Mishakal-Tempel in der Oberstadt, wo ihn die Kleriker den Rest der Nacht lang behandelten.

Am nächsten Tag machten sich Troska und Silvana am Spätnachmittag auf, um ihr Versprechen gegenüber T.J. einzulösen. Auf dem Weg zum Hafen holten sie Gemalion aus dem Spital ab. Dank der professionellen Pflege war der junge Mann völlig wiederhergestellt. So gingen sie zu dritt zu T.J., um ihm eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen. Der dunkelhäutige Junge winkte ihnen schon von weitem aus dem Fenster einer kleinen Hütte aus zu. Kurz darauf saßen die Drei an T.J.´s Bett und blickten in ein erwartungsvolles Kindergesicht. Da sowohl Troska wie auch Silvana aufgrund ihres Gedächtnisverlustes nicht viel zu erzählen wußten, war es an Gemalion, den Märchenonkel zu spielen. Er erzählte von seinen größten Helden, den berühmtesten Rittern in der Geschichte Krynns. Zunächst berichtete er von Huma Dragonbane, der gemeinsam mit seiner Geliebten, einer Silberdrachin, die Königin der Finsternis besiegt und Krynn damit vor einer dunklen Zukunft bewahrt hatte. T.J. lauschte gebannt. Das war genau die Art Geschichte, die er zu hören gehofft hatte. Drachen, Ritter, Götter - das war schon etwas anderes als das eintönige Leben auf dem Fischmarkt von Dalgoth. Als Gemalion seine Erzählung beendet hatte, klatschte T.J. in die Hände und bettelte: "Noch eine Geschichte, bittebitte. Ich bin noch gar nicht müde!" Gemalion warf einen prüfenden Blick aus dem Fenster und stellte fest, daß The Veil noch nicht heraufgezogen war. Die Mienen seiner Begleiterinnen drückten Zustimmung aus, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich von diesen Erzählungen aus der Geschichte Krynns das Auftauchen alter Erinnerungen erhofften. Also holte Gemalion tief Luft und begann die Geschichte von Sturm Brightblade, der einer der größten Helden im dritten Drachenlanzenkrieg gewesen und nach seinem Tode zu einem Symbol für die solamnische Ritterschaft geworden war. Am Ende dieser Erzählung hätte T.J. am liebsten weitergebettelt, aber sein Großvater, der den Jungen großzog, ließ es erst gar nicht so weit kommen. "So, du gehst jetzt schlafen, junger Mann", sagte er bestimmt, "und hältst diese netten Leute nicht länger von ihrer Arbeit ab. Ich danke Euch vielmals für Euer Kommen, Ihr habt dem Jungen eine große Freude gemacht." "Oh, das ist doch gern geschehen", wehrte Gemalion ab, "schließlich hat uns T.J. auch einen großen Dienst erwiesen. Aber wir müssen jetzt wirklich unsere Patrouille beginnen. Mögen die Götter mit Euch sein." Damit verließen die drei Gefährten T.J. und seinen Großvater, um ihre nächtliche Arbeit anzutreten.

Die Nachtwache: Teil 4

Nach einiger Zeit hörte die Nachtwache aus der Richtung der Brücke zur Mittelinsel lautes Schreien, Hufgetrappel und den Ruf: "Das Pferd geht durch! Haltet die Kutsche auf!" Das Geräusch galoppierender Pferdehufe kam schnell näher und kurz darauf tauchte die einspännige Kutsche aus dem Nebel auf. Gemalion machte sich sprungbereit. Er hatte vor, sich auf das Pferd zu schwingen, sobald es ihn passierte, aber das völlig verängstigte Tier stürmte viel zu schnell vorbei. Gemalion schaffte es gerade noch, den wild flatternden Zügel zu ergreifen. So gelang es ihm, die kopflose Flucht des Tieres ein wenig zu verlangsamen. Silvana sprang nun ebenfalls auf das Pferd zu und packte es an der Trense. Dabei redete sie beschwichtigend auf das schnaubende Tier ein, das sich daraufhin merklich beruhigte und endlich stehenblieb. Gemalion ließ nun seinerseits die Zügel los, um nach den Passagieren der Kutsche zu sehen. Er öffnete den Wagenverschlag und fand im Inneren einen Mann mittleren Alters und eine junge Frau, die beide sehr elegant gekleidet waren. Die Frau war kreidebleich und schien einem hysterischen Anfall nahe zu sein. Der Mann tätschelte ihre Hand und redete dabei beruhigend auf sie ein. Gemalion drängte sich der Vergleich mit Silvana und dem Pferd auf, aber er verfolgte diesen Gedanken nicht weiter. Der Mann wandte sich an den jungen Krieger und sagte: "Danke, daß Ihr die Kutsche aufgehalten habt. Ich bin Winford Stanley der Dritte, Baron von Mermittle Keep. Würdet Ihr Euch bitte um die Prinzessin Va Janraie kümmern? Bringt sie nach Hause in die Gardens of Opulent Splendor in der Oberstadt. Ich muß nach meinem Kutscher sehen, ich fürchte, ihm ist etwas zugestoßen, als das Pferd durchging." Mit diesen Worten schob er Gemalion beiseite und stieg aus der Kutsche. Gemalion war es nicht gewohnt, so von oben herab behandelt zu werden, und so verschlug es ihm zunächst einmal die Sprache. An seiner Stelle antwortete Silvana, die die Worte des Barons von Mermittle Keep mitangehört hatte: "Moment, Moment. Wir sind die Nachtwache des Hafenviertels, und wir können hier nicht einfach weg. Besser, wir sehen nach Eurem Kutscher, und Ihr bringt die Dame nach Hause." Der Baron baute sich in seiner vollen, nicht unbeträchtlichen Größe vor der zierlichen Halbelfin auf und herrschte sie an: "Ihr wißt wohl nicht, wen Ihr vor Euch habt, Verehrteste. Ich habe gute Freunde im Stadtkonzil von Dalgoth, und wenn Ihr Euren Job behalten wollt, dann tut gefälligst, was ich Euch sage. Die Prinzessin braucht einen Geleitschutz, und ich muß nach meinem Bediensteten sehen. Und nun keine weitere Diskussion!" Jetzt fehlten auch Silvana die Worte. Mit hochrotem Kopf schnappte sie nach Luft, aber Baron Winford hatte sich bereits umgedreht und ging raschen Schrittes die Straße zurück, aus der die Kutsche herangeprescht war. Silvana wandte sich kopfschüttelnd an Troska, die nur mit den Achseln zuckte. Dann tätschelte die Halbelfin dem Pferd, das jetzt wieder völlig ruhig war, den schweißnassen Hals. Dabei fiel ihr Blick auf einen dunklen Fleck am Boden. Sie bückte sich und stellte fest, daß es sich um frisches Blut handelte. Silvana schluckte und rief Troska zu sich, um ihr ihre Entdeckung mitzuteilen. Der Blutfleck hatte Hufeisenform, und als Silvana einen Huf des Pferdes anhob, konnte sie Blut daran kleben sehen. Bei näherem Hinschauen entdeckte sie weiteres Blut an der Front der Kutsche. Offensichtlich hatte der Baron recht gehabt mit seiner Vermutung, daß dem Kutscher -- oder irgendeinem anderen Passanten -- etwas zugestoßen war. Inzwischen versuchte Gemalion, die junge Frau im Wageninnern zu beruhigen, da sie das plötzliche Verschwinden ihres Begleiters mehr aufzuregen schien als der Vorfall mit dem durchgegangenen Pferd. Schließlich hatte sie sich wieder gefaßt und betrachtete den Menschen, der da zu ihr in die Kutsche blickte, genauer: Sie sah einen jungen Mann mit schwarzem, lockigem Haar und dunklem Teint -- wenn seine Haut auch nicht so dunkel war wie die eines einheimischen Nord-Ergothianers. In starkem Gegensatz dazu standen seine blauen Augen, die in seinem dunklen Gesicht leuchteten wie Sterne an einem mitternächtlichen Himmel. Er war nicht sehr groß, aber von kräftiger Statur, trug einen Lamellenpanzer, und an seiner Hüfte hing ein recht beeindruckend aussehendes Bastardschwert. Kurz, er schien ein Mann zu sein, der eine wehrlose Frau gut durch Dalgoths nächtliche Straßen eskortieren und sie vor jeglicher Unbill beschützen konnte. Und da war noch etwas Besonderes an ihm, etwas, das nicht zu dem üblichen Volk zu passen schien, das sich sonst während des Nebels auf Dalgoths Straßen herumtrieb, eine Art ruhiger Würde, die seine Jugend Lügen strafte. Außerdem war die Prinzessin beeindruckt von Gemalions Umgangsformen, die hier ebenfalls völlig fehl am Platze zu sein schienen. So kam es, daß sie sich selbst sagen hörte: "Bitte, nehmt doch hier bei mir Platz. Eure Begleiter können uns ja zu den Gardens of Opulent Splendor fahren." Gemalion machte diese Einladung etwas verlegen, was sich noch steigerte, als er Troska und Silvana den Wunsch des Passagieres unterbreitete, und diese ihn mit hochgezogenen Augenbrauen musterten. "Naja", rechtfertigte sich der junge Mann, "ich kann der Dame diesen Wunsch doch schlecht abschlagen. Nach den letzten Vorkommnissen möchte sie eben nicht alleine sein. Und außerdem", setzte er triumphierend hinzu, "ist es auf dem Kutschbock für drei Personen ohnehin zu eng." Silvana wechselte einen vielsagenden Blick mit Troska, zuckte dann die Achseln und ließ sich von der Prinzessin Va Janraie den Weg zu den Gardens of Opulent Splendor erklären. Anschließend kletterten Silvana und Troska auf den Kutschbock, während Gemalion es sich im Wagen bequem machte. Die Halbelfin nahm die Zügel auf, schnalzte mit der Zunge und lenkte das Pferd durch die nebelverhangenen Straßen. Während der Fahrt knüpfte Gemalion ein Gespräch mit der jungen Nord-Ergothianerin an: "Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Gemalion Sandringham Starblade, Vicount von Lemish." Auf ihren fragenden Gesichtsausdruck hin fügte er hinzu: "Das ist im Süden Solamnias." Verwundert fragte die Prinzessin: "Was um alles in der Welt verschlägt einen solamnischen Adligen nach Northern Ergoth, noch dazu zur Nachtwache von Dalgoth?" Gemalion lachte. "Oh, ich fürchte, das ist eine zu lange Geschichte. Familiäre Meinungsverschiedenheiten, versteht Ihr? Aber sagt, was war eigentlich mit Eurem Begleiter los? Ich fand sein Verhalten Euch gegenüber reichlich merkwürdig." Der Blick der jungen Frau umwölkte sich. "Ich habe nicht die geringste Ahnung. Winford war sonst immer so galant und die Aufmerksamkeit in Person. Ich weiß wirklich nicht, was in ihn gefahren ist." Sie hob den Blick und sah Gemalion fest in die Augen. "Aber ich werde ihn deswegen zur Rede stellen, verlaßt Euch darauf!" Gemalion entschied, das Thema fallen zu lassen und verlegte sich auf Smalltalk, bis die Kutsche plötzlich anhielt, und von draußen aufgeregte Rufe zu hören waren. Der junge Krieger stieg aus dem Wagen, während die Prinzessin nach einem raschen Blick feststellte: "Wir sind ja fast zuhause. Das hier sind schon die Gardens of Opulent Splendor. Was ist denn da nur los?" Gemalion stellte sich gerade dieselbe Frage.

Die Nachtwache: Teil 5

Aus dem Nebel hörte man Rufe und schnelle Schritte, und dazwischen Grunzen und Gackern, welches den jungen Adligen besonders irritierte. Die Gestalt eines Mannes formte sich aus dem wabernden Nebel und bewegte sich rasch auf die Kutsche zu. Doch bevor der Mann den Wagen erreichte, traf ihn ein grüner Lichtstrahl. Der gesamte Körper war plötzlich in smaragdgrünes Licht getaucht, und einen Augenblick später verwandelte er sich langsam in ein kleines, grauweißes Kaninchen. Hinter ihm sprang ein Reh aus dem Nebel, verhielt mit einem kurzen Blick auf die Kutsche und stürmte dann die Straße hinunter. Langsam und vorsichtig gingen Silvana, Troska und Gemalion auf die Quelle dieser eigenartigen Phänomene zu. Auch die Prinzessin war inzwischen aus der Kutsche gestiegen und folgte den Dreien ängstlich, denn alleine im Wagen zurückbleiben wollte sie auf gar keinen Fall. Nach einigen Schritten schälten sich die Umrisse eines kleinen Mädchens aus dem Nebel, das einen viel zu großen, spitzen Hut trug und einen Stab in der Hand hielt. Es rief der ihm sich nähernden Gruppe mit hoher Kinderstimme zu: "Ich bin die mächtige Zauberin Anna. Verbeugt Euch und dient mir von nun an, sonst verwandle ich Euch alle in Molche!"Gemalion hörte hinter sich ein erschrecktes Keuchen, und als er sich rasch umdrehte, sah er die Prinzessin im Nebel verschwinden. Noch bevor er sie zurückhalten konnte, verklangen ihre eiligen Schritte auf der Straße. Gemalion wandte sich wieder dem Kind zu und sah gerade noch, wie Silvana auf das Mädchen zuging und sagte: "Schluß mit dem Blödsinn. Gib mir...." Weiter kam die Halbelfin nicht, da wurde sie ebenfalls von einem grünen Lichtblitz getroffen und einen Augenblick später stand an ihrer Stelle eine weiße Ziege. Anna lachte: "Hihi, eine Meckerziege, eine Meckerziege!" Gemalion wollte den Moment der Ablenkung nutzen und machte zwei rasche Schritte auf das Kind zu. Aber Anna hob drohend den Stab und befahl: "Bleib stehen und knie nieder vor der mächtigen Zauberin Anna!" Gemalion verharrte und überlegte, wie er weiter vorgehen sollte. Schließlich sagte er: "Hör mal, Anna, du kannst nicht so einfach Menschen in Tiere verwandeln, das geht doch nicht, sei doch vernünftig." Während er dies sagte, bewegte er sich vorsichtig näher an das Mädchen heran. "Ich will aber nicht vernünftig sein", antwortete Anna mit trotzig vorgeschobener Unterlippe, dann murmelte sie: "Griznat", und der bereits bekannte grüne Lichtblitz traf diesmal Gemalion. Kurz darauf saß dort, wo der junge Krieger gerade noch gestanden hatte, ein strubbeliges Meerschweinchen, was bei Anna wieder ein heftiges Kichern auslöste. Nun stand Troska dem Kind allein gegenüber. Der erste Impuls der Elfin war es, zu dem Mädchen hinzulaufen und ihr den Stab zu entreißen, doch sie zögerte: Diesen Weg hatte bereits Silvana versucht, ohne besonders erfolgreich gewesen zu sein. Also doch Gemalions Methode? Ja, aber ohne seinen verhängnisvollen Stolz! Troska kniete vor dem Kind nieder und senkte demütig den Blick: "Oh, große Zauberin Anna, strafe mich nicht! Du bist wahrhaft mächtig, da du meine Freunde so einfach in Tiere verwandeln kannst." Über dieses Lob schien das Kind einigermaßen verwirrt zu sein. Sie senkte den Stab, blickte die Elfin mit großen Augen an und sagte schließlich: "Du bist nett. Hole die Ziege und das Meerschweinchen, wir machen eine Teeparty!" Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschwand im nächstgelegenen Hauseingang. Troska zögerte nicht lange, schnappte sich das Meerschwein und zog die Ziege an den Hörnern hinter sich her. "Mäh", war alles, was Silvana dazu sagen konnte. Troska betrat die Eingangshalle des Hauses und blickte sich suchend um. Eine Treppe führte ins obere Geschoß, und zur Rechten der Elfin befanden sich einige Türen, von denen eine offenstand. "Quiek", sagte Gemalion, den sie sich unter den Arm geklemmt hatte, "Quiek!" Als Antwort ertönte aus dem geöffneten Zimmer Annas Stimme: "Hier bin ich, kommt, der Tee wird kalt." Neugierig folgte Troska der Aufforderung. Das Mädchen saß an einem kleinen Tisch nahe des brennenden Kamins. Eine bunte Mischung von Stofftieren war auf seidenen Kissen arrangiert. "Los, setzt euch zu uns", befahl Anna und begann, aus einer leeren Kanne imaginären Tee in bereitstehende Tassen zu giessen. Dazu reichte sie einen gleichfalls leeren Teller herum. "Kekse?" fragte sie Troska und hielt ihr den Teller unter die Nase. Die Elfin stutzte ein wenig, verzog jedoch keine Miene und nahm auf einem der Stühle Platz. Sie ließ die Ziege los und setzte das Meerschweinchen auf den Tisch, wo es sogleich interessiert an den Tassen zu schnuppern begann. "Ja, danke, ich hätte sehr gerne einen Keks. Hmm, diese hier mag ich besonders. Vielleicht sollten wir meinen Freunden auch etwas anbieten? Oder warten wir besser, bis der Zauber aufhört zu wirken?" Sie nahm die mit Luft gefüllte Tasse in die Linke und stippte mit der Rechten einen der >Gedankenkekse< in den nicht vorhandenen Tee. Anna ging auf die ihr gestellten Fragen gar nicht ein, sondern sagte: "Wir alle hier sind königliche Hoheiten --" Dabei deutete sie auf sich und ihre Stofftiere, "-- Königinnen und Könige, Prinzessinnen und Prinzen -- und wer bist du?" Wieder antwortete Troska fast ohne zu zögern: "Ich bin Baronin Troska von Andertal, Hofdame der Königin von Grütze, zu Euren Diensten. Und meine beiden Freunde", beharrte sie hartnäckig, "sind Viscount Gemalion Sandringham Starblade von Lemish und Lady Silvana von.... von Nirgendwo, beide ebenfalls zum Gefolge der Königin gehörend. Allerdings fürchte ich, die Königin wird sie nicht mehr in ihren Diensten behalten, bis der Zauber seine Wirkung verloren hat", sagte sie nicht ohne einen gewissen Nachdruck in der Stimme.

Die Nachtwache: Teil 6

Anna schien beeindruckt. Aber auch Verlegenheit schwang mit, als sie sagte: "Ich fürchte,der Zauber verliert nicht einfach seine Wirkung...." Als sie Troskas beunruhigten Blick wahrnahm, platzte sie heraus: "Das ist alles die Schuld meines Onkels! Immer muß ich lernen, nie läßt er mich spielen! Nicht einmal die Dienstboten spielen mit mir. Er sagt, ich könnte mal eine große Zauberin werden, wenn ich hart übe. Aber es ist so langweilig. Ich kann einfache Zaubertricks, aber das ist alles, was er mir bisher beigebracht hat. Darum bin ich heute in sein Studierzimmer geschlichen, als er weg war. Ich kenne nämlich alle nötigen Losungsworte! Ich habe mich nur ein wenig umgesehen, als er nach Hause kam. Junge, war er sauer! Er hörte nicht auf, mich anzuschreien und sagte, er würde mich streng bestrafen. Also griff ich nach dem Stab und rief das Kommandowort. Dann hat er mich nicht mehr angeschrien.... Du wirst mich jetzt nicht anschreien, oder?" "Aber nein, warum sollte ich das tun? Außerdem ist ja noch nicht alles verloren: Du brauchst ja nur deinen Onkel und meine Freunde zurückzuverwandeln, und alles ist wieder in Ordnung", sagte die Elfin mit sanfter Stimme und lächelte. "Ich will meinen Onkel aber nicht zurückverwandeln! Er wird böse sein und mich bestrafen. Und deine Freunde -- ich kenne sie zu wenig, um ihnen ihre alte Gestalt zurückzugeben...." Sirrion, steh´ mir bei, dachte Troska und schickte ein hilfloses Stoßgebet zu dem Gott, von dem sie ja auch kaum mehr wußte als das Mädchen von Silvana und Gemalion: Wenn du mich hörst, dann hilf mir, dieses Kind zu überzeugen. Sie atmete tief durch und versuchte würdig auszusehen, als sie sagte: "Anna, ich bin in Wirklichkeit keine Hofdame, sondern eine Priesterin des großen Gottes Sirrion, von dem du sicher schon gehört hast. Wenn du deinen Onkel zurückverwandelst, dann verspreche ich dir, daß ich alles tun werde, damit er dich nicht bestraft. Im übrigen stimmt es aber, was ich über meine Freunde erzählt habe. Gemalion, das Meerschwein, ist ein echter Adliger aus Solamnia und weiß viele schöne Geschichten zu erzählen. Es wäre doch schade, wenn er jetzt für immer so klein und stumm bliebe, nicht wahr?" "Mäh", bestätigte Silvana. Anna machte ein bedrücktes Gesicht, sie schien den Tränen nahe. Dann flüsterte sie kaum hörbar: "Na gut. Mein Onkel ist oben in seinem Studierzimmer. Aber du mußt mit hinaufkommen und mich beschützen, wenn er böse auf mich wird." Troska nickte feierlich: "Das verspreche ich dir." Anna schluckte und ging dann mit hängendem Kopf zu der Treppe hinüber, an deren Fuße sie wieder stehenblieb und sich noch einmal an Troska wandte: "Du mußt immer dicht neben mir bleiben. Mein Onkel hat die Treppe mit einem Schutzzauber belegt. Aber ich kenne den Losungsspruch", fügte sie stolz hinzu. Troska tat, wie ihr geheißen und hielt Anna, die leise vor sich hinmurmelte, an der Hand, während sie gemeinsam ins Obergeschoß hinaufgingen. Die Treppe endete an einer Tür, welche Anna vorsichtig öffnete. Troska blickte über das Mädchen hinweg und sah eine Ziege in einer purpurnen Robe, die zufrieden an den Seiten eines dicken Buches kaute. Das Tier wandte den Kopf den Eintretenden zu und meckerte. "Das ist mein Onkel", erklärte Anna unnötigerweise. "Junge, Junge, er wird echt sauer auf mich sein...." "Bitte, Anna, verwandle ihn zurück, dann werde ich mit ihm reden", drängte Troska. Anna seufzte. "Also gut", murmelte sie und hob den magischen Stab. "Griznat", flüsterte das Kind mit verzagter Stimme, der grüne Lichtblitz verließ den Stab, traf die Ziege, und wenige Augenblicke später stand an ihrer Stelle ein hagerer Mann, dem immer noch ein Blatt Papier aus dem Mund ragte, welches er nun mit einem Ausdruck verletzter Würde entfernte. Er wollte sich gerade mit strengem Blick an seine Nichte wenden, als Troska zwischen ihn und das verängstigte Kind trat. "Bitte, Herr, ich habe Anna versprochen, daß Ihr sie nicht bestrafen werdet, wenn sie Euch zurückverwandelt. Laßt mich bitte nicht wortbrüchig werden." Der Magier stieß hörbar die Luft aus. Mit gerötetem Gesicht, aber einigermaßen beherrscht, nahm er vorsichtig den Stab aus Annas Hand. Dann atmete er tief durch und wandte sich an Troska: "Gestattet, daß ich mich vorstelle: Mein Name ist Verdaste Sardaan, tja, und meine Nichte Anna kennt Ihr ja bereits." "Sehr erfreut. Mein Name ist Troska, ich bin eine Priesterin von Sirrion und Mitglied der Nachtwache. Leider muß ich Euch berichten, daß Anna mit dem Verwandlungsstab einigen Schaden angerichtet hat. Aber zu ihrer Verteidigung solltet Ihr bedenken, daß sie noch ein Kind ist, und Kinder müssen Gelegenheit zum Spielen haben und dürfen nicht nur immer zum Lernen gezwungen werden." Verdaste war bleich geworden. "Ihr meint, Anna hat noch weitere Menschen verwandelt?" Troska nickte. "Leider ja, unter anderem auch meine beiden Begleiter. Ich hoffe, Ihr könnt ihnen ihre menschliche Gestalt wiedergeben...?" "Sicher, und das werde ich auch umgehend tun. Bitte führt mich zu ihnen." Der Magier folgte Troska die Treppe hinab in das Kaminzimmer. Die weiße Ziege, die eigentlich Silvana war, war inzwischen dazu übergegangen, die spitzenbesetzte Tischdecke anzuknabbern, während das Meerschweinchen auf einem Teller ein Nickerchen hielt. Verdaste konnte sich einen strengen Blick auf seine Nichte nicht verkneifen, als er das Meerschwein neben die Ziege auf den Boden setzte und leise vor sich hinzumurmeln begann. Wenige Augenblicke später hatten Silvana und Gemalion ihre menschliche Gestalt zurück, auch wenn beide einen höchst verwirrten Eindruck machten. Verdaste entschuldigte sich vielmals für das Verhalten seiner Nichte und die daraus entstandenen Unannehmlichkeiten. Dann wandte er sich erneut an Troska: "Ihr habt selbstverständlich recht: Anna ist ein Kind, und Kinder brauchen Freiraum zum Spielen. Ich gelobe Besserung und größere Nachsicht, damit so etwas in Zukunft nicht noch einmal passiert. Und um Euch zu beweisen, wie leid mir diese ganze Affäre tut, möchte ich Euch noch etwas schenken. Wartet bitte einen Moment." Die drei Gefährten blickten sich verdutzt an, während Verdaste die Treppe wieder nach oben eilte. Kurz darauf kam er mit einem Fläschchen zurück. "Dies ist ein Heiltrank", erklärte der Magier. "Ich denke, Ihr in Eurem Beruf könnt ihn sicher dringender gebrauchen als ich." Damit drückte er Troska das Fläschchen in die Hand. Die Elfin bedankte sich bei Verdaste, dann fiel ihr noch etwas ein: "Ach, eins noch: Was ist mit den anderen Verwandelten? Wir wissen zumindest noch von einem Reh und einem Kaninchen, außerdem haben wir Gackern und Grunzen gehört." Verdaste verdrehte die Augen gen Himmel: "Keine Sorge, ich kümmere mich darum." Nun verabschiedeten sich die drei Gefährten, wobei Silvana das kleine Mädchen geflissentlich ignorierte. Verdaste begleitete seine unfreiwilligen Gäste zur Tür. Als Gemalion auf die Straße trat, fiel sein Blick auf die einspännige Kutsche, mit der sie in die Gardens of Opulent Splendor gekommen waren. "Ach herrje", murmelte der junge Krieger und wandte sich erneut an Verdaste: "Diese Kutsche gehört dem Baron von Mermittle Keep. Wißt Ihr zufällig, wo wir sein Haus finden können?" Der Magier kratzte sich am Kopf und überlegte: "Hm, der Name sagt mir leider gar nichts. Aber ich mache Euch einen Vorschlag: Laßt die Kutsche über Nacht hier bei mir, und kümmert Euch morgen um ihren rechtmäßigen Besitzer. Heute nacht werdet Ihr in dieser Angelegenheit mit größter Wahrscheinlichkeit ohnehin nichts mehr erreichen." Die drei Gefährten nahmen dieses Angebot dankbar an, froh, die Gardens of Opulent Splendor endlich verlassen zu können.

Die Nachtwache: Teil 7

Der Rückweg zum Hafenviertel führte die Nachtwache durch eine Gegend, in der vor allem Lagerhäuser standen. Straßen und Gebäude waren zu dieser nächtlichen Stunde dunkel und menschenleer, bis auf ein zweigeschossiges Bauwerk, aus dessen Erdgeschoßfenster helles Licht strahlte. Als die drei Gefährten sich diesem Gebäude näherten, hörten sie von drinnen ein merkwürdiges, sägendes Geräusch. Gemalion näherte sich vorsichtig dem Fenster, um sich zu vergewissern, daß hier nichts Ungesetzliches geschah. Er erkannte zwei hochgewachsene, rothaarige Männer, von denen einer eine Brille trug. Die Beiden standen über ein aufgeschlagenes Buch gebeugt und schienen in eine Diskussion vertieft zu sein. Doch plötzlich blickte der unbebrillte Mann auf und bemerkte den am Fenster stehenden Gemalion. Der Rothaarige richtete sich auf und winkte den jungen Krieger lächelnd zu der doppelflügeligen Eingangstür. Während die drei Gefährten unschlüssig waren, ob es sich hier um eine Falle handeln könnte, öffnete sich die Tür und eine freundliche Stimme forderte sie auf, einzutreten und das berühmte Eishaus von Dalgoth zu besichtigen. Die Drei wechselten verwunderte Blicke, traten dann aber neugierig näher. Sie wurden von den beiden rothaarigen Männern begrüßt, die sich als die Mactaggart-Brüder vorstellten. Es handelte sich offensichtlich um Zwillinge, denn hätte der eine nicht eine Brille getragen, man hätte sie kaum auseinanderhalten können. Der Mann, der sich als Ian Mactaggart vorgestellt hatte, erklärte mit ruhiger und melodischer Stimme, daß an diesem Ort fast das gesamte Eis produziert würde, das für die Lagerung der hiesigen Fischereierzeugnisse nötig sei. "Sicher interessiert Euch, wie wir das machen", schloß er mit Stolz in der Stimme seinen Bericht. Nachdem die Gäste ihr Interesse bekundet hatten, wurden sie von den beiden Brüdern in den Keller des Gebäudes geführt. Dort lagen zwei gigantische Eisblöcke, die von zwei Männern mithilfe eines großen Hobels in Scheiben geschnitten wurden. Diese Scheiben wurden von zwei weiteren Arbeitern zu kleinen Blöcken zurechtgesägt. Troska betrachtete fasziniert die riesigen Eiswürfel und fragte: "Woher bekommt Ihr diese enormen Mengen an Eis? Das Klima in dieser Gegend ist doch relativ warm." Ian Mactaggart hatte diese Frage erwartet, denn er antwortete prompt: "Nun ja, ganz ohne göttliche und magische Hilfe geht es natürlich nicht. Zunächst nutze ich meine klerikalen Fähigkeiten, um Wasser zu erschaffen und zu reinigen, daher die hervorragende Qualität unseres Erzeugnisses." "Dann beschwöre ich einen Eiselementar, der das Wasser in die großen Blöcke friert", ergriff nun zum erstenmal der bebrillte Ross Mactaggart das Wort. Seine Stimme klang ernster und er sprach schneller als sein Bruder, als sei er darauf bedacht, rasch fertig zu werden mit dem, was er zu sagen hatte. "Na, das ist doch sicher ein profitables Geschäft", bemerkte Silvana. "Ja, wir sind im Großen und Ganzen recht zufrieden", murmelte Ian, aber in seiner Stimme lag ein gewisser Unterton, der seine Aussage relativierte. Daher ergänzte Troska: "Aber....?" Die Brüder wechselten sorgenvolle Blicke. Dann räusperte sich Ian und berichtete: "Vor einigen Nächten hörte ich kurz vor Mitternacht seltsame Geräusche aus den Getreidespeichern hinter diesem Gebäude. Ich hätte schwören können, daß ich dort sehr viel mehr Ratten gesehen habe als je zuvor. Aber als ich dann meinen Bruder geholt hatte, waren sie verschwunden. Inzwischen bin ich mir nicht mehr ganz sicher, was ich gesehen habe. Ich glaube, seither immer wieder Quieken von dort gehört zu haben, aber vielleicht war das alles auch nur Einbildung...." Bei der Erwähnung von Ratten blickten sich die Gefährten beunruhigt an. Gemalion erinnerte sich lebhaft an diesen unappetitlichen Marktstand: Ratten am Spieß.... Ross Mactaggart führte nun die Rede seines Bruders fort: "Ihr seid doch sozusagen Offizielle. Würde es Euch etwas ausmachen, mal für uns nach dem Rechten zu sehen? Die ganze Sache ist reichlich merkwürdig, und wir würden uns besser fühlen, wenn wir die Ursache dieser Geräusche kennen würden." Gemalion trat vor und antwortete mit fester Stimme: "Die Lagerhallen gehören ohnehin zu unserem Patrouillengebiet, somit ist es unsere Pflicht, uns um diese Angelegenheit zu kümmern." Silvana und Troska machten keine allzu begeisterten Gesichter, aber sie folgten ihrem Truppführer widerspruchslos.

Die Nachtwache: Teil 8

Vorsichtig näherten sich die Drei dem Getreidespeicher hinter der Eisfabrik und konnten tatsächlich hohes Quieken vernehmen. Sie umrundeten das Gebäude, aber es besaß keine Fenster, sondern nur ein doppelflügeliges Tor und einen kleineren Seiteneingang. Gemalion öffnete die kleinere Tür einen Spaltbreit und blickte in den dahinterliegenden Lagerraum. Am anderen Ende der Halle stand eine gebeugte Gestalt, die in ein gedämpftes Licht getaucht war. Der Rest der Lagerhalle lag im Dunkel, schemenhaft waren Kisten und Fässer auszumachen. Nun stieß Gemalion die Tür vollständig auf, betrat mit seinen Begleiterinnen das Gebäude und näherte sich der gebückten Gestalt, die ihnen den Rücken zuwandte. Als sie bis auf wenige Schritte an den vor sich hinmurmelnden Mann herangekommen waren, drehte er sich abrupt um und richtete unvermittelt das Wort an sie: "Wir haben Euch erwartet. Ich bitte, von Gewaltanwendung abzusehen, Ihr seid umzingelt." Bei dieser Bemerkung flog Gemalions Hand zum Knauf seines Schwertes, aber als er sich umschaute, erkannte er Tausende von Ratten, gegen die seine Waffe weitgehend nutzlos gewesen wäre. Der junge Krieger war ungehalten über diese offene Drohung, aber er ließ Trojan stecken. "Was wollt Ihr von uns?" knurrte er. "Nun, wir haben ein Problem, bei dem Ihr uns helfen und damit den sinnlosen Mord an vielen unschuldigen Kreaturen verhindern könnt. Es gibt da einen Mann, der meine kleinen Lieblinge für ein grausames Spiel einfängt. Viele meiner besten Freunde sind bereits tot. Wir möchten, daß Ihr ihn aufhaltet. Wenn Ihr diesen Mann nicht seiner gerechten Strafe zuführt, sehe ich mich gezwungen, morgen bei Sonnenuntergang mit einigen meiner Lieblinge die Hafenkneipen zu durchkämmen, bis wir ihn finden. Wir flehen Euch an uns zu helfen, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden." Eine steile Falte des Ärgers hatte sich auf Silvanas Stirn gebildet. "Was genau passiert mit den Tieren?" fragte sie. Der Alte in der schmutzigbraunen Robe antwortete: "Der Killer benutzt eine magische Flöte, mit der er meine Lieblinge bezaubert, sodaß sie ihm folgen müssen. Er wurde fast jede Nacht in der Unterstadt gesehen, aber alle Versuche, ihn zu verfolgen, schlugen fehl. Aber ich glaube, irgendwo in dieser stinkenden Stadt sperrt jemand Ratten in eine Grube und hetzt dann ein abscheuliches Monster auf sie. Hunderte von Ratten sind in den letzten Monaten gestorben! Dem muß ein Ende bereitet werden!" "Entschuldigt", mischte sich Gemalion ein, "immerhin sind diese Tiere nichts als lästiges Ungeziefer...." "Ungeziefer?" empörte sich der alte Mann. "Kontrolliert doch die Lagerbestände, und Ihr werdet feststellen, daß kein einziges Getreidekörnchen angerührt worden ist. Meine Lieblinge sind keine Diebe! Wir benutzen dieses Lagerhaus nur als Sammelplatz, weil sich zumindest niemand über die Anwesenheit von Ratten in einem Getreidespeicher wundern würde. In der Kanalisation gibt es keinen geeigneten Treffpunkt, der uns ausreichend Platz böte." Silvana schien beeindruckt, Gemalion hingegen war nach wie vor mißtrauisch: "Wer seid Ihr überhaupt, und warum macht Ihr Euch soviele Gedanken über Ratten?" Der Alte lächelte. "Mein Name ist Cudzu, und ich bin ein Geschöpf der Natur, genau wie meine kleinen Lieblinge hier. Seit über fünfzig Jahren lebe ich mit ihnen unter dieser Stadt. Versteht Ihr jetzt meine Besorgnis?" Gemalion schwieg. Stattdessen antwortete Troska: "Ich bin der Meinung, wir sollten Euch helfen. Schließlich ist es unsere Pflicht als Nachtwache, hier für Ordnung zu sorgen, nicht wahr, Gemalion?" Silvana nickte eifrig und Gemalion erklärte seufzend: "Also gut, wir werden versuchen, den Schuldigen zu finden." "Darüber bin ich sehr froh", atmete Cudzu auf, "aber ich möchte gerne, daß er Euch begleitet." Dabei griff er in die Menge der ihn umgebenden Ratten, pflückte sich ein besonders großes Exemplar heraus und flüsterte dem Tier etwas ins Ohr. Dann setzte er die Ratte wieder zu Boden, welche schnurstracks auf Troska zulief und sich zu ihren Füßen niederließ. "Wenn er übermorgen vor Sonnenuntergang nicht wieder bei mir ist, werde ich die Angelegenheit mit meinen Freunden selbst in die Hand nehmen." Ohne auf eine weitere Erwiderung zu warten, rief er den Ratten zu: "Formiert Euch!", woraufhin die Tiere sich auf beiden Seiten der Halle in gerader Linie aufreihten. Währenddessen verwandelte sich Cudzu vor den Augen der ungläubigen Gefährten selbst in eine Ratte und verschwand in der Masse der Nager, die nun ein Spalier zur Tür für die Nachtwache bildeten. Sich vorsichtig nach den Tieren umschauend verließen die Drei, Troska mit dem großen Rattenbock im Gefolge, das Lagerhaus. Der Rest der Nacht verlief ereignislos. Als die drei Gefährten im anbrechenden Tageslicht müde dem Garnisonsgebäude zustrebten, zerriß plötzlich der Schrei einer Frau die Stille des frühen Morgens. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, spurtete die Nachtwache los. Sie umrundeten das Gebäude zu ihrer Rechten und stießen auf eine ältere Frau, die von drei böse knurrenden Hunden an die Hauswand gedrängt worden war. Sie hielt einen abgedeckten Korb mit beiden Armen umklammert und zeterte angstvoll, wobei sie sämtliche Götter um ihren Beistand anrief. Die leichtfüßige Halbelfin kam als Erste an den Schauplatz, überblickte die Lage und näherte sich vorsichtig den drei mageren Straßenkötern, von denen sich ihr zwei tief zum Sprung geduckt und knurrend zuwandten. Silvana ignorierte die Drohgebärden der Tiere und ging weiterhin auf sie zu, wobei sie in monotonem Singsang auf sie einredete. Ihre beiden Gefährten blieben überrascht stehen, als die Hunde ihre drohende Haltung aufgaben und sich hechelnd auf den Hinterläufen niederließen. Währenddessen kramte Silvana in ihren Taschen und brachte zwei belegte Brote zum Vorschein, die sie gerecht an alle drei Hunde verteilte. "So, und nun verschwindet!" sagte sie abschließend, und Gemalion war sehr erstaunt, als die Köter sich tatsächlich trollten. Doch nun begann die alte Frau laut zu schimpfen: "Das wurde aber auch höchste Zeit! Anständige Leute sind in dieser Stadt keinen Pfifferling wert. Warum hat das so lange gedauert? Vermutlich erwartet ihr jetzt sogar noch eine Belohnung für eure Mühe, wie? Nichts da! Macht, daß ihr weiterkommt! Es gibt sicher noch mehr Leute, die auf eure Hilfe warten. Was steht ihr noch hier herum und haltet Maulaffen feil? Man könnte den Eindruck kriegen, die nehmen heutzutage Jeden in die Nachtwache auf." Mit diesen Worten drehte sie sich um und schlurfte davon. Die drei Gefährten blickten ihr sprachlos nach. Silvana schnappte mit hochrotem Kopf nach Luft, aber Troska legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Gemalion murmelte nur: "Undank ist der Welten Lohn", und seufzte tief. Dann wandte er sich an seine Begleiterinnen: "Kommt, laßt uns nach Hause gehen. Für diese Nacht bin ich wirklich bedient."

Die Nachtwache: Teil 9

Gegen Abend des nächsten Tages machten sich die drei Gefährten mit gemischten Gefühlen erneut in Richtung der Gardens of Opulent Splendor auf, um die Kutsche ihrem rechtmäßigen Eigentümer zurückzubringen. "Ich habe nachgedacht", erklärte Troska an Gemalion gewandt, "vielleicht sollte ich Verdaste wegen meines Problems befragen -- du weißt schon: Dere, Aventurien und so...." "Das ist sicher eine gute Idee", nickte der junge Krieger zustimmend. "Aber zuerst sollten wir dem Baron die Kutsche zurückbringen. Verdaste läuft dir ja nicht davon." Troska seufzte ergeben.

Die Nachtwache holte also bei dem Magier die Kutsche ab, wobei sich Troska versicherte, daß er bereit sei, ihr zu helfen, sofern es in seiner Macht stünde. Verdaste konnte den Dreien auch beschreiben, wo die Residenz der Prinzessin Va Janraie zu finden war, denn die junge Frau war ja ihr einziger Anhaltspunkt auf der Suche nach dem Baron von Mermittle Keep. Tatsächlich erfuhren sie von einem Bediensteten der Prinzessin, wie sie zum Haus des Barons gelangen könnten. Dort angekommen, wurde erst nach dem dritten Läuten das schwere Portal einen Spaltbreit geöffnet und eine mürrische Männerstimme fragte: "Was wollt Ihr?" Sie erklärten ihr Anliegen und erhielten zur Antwort: "Der Herr ist nicht zuhause. Laßt die Kutsche stehen und verschwindet!" Damit schlug das Portal wieder zu. Die Gefährten sahen sich verblüfft an, dann sagte Gemalion achselzuckend: "Laßt uns einfach tun, was er gesagt hat. Ich bin nicht willens, mich noch länger mit diesem Mist herumzuärgern." Kurze Zeit später saßen sie -- diesmal alle in menschlicher Gestalt -- in Verdastes gemütlichem Kaminzimmer und tranken realen Tee. Troska erzählte dem Magier von ihren spärlichen Erinnerungen und ihrem Traum. Verdaste rieb sich die Schläfen und antwortete nach einer längeren Pause: "Was Ihr da berichtet, klingt für mich, als stammtet Ihr aus einer anderen Kristallebene." Als er Troskas verständnislosen Blick bemerkte, erläuterte er: "Krynn, also die Welt, auf der wir uns hier befinden, ist eine der vielen existierenden Kristallsphären. Dere ist eine weitere dieser Ebenen. Mächtige Magiere und übernatürlich begabte Wesen gelangen per Spelljamming von einer Kristallsphäre zur anderen." Mit schiefgelegtem Kopf hatte Troska dem Zauberer gelauscht. "Spelljamming? Davon habe ich noch nie gehört, und ganz sicher habe ich diese Kunst auch in meinem vorherigen Leben nicht beherrscht." Verdaste nickte. "Vermutlich war das weiße Licht, in das Ihr mit Euren damaligen Begleitern hineingelaufen seid, eine Art Dimensionstor, das Euch direkt hierher nach Krynn gebracht hat. Warum Ihr dabei allerdings in einem anderen Körper gelandet seid, ist auch mir völlig rätselhaft. Ihr solltet mit einem Magier sprechen, der Erfahrung mit Spelljamming hat." Troska saß auf einmal kerzengerade. "Wo finde ich so Jemanden?" fragte sie mit belegter Stimme. Verdaste schüttelte bedauernd den Kopf. "Ich selbst kenne keinen Magier, der sich schon mit Spelljamming befaßt hat. Ich weiß nur, daß die Schiffe für das Überqueren des Leerraumes zwischen den Kristallebenen auf Sancrist ablegen, in der Nähe des Mount Nevermind." Da Verdaste keine weiteren Informationen hatte und The Veil bereits heraufzuziehen begann, verabschiedeten sich die Gefährten schließlich von dem Magier.

Auf dem Weg zurück zum Hafen kam die Nachtwache noch einmal am Haus des kleinen T.J. vorbei. Der dunkelhäutige Junge stand im Nachthemd in der Türe und winkte seinen Helden aufgeregt zu. Die Drei blickten sich lächelnd an und schlenderten zu dem Kind hinüber. "Habt Ihr noch ein wenig Zeit, bevor Euer Dienst beginnt? Heute möchte ich gerne Euch etwas erzählen, von meinem Vater. Bitte, Ihr kommt doch noch mit rein, oder?" bettelte T.J. mit unwiderstehlichem Augenaufschlag. Die Gefährten waren sich auch ohne Worte einig, daß man dem Kind seinen bescheidenen Wunsch nicht abschlagen könne, und so folgten sie ihm in die Hütte seines Großvaters, welcher pfeiferauchend auf einem Stuhl beim Kamin saß und sie mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßte. Nachdem T.J. die große Ratte bewundert hatte, die Troska inzwischen auf der Schulter mit sich herumtrug, nachdem ihr das Tier nicht mehr von der Seite gewichen war, ließ er sich auf sein wackliges Bett plumpsen und deutete seinen Gästen an, sich ebenfalls zu setzen. "So, du wolltest uns doch von deinem Vater erzählen. Wir sind ganz Ohr", ermunterte Troska das Kind. Also berichtete T.J. von seinem Daddy, dem größten und stärksten Seemann von Dalgoth, der auf hoher See Heldentaten vollbrachte und schon bald auf einem mächtigen Dreimaster in den Hafen einlaufen würde. Immer abenteuerlicher wurden T.J.s Geschichten, bis sein Großvater ihn schließlich unterbrach: "Junger Mann, es ist höchste Zeit für´s Bett. Und die Nachtwache hat außerdem auch Besseres zu tun, als sich deine Piratengeschichten anzuhören." Unter leisem Protest verkroch sich der Junge in seine löchrige Decke. Sein Großvater beugte sich über ihn und küßte ihn sanft auf die Stirn. Dann begleitete er die Nachtwache nach draußen. Seine Stimme klang brüchig, als er noch einmal das Wort an seine Gäste richtete: "Ihr wart sehr nett zu dem Jungen, daher sollte ich Euch vielleicht etwas über ihn erzählen: Seine Mutter starb bei seiner Geburt. Sein Vater, mein Sohn, gilt schon lange als vermißt. Ich habe keine Ahnung, ob er je zurückkehren wird. Er verliebte sich Hals über Kopf in eine Wirtin in der Unterstadt. Leider war es eine unerwiderte Liebe. Sie sagte ihm klipp und klar, daß sie einen anderen Seemann lieben würde, ich glaube, einen Schiffskapitän. Wie auch immer, ich versuchte, ihn davon abzuhalten, eine Dummheit zu begehen, aber er wollte nicht auf mich hören. Er hat auf einem Piratenschiff angeheuert, um seinen Nebenbuhler zu finden. Das war vor drei oder vier Jahren, und seither haben wir nichts mehr von ihm gehört." Der alte Mann hatte Tränen in den Augen, und auch der Nachtwache steckte ein Kloß im Hals, als sie sich mit einigen schal klingenden Worten des Mitgefühls von ihm verabschiedeten.

Die Nachtwache: Teil 10

Inzwischen erschwerte The Veil die Sicht bereits schon wieder ganz erheblich und trug merkwürdige Geräusche aus unbestimmbaren Richtungen heran. Da, ein Schrei -- nein, Paladin sei Dank, es war nur eine Möwe, die sich wohl im Schlaf erschreckt haben mußte. Eine unheimliche Atmosphäre hing über dem sonst so belebten Hafenviertel, als sei der Nebel ein riesiges, weißes Leichentuch. Die kühlen Schleier verursachten eine Gänsehaut, wenn sie wie totenkalte Finger über die Wangen der Gefährten strichen, und jedes lautere Geräusch ließ die Drei erschreckt zusammenzucken. Schließlich näherte sich der Nachtwache das schwankende Licht einer Handlaterne, die einem kräftig gebauten Mann gehörte, der sich auf einen angespitzten Holzstab stützte. Als sie auf Schrittweite an ihn herangekommen waren, grüßte der Fremde sie mit den Worten: "Ah, unsere Nachtwache. Ihr erlaubt?" Damit hielt er jedem der Gefährten ein Amulett unter die Nase. Besonders lange verharrte er bei Troska, wobei er die Ratte auf ihrer Schulter mißtrauisch im Auge behielt. Schließlich verlor die Priesterin die Geduld und sagte: "Nun ist es aber genug, ja? Was soll denn das überhaupt?" "Verzeihung, aber ich mußte kontrollieren, ob Ihr nicht vielleicht Vampire seid -- schließlich weiß doch Jeder, daß Vampire Ratten beschwören können. Aber mein Heiliges Symbol sagt mir, daß Ihr sauber seid. Oh, ich habe mich noch nicht vorgestellt: Jack Harker ist mein Name, und ich bin professioneller Vampirjäger. Seit Jahren jage ich Vampire." "Tja", Gemalion bemühte sich um einen ernsthaften Ton, obwohl ihn der Gedanke an unsterbliche Blutsauger mitten in der Stadt köstlich amüsierte, "Euer Heiliges Symbol hat recht: Wir sind keine Vampire. Und vermutlich wird es in der ganzen Stadt keine geben -- dank Eurer Arbeit, selbstverständlich." "Oh, da irrt Ihr Euch aber ganz gewaltig!" insistierte Harker und wedelte dabei mit seinem Zeigefinger Gemalion unter der Nase herum. "Der Vampir war gerade eben noch hier, aber Ihr habt ihn verscheucht. Ich habe eine wichtige Information über einen Vampir hier in der Stadt, für die ich viel Geld bezahlt habe." Gemalion konnte sich nur noch mit Mühe ein breites Grinsen verkneifen, als er erwiderte: "Nun, dann wollen wir Euch nicht länger von Eurer wichtigen und ohne Zweifel gefährlichen Arbeit abhalten. Wir selbst dürfen auch nicht länger säumen. Alles Gute -- und Waidmannsheil!" Damit ließ die Nachtwache den Vampirjäger stehen. "Der spinnt", war Silvanas erster Kommentar, als sie außer Hörweite waren. Ihre beiden Begleiter nickten beipflichtend. Gemalion ergänzte: "Aber ich glaube, er ist ein harmloser Irrer, also lassen wir ihm seine Freude." Mittlerweile waren sie in eine weitere Seitengasse eingebogen und konnten nicht umhin, ein Gespräch mitanzuhören, das aus der angelehnten Tür der "Red Sail Tavern" drang: "Es ist mir egal, wer ihr zu sein behauptet. Für mich seht ihr nicht aus wie die Nachtwache." Eine andere Stimme antwortete: "Nun hör´ mal zu, Kumpel, entweder du zahlst die vierzig Silbermünzen, oder wir schlagen den Laden kurz und klein, verstehst du?" Mehr brauchte Gemalion nicht zu hören, um wie ein wütender Stier die Türe aufzureißen und in den Schankraum des Gasthauses zu stürmen. Die fünf Männer drinnen zuckten erschreckt zusammen, als der junge Krieger hereinpolterte. "Was geht hier vor?" donnerte er. "Wir sind die Nachtwache des Hafenviertels, ihr Strauchdiebe!" Zur Bestätigung seiner Worte hob Troska die Laterne mit der blauen Scheibe. "Hah!" rief einer der Schutzgelderpresser, "das sind die Schufte, die uns unsere Laterne gestohlen haben!" Dabei hob er drohend seinen schweren Dolch. Entrüstet über so viel Unverfrorenheit und mit seiner Geduld restlos am Ende, zog Gemalion sein Bastardschwert, setzte dem Banditen die scharfe Spitze der Klinge auf die Brust und sagte mit gefährlich ruhiger Stimme: "Nun hör´ mir mal zu, Bürschchen. Laß ganz schnell deinen lächerlichen Zahnstocher fallen, sonst könnte es passieren, daß ich mit dem Schwert abrutsche und du einem bedauerlichen Unfall zum Opfer fällst." Der Dolch klirrte auf den Boden. "So ist es brav. Weiterhin möchte ich Euch raten, daß mir nie wieder zu Ohren kommt, daß hier irgendwelche Typen herumlaufen, sich für die Nachtwache ausgeben und Schutzgelder erpressen. Ansonsten müßte ich euch zur Verantwortung ziehen. Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt. So, und nun seht zu, daß ihr ganz schnell von hier verschwindet, bevor ich ernsthaft sauer werde." Inzwischen bedrohten auch Troska und Silvana die Kerle mit ihren Waffen, sodaß die Banditen es vorzogen, der Anweisung des Kriegers mit dem eindrucksvollen Schwert Folge zu leisten. Nachdem die Schurken eingeschüchtert das Weite gesucht hatten, zeigte sich der Wirt der "Red Sail Tavern" ausgesprochen dankbar. "Hah, daß diese Mistkerle endlich ihr Fett gekriegt haben, muß gefeiert werden! Kommt, ich lade Euch zu einem Bier ein!" rief er breit grinsend und füllte drei Krüge mit dem schäumenden Getränk. "Ähem, könnte ich bitte eine Ziegenmilch bekommen?" fragte Silvana. Der Wirt betrachtete sie zwar etwas pikiert und schnupperte in einem unbeobachteten Moment an seinem Bier, ob es etwa schlecht röche, servierte der Halbelfin aber das Gewünschte. "Haben die Schutzgelderpresser Euch schon öfter belästigt?" fragte Gemalion nach einem ordentlichen Schluck. "Nein", antwortete der Wirt, "bei mir haben sie es bisher noch nicht versucht. Aber ich weiß von anderen Schänken, daß die Kerle schon länger ihr Unwesen in der Unterstadt treiben." Nun meldete sich Silvana zu Wort: "Wißt Ihr zufällig auch etwas über irgendwelche Rattenkämpfe hier im Hafenviertel, vielleicht zur Belustigung der Seeleute? Wir untersuchen da einen mysteriösen Fall...." "Rattenkämpfe? Nein, davon habe ich nichts gehört. Aber es soll da tatsächlich eine neue Attraktion geben, mit der wohlhabende Leute unterhalten werden sollen. Genaueres weiß ich allerdings nicht darüber, bei mir verkehren keine wohlhabenden Leute." Er lachte. Die Vier unterhielten sich noch eine kurze Weile, dann verabschiedete sich die Nachtwache mit einem Hinweis auf ihre Dienstpflicht.

Die Nachtwache: Teil 11

Während sie so durch Dalgoths nächtliche Gassen patrouillierten, diskutierten sie leise die letzten Vorkommnisse. Plötzlich erhellte sich der Himmel in einem grellen Lichtblitz, unmittelbar gefolgt von einem tiefen Grollen. Es hätte der Vorbote eines Gewitters sein können, aber seltsamerweise schien der Blitz irgendwie von unten gekommen zu sein. Die Gefährten tauschten ratlose Blicke, liefen dann aber ohne ein weiteres Wort los, um nach der Ursache dieser merkwürdigen Phänomene zu fahnden. Sie bogen um eine Ecke und kamen auf einen weiten Platz. Gemalion, der an der Spitze des kleinen Trupps gelaufen war, blieb so abrupt stehen, daß die hinter ihm kommende Silvana hart gegen seinen Rücken prallte und ihn beinahe umgeworfen hätte. Silvana wollte gerade gegen Gemalions Vollbremsung protestieren, als sie sah, was den jungen Krieger so aus der Fassung gebracht hatte: Mitten auf dem Platz kauerte ein mächtiger blauer Drache, dessen schuppiger Schwanz aufgeregt den Boden peitschte. Doch die Aufmerksamkeit der Gefährten wurde von dem riesigen Untier abgelenkt durch zwei alte Männer, die sich neben dem Drachen wild gestikulierend anbrüllten. Einer der beiden drehte sich schließlich zu dem Blauen um und fuchtelte mit beiden Händen in der Luft herum, woraufhin kleine Lichtbälle das Ungeheuer trafen, welches schmerzerfüllt aufbrüllte und sich den beiden Alten zuwandte. Gemalion zögerte nicht länger. Mit blankgezogenem Schwert stürzte er dem Drachen entgegen. Dieser öffnete sein riesiges Maul und sagte in trotzigem Ton zu dem Alten, der die Lichtbälle auf ihn abgeschossen hatte: "Und ich sage es dir noch einmal: Es waren nicht deine albernen Meteore, die sie getötet haben -- Ich war es!" Gemalion war so verblüfft, daß er beinahe über seine eigenen Füße gestolpert wäre und sich auf Trojan stützen mußte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht, aber er hatte nicht die leiseste Ahnung, was hier tatsächlich vorging. Silvana machte ebenfalls kein sonderlich intelligentes Gesicht, nur Troska schien die Angelegenheit zu durchschauen, denn sie ging an ihren Gefährten vorbei und auf die beiden Alten - und den blauen Drachen - zu. Die geifernde Monstrosität vor ihr völlig ignorierend, begann die Priesterin auf die beiden Streithähne einzureden, woraufhin sich der Drache vor aller Augen in Luft auflöste. Nun dämmerte es auch Gemalion und Silvana, daß es sich bei dem Ungeheuer nur um eine Illusion gehandelt hatte, die einer der beiden alten - und reichlich betrunkenen - Magier erschaffen hatte. Der junge Krieger und die Halbelfin traten nun näher und konnten gerade noch hören, wie Troska sagte: "Es ist schließlich schon spät. Und bitte: Keine weiteren Feuerbälle oder ähnliches mehr, ja? Wir wollen doch nicht, daß Dalgoth in Flammen aufgeht." Einer der beiden Alten nickte, legte dem anderen kameradschaftlich den Arm um die Schultern und lallte: "Keine Sorge, junge Frau, ich bringe Yvas sicher nach Hause und sorge dafür, daß er keinen Blödsinn anstellt. Er ist nämlich ziemlich betrunken, wißt Ihr?" Dann wankte er mit seinem Kumpel davon. Troska blickte ihm lächelnd nach, während Gemalion kopfschüttelnd etwas von "Verrückten Magiern" vor sich hinbrummelte.

Wenig später hörten die drei Gefährten von der Rückseite eines Warenkontors deutlichen Kampfeslärm und Waffengeklirr. Seufzend machten sie sich auf, um auch die Ursache dieser Unruhe zu ergründen. Sie umrundeten das Gebäude und hörten einen Aufschrei: "Hah! - Hierher, Schurke!" Wieder krachte Stahl auf Stahl. Die Nachtwache erreichte den Kampfplatz und stand vor einem sechs Meter hohen, schmiedeeisernen Zaun mit einem Tor, der einen kleinen Innenhof umgab. Innerhalb dieses Gevierts stand ein Mann mit nacktem Oberkörper, der sich nur mit einem Schild gegen die Attacken einer Frau mit Krummsäbel verteidigte, deren Augen verbunden waren. Als der Mann die herannahende Wache bemerkte, stieß er ein hohes Zischen aus, woraufhin die Frau sich die Binde von den Augen riß und eilig im nächsten Hauseingang verschwand. "Einen wunderschönen Abend wünsche ich Euch", begrüßte der Mann mit dem Schild die Gefährten. Gemalion trat vor. "Danke, das wünschen wir Euch auch. Wir hörten Waffengeklirr und dachten, hier sei ein Kampf im Gange." "Aber nein. Ich bin Schwertmeister Draco Elass, und ich habe gerade mit einer meiner Schülerinnen trainiert, das ist alles. Sie kann nur am späten Abend kommen, da sie heimlich Unterricht nimmt und nicht gesehen werden möchte. Ihr seht also: Kein Grund zur Besorgnis. Aber es freut mich zu sehen, daß unsere Nachtwache so auf Zack ist. Weiterhin noch alles Gute!" Die Gefährten verabschiedeten sich von dem Schwertmeister und setzte anschließend ihre Patrouille fort. Als sie um eine weitere Ecke bogen, kam ihnen eine in einen weiten Mantel gehüllte Gestalt entgegen. "Die Götter seien Dank, daß ich Euch gefunden habe", ertönte eine weibliche Stimme aus den Tiefen der Kapuze. "Meister Bulclutha bittet Euch, in unseren Tempel zu kommen. Er sagte, es sei dringend." Nun erkannte Silvana die Begleiterin des Elfen, in dessen Obhut die Nachtwache den Fischköderhändler Theodore gelassen hatte. Nach einer kurzen Erklärung von Silvana fragte Gemalion: "Worum handelt es sich? Ist etwas mit Theodore?" "Nein", antwortete die Elfin, "es geht wohl um etwas anderes. Aber kommt doch bitte einfach mit zum Tempel und laßt den Meister erklären." Schließlich folgten ihr die Drei zum Tempel der See-Elfen.

Die Nachtwache: Teil 12

"Dies hier ist unser Hospiz", erklärte die junge Frau, die sich selbst als Malstrua vorgestellt hatte. In dem großen Raum, den die Gruppe gerade betrat, lagen ein gutes Dutzend Menschen auf Seegrasbetten und schliefen oder blickten den Neuankömmlingen neugierig entgegen. Der Kleriker Bulclutha wanderte zwischen den Betten einher, beugte sich hier über einen Schlafenden und zog dort eine Decke zurecht. Beim Eintreten der Gefährten wandte er sich ihnen zu und sagte: "Heil Euch und Willkommen, geehrte Mitglieder der Nachtwache. Seht Euch in Ruhe um, ich komme gleich zu Euch." Die Ärmsten der Armen von Dalgoth waren hier versammelt: Obdachlose, Menschen mit ansteckenden Krankheiten oder einfach nur Betrunkene, die hier kostenlos ein Bett, etwas zu essen und medizinische Behandlung erhielten. Gemalion nickte anerkennend. Silvana entdeckte in einer Ecke eine Pritsche mit dem friedlich schlafenden Theodore und schlenderte zu ihm hinüber. Bulclutha trat zu ihr und sagte lächelnd: "Wir konnten ihn während eines langen und anstrengenden Rituals vom Amulett der unterseeischen Freundschaft befreien. Er befindet sich jetzt auf dem Wege der Besserung. In etwa zwei Tagen wird er wieder ganz der Alte sein." Der Elf nahm Silvana am Arm und führte sie zu Troska und Gemalion zurück. "Würdet Ihr mir bitte folgen?" forderte er sie auf. "Ich habe Euch wegen eines besonders schwierigen Falles herbitten lassen." Bulclutha geleitete die Nachtwache zum Bett eines jungen Mannes, der schlafend auf der Seite lag und unter dessen Arm sich eine schwarze Katze eingerollt hatte. Der Mann hatte eine tiefe Platzwunde an der Stirn, deren Blutung notdürftig gestillt worden war. Das Fell der Katze war mit Blut verklebt. Um ihren Hals trug sie ein auffälliges Lederband mit darauf eingeätzten Runen. Bulclutha erläuterte an Troska gewandt: "Ich benötige hier Eure klerikalen Fähigkeiten, ehrwürdige Tochter Sirrions. Zwei Männer brachten den Verletzten und die Katze hierher, aber keiner der beiden Retter konnte ihn identifizieren. Die heutige Nacht war leider ziemlich turbulent, und meinen letzten Heilzauber habe ich auf diesen jungen Mann hier verwandt. Anschließend stellte sich heraus, daß er sein Gedächtnis verloren hat. Die Katze ist ebenfalls schwer verletzt und wird ohne Hilfe bald sterben. Durch sie erhoffen wir uns aber Aufschluß über die Identität des Verletzten. Seid Ihr imstande und willens, das Tier zu heilen?" Troska nickte mit großem Nachdruck, obwohl sie sich ganz und gar nicht sicher war, ob sich der Erfolg, den sie bei Gemalions Schulterverletzung gehabt hatte, nun wieder einstellen würde. Sie trat an das Krankenbett heran und streckte ihre Hand entschlossen nach der Katze aus, als der junge Mann, in dessen Armbeuge sich das Tier eingerollt hatte, erwachte und die Elfin verwirrt anstarrte. "Ah, Amnesiac, mein junger Freund", schaltete sich Bulclutha ein, "dies ist die Priesterin, die sich um Eure Katze kümmern wird." Der Verwundete nickte und hob seinen Arm, damit Troska besser an das Tier herankommen konnte. Die Elfin legte ihre Rechte auf den blutverschmierten Körper der Katze, umfaßte mit der anderen Hand ihr Heiliges Symbol und schloß die Augen in stillem Gebet zu Sirrion. Plötzlich waren alle Zweifel am Gelingen des Heilzaubers wie weggeblasen. Troska fühlte göttliche Energie durch ihren Körper und über ihre Handflächen auch in den zerschundenen Leib der Katze strömen. Die korrekten Worte für den Heilzauber schienen ihr aus dem Amulett zuzufließen und unter ihren zitternden Fingern fühlte sie Blutgefäße und Muskelfasern sich verbinden und die Wunden sich schließen. Als die Heilung abgeschlossen war und der Strom göttlicher Energie langsam abebbte, empfand Troska darüber leichtes Bedauern. Das überwältigendste Gefühl in ihr war aber grenzenlose Erleichterung, denn von diesem Augenblick an war ihr nicht nur dieser Zauber wieder geläufig, sondern alle ihr vor ihrem Gedächtnisverlust zur Verfügung stehenden Priestersprüche schienen plötzlich aus dem Nebel des Vergessens aufzutauchen. Zum erstenmal seit ihres Erwachens im Mishakal-Tempel fühlte sie sich wieder als wahre Priesterin Sirrions.

Wie aus einer Trance erwachend blickte die Elfin auf die Katze, die sie gerade geheilt hatte. Das Tier öffnete langsam die Augen und gähnte zunächst einmal herzhaft, bevor es sich erhob, streckte und die Umstehenden mit klugen, grünen Augen musterte. Dann sprang es zu Boden und rannte flink Richtung Ausgangstür, wo es laut miauend zur Klinke blickte. Der junge Mann, den Bulclutha aufgrund seines Gedächtnisverlustes Amnesiac genannt hatte, stand mit neuer Hoffnung auf und öffnete der Katze die Tür. Sofort schoß das Tier ins Freie, wobei es sich allerdings ständig umblickte, als wolle es die Zweibeiner auffordern, mit ihm zu kommen. So machten sich Amnesiac, Troska, Silvana und Gemalion an die Verfolgung der schwarzen Katze, die immer wieder stehenblieb, um die langsameren Menschenwesen nicht zu verlieren. Zielstrebig bog sie schließlich in eine schmale Gasse ein, wo sie kurz darauf vor einer Türe stehenblieb. Auf dieser war ein Bild eingraviert, das ein Reagenzglas zeigte, aus welchem eine Flüssigkeit in ein Becherglas umgefüllt wurde, das Zeichen der Alchemisten und Apotheker. Die Katze kratzte mit Nachdruck an dieser Tür, bis Gemalion herangekommen war und den Türknauf drehte. In diesem Moment waberte bläulicher Rauch durch den entstehenden Spalt, die Katze machte einen Satz rückwärts und Gemalion fing an zu husten. Gleichzeitig riß er die Türe vollends auf und ging dann ein paar Schritte zurück. Als sich der Qualm weitgehend verzogen hatte, betraten die Gefährten vorsichtig das Haus. Sie gelangten in ein kleines Laboratorium voller Reagenzgefäße und Phiolen mit undefinierbaren Pülverchen und Flüssigkeiten. Vor dem großen Arbeitstisch lag eine offensichtlich bewußtlose junge Frau. Die Katze rannte sofort zu der reglosen Gestalt und stupste mit der Nase gegen ihre Wange. Troska eilte ebenfalls zu der Bewußtlosen, die im selben Augenblick hustend und würgend erwachte. Gemeinsam schleppten die Gefährten die junge Frau zunächst einmal ins Freie, damit sie frische Luft tanken konnte. Als sie wieder zu Atem gekommen war, knuddelte sie die schwarze Katze und dankte, noch etwas benommen, ihren Rettern. Sie erklärte ihnen, daß sie aufgrund eines fehlgeschlagenen Experiments das Bewußtsein verloren hatte. Es stellte sich heraus, daß Esper, die schwarze Katze, ihr gehörte und mehr war als nur ein gewöhnliches Tier: Sie war die Vertraute der jungen Frau und damit intelligent und auf empathischem Wege mit ihrer Herrin verbunden. Amnesiac seufzte tief: "Wenn die Katze Euch gehört, gibt es immer noch keinen Hinweis, wer ich wirklich bin." Troska legte dem jungen Mann mitfühlend die Hand auf die Schulter, nur zu gut konnte sie sich in seine Lage versetzen. Doch Gemalion schüttelte nur bedauernd den Kopf: "Das tut mir wirklich leid für Euch, aber ich weiß wirklich nicht, wie wir Euch jetzt noch helfen könnten." Die junge Alchemistin erkundigte sich, was für Probleme es gäbe, und nachdem Amnesiac in knappen Sätzen sein Leid geschildert hatte, sagte sie: "Möglicherweise kann ich Euch helfen. Irgendwo müßte ich noch einen Trank haben, der Eurem Gedächtnis auf die Sprünge helfen sollte." Troskas immer noch etwas verschleierter Blick klärte sich bei diesen Worten schlagartig. "Ein Trank, der die Erinnerung wiederbringt?" fragte sie aufgeregt. "Wißt Ihr, Silvana und ich leiden nämlich ebenfalls an Amnesie, und...." Die Alchemistin unterbrach sie mit einem traurigen Kopfschütteln: "Bevor Ihr Euch allzu großen Hoffnungen hingebt, muß ich Euch gleich sagen, daß ich nur einen einzigen Trank der Gedächtnis-Restoration besitze. Ihr werdet Euch untereinander einigen müssen, denn das Rezept der Mixtur kenne ich leider auch nicht. Es tut mir sehr leid, ich hätte Euch wirklich gerne geholfen." Troska seufzte. "Schon gut, es ist ja nicht Eure Schuld. Selbstverständlich verzichte ich zugunsten des jungen Mannes." Silvana nickte. "Ich auch", erklärte sie einfach.

Die Nachtwache: Teil 13

Während dieses Gesprächs war die schwarze Katze auf den hohen Arbeitstisch gesprungen und befand sich so in Augenhöhe mit der Ratte auf Troskas Schulter. Die Alchemistin hatte noch einmal das Wort an Amnesiac gerichtet, unterbrach sich jedoch plötzlich mitten im Satz und wandte sich Troska zu: "Einen recht ungewöhnlichen Gefährten habt Ihr da", und bevor Troska protestieren konnte, fuhr sie fort: "Esper hat sich mit ihm unterhalten und mir mitgeteilt, daß es da ein Problem gibt. Wollt Ihr mir davon erzählen? Vielleicht kann ich Euch auf diese Weise behilflich sein." Troska warf einen fragenden Blick zu Gemalion, und als dieser zögernd nickte, erzählte sie der jungen Frau von ihrer Begegnung mit Cudzu und dem Ultimatum, das er ihnen gestellt hatte. Nachdem sie dies vernommen hatte, schwieg die Alchemistin einige Zeit, dann sagte sie nachdenklich: "Ich glaube, ich kann Euch tatsächlich helfen. Ich habe von solchen Rattenkämpfen gehört. Wenn ich mich recht erinnere, dann werden sie im Gasthaus >Salziger Hund< ausgetragen. Aber seid vorsichtig, wenn Ihr dorthin geht, mit solchen Leuten ist bekanntlich nicht gut Kirschen essen." Die Drei bedankten sich herzlich, hocherfreut, endlich einen Anhaltspunkt zu haben, da sie ja bisher mit ihren Nachforschungen ziemlich ins Leere gelaufen waren und die Zeit bis zum Ablauf des Ultimatums knapp zu werden begann. Eilends machten sie sich auf zum Gasthaus >Salziger Hund<. Auf dem Weg beratschlagten sie ihre Taktik, denn es war klar, daß sie auf offiziellem Wege nichts erreichen würden. Wenn die Veranstalter der Rattenkämpfe Wind davon bekämen, daß die Nachtwache sich in ihrem Etablissement aufhielt, wäre sicher von irgendwelchen unsauberen Machenschaften keine Spur mehr zu sehen. Troska entfernte also die blaue Scheibe aus der Laterne, als sie sich der Taverne näherten. Die weitere Vorgehensweise würden sie beschließen, wenn sie sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut gemacht hätten. Am Eingang des Gasthauses sahen sie sich einem hünenhaften Türsteher gegenüber, der von jedem von ihnen einen Silberling Eintritt forderte. Murrend bezahlte die Drei und betraten dann einen überaus lauten Schankraum mit einer großzügig angelegten Bar. An den Wänden hingen Zielscheiben zum Pfeil- oder Messerwerfen und an allen Tischen wurde eifrig gewürfelt oder Karten gespielt. Auf einer umlaufenden Galerie standen die Buchmacher und Wettwilligen. Gemalion, Troska und Silvana mischten sich getrennt unter das illustre Völkchen, um weitere Informationen zu sammeln. Gemalion fand Platz an einem der Spieltische, an dem mit zwei Würfeln um die jeweils höchste Zahl gewürfelt wurde. Die Einsätze waren niedrig, und der junge Mann lief nicht Gefahr, seinen gesamten Sold zu verspielen. Nach drei Würfelrunden kam Gemalion mit seinen drei Mitspielern ins Gespräch. Er erzählte ihnen, daß er neu in Dalgoth sei und gehört habe, der >Salzige Hund< sei berühmt für seine mannigfaltigen Möglichkeiten der Zerstreuung. "Aber um ehrlich zu sein, bin ich bis jetzt ein wenig enttäuscht", sagte Gemalion schließlich und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. "Was ich bisher hier gesehen habe, ist zwar ganz amüsant, aber beileibe nichts Besonderes." "Ach, der Herr hat wohl einen ausgefallenen Geschmack?" grinste einer seiner Mitspieler. "Tja, da kann ich dir nur raten, dir beim Bartender ein Ticket für die Arena zu besorgen. Aber du wirst dich beeilen müssen, denn in zehn Minuten geht das Spektakel los, und die Plätze sind begehrt." Gemalion beugte sich zu seinem Gegenüber und flüsterte im Verschwörerton: "Das klingt ja wirklich interessant. Was wird denn in dieser Arena so geboten?" Das Grinsen des vierschrötigen Spielers wurde noch breiter. "Dachte ich´s mir doch, daß dich das neugierig machen würde." Er lehnte sich noch weiter über den Tisch und raunte: "Ja, es ist auch wirklich fesselnd, zuzusehen, wie die grimmigen, blutdürstigen Hunde sich auf dieses nagezähnige Ungeziefer stürzen und es zwischen ihren kräftigen Kiefern zermalmen!" Gemalion heuchelte Begeisterung. Sein Gegenüber ließ sich, zufrieden mit der Wirkung seiner Worte, auf den Stuhl zurücksinken. Gemalion erhob sich mit der Entschuldigung, sich sofort einen Platz in dieser Arena sichern zu müssen und verließ den Spieltisch, um Troska und Silvana zu suchen und ihnen das Gehörte mitzuteilen. Während ihres Erfahrungsaustauschs betraten mehrere Männer mit kräftigen Terrierhunden das Lokal und verschwanden sofort im Keller, wo sich die geheimnisvolle Arena befinden sollte. Die Drei entschieden, daß sie sich in die Höhle des Löwen wagen mußten, wenn sie irgendetwas erreichen wollten. Also kauften sie sich am Tresen die Tickets, die sie zur Teilnahme an dem Spektakel im Keller berechtigen würden. Endlich war es soweit. Ein Gong wurde geschlagen, und ein Großteil der Gäste strömte zu der Kellertreppe. Am Kopf dieser Treppe betätigte sich der riesenhafte Türsteher nun als Eintrittskartenkontrolleur.

Die Gefährten gehörten zu den letzten Zuschauern, die in den Keller drängten. Unten war der erste Kampf bereits in vollem Gange. Unter den begeisterten Anfeuerungsrufen seines Besitzers und des Publikums stürzte sich ein stämmiger, schwarzer Hund in einem umgitterten Rund auf eine Gruppe von etwa fünfzig Ratten und wütete unter ihnen wie ein Fuchs im Hühnerstall. Blut spritzte, die Nager quiekten in Todesangst und die Wetten der tobenden Menge stiegen immer höher. Wie viele Ratten würde der Hund innerhalb von drei Minuten töten können? Entlang der Wände standen Käfige mit Hunderten weiterer Tiere, die auf ihre Hinrichtung warteten. Troska spürte, wie sich der Ratte, die sie unter ihrer Tunika versteckt hielt, alle Haare sträubten. Das Tier quiekte empört, und bevor die Elfin es daran hindern konnte, sprang es mit einem Satz zu Boden und verschwand zwischen den Beinen der Gaffer. Trotz angestrengter Observation war es den Dreien auch nach zehn Minuten noch nicht gelungen, den Betreiber der Rattenkämpfe zu lokalisieren, der nach Cudzus Aussage eine magische Flöte besitzen sollte, mit der er die Ratten unter Kontrolle hielt. In der Zwischenzeit hatte Gemalion sich einen Plan überlegt und teilte diesen nun seinen Begleiterinnen mit: "Ich könnte so tun, als sei ich sturzbetrunken und öffne dabei einige der Käfige. Dann wird der Kerl mit der Flöte sicherlich in Erscheinung treten. Haltet also die Augen offen, wenn ich mit der Show beginne." Troska und Silvana hatten nichts gegen diese Vorgehensweise einzuwenden, und so brachte sich Gemalion unauffällig in eine taktisch günstige Position. Silvana konnte ihre Augen kaum von dem brutalen Geschehen in der Arena abwenden. Schaudernd dachte sie an diesen unappetitlichen Verkaufsstand am Hafen, der Ratten am Spieß feilbot, und an die Bißspuren, die ihr an den toten Tieren aufgefallen waren. Gemalion hatte sich inzwischen zu den hinteren Zuschauerrängen durchgearbeitet und inspizierte die Käfige und ihre Verschlüsse, die netterweise nur aus einfachen Haken bestanden. Die ersten Käfige öffnete er unbemerkt, doch dann wurde ein Zuschauer auf sein eigenartiges Treiben aufmerksam. Nun bewies der junge Adlige, daß er über ein gerüttelt Maß an schauspielerischem Talent verfügte. Er lallte unverständlich vor sich hin, tastete wie haltsuchend nach der nächsten Käfigtür und öffnete auch diese. Dann ließ er sich, noch bevor der entrüstete Zuschauer reagieren konnte, schwer gegen den danebenstehenden Käfig fallen und warf dabei das gesamte Ständerwerk um. Auf diesen Lärm wurden nun auch die vorderen Ränge aufmerksam. Ein hoher Flötenton erklang und ließ die Ratten, die gerade den offenstehenden Käfigen zu entrinnen suchten, in der Bewegung erstarren. Silvana hatte den Besitzer der Flöte schnell ausgemacht. Noch dazu stand sie ganz in seiner Nähe und konnte ihn innerhalb weniger Sekunden erreichen. Ohne langes Federlesen versetzte Silvana dem Tierquäler einen kräftigen Kinnhaken, so daß ihm die Flöte entglitt. Sofort hechtete die Halbelfin hinterher und konnte das Instrument an sich bringen. Dann nahm sie die Beine in die Hand, dabei Troska und Gemalion signalisierend, es ihr schnellstens gleichzutun. Glücklicherweise bewahrheitete sich wieder einmal der Spruch `Viel Muskeln, wenig Hirn´, denn der massige Türsteher schien die Situation in keinster Weise erfaßt zu haben, und so erreichte die Nachtwache ungehindert die Straße, nachdem Gemalion in der allgemeinen Verwirrung noch etliche weitere Käfige geöffnet hatte. Gemeinsam rannten die Drei durch Dalgoths nächtliche Straßen und bogen um mehrere Ecken, bevor sie keuchend, aber sich zufrieden angrinsend, stehenblieben. "So, ich habe die Flöte", stellte Silvana fest, als sie wieder zu Atem gekommen war. "Was machen wir jetzt damit?" Troska antwortete in bestimmtem Ton: "Na, wir gehen zum Treffpunkt im Getreidespeicher und liefern sie bei Cudzu ab. Er wird am besten wissen, was damit zu tun ist." Silvana nickte. " Das wäre auch mein Vorschlag gewesen." Da auch Gemalion seine Zustimmung signalisierte, machten sie sich auf den Weg, um Cudzu ihre Erfolgsmeldung zu übermitteln.

So hatten Gemalion, Troska und Silvana eine weitere Nacht ihres harten Dienstes erfolgreich hinter sich gebracht. Alle drei sahen der Zeit entgegen, wo sie zur regulären Stadtwache gehören würden.

Auf den Spuren der Banditen: Teil 1

Das erste Gefühl, das in seinen bewußtlosen Körper zurückkehrte, war der Schmerz. Warum Schmerz? Was war geschehen, wo oder wann war er - er hatte keine Ahnung. Er zwang seine bleischweren Lider, sich zu heben und mühte sich, Klarheit in das Bild zu bekommen, welches seine Augen ihm zeigten. Er lag in einem kleinen Raum, mehr eine Kammer als ein Zimmer, mit einem Stuhl, einem Pult und dem Bett, auf dem er lag. Durch ein kleines Fenster wehte ein frischer Luftzug und mit den Strahlen einer tiefstehenden Sonne drang Vogelgezwitscher in die Kammer. Beide Eindringlinge schienen seinen Kopf zum Bersten bringen zu wollen, doch immerhin konnte er langsam wieder klar denken, wenn auch nur schwerfällig. Ein zweiter Blick durch den Raum ließ ihn nun auch kleinere Einzelheiten erkennen. Neben dem Bett hing eine Kordel mit einem Griff, doch wer würde erscheinen, wenn er daran zog? Auf dem Pult stand eine einfache Öllampe und dahinter eine kleine Götterstatue. Er hob seinen dröhnenden Schädel und erkannte Mishakal, die Göttin der Heilkunst - war er in einem Spital? Plötzlich erkannte er in dem grauen Stoffballen auf dem Stuhl seine Robe und wurde tiefrot im Gesicht, als er feststellte, daß er vollkommen nackt im Bettlinnen stak. Dabei bemerkte er auch den unverkennbaren Duft von Kräutersalben, die der Heilung und Schmerzlinderung dienten und kam so endgültig zu dem Schluß, sich in einem Spital zu befinden, dem Geräuschpegel vor dem Fenster nach in einer großen Stadt. Er setzte sich vorsichtig auf und begann methodisch seine Kleider überzustreifen, während er sich zu erinnern versuchte. Sein Meister hatte ihn vor.... - ja, wievielen eigentlich? - Tagen nach Dalgoth geschickt, um einen Brief bei dessen langjährigem Freund Barnabas abzugeben - persönlich, wie er immer wieder betonte. Und er hatte ihm einen kleinen Geldbetrag mitgegeben, von dem er drei Glöckchen aus lauterem Silber erstehen sollte; das Restgeld stünde zu seiner Verfügung. So hatte er sich aufgemacht, um das erste Mal eine richtige Stadt zu sehen. Der erste Tag seines Marsches verlief völlig ereignislos, und nach einer ruhigen Nacht im Lager einiger Fellhändler wanderte er am folgenden frohen Mutes weiter. Doch ein längerer Regenguß. vor dem er Zuflucht in einem halbzerfallenen Schrein eines undefinierbaren Gottes suchte, verzögerte sein Eintreffen in Dalgoth bis Sonnenuntergang. Und so irrte er bei Einbruch der Dunkelheit durch die düsteren, nebelverhangenen Straßen der Stadt, um das Haus von Barnabas zu finden. In einer kleinen Gasse hörte er plötzlich hinter sich Schritte, und bevor er sich noch richtig umgedreht hatte, sauste auch schon ein schwerer Knüppel seinem Schädel entgegen. Er erkannte gerade noch zwei Gestalten, einen Hünen und eine zwergenhafte Person, und roch den intensiven Körpergeruch des einen, als sein Bewußtsein unter dem Aufprall des Knüppels floh. Man hatte ihn also ausgeraubt. Plötzlich machte sich panisches Entsetzen in ihm breit; wo waren seine Taschen, seine Pergamente, die Materialien, die er so dringend benötigte, um seine schwache Kunst zu wirken? Er riß an dem Strang neben dem Bette und hörte in der Ferne eine Glocke anschlagen. Wenig später erschien eine junge Laienhelferin in der Tür, die ihm in den nächsten Minuten alle Hoffnung nahm, indem sie ihm erklärte, daß alles, was man bei ihm gefunden habe, hierhergebracht worden sei. Mit einem verzweifelten Seufzer legte er sich, plötzlich ermattet, wieder auf das Bett, um seiner Panik Herr zu werden und wieder Klarheit in seine Gedanken zu bringen. Die Laienhelferin, ein kleines, dickliches Mädchen von vielleicht zwölf Jahren mit blondem Zottelhaar und vielen Sommersprossen sagte ihm noch, sie werde den diensthabenden Priester benachrichtigen, daß der Patient wach sei, und verschwand. Etwa eine halbe Stunde später erschien der Priester, untersuchte ihn kurz und erklärte, daß bei etwas Schonung in den nächsten Tagen kein Grund für einen weiteren Aufenthalt im Haus der Heilung bestünde. Er bat den jungen Mann aber, noch für eine kurze Weile zu bleiben, da die Stadtwache ihm ein paar Fragen stellen wolle.

Auf den Spuren der Banditen: Teil 2

Es mochte eine gute halbe Stunde sein, für seine angespannten Nerven jedoch hatte es sich zu einer Ewigkeit gedehnt, bis Dices jemanden an der Türe hörte. Ohne zu Klopfen öffnete eine drahtige, junge Frau im Wappenrock der Wache und trat ein, gefolgt von einem kräftig gebauten Mann in derselben Tracht, der seine Zugehörigkeit zur solamnischen Aristokratie wie eine Art Aura auszustrahlen schien. Zur Überraschung des jungen Magus ergriff die Frau das Wort, während sich der ungewöhnlich dunkelhäutige Solamnier betont im Hintergrund hielt. "Ihr seid also auch überfallen worden. Was habt Ihr von den Mistkerlen mitbekommen?" Dices´ Gesicht erstarrte zu einer Maske der Ablehnung ob des Tones und der Unhöflichkeit, aus denen Arroganz und Überheblichkeit geradezu troffen. Der junge Solamnier verdrehte die Augen gen Zimmerdecke, schüttelte resignierend den Kopf und verließ wortlos den Raum. "Die gewaltige Kraft Eures Geistes wird nur durch Eure göttlich erhabene Höflichkeit übertroffen." Dices konnte sich einen beißend sarkastischen Kommentar nicht verkneifen, bevor er in geschäftsmäßigem Ton fortfuhr: "Ja, ich bin überfallen worden. Außer der Kleidung an meinem Leibe ist mir nichts geblieben. Besonders wichtig und auffällig war eine Tasche aus grünem Echsenleder, die meine Zauberutensilien inklusive Spruchniederschriften enthielt. Ich wurde von hinten überfallen, so daß ich die Täter nicht wiedererkennen würde." Er machte eine kurze Denkpause, die die Kriegerin zu einer Zwischenfrage nutzte: "Ihr habt also absolut keine Ahnung, wer oder wie viele es waren? Könnt Ihr eine Liste der gestohlenen Sachen anfertigen?" "Wenn Ihr lernen würdet, Eure Gesprächspartner ausreden zu lassen, könntet Ihr Euch viel Arbeit und auch Ärger ersparen." Er schloß einen Moment die Augen, um im Geiste noch einmal jene fatalen Sekunden zu durchleben. "Es waren zwei, soweit ich es aus den Augenwinkeln erkennen konnte. Einer war sehr klein, dabei aber kräftig gebaut, wahrscheinlich also ein Zwerg oder ein kräftiger Gnom. Der andere hatte einen riesigen Körper, größer als ich und eine Statur wie ein Preisringer." Er zögerte einen Augenblick. "Ich glaube mich an einen starken Körpergeruch zu erinnern, eine Mischung aus Schweiß von mehreren Tagen und starken alkoholischen Getränken. Ich fürchte zwar, daß diese spärlichen Informationen nicht sehr hilfreich für die Tätersuche sind, aber mehr weiß ich beim besten Willen nicht." "Hm. viel ist das ja nun wirklich nicht, aber dennoch könnte es uns näher an diese verdammten Dreckskerle heranbringen." Dieser Gefühlsausbruch der bisher so unterkühlt wirkenden Kämpferin überraschte den jungen Mann. "Mir scheint, hinter Eurem Interesse an dieser Bande steckt mehr als nur Pflichterfüllung?" "Hm, ja, ich befand mich vor ungefähr zwei Monaten in genau derselben Situation wie Ihr jetzt: Kein Geld, aber jede Menge Kopfschmerzen." "Ich nehme an, wir sind nicht die einzigen Opfer. Gibt es noch irgendwelche anderen Informationen, die Euch bekannt sind? Wie viele Opfer gibt es, wann begannen die Überfälle, wurden nur bestimmte Gegenden heimgesucht und so weiter?" "Ich weiß bisher nur von einem weiteren Opfer, einer Elfin, die in derselben Nacht überfallen wurde wie ich, also vor etwa zwei Monaten. Was die Stadtviertel betrifft.... - Moment mal, wer befragt hier eigentlich wen?" Belustigung huschte kurz über das Gesicht des jungen Magiers. "Nun, zuerst habt Ihr mich befragt, und ich habe Euch alle Informationen gegeben, über die ich verfüge. Da ich selbst ein großes Interesse daran habe, die Schurken gefaßt zu sehen, versuche ich nun, da Ihr Euch offensichtlich in einer Sackgasse befindet, über eigene Wege zu unserem gemeinsamen Ziel zu gelangen. Leider bin ich bis jetzt noch zu keinem Schluß gekommen. Ich fürchte, daß die hilfreichen Geister dieses Hauses mich vor die Tür setzen werden, wenn sie mich als genesen ansehen, also werde ich mich zunächst um eine Möglichkeit, mir Brot und Unterkunft zu verdienen, kümmern müssen." "Ich glaube nicht, daß Ihr wie ich der Wache beitreten könntet", bemerkte die Halbelfin mit einem abschätzigen Blick auf seinen nicht gerade durchtrainierten Körper. Ein leichtes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. "Nein, nicht wie Ihr...."

Draußen auf dem Korridor des Mishakaltempels wartete Gemalion, lässig an die Wand gelehnt und imaginäre Fusseln von seinem Wappenrock schnippend, auf die Rückkehr von Silvana. Die Halbelfin und er selbst waren zusammen mit Troska vor etwa drei Wochen in die reguläre Stadtgarde übernommen worden, und in all der Zeit war Silvana wie ein Bluthund jedem noch so kleinen Anhaltspunkt in bezug auf ihre Attentäter nachgegangen. Dieser junge Mann heute war der vielversprechendste Hinweis seither. Silvana hatte darauf bestanden, die Befragung selbst vorzunehmen. Gemalion, der mit ihrer wenig diplomatischen Art inzwischen hinlängliche Erfahrungen sammeln konnte, hatte sie gewarnt, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Aber er hätte ebensogut eine Wand ermahnen können. Als er Zeuge ihrer überfallartigen Befragung wurde, hatte der junge Adlige sich lieber dezent zurückgezogen, weil er ansonsten seinem Drang, Silvana energisch zurechtzuweisen, nachgegeben hätte. Um allen Anwesenden diese Peinlichkeit zu ersparen, hatte Gemalion es vorgezogen, das Zimmer schleunigst zu verlassen. Schließlich öffnete sich die Tür des Krankenzimmers, und Silvana verließ es gemeinsam mit dem jungen Mann. Gemalion stieß sich von der Wand ab und trat ihnen entgegen. "Er will der Stadtgarde beitreten", kommentierte Silvana übergangslos. Gemalion musterte den hochgewachsenen, aber eher dicklichen als kräftigen jungen Mann in der mausgrauen Robe einen Augenblick lang stirnrunzelnd, zuckte dann aber die Achseln und sagte gleichgültig: "Folgt mir."

Auf den Spuren der Banditen: Teil 3

Der junge Magier stand ruhig und selbstsicher vor Hauptmann Sunny, dessen Gesicht eine Mischung aus Mitleid und Belustigung zeigte. "Soso, bei der Garde wollt Ihr also Arbeit finden? Ich sehe es Euch auf drei Meilen an, daß Ihr noch nie ein Schwert geführt habt, und Eure Statur läßt nicht eben auf einen durchtrainierten Körper schließen. Wie wollt IHR also der Wache von Nutzen sein?" Dices antwortete im Tonfall eines geduldigen, alten Lehrmeisters, dem eine dumme Frage gestellt wurde: "Zum Schreiben bedarf es keines athletischen Körpers, wohl aber einer geübten Hand und eines Quentchens Verstand. Mir ist bekannt, daß die Wache genaue Bücher über ihre Aktivitäten, Ausgaben und Mitglieder führt. Daher kann man annehmen, daß auch ein Mann des Geistes seine Aufgabe hier erfüllen kann." Der Hauptmann warf ihm einen mißmutigen Blick zu. "Irgendwelche Qualifikationen?" fragte er schließlich. "Meine Schriftstücke wurden mir gestohlen, doch mit etwas Pergament und Tinte könnte ich eine Probe meiner Kunst liefern. Desweiteren spreche ich fließend den Qualinesti-Elfendialekt und verstehe recht viel Goblinisch." "Nun gut. Meldet Euch bei Trelak, dem Schreibstubenvorsteher. Erklärt ihm, was Ihr wollt und welche Fähigkeiten Ihr habt. Er wird dann über Eure Verwendung befinden. Ihr findet seine Stube im Westkorridor, dritte Tür links." Dices neigte leicht den Kopf. "Danke. Ihr werdet es nicht bereuen."

Nachdem Gemalion den jungen Magier am Garnisonsgebäude abgeliefert hatte, trennte er sich von Silvana, um alleine ein wenig durch Dalgoth zu schlendern. Ihm fiel auf, daß die Stadt seit seiner Ankunft ihr Gesicht verändert hatte; viele Fremde wanderten durch die überfüllten Straßen, überall hörte man von wiederaufgeflammten Kämpfen mit den Drachenarmeen in Solamnia und Abanasinia, und immer noch strömten Flüchtlinge aus ganz Ansalon nach Northern Ergoth, das vom Krieg weitgehend verschont geblieben war. Gemalion machte sich Sorgen um seine Familie. Lemish lag mitten im Herrschaftsbereich der blauen Drachenarmee, und die reiche Stadt mit seinem gut geschützten Flußhafen und der befestigten Burganlage wäre bei einem geplanten Angriff von Takhisis´ Truppen ein bevorzugtes Ziel. Der junge Kämpfer wurde aus seinen Gedanken aufgeschreckt, als sein Blick auf eine kindsgroße Gestalt fiel, die sich hinter dem Rücken eines Händlers an dessen Auslagen zu schaffen machte. Es handelte sich um einen Kender, einen Vertreter jener Rasse also, deren Taschen stets mit fremdem Eigentum zum Bersten gefüllt waren, obwohl sie den Vorwurf des Diebstahls weit von sich weisen würden. Wie ihre Angewohnheit, ständig ihre Hände und Nasen in Dinge zu stecken, die sie nichts angingen, war auch ihre unbezähmbare Neugier und ihr Mangel an Furcht allgemein bekannt. Gemalion war ein Mitglied der Stadtwache und derzeit sogar im Dienst, also hatte er das Eigentum Anderer zu schützen. Daher eilte er mit großen Schritten auf den Kender zu und packte ihn am Schlafittchen. Jetzt wurde auch der Händler auf den kleinen Kerl aufmerksam und bedachte abwechselnd ihn mit Beschimpfungen und Gemalion mit Dank. Der Kender wand sich beleidigt im Griff des jungen Kriegers und quiekte: "Was wollt Ihr denn von mir? Ich habe nichts getan!" "Das werden wir sehen, wenn ich deine Taschen durchsucht habe!" entgegnete Gemalion grimmig.

Aus den Schatten der Kapuze blitzten eisblaue Augen, die jeden Händler, jeden Käufer, alle Stände und Buden mit ihren mannigfaltigen Waren, jedes Detail des Marktes in sich aufzusaugen schienen. Als der Blick des Beobachters auf einen Stadtgardisten fiel, der anscheinend auf eine sehr viel kleinere Gestalt einredete, bahnte er sich entschlossen einen Weg durch das Treiben, der ihn direkt hinter den Ordnungshüter brachte. Die Stimme des Gardisten klang gereizt, als er seinem nur einen Schritt großen Gegenüber gebot, endlich stillzuhalten. Die Sinnlosigkeit dieser Forderung wurde dem Hinzugekommenen klar, als er erkannte, daß sie an einen Kender gerichtet war. "Entschuldigt, Herr, gibt es ein Problem?" Irritiert fuhr Gemalion herum und erkannte den jungen Magier, den er etwa eine Stunde zuvor zu Hauptmann Sunny begleitet hatte. "Ja, ich vermute, daß dieser Kender irgendwelche Dinge bei sich hat, die eigentlich dem braven Händler hier gehören, aber der kleine Dieb-", -der Kender quiekte empört-, "zappelt so, daß ich bisher nichts habe finden können; jedesmal, wenn ich eine Tasche untersuche, finde ich entweder eine mit Leim verklebte Feder oder eine matschige Butterstulle." Angewidert verzog der Krieger das Gesicht. "Das ist zugegebenermaßen nicht gerade viel, wenn man bedenkt, daß dieser kleine Kerl offensichtlich mehr als ein Dutzend Taschen und Beutel bei sich hat. Am einfachsten wäre es wohl, ihn an den Beinen zu nehmen und so lange zu schütteln...-" Dices fuhr herum und bemerkte die kleine Hand des Kenders, die kurz davor gewesen war, eine der Taschen des Magiers zu erkunden. "Du möchtest doch wohl nicht wirklich in eine Kröte verwandelt werden?" fragte er drohend. "Würdest du das tun? Das ist sicher eine interessante Erfahrung. Mein Großonkel Pickwiff ist einmal in ein Kaninchen verwandelt worden und...." "Kender!" Dices wandte den Blick gen Himmel. Gemalion schien das Ruder in dieser Angelegenheit aus der Hand genommen zu werden, daher riß er die Initiative wieder an sich: "So kommen wir hier wohl nicht weiter. Sagt, Händler, könnt Ihr mit Bestimmtheit sagen, daß Euch etwas abhanden gekommen ist?" Der Händler ließ den Blick prüfend über seine Auslagen schweifen, kratzte sich am Hinterkopf und sagte: "Nein, ganz sicher bin ich mir da nicht. Aber ich finde die Idee mit auf den Kopf stellen und schütteln gar nicht so schlecht...." Gemalion wedelte abwehrend mit der Hand. "Wir könnten den Kender natürlich erst einmal zum Garnisonsgebäude mitnehmen", meinte der junge Krieger nachdenklich. Zum Händler gewandt fügte er hinzu: "Falls wir dann noch etwas aus Eurem Besitz bei ihm finden, wird es Euch umgehend zurückerstattet." Er warf einen fragenden Blick zu Dices. "Wenn Ihr meint. Ich wollte ohnehin wieder dorthin, zum Mittagessen." "Daraus entnehme ich, daß Ihr bei der Garde Glück hattet." Gemalion hielt dem jungen Magier die Rechte hin. "Dann sind wir ja jetzt Kollegen. Du kannst mich Gemalion nennen."

Auf den Spuren der Banditen: Teil 4

Der junge Magier sah skeptisch auf den undefinierbaren Eintopf in seiner Schüssel. Mit einem Schulterzucken fing er an, die überraschend gut schmeckende Masse in sich hineinzulöffeln. Der Kender, den Gemalion sicherheitshalber zum Mittagessen mitgenommen hatte, sezierte interessiert ein Bröckchen Hühnerfleisch, wobei er von dem Krieger mißtrauisch beobachtet wurde. Silvana starrte finster auf ihren Teller und löffelte schweigend. Gemalions Blick fiel auf die sich gerade öffnende Eingangstür, durch die soeben Troska eintrat. An ihrer Miene erkannte er, wo sie gewesen war: Jedes Mitglied der Stadtgarde bekam außer zehn Silberlingen Sold auch noch zwei Gutscheine pro Woche; der eine Gutschein war für ein Essen in einem der besseren Gasthäuser von Dalgoth, der andere für das größte Bordell der Stadt. Seit Troska festgestellt hatte, daß es in diesem Etablissement auch männliche Huren gab, hatte sie sich dort zum Stammgast gemausert. Umsomehr, als Silvana und Gemalion ihre Gutscheine auch noch an Troska abtraten. Der junge Krieger hob die Hand, um der Elfin anzuzeigen, wo ihre Gefährten saßen. Dices hob fragend die Augenbrauen, während sein Blick zwischen Gemalion und der üppigen Elfin pendelte. Gemalion erhob sich, als Troska ihre Schüssel an den Tisch balancierte. "Hallo, Troska. Darf ich vorstellen: Dices, unser neuer Kollege aus der Schreibstube. Er hat ein ähnliches Schicksal wie Silvana und du. Und dieser kleine Kerl hier-", er deutete auf den Kender, der die Elfin aus großen Augen anstarrte, "-nennt sich Quickwig. Dies ist unsere Kameradin Troska." Dices neigte grüßend den Kopf. Aus einer spontanen Eingebung heraus redete er sie im Dialekt der Qualinesti-Elfen an: "Ethain Shirhijenthalasa - Willkommen, Tochter Sirrions." Sie antwortete ihm in derselben Sprache, brach dann aber abrupt ab. In ihren Augen war deutlich zu lesen, daß sie außerordentlich überrascht war. "Habt Ihr noch nie einen Menschen in Eurer Sprache reden hören?" fragte er belustigt. "Wenn ich ehrlich sein soll, ich wußte nicht einmal daß ich selbst sie beherrsche, bis Ihr mich anspracht." Gemalion entging Dices´ Stirnrunzeln über diese Erwiderung nicht, daher mischte er sich erklärend ein: "Troska hat seit dem Überfall einen teilweisen Gedächtnisverlust. Die Erinnerung kommt erst so nach und nach wieder." Troska warf dem Krieger einen dankbaren Blick zu. "Diese Banditen scheinen ja ziemlich aktiv zu sein. Ich frage mich, ob nicht noch weitere Dinge auf ihr Konto gehen. Da ich in der Buchhaltung nicht gerade überfordert bin, werde ich die Zeit nutzen, um in den Protokollen nach mehr Informationen zu forschen. Ich schlage vor, wir treffen uns jeden Abend, um unsere jeweiligen Fortschritte auszutauschen." Dices blickte fragend in die Runde. Silvana sah zum erstenmal von ihrem Essen auf: "Wenn du glaubst, daß uns das hilft, die Dreckskerle zu schnappen." Troska legte dem Magier eine Hand auf die Schulter und sagte: "Ich halte das für eine sehr gute Idee." Gemalion nickte nur wortlos. Nun schaltete sich der Kender wieder in das Gespräch ein: "Bist du wirklich eine Elfin?" Troska nickte. "Komisch", grübelte Quickwig, "ich dachte immer, Elfen seien so schlank und zierlich...." Troska errötete bis zum Haaransatz. Für eine Elfin war sie tatsächlich recht üppig, bemühte sich aber durch zum Teil recht drastische Diätmaßnahmen, diesen Zustand zu ändern. Gemalion versuchte nun, durch einen raschen Themenwechsel Troska aus dieser peinlichen Situation zu erlösen: "Ich denke, wir sollten jetzt zu unserem Dienst zurückkehren. Am besten treffen wir uns morgen zur selben Zeit wieder hier zum Mittagessen."

Auf den Spuren der Banditen: Teil 5

Als Dices sich mit großen Schritten den Gefährten näherte, hing über dem Tisch eine bleierne Stille, die besser zu einem Grabmal als in eine Kantine zu passen schien. Gemalion hatte den Ellbogen auf den Tisch gestemmt und stocherte lustlos auf seinem Teller herum. Sämtliche Nachforschungen dieses Tages waren ins Leere gelaufen, und zu allem Überfluß war ihm beim Essenholen auch noch dieser wieselige Kender entwischt, vor dem jetzt sicherlich keine Tasche sicher war. Silvana hatte ihr Essen noch gar nicht angerührt. Statt dessen klopfte sie mit dem Löffelstiel rhythmisch auf die Tischplatte, was ihr vorwurfsvolle Blicke von Gemalion eintrug. Sie zog es vor, ihn zu ignorieren. Als sie jedoch den Magier herankommen sah, unterbrach sie ihre Trommelei und blickte ihm erwartungsvoll entgegen. Troska schließlich schien der Welt völlig entrückt zu sein. Während sie an einem Kanten trockenen Brotes kaute, blickten ihre Augen ins Leere. Dices ließ sich neben Gemalion auf der Bank nieder. "Ich glaube, ich kann ein Samenkorn der Hoffnung in eure Wüsten der Verzweiflung pflanzen." Er legte den anderen ein Aktenblatt vor , das er kurz entschlossen aus der Schreibstube mitgenommen hatte. "Vor einiger Zeit hat einer der hiesigen Händler bei der Wache vorgesprochen, weil er von einer Bande um Schutzgeld erpreßt wurde. Nach einer anscheinend nur halbherzigen Befragung wurden damals alle Nachforschungen eingestellt. Glücklicherweise aber wurde für alle Fälle die Täterbeschreibung in die Akten aufgenommen: Drei Leute - zwei Menschen und ein Zwerg - der eine Mensch, sozusagen der Kassierer, stinkt auffällig nach Alkohol.... sagt euch das etwas?" Dices lehnte sich leicht lächelnd zurück. Silvana sprang auf wie von der Tarantel gestochen, wobei sie beinahe Troska von der Bank gestoßen hätte. "Hah, das müssen diese Dreckskerle sein!" ereiferte sich die Halbelfin. "Los, laßt uns diesen Händler befragen!" Sie schnappte sich Dices´ Ärmel und versuchte ihn in Richtung Ausgang zu zerren. Nur der schnelle Griff an die Tischkante bewahrte den Magier davor, unliebsame Bekanntschaft mit dem Kantinenboden zu machen, von dessen Hygieneverhältnissen ein gutes Dutzend Gullydwarves satt geworden wäre. "Beherrscht Euch!" fuhr er die Halbelfin an. "Erstens muß ich in etwa einer halben Stunde wieder in die Schreibstube, zweitens will ich noch an anderer Stelle nach weiteren Informationen suchen, die auf diese Kerle hinweisen, und drittens habe ich Hunger!" Als Silvana nach Luft schnappte, um ihm eine ärgerliche Antwort zu geben, hakte der Magier noch einmal nach: "Und wenn ihr Nomrel, den Tuchhändler befragt, dann laßt um der Götter willen den Solamnier sprechen, er beleidigt nicht jeden seiner Gesprächspartner gleich mit dem ersten Satz!" Er wandte sich mit gesenkter Stimme noch einmal an die anderen: "Paßt auf, mit wem ihr über diese Sache sprecht. Ich habe das Gefühl, daß diese Bande einen Komplizen in der Garde hat."

Nach der Mittagspause suchten Gemalion, Silvana und Troska den Tuchhändler Nomrel auf, während Dices zu seiner Pflicht in der Schreibstube zurückkehrte. Gemalion betrat den Laden als erster und sagte in geschäftsmäßigem Ton zu dem Händler: "Wir kommen im Auftrag der Garde und...." Er verstummte. Was er da gerade gesagt hatte, entsprach nicht so ganz der Wahrheit, immerhin hatte die Wache den Fall der Schutzgelderpressungen ad acta gelegt. Sein Ehrbegriff verbot es dem jungen Krieger, die Unwahrheit zu sagen. Er wollte sich gerade verbessern, als Troska, die sein Zögern bemerkt und richtig interpretiert hatte, rasch das Wort ergriff: "....und kommen, um Eurer Anzeige betreffs der Schutzgeld-erpres-sung nachzugehen." Nomrel hob überrascht die Augenbrauen und rief aus: "Kaum zu glauben, daß die Garde sich darum tatsächlich noch kümmert! Damit habe ich ehrlich gesagt nicht mehr gerechnet. Nun, einige Ladenbesitzer im Stadtkern, darunter ich, sind seit kurzem den Nachstellungen einer zwielichtigen Bande ausgesetzt, die für den Schutz unserer Läden eine wöchentliche Gebühr in Geld oder Waren verlangt. Anfangs nahm ich ihre Forderungen nicht besonders ernst. Dann wurde jedoch Barkwells Gerberei samt Barkwell selbst niedergebrannt, und die Bande drohte, daß dies allen Ladenbesitzern passieren könne, die nicht beschützt werden. Am Markttag, also in vier Tagen, wollen die Kerle bei mir kassieren. Einhundert Stahlmünzen! Ich bin nicht bereit, dieses Schutzgeld zu bezahlen, will aber auch meinen Laden nicht verlieren." Gemalion nickte verständnisvoll und sagte dann schnell, um Silvana nicht zu Wort kommen zu lassen: "Sicher, wir werden uns darum kümmern. Ihr müßt uns aber alle Informationen geben, die Ihr über diese Bande habt." Nomrel wiegte den Kopf. "Tja, viel weiß ich nicht. Aber mindestens fünf andere Unternehmen sind ebenfalls erpreßt worden: Die Silberschmiede Mithrilkrone, Aladils Apotheke, die Schusterei Ibal, Findegil der Händler und >Serindes Feine Tuche<. Die Eintreiber der Bande tauchen stets an unterschiedlichen Wochentagen auf, jedoch immer frühmorgens. Drei Männer, einer davon ein Zwerg, alle in Mäntel gehüllt und mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen betreten den Laden. Einer der beiden großen Männer läßt sich dann das Geld aushändigen, während die beiden anderen an der Tür Wache stehen. Sobald sie das Geld haben, verschwindet das Trio schnell auf einem vermutlich vorher ausgekundschafteten Fluchtweg. Der Kassierer der Bande stinkt häufig nach Alkohol und einmal wurde er von einem seiner Kumpane mit Merwai angeredet. Mehr kann ich Euch nicht sagen." "Na, das ist doch eine ganze Menge. Wir werden unser Möglichstes tun, um den Kerlen das Handwerk zu legen", versicherte Gemalion und die Gefährten verabschiedeten sich von Nomrel, um ihre Erkundigungen bei den anderen erpreßten Händlern fortzuführen. Als nächstes suchten sie die Silberschmiede auf. Irimon, der Schmied, erwies sich als wenig hilfreich. Seine Angst vor den Erpressern war so groß, daß er es nicht wagte, den Gardisten Informationen zu geben. Das geforderte Schutzgeld zahlte er regelmäßig und pünktlich. Als Gemalion die Autorität seines offiziellen Status in die Waagschale warf, macht Irimon der Gruppe unmißverständlich klar, daß die Garde niemals so schlimm sein könne wie die Erpresser und warf sie kurzerhand aus seinem Laden. Der Schuster Ibal nahm die inzwischen vorsichtiger gewordene Befragung zurückhaltend freundlich auf. Er bestätigte Nomrels Angaben über das Vorgehen der Bande. Kurz bevor die drei Gauner seinen Laden betraten, sah er zudem einen vierten Vermummten, der sich auf das gegenüberliegende Dach duckte. "In zwei Tagen, bei Einbruch der Dämmerung, wollen sie zwanzig Stahlmünzen bei mir kassieren", schloß Ibal den Bericht. Mit einem herzlichen Dank für seine Mithilfe verließen ihn die Gefährten wieder, um nun den Händler Findegil aufzusuchen. Dieser war nur zu gern bereit, ausgiebig über diese "miesen Strauchdiebe" zu schwadronieren. Leider erwies sich sehr schnell, daß er keinerlei brauchbare Informationen zu bieten hatte. Ob er das Schutzgeld bezahlt oder wann er die Erpresser wieder erwartet, war nicht von ihm zu erfahren. Der Apotheker Aladil begrüßte die Gardisten zunächst zuvorkommend. Als er jedoch den Grund ihres Besuches erfuhr, wurde seine Miene abweisend und ängstlich. "Schutzgelderpressungen? Ich habe keine Ahnung, wovon Ihr redet", behauptete er. Erst nach hartnäckigem Nachbohren gab er zu, ebenfalls ein Opfer der dreisten Bande zu sein. "In drei Tagen wollen sie kassieren kommen. Aber nun geht! Wenn Euch die Kerle hier rumschnüffeln sehen, brennen sie mir meinen Laden über dem Kopf ab wie bei dem bedauernswerten Barkwell." Zuletzt suchten die Gefährten die Tuchhändlerin Serinde auf. Sie erwies sich als sehr kooperativ, konnte allerdings nicht mit neuen Informationen dienen. "In zwei Tagen wollen sie zwanzig Stahl von mir haben. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr sie von hier aus zu ihrem Schlupfwinkel verfolgen. Und wenn Ihr noch Informationen braucht, dann fragt den einäugigen Bettler am Springbrunnen im Kaufmannsviertel. Er gehört zur Diebesgilde, und die haben ihre Augen und Ohren überall."

Auf den Spuren der Banditen: Teil 6

In den langen Gängen der Gardequartiere hallten die Schritte des grauberobten Magiers gespenstisch wieder. Nach Stunden der Arbeit am Schreibpult sehnte er sich danach, seinem schmerzenden Rücken und seinen verkrampften Händen eine Pause zu gönnen. Vor der Kammer angekommen stutzte er, denn aus der einen Spalt offenen Türe strömte das Licht einer Lampe und ein unidentifizierbares Rumoren und Murmeln. Er wußte genau, daß er den Raum verschlossen hatte, und sein Zimmergenosse sollte nach Plan erst in zwei Stunden zurückkehren. Leise näherte er sich noch ein Stück und spähte dann vorsichtig in den Raum. Mit einem tiefen Seufzer stieß er die Tür auf: "Wie um alles in der Welt kommst du denn hierher, Quickwig?" Der Kender sah ihn mit großen, unschuldig fragenden Augen an: "Durch die Tür selbstverständlich. Übrigens klemmt die ganz schön, ich habe sie beinahe nicht aufbekommen." Dices lächelte wissend und betrachtete das vor ihm liegende Szenario genauer: Quickwig saß auf einem der Betten und hatte rings um sich den Inhalt seiner zahlreichen Taschen verteilt. Er bewunderte und bestaunte nun jedes Stück einzeln, um es dann wieder einzupacken. Eine unglaubliche Menge aller möglichen und einiger unmöglichen Dinge lag überall im Raum verstreut. Bunte Steine, Glasscherben, billige Perlen, Federn, Schnüre, einige Münzen verschiedener Prägung, Teile eines Silberbestecks, ein Dutzend zerkrümelter Kekse und sogar ein einzelner großer Smaragd. Als Dices den Kender fragte, ob er sich den Smaragd einmal ansehen dürfe, schien einen Augenblick lang Mißtrauen in dessen Augen aufzublitzen. Dann aber erstrahlte ein breites Lächeln auf Quickwigs Gesicht, und er gab Dices den Stein. "Der funkelt wirklich schön, nicht wahr? Ich muß ihn irgendwo gefunden haben." Während der Magier den fast eigroßen und wunderschön geschliffenen Stein betrachtete, kam ihm eine Idee. Er hatte in den Akten, die er bearbeiten mußte, mehrfach davon gelesen, daß Beweisstücke und ungeklärte Besitztümer im Garnisonsgebäude in Verwahrung genommen worden waren. Er hatte den Raum auch in der Nähe der Schreibstube gefunden, mußte jedoch feststellen, daß die überaus stabile Tür ständig verschlossen war. Da er davon überzeugt war, daß die von ihm und seinen neuen Gefährten gesuchten Banditen über einen Spitzel bei der Stadtwache verfügten, wollte er sich dort nach Möglichkeit allein umsehen. Dies sowie die ausgesprochene Griesgrämigkeit des Vorstehers ließ Dices davon Abstand nehmen, offiziell um die Erlaubnis anzufragen. "Du hast nicht zufällig auch irgendwo ein paar Dietriche gefunden?" fragte er deshalb den Kender mit möglichst unschuldigem Augenaufschlag. "Nein, so etwas habe ich noch nie gefunden, aber ich habe diesen Universal-Nachschlüsselsatz, den ich von meinem Onkel Blitspick geschenkt bekommen habe."

Wenige Minuten später stöberten der Adept und der Kender in der Asservatenkammer herum. Nachdem ein kurzer Überblick gezeigt hatte, saß nur wenige Dinge von größerem Wert hier lagerten, ließ Dices Quickwig etwas aus den Augen, um sich einige der Vermerke durchzulesen, die auf jeweils angebundenen kleinen Kärtchen notiert waren. Ein grünes Blitzen machte ihn jedoch wieder auf den Kender aufmerksam. Dieser hielt einen schweren goldenen Wappenring mit einem großen, grünen Stein bewundernd gegen das Licht. "Wo hast du denn den gefunden?" Mit diesen Worten riß Dices den Kender aus seiner Versunkenheit. "Oh, da drüben, in dieser großen Schachtel." Dices erkannte darauf einen Schriftzug: "Neuzugänge, zur Archivierung und Kennzeichnung". Das bedeutete, daß dieser Ring erst heute oder frühestens gestern gebracht worden war. Da Quickwig seine Aufmerksamkeit bereits anderen Dingen zugewandt hatte, steckte der junge Magier den Ring eine. Ihm selbst sagte das Wappen nichts, aber vielleicht konnte der junge Solamnier mehr damit anfangen.

Als Gemalion, Troska und Silvana von ihrer Erkundungstour zurückkehrten, eilten sie sofort in die Schreibstube, um Dices von ihren Fortschritten zu unterrichten. Dort trafen sie sehr zu Gemalions Mißvergnügen auch den verschwunden geglaubten Kender an. "....und jetzt wollen wir uns in den einschlägigen Kneipen nach den Kerlen umschauen", schloß Silvana ihren Bericht. Dices hob fragend eine Augenbraue. "Was für einschlägige Kneipen?" Silvana starrte ihn an, als hielte sie ihn für äußerst begriffsstutzig. "Na, solche Kneipen eben, wo sich Gesocks dieser Art vorwiegend herumtreibt - in erster Linie die Kaschemmen im Hafenviertel." "Oh, toll", brachte sich der Kender wieder lautstark in Erinnerung, "vielleicht geraten wir da ja in eine richtige Kneipenschlägerei, das wäre aufregend...." Vier Augenpaare richteten sich wie eines gen Zimmerdecke. Kender.... Gemalion kam eine Idee, wie er den aufdringlichen Dieb - denn das war er nach wie vor in seinen Augen - vielleicht doch noch loswerden könnte: "Ach", sagte er in gelangweiltem Tonfall, "es gibt Aufregenderes. Vor den Stadttoren soll nämlich ein Drache gesichtet worden sein. DA würde ich jetzt gerne hingehen, aber Dienst ist Dienst." Er fixierte den Kender. "Aber du bist hier ja nicht durch irgendwelche Pflichten gebunden...." Quickwig schürzte die Lippen und antwortete dann mit einem listigen Grinsen: "Ach, weißt du, eine zünftige Kneipenkeilerei ist mir lieber als irgendein nebulöser Drache irgendwo vor den Stadttoren...." Dices konnte sich ein Schmunzeln ob der Gerissenheit des Kenders nicht verkneifen. Gemalion gab sich geschlagen. "Na gut, laßt uns gehen", seufzte er, "solange du bei uns bist, habe ich dich wenigstens unter Kontrolle." Während sich Quickwig, Troska und Silvana zum Gehen wandten, hielt Dices den Solamnier am Ärmel fest. "Einen Augenblick noch." Er griff in eine Tasche, von deren Existenz der Krieger bisher nichts geahnt hatte. "Ich nehme an, du verstehst etwas von Wappen und Adelszeichen?" Der Magier zeigte ihm einen Ring. Gemalion nahm das Schmuckstück und betrachtete es genau. Schließlich meinte er nachdenklich: "Ja, das ist das Familienwappen der Lords von Corwyn, einem Landstrich im Nordwesten Solamnias. Ich frage mich, wie der Siegelring dieses alten Rittergeschlechts nach Dalgoth kommt.... Wo hast du ihn gefunden?" Er gab den Ring an den Magier zurück. "In der Asservatenkammer. Er kann dort nicht länger als drei Tage gelegen haben. Ich habe eine unbestimmte Ahnung, daß dieser Ring etwas mit den Schutzgelderpressern zu tun hat." "Auf jeden Fall muß der Ring seinem rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden", erklärte Gemalion kategorisch. Der Magier zuckte nur gleichgültig die Schultern und folgte dann den drei Anderen aus dem Raum.

Auf den Spuren der Banditen: Teil 7

Als erstes suchte die Gruppen den "Goblinkopf" auf, eine der miesesten Kaschemmen von Dalgoth. Die Wirtin, eine fette Matrone, erwies sich als nicht sehr gesprächig, und als die Gefährten begannen, den Gästen Fragen zu stellen, wurde sie regelrecht rabiat. Die Fünf zogen es vor, dieses Etablissement schnellstmöglich wieder zu verlassen. Den zweiten Versuch starteten sie im "Zerbrochenen Ruder", dessen Publikum vor allem aus Hafenarbeitern bestand. Gemalion trat zunächst allein an die Theke und bestellte ein Ale. Nach dem ersten Schluck verzog er angewidert das Gesicht. Die Brühe war besseres Waschwasser. Der junge Krieger warf dem Wirt drei Kupferlinge zu, die dieser in seiner Kasse verschwinden ließ, aus der Gemalion einige Stahlmünzen entgegenblitzten. Mit einem freundlichen Grinsen meinte er zum Wirt: "Einige Eurer Gäste scheinen gerne viel Geld für das Badewasser zu zahlen, daß Ihr hier als Ale verkauft." Der alte Seebär hinter dem Tresen grinste zurück. "Ja, solche Gäste kann sich ein ehrlicher Gastwirt nur wünschen.... Leider sind die Beiden inzwischen weitergezogen, um sich im Bordell leimen zu lassen." Gemalion lehnte sich dem Wirt noch ein Stück weiter entgegen. "Hatte einer von den Beiden zufällig eine auffällige Narbe im Gesicht?" Nach einem kurzen Zögern bestätigte der Seebär: "Ja, das ist Werla. Warum wollt Ihr das wissen?" Gemalion ignorierte die Frage und hakte gleich nach: "In welches Bordell ist er gegangen, sagtet Ihr?" Der Wirt lehnte sich nun seinerseits auf den Tresen. "Ich sagte gar nichts, und ich fürchte, ich kann mich auch nicht an den Namen des Bordells erinnern...." Gemalion seufzte und kramte einen Silberling aus seiner Tasche. Den werde ich Silvana in Rechnung stellen, dachte er bei sich. "Vielleicht hilft das Eurem Gedächtnis auf die Sprünge?" lockte er. Der Wirt machte zwar ein Gesicht, als sei der geringe Betrag eine Beleidigung, sagte dann aber: "Meines Wissens wollte er ins `Paradies der Freuden´." Dann wandte er sich abrupt um und erklärte so das Gespräch für beendet. Der Solamnier kehrte zu seinen Gefährten zurück und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum genannten Freudenhaus, den Troska nur allzu gut kannte.

Vor dem Puff angekommen, entbrannte eine heftige Diskussion über das weitere Vorgehen. Gemalion lehnte es kategorisch und vehement ab, auch nur einen Fuß in dieses Etablissement zu setzen, wie er sich naserümpfend ausdrückte. Troska argumentierte, daß sie im "Paradies der Freuden" zu gut bekannt sei, als daß sie unauffällig Erkundigungen hätte einholen können. Gemalion fixierte Silvana, doch ein Blick auf ihre finstere Miene überzeugte ihn, daß sie für diese Mission ebenfalls ungeeignet war. Drei Augenpaare richteten sich auf Dices, der seine Gesichtsfarbe langsam an die eines gekochten Hummers annäherte. Troska grinste: "So wie Ihr jetzt ausseht, schenkt man Euch am Eingang höchstens eine Zuckerstange und bittet Euch, in drei Jahren wieder vorbeizukommen." Gemalions Blick senkte sich auf den Kender.

Nachdem er sich an dem Türwächter vorbeigestohlen hatte, irrte Quickwig durch die Korridore des Freudenhauses und dachte zurück an die Worte des Solamniers: "Schleichen und Spionieren fällt doch mehr in dein Spezialgebiet. Jetzt könntest du dich auch mal nützlich machen. Wenigstens kannst du da drin keine anständigen Leute bestehlen." Eigentlich eine Unverschämtheit, wie dieser große Trampel mit ihm sprach, aber da stand Quickwig drüber. Er war es gewöhnt, von Menschen nichts als Beschimpfungen und Verleumdungen zu hören. Er hatte sich wortlos umgewandt und war blitzschnell ins Innere des Gebäudes verschwunden. Bereits nach den ersten Schritten hatte er die Beleidigungen des Kriegers - und nebenbei auch den Grund seines Hierseins - völlig vergessen. Das war ja mal ein wirklich interessantes Haus. Zwar hatte er in den ersten Raum nur einen kurzen Blick werfen können, da eine junge, sehr leicht bekleidete Menschenfrau bei seinem Anblick zu schreien begann, aber noch nie hatte er ein Zimmer gesehen, das ganz mit rosa Plüsch ausgeschlagen war. Sehr zu Quickwigs Ärger war die nächste Tür abgeschlossen. Seine scharfen Ohren vernahmen dahinter seltsame Geräusche: Ächzen, Stöhnen und gelegentlich einen leisen Aufschrei. Der Kender rüttelte an der Klinke und rief: "Braucht ihr Hilfe da drinnen? Soll ich jemanden holen? So macht doch die Tür auf!" Das Stöhnen endete abrupt und eine ärgerliche Männerstimme brüllte: "Wer immer du bist, verpiß´ dich! Du störst!" Beleidigt trollte sich Quickwig. Er wollte doch nur helfen. Verstehe einer die Menschen.... Am Fuße einer breiten Treppe entschied sich der Kender, das obere Stockwerk einer genaueren Inspektion zu unterziehen. Die Tür zum ersten Raum oben stand einen Spaltweit offen und Quickwig spähte vorsichtig hinein. Nanu, was war denn das? Das sah ja aus wie in der Folterkammer, durch die er einmal auf dem Weg zu einer Gefängniszelle geführt worden war. Der Raum schien momentan leer zu sein, also stieß er die Türe soweit auf, daß er sich hineinschieben konnte. Tatsächlich, eine Folterkammer! Da stand eine Streckbank, an der Wand waren Ketten befestigt und in einer Ecke stand ein glühendes Kohlenbecken mit einigen Brandeisen. Quickwig betrachtete sich alles ganz genau, wobei eine Peitsche, die jemand achtlos auf der Streckbank hatte liegenlassen, in eine seiner geräumigen Taschen wanderte. Er war so vertieft in seine Untersuchungen, daß er den breitschultrigen, in schwarzes Leder gekleideten Mann zu spät bemerkte, dessen Augen sich beim Anblick des Eindringlings weiteten. "Ein Kender! Wie kommt der denn hier rein?" Der Hüne bekam Quickwig, der blitzschnell die Flucht ergreifen wollte, gerade noch am Kragen seiner Weste zu fassen und beförderte ihn wie ein Kaninchen am Genick zum Ausgang des Freudenhauses, wo er ihn unsanft auf die Straße hinaus komplimentierte. Die vier Gefährten beobachteten aus sicherer Entfernung seufzend den Abgang des Kenders und schlenderten langsam näher, während Quickwig sich den Staub von den Kleidern klopfte und sich bitterlich über die schlechten Manieren der Menschen beschwerte. "Na, hast du etwas herausgefunden?" fragte Gemalion ungeduldig. "Herausgefunden? Worüber? - Oh, ach ja, ich meine, nein, kein Hinweis auf die Gesuchten....", stammelte der Kender hastig. Gemalion hob in hilfloser Geste die Arme. "Ich wußte es ja, Kender sind zu überhaupt nichts zu gebrauchen!"

Auf den Spuren der Banditen: Teil 8

"So, und was nun?" fragte Gemalion resigniert. "Diese Fährte ist kalt." Silvana runzelte die Stirn. "Moment, sagte diese Tuchhändlerin nicht etwas von einem Informanten, einem einäugigen Bettler am Brunnen im Kaufmannsviertel?" Gemalion seufzte. "Na gut, was bleibt uns schon anderes übrig, als nach jedem Strohhalm zu greifen?"

Der große Hauptbrunnen des Kaufmannsviertels stand inmitten des zentralen Marktplatzes, der zu dieser späten Stunde weitgehend verwaist dalag. Aber der einäugige Bettler war glücklicherweise noch auf dem Posten. Gemalion und Troska zögerten sichtlich, sich dem in Lumpen gehüllten Mann zu nähern, daher trat Dices auf ihn zu und sprach ihn an, um Silvana den Wind aus den Segeln zu nehmen: "Entschuldigt, guter Mann, aber man hat mir gesagt, daß nur wenig in dieser Stadt geschieht, was Euch nicht auf die eine oder andere Art zu Ohren kommt." Mit diesen leise gesprochenen Worten ließ der Magier eine Kupfermünze in die ausgestreckte Hand des Bettlers gleiten. Die Münze verschwand kommentarlos in einer Tasche und der Einäugige blinzelte fragend zu dem hochgewachsenen Magus hinauf. "Seit einiger Zeit werden Geschäftsleute in dieser Stadt um Schutzgelder erpreßt. Einem Zahlungsunwilligen hat man das Haus über dem Kopf niedergebrannt. Die Bande besteht aus vermutlich vier Männern, von denen einer ein Zwerg ist und ein zweiter den Namen Merwai trägt. Ein drittes Bandenmitglied hat eine auffällige Narbe im Gesicht und wird Werla genannt. Wärt Ihr in der Lage, mir weitere Informationen zu dieser Gruppe zu geben?" Der Bettler ließ seinen Blick wortlos zwischen seiner Hand und dem Gesicht des Magiers hin- und herwandern. Seufzend wandte sich Dices um, denn seine eigene Barschaft befand sich bereits zur Hälfte in den Taschen des Einäugigen. Gemalion, Silvana und Troska tauschten Blicke, wobei der mürrische Gesichtsausdruck des Kriegers seine Abneigung zu Zahlen deutlich machte. Schließlich reichte die Halbelfin Dices knurrend eine Silbermünze, welche dieser dem alten Mann aushändigte.

Sie folgte der Kupfermünze in die Tasche. Der Bettler schien die Gefährten kurz in Hinsicht auf ihre weitere Zahlungswilligkeit zu taxieren und kam wohl zu dem Schluß, daß hier nichts mehr zu holen sei. "Ich selbst kann und darf Euch keine weiteren Informationen zu der Bande geben, aber ich bin sicher, daß Platime, der Großmeister der Gilde, gerne mit Euch über den Fall plaudern würde", flüsterte der Bettler schließlich. "Und wo finden wir diesen Platime?" "Oh, begebt Euch einfach ins Zentrum des Diebesviertels, dann wird er Euch schon finden...."

"Niemals! Es kommt überhaupt nicht in Frage, daß ich in das Diebesviertel gehe, um mit Mördern, Dieben und sonstigen Halsabschneidern gemeinsame Sache zu machen!" polterte Gemalion, nachdem die Gruppe außer Hörweite des Einäugigen war. Silvana blieb abrupt stehen und baute sich dann mit in die Seiten gestemmten Armen vor dem einen Kopf größeren Krieger auf. "So, die Informationssuche im Diebesviertel ist also unter deiner Würde, wie? Na gut, dann scher´ dich zur Abyss. Du bist raus aus der Sache. Bildest du dir etwa ein, wir sind auf deine Hilfe angewiesen?" Gemalion starrte die Halbelfin mit offenem Mund an. Er war von Silvana zwar Unhöflichkeit gewöhnt, aber auf eine solche Abfuhr war er nicht vorbereitet gewesen. Er blickte in die Gesichter von Troska und Dices und mußte erkennen, daß die beiden ebenfalls fest entschlossen waren, das Diebesviertel mit oder ohne ihn aufzusuchen. Beinahe hätte Gemalions Stolz die Oberhand behalten und er hätte Silvanas Angebot angenommen. Andererseits - wollte er sich nach all der Arbeit wirklich die Festnahme dieser Verbrecherbande entgehen lassen? Eigentlich nicht. Gemalions Schultern sackten herab, als er murmelte: "Na gut, ich komme mit." Und lauter erklärte er: "Aber keine faulen Deals!"

Nach einiger Zeit erreichte die Gruppe das Diebesviertel, wobei Gemalion entgegen seiner sonstigen Gewohnheit vor sich hinbrummelnd die Nachhut bildete. Das Viertel war durch eine hohe Mauer von der restlichen Stadt abgetrennt, das Tor stand jedoch offen. Es war bekannt, daß dieser Stadtbezirk für die Patrouillen der Stadtgarde tabu war. Wer hier wohnte, genoß den Schutz der Gilde und konnte auf die Hilfe der Garde gut verzichten. Genauer gesagt, ein Mitglied der Stadtwache begab sich beim Betreten des Diebesviertels in nicht unbeträchtliche Gefahr. Unbehaglich blickte Gemalion um sich, während sie immer tiefer in das labyrinthische Gewirr düsterer Gäßchen und verwinkelter Häuserfluchten eindrangen. Während der Krieger mißtrauisch in jede dunkle Ecke spähte, hätte er beinahe den vor ihm laufenden Magier umgerannt, der plötzlich stehengeblieben war. Dices über die Schulter blickend erblickte er sechs bis an die Zähne bewaffnete Gestalten, die den Weg blockierten. Ein schneller Blick zurück zeigte, daß auch der Rückweg von Bewaffneten versperrt war. Gemalions Hand wanderte zum Schwertknauf. Er zögerte jedoch, das Schwert zu ziehen, da ihm klar war, daß er gegen Bögen und Armbrüste nur geringe Chancen hätte. Bevor er noch zu einem Entschluß gelangen konnte, erklang eine ruhige Stimme: "Was treibt die Garde ins Territorium der Gilde?"

Auf den Spuren der Banditen: Teil 9

Dices trat einen Schritt vor: "Wir wünschen mit Großmeister Platime zu sprechen." Er registrierte mit Erleichterung, daß die sie umgebenden Schützen eine recht entspannte Haltung beibehielten. Nach wenigen Augenblicken ertönte erneut dieselbe ruhige Stimme: "Wir werden Euch zu Platime führen. Doch zuerst legt Eure Waffen ab - alle!" Dices zögerte keine Sekunde. Er warf seinen Stecken zu Boden und näherte sich den Gildenmitgliedern mit zur Seite gestreckten Armen. Er wurde von den Bewaffneten in Empfang genommen, welche ihm eine Augenbinde umbanden und ihn dann aus der Sicht der zurückbleibenden Gefährten führten. Der Kender folgte Dices, nachdem er Dolch und Hoopack abgelegt hatte und wurde gleichfalls mit verbundenen Augen weggeführt. Seufzend folgte Troska dem Beispiel von Magier und Kender und ließ die Keule fallen. Die Bewaffneten verfuhren mit ihr wie zuvor mit Dices und Quickwig. Silvana und Gemalion tauschten unsichere Blicke. Der Krieger hatte nach wie vor die Hand auf dem Schwert und war offensichtlich nicht bereit, sich von seiner Waffe zu trennen. Auch die Halbelfin schien nicht gewillt, sich entwaffnen zu lassen. Der Sprecher von vorher drängte: "Na, wird´s bald? Wenn nicht alle die Waffen niederlegen, kommt keiner zum Großmeister." Gemalion blickte nachdenklich zu Boden, schüttelte dann den Kopf und sagte: "Ich kann mein Schwert nicht aus der Hand geben, es ist ein Familienerbstück mit hohem ideellem Wert." Um ihn herum erklang Kichern und Geflüster, doch die Stimme blieb höflich: "Keine Sorge, Ihr habt unser Wort darauf, daß Ihr Eure Waffen unversehrt zurückerhaltet." Gemalions Gesichtsausdruck zeigte deutlich, was er von einem Ehrenwort hielt, das ihm von der Diebesgilde gegeben wurde. Er tauschte erneut einen hilflosen Blick mit Silvana, seufzte schließlich tief, gürtete Trojan ab und legte ihn mit der Scheide vorsichtig zu Boden. Nun legte auch die Halbelfin ihre Waffe nieder. Zähneknirschend ließen es die beiden geschehen, daß man ihnen ebenfalls die Augen verband und sie dann in eine unbestimmte Richtung wegführte.

Als Dices die Augenbinde wieder abgenommen wurde, hatte er jegliche Orientierung verloren. Alles, was er mit Bestimmtheit sagen konnte, war, daß er sich in einem Gebäude irgendwo innerhalb der Stadt befand. Sobald sich seine Augen an das flackernde Licht der an den Wänden entlang verteilten Fackeln gewöhnt hatten, erkannte er mit Erleichterung, daß seine Gefährten alle unversehrt, wenn auch nicht gerade gutgelaunt, ebenfalls anwesend waren. Eine Eskorte bedrohlich aussehender Bewaffneter führte die Gruppe nun durch eine unscheinbare Holztüre. Dahinter lag ein weiterer Raum, dessen Einrichtung im Gegensatz zu Dices´ Erwartungen nicht protzig überladen und zusammengewürfelt war, sondern durch schlichte Eleganz und Funktionalität beeindruckte. Gemalion, dessen Blick fest zu Boden gerichtet war, nahm von alledem keine Notiz. Die Gefährten wurden vor einen schweren, mit Papieren aller Art übersäten Arbeitstisch in der Mitte des Raumes geführt. Hinter diesem saß ein athletisch gebauter Nord-Ergothianer mittleren Alters, der die Gruppe eindringlich musterte. "Was verschafft mir das seltene Vergnügen, Mitglieder der ehrenwerten Stadtgarde von Dalgoth in meinem bescheidenen Domizil begrüßen zu können?" begann der Mann hinter dem Tisch lächelnd das Gespräch. "Nun, Großmeister, Eure überragenden Fähigkeiten der Informationsbeschaffung waren es, die uns in die Höhle des Löwen trieben", erwiderte Dices, der in dem Wissen um Gemalions Unwillen und Silvanas Mangel an diplomatischem Geschick die weitere Gesprächsführung übernahm. Troska, die sich ohnehin mehr im Hintergrund hielt, würde ihm das sicher nicht übelnehmen, und wenn Quickwig nicht zu Wort kam - nun, das war sicher nicht von Schaden. Platimes Lächeln wurde breiter. "Ich fühle mich geschmeichelt. Ich wußte gar nicht, daß ich einen so guten Ruf bei der Garde genieße." Gemalion ließ ein abfälliges Schnauben hören, was ihm einen kräftigen Ellbogenstoß von Dices einbrachte, welchen er wiederum mit einem bitterbösen Seitenblick quittierte. Nach einem kurzen Aufblitzen der Belustigung in seinen Augen wurde Platime plötzlich ernst und geschäftsmäßig: "Zur Sache: Die von Euch gesuchten Männer gehören nicht zur Gilde. Wir unterstützen Schutzgelderpressungen nicht. Euren direkten Informationen über die Bande können wir leider nichts hinzufügen. Wir wissen leider auch nicht, von wo aus sie operieren, sonst hätten wir ihnen schon eigenhändig das Handwerk gelegt. Sollten wir noch etwas erfahren, so werden wir Euch dies mitteilen. Ihr genießt in dieser Sache das Wohlwollen der Gilde." Gemalion knurrte leise: "Steckt Euch Euer Wohlwollen an den Hut...." Unbeeindruckt fuhr Platime fort: "Kann ich Euch sonst noch irgendwie helfen?" Dices schüttelte leicht den Kopf. "Danke, nein. Ich glaube, Ihr habt uns bereits zur Genüge geholfen. Es wäre wohl besser, wenn wir Eure Gastfreundschaft nicht über Gebühr beanspruchten und uns wieder auf den Heimweg begäben."

Während dieses Gesprächs näherte sich Silvana ein junger Mann und sprach sie leise an: "Du hast es also auch nach Dalgoth geschafft. Ich machte mir schon Sorgen, weil ich so lange nichts von dir gehört habe." Silvana wandte verwundert den Kopf und starrte den Sprecher verständnislos und mit aufkeimendem Ärger an. "Wovon redest du? Wer bist du überhaupt?" Nun war es an dem jungen Mann, erstaunt dreinzublicken. "Kennst du mich nicht mehr? Ich bin Rollins, wir waren zusammen in der Bruderschaft der Faust in Sanction." Silvana schüttelte den Kopf und erklärte: "Ich bin hier in Dalgoth überfallen worden und habe danach mein Gedächtnis verloren. Du könntest mir sonstwas erzählen, ich kann mich an meine Vergangenheit nicht erinnern." Rollins begann, an seinem fadenscheinigen Leinenhemd zu nesteln und brachte ein Amulett zum Vorschein, das eine geballte Faust zeigte. "Das Erkennungszeichen der Bruderschaft", erläuterte er. "Wenn es dir bei dem Überfall nicht abhanden gekommen ist, müßtest du es eigentlich auch bei dir tragen." Silvana schluckte. "Stimmt, ich trage es an einer Kette um den Hals. Bisher wußte ich nicht, was es bedeutet, aber ich hoffte, es wäre ein Bindeglied zu meiner Vergangenheit. Erzähle mir von der Bruderschaft." Nach einer kurzen Pause begann Rollins: "Die Bruderschaft der Faust war eine Untergrundorganisation in Sanction. Wir planten eine Verschwörung gegen den Highlord der Roten Drachenarmee. Leider hatten wir einen Verräter in den eigenen Reihen, und so gelang es dem Highlord mit einer einzigen, gut organisierten Aktion die Bruderschaft zu zerschlagen. Ich fürchte, daß außer uns niemand dem Massaker entkommen ist. Das gilt wohl leider auch für unsere Familien." Er verstummte und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. Silvana machte ein betretenes Gesicht und murmelte: "Ihr Götter, wenn der Rest meiner Vergangenheit genauso finster ist, will ich vielleicht lieber nichts weiter darüber hören...." Lauter fuhr sie fort: "Tja, danke für die Informationen. Ich muß das jetzt erstmal verdauen. Vielleicht melde ich mich noch einmal bei dir, aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich sollte die Vergangenheit lieber ruhen lassen und mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Ich scheine es ohnehin nicht zu schaffen, all diese Ereignisse mit mir in Verbindung zu bringen...." Damit wandte sich die Halbelfin von Rollins ab und stellte mit einer gewissen Erleichterung fest, daß Dices gerade das Gespräch mit dem Großmeister beendet hatte. Etwa eine Viertelstunde später passierten sie das Tor, welches sie aus dem Diebesviertel herausbrachte. Kurz vorher hatte man ihnen die Augenbinden abgenommen und ihre Waffen zurückgegeben. Gemalion atmete tief durch, als sie das Diebesviertel endlich hinter sich ließen. Dann wandte er sich an seine Begleiter: "Sehr viel weiter sind wir jetzt auch nicht, um nicht zu sagen: Diese Aktion hätten wir uns sparen können. Nun bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als in zwei Tagen die Geldübergabe zu beobachten und die Kerle dann zu ihrem Unterschlupf zu verfolgen. Oder gibt es irgendwelche anderen Vorschläge?"

Auf den Spuren der Banditen: Teil 10

Zwei Tage später legten sich Silvana und Troska bei Morgengrauen auf die Lauer, um die bevorstehende Geldübergabe bei der Tuchhändlerin Sirinde zu beobachten. Man hatte beschlossen, zunächst nur den Schlupfwinkel der Bande ausfindig zu machen. Erst am Abend wollten die Gefährten dann gemeinsam vorgehen und das Lager erkunden, während die Ganoven sich auf Raubzug befänden. Im goldenen Licht der frühen Morgensonne begannen sich die Straßen und Gassen der Stadt langsam zu beleben. Die Frühaufsteher unter den Händlern und Handwerkern, unter ihnen auch Sirinde, öffneten ihre Läden und Werkstätten. Silvanas Körper spannte sich schlagartig, als sie einen geduckten Schatten über die Dächer der gegenüberliegenden Häuser huschen sah. Das mußte das vierte Bandenmitglied sein, das mit einer Armbrust bewaffnet seinen Beobachtungsposten einnahm. Ihre Ungeduld ließ Silvana die folgenden Minuten bis zum Eintreffen der restlichen Erpresser wie Stunden empfinden. Als sie schließlich die drei Gestalten in den Laden verschwinden sah, fiel es ihr schwer, ruhig auf ihrem Posten zu bleiben. Nur zu gerne hätte sie sich auf die Ganoven gestürzt, die sie eindeutig wiedererkannt hatte.

Troska, die es sich im Ladeninneren zwischen einigen Tuchballen mehr oder weniger bequem gemacht hatte, reagierte mit einem leisen Seufzer der Erleichterung, als sie die Türglocke und nachfolgend schwere Schritte vernahm. Eine tiefe Männerstimme fragte barsch: "Habt Ihr das Geld?" Sirinde antwortete nicht, aber Troska hörte das unmißverständliche Klingeln einer prallen Börse. "So ist es brav", lobte die Männerstimme spöttisch, "jetzt können wir sicherstellen, daß Euch und Eurem Laden kein Unheil widerfährt. Wir melden uns dann wieder, wenn die nächste Rate fällig ist." Troska spürte ob der zynischen Dreistigkeit des Banditen die Galle in sich aufsteigen, unterdrückte aber gerade noch einen zornigen Ausruf. Stattdessen machte sie sich bereit, die Verfolgung aufzunehmen, sobald die Kerle den Laden verließen und auch der vierte Mann mit der Armbrust seinen Posten aufgegeben hatte.

Mit grimmiger Freude beobachtete Silvana, wie die drei Erpresser bereits nach kurzer Zeit wieder auf die Straße traten. Sie schickte ein Stoßgebet zu den Göttern, daß der Wachposten auf dem Dach möglichst bald verschwinden würde, sodaß sie den Ganoven auf den Fersen bleiben konnte. Ihr Gebet wurde anscheinend erhört. Der Armbrustschütze verließ den Ort des Geschehens, und Troska, die von Sirinde ein Zeichen bekommen hatte, verließ den Laden. Gemeinsam nahmen die beiden Frauen die Verfolgung auf. Glücklicherweise schien die Bande nicht mit einer Verfolgung zu rechnen, so hatten Silvana und Troska keine größeren Schwierigkeiten, sie bis zu ihrem Unterschlupf im Auge zu behalten, der sich als verfallenes Lagerhaus im Hafenviertel entpuppte. Die Vorderfront des Gebäudes bestand aus halbverrotteten Holzbrettern, und alle Türen und Fenster auf dieser Seite waren fest vernagelt. Die beiden Frauen folgten den Banditen zur Rückseite des Lagerhauses, die auf einen lange ungenutzten, verfallenen Kai blickte. Hier war das Gebäude besser erhalten. Offensichtlich wurde die doppelflügelige Türe auf dieser Seite auch von der Bande als Haupteingang benutzt, denn alle vier verschwanden nach einem letzten, sichernden Blick durch diese Pforte im Inneren des Lagerhauses. Troska und Silvana beratschlagten kurz und kamen überein, daß die Halbelfin die Stellung halten sollte, während Troska zum Garnisonsgebäude zurückgehen und die anderen informieren und mit ihnen zurückkommen sollte.

Es verging einige Zeit, in der Silvana das Lagerhaus alleine bewachte, da ihre Gefährten sich erst von ihren anderweitigen Verpflichtungen befreien mußten. Es ging bereits auf Mittag zu, bis die Anderen wieder bei ihr eintrafen. Nach kurzer Diskussion wurde beschlossen, das Gebäude erst dann näher in Augenschein zu nehmen, wenn es die Banditen zu ihrem abendlichen Raubzug verlassen hätten. Die Stunden des Wartens schienen sich zu einer Ewigkeit zu dehnen, die mit Würfeln, leisen Gesprächen oder einem Nickerchen ausgefüllt wurde. Die untergehende Sonne schien die Wolken am Himmel in Brand zu setzen, als Silvana, die in vorderster Front Wache schob, ihren weiter im Hintergrund wartenden Gefährten ein Zeichen gab näher zu kommen. "Drei von den Kerlen haben gerade das Gebäude verlassen", erklärte sie. "Jetzt ist nur noch der Armbrustschütze drinnen. Wir sollten sofort zuschlagen, denn eine bessere Gelegenheit wird sich wohl heute nicht mehr bieten." "Okay", stimmte Gemalion ihr zu, "ich sondiere die Lage." Damit wandte er sich zum Gehen. Dices legte ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. "Verzeih, aber ich glaube, es sollte jemand vorgehen, der sich etwas unauffälliger zu bewegen vermag. Scharfe Augen und Ohren sind uns im Moment von größerem Nutzen als ein starker Schwertarm." Gemalion sah den Magier skeptisch an. "Und an wen hattest du da gedacht?" Er warf einen mißtrauischen Seitenblick auf den Kender. Dices konnte ein leises Lächeln nicht unterdrücken, aber sein Ton blieb ernst: "Ich dachte an unsere übereifrige Halbelfin", er wandte sich an Silvana, "wir warten hier auf ein Zeichen von dir. Wenn wir in einer Viertelstunde noch nichts von dir gehört haben, kommen wir auf jeden Fall nach." Mit einem kurzen Nicken begann sich die Halbelfin vorsichtig dem Lagerhaus zu nähern. Mit angehaltenem Atem beobachteten die Anderen, wie sie langsam um das große Gebäude herumschlich. Den schwachen Geräuschen von der Vorderfront konnten sie entnehmen, daß sie sich an einem der vernagelten Fenster zu schaffen machte. Nach einigen Augenblicken der Stille ertönte plötzlich das helle Klirren von Stahl auf Stahl. Sofort stürzte Gemalion los. "Das war ein Zeichen!" Sein Sturmangriff fand ein abruptes Ende, als sich vor der Eingangstür der Boden unter ihm zu öffnen schien und er sich nach Sekundenbruchteilen zwei Meter tiefer im brackigen Wasser des Hafenbeckens wiederfand. Glücklicherweise bekam der Krieger einen Holzpfahl zu fassen, weil ihn sonst seine schwere Rüstung unweigerlich hinabgezogen hätte.

Auf den Spuren der Banditen: Teil 11

Der Rest der wartenden Gruppe war dem voranstürmenden Solamnier gefolgt und sah ihn plötzlich mit einem vernehmlichen Platsch im Boden versinken. Erschrocken sammelten sich Troska, Dices und Qickwig (letzterer eher amüsiert als erschrocken) um die offene Falltüre und blickten zu dem wütenden und klatschnassen Gemalion hinunter, der verzweifelt bemüht war, über Wasser zu bleiben. "Holt mich hier raus!" gurgelte er. "Ich kann nicht schwimmen!" "Oh", dozierte der Kender, "das ist ganz einfach. Als erstes mußt du diesen blöden Pfahl loslassen, der behindert dich nur...." Bevor der Kender weiterreden und Gemalion damit endgültig zur Verzweiflung treiben konnte, öffnete sich die Türe des Lagerhauses. Silvana, leicht aus einer Armwunde blutend, meinte trocken: "Ihr könnt jetzt reinkommen, der Armbrustschütze ist außer Gefecht." In diesem Moment erblickte sie den wassertretenden Gemalion und grinste breit. "Jetzt ist nicht der richtige Augenblick für ein erfrischendes Bad...." Dices wollte sich gerade aus der Hocke vor der Falltüre hochrappeln, als er aus dem Augenwinkel heraus einen seltsamen Lichtreflex wahrnahm. "Vorsicht!" Er bedeutete Silvana, sie solle stehenbleiben. "Wie es scheint, sind hier noch mehr Überraschungen vorbereitet als nur solamnische Badefreuden...." Er zeigte auf den schwach glänzenden Metalldraht, der über der Türschwelle gespannt war. Troska erinnerte daran, daß die Gruppe - oder zumindest ein Mitglied - noch andere Probleme hatte: "Und wie kriegen wir Gemalion jetzt aus dem Wasser? Hat jemand ein Seil?" Silvana reagierte prompt: "Ich habe drinnen welche rumliegen sehen. Ich hole eins."

Wenig später standen die Gefährten im Inneren des Lagerhauses, nachdem sie die Falltüre wieder geschlossen und sorgfältig den Stolperdraht vermieden hatten. Zu ihrer allgemeinen Freude entdeckten sie verstreut unter anderem Gerümpel jene ihrer Habseligkeiten, die ihnen bei den nächtlichen Überfällen abhanden gekommen waren. Außerdem lag da noch eine schwere Streitaxt, die sich Silvana sofort mit glänzenden Augen unter den Nagel riß und ein weiterer Rucksack mit persönlichen Gegenständen, der keinem von ihnen gehörte. In einer Ecke lag der bewußtlose Armbrustschütze. Plötzlich bedeutete Gemalion seinen Kameraden, einen Moment still zu sein. "Habt ihr das auch gehört? Von oben kommen komische Geräusche." Alle lauschten mit angehaltenem Atem. Tatsächlich war aus dem zweiten Stock ein Scharren zu vernehmen. Silvana zuckte die Schultern. "Wahrscheinlich Ratten", meinte sie. Inzwischen hatte eine kleine Kiste das Interesse der Halbelfin geweckt. Ihre mißtrauische Ader erwies sich als Segen, denn so entdeckte sie rechtzeitig einen weiteren Draht, der von der kleinen zu einer anderen, größeren Kiste lief. "Geht lieber mal alle in Deckung", warnte sie ihre Gefährten, stellte sich in eine taktisch günstige Position und hob den Deckel der kleineren Truhe. Aus der größeren Kiste ertönte ein scharfes Schnalzen, dem ein schwerer Armbrustbolzen folgte, der zitternd in der gegenüberliegenden Wand steckenblieb. Die kleine Truhe enthielt..... nichts.
Ein kräftiges Poltern vor der Eingangstüre kündigte Besuch an. Beinahe reflexartig zog Gemalion sein Bastardschwert. Die Türe flog mit einem lauten Krachen auf, und die ganze restliche Mörderbande stürmte mit blanken Waffen den Raum. Ohne einen Moment zu zögern verstellte Gemalion dem hünenhaften Werla den Weg, während Silvana sich sofort auf Merwai stürzte und ihn in einen Kampf verwickelte. Der Zwerg, der seine beiden Kumpane als Deckung nutzte, zog einen kleinen Lederbeutel aus seinem Wams und ein plötzlicher Schwefelgeruch alarmierte Dices und veranlaßte ihn, sich platt auf den Boden zu werfen. Ein ohrenbetäubendes Krachen hinter ihm bestätigte die Weisheit seiner Entscheidung. Sein Gesicht verfinsterte sich wie der Himmel vor einem Gewitter, und er drosch mit einer ungeahnten Wut auf den Zwergen ein, der gleichzeitig von einer Schleuderkugel aus Quickwigs Hoopak an der Schläfe getroffen wurde. Inzwischen hatte Gemalion mit Schwierigkeiten von unerwarteter Seite zu kämpfen. Nachdem er den ersten Treffer gelandet hatte, mußte er feststellen, daß Trojans Griff locker war und sowohl Attacken als auch Paraden zu einem Glücksspiel machte. Silvana hieb mit solcher Vehemenz mit der gewaltigen Streitaxt auf ihren Gegner ein, daß dieser schon bald zu Boden ging. Der Zwerg schaffte es im Schutze des beißenden Qualms seiner Bombe an Dices vorbeizukommen und sich zu einer weiteren Tür durchzuschlagen. Auf dem Weg dahin wurde er ein weiteres Mal von einer Schleuderkugel getroffen. Troska, die während des bisherigen Kampfes unschlüssig mit der Keule in der Hand dagestanden hatte, warf dem Zwergen das für sie als Waffe weitgehend unbrauchbare Holzstück zwischen die Beine. Mit lautem Poltern stolperte der vermeintliche Anführer der Bande in die Kammer und entschwand Dices´ Blicken, der ihm sofort nachsetzte. Als der Magier durch die Tür stürzte, stellte er fest, daß seine Eile völlig unnötig gewesen war. Der Zwerg lag bewußtlos vor einem schweren Labortisch, mit dessen Kante sein Schädel wohl gerade Bekanntschaft gemacht hatte.
In der Zwischenzeit hatte Gemalion trotz des Handicaps seinen Gegner auf die Knie gezwungen und hielt ihn mit der Schwertspitze unten. "Jemand sollte losgehen und die Garde von unserem Fang infor....." Der Solamnier unterbrach sich, als irgendetwas Feuchtes in seinem Gesicht landete. Er wischte sich mit der Hand über die Stirn und stellte fest: "Blut! Aber nicht von mir." Er wandte den Blick zur Decke, da traf ihn ein weiterer Blutstropfen direkt ins rechte Auge. "Ich glaube, wir sollten den zweiten Stock doch mal unter die Lupe nehmen." Während die Anderen noch die überlebenden Banditen verschnürten, nahm Silvana bereits Kurs auf die Treppe zum Obergeschoß. Sie hatte gerade den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, als sie abrupt stehenblieb. Irgend etwas schien mit der Treppe nicht zu stimmen. Bei genauerem Hinsehen entdeckte Silvana, daß auf der vierten und der sechsten Stufe dicke Staubschichten lagen, während die übrigen Stufen durch Benutzung fast staubfrei waren. Sie wartete mit der weiteren Erkundung, bis die Anderen sich ihr anschließen konnten. "Tretet nicht auf die vierte und die sechste Stufe, die scheinen eine weitere Falle auszulösen," warnte sie schließlich, bevor die Gefährten gemeinsam die Erkundung des oberen Stockwerkes in Angriff nahmen. Vorsichtig tasteten sie sich in den sich hinter der Treppe öffnenden, stockdunklen Raum, als ein unheimliches Stöhnen sie erstarren ließ. Nachdem ihre Augen sich an das spärliche Licht, welches durch Spalten und Risse in Decke und Wänden drang, gewöhnt hatten, erkannten sie in einer Ecke liegend eine große Gestalt, die erneut ein ersticktes Stöhnen von sich gab. Silvana trat an eines der vernagelten Fenster und durchschlug mit der Streitaxt die Bretter, um mehr vom schwindenden Abendlicht in den Raum zu lassen. Nun konnten die Gefährten die Gestalt als einen gefesselten Mann identifizieren. Kurzentschlossen ging Troska auf den vermutlich Verwundeten zu und stellte entsetzt fest, daß dieser in einer riesigen Blutlache lag. Ohne einen weiteren Augenblick zu verlieren, kniete sich die Elfin nieder und rief Sirrions Macht auf sich herab, um mit der Heilung zu beginnen. Inzwischen war auch Gemalion an den Verletzten herangetreten und sog erschreckt die Luft ein. "Ein solamnischer Ritter!" keuchte er. Tatsächlich prangte auf dem Wappenrock des Verwundeten das Zeichen des Königsfischers, gepaart mit Krone, Rose und Schwert, das Symbol der Ritterschaft. Troska erhob sich kopfschüttelnd. "Er ist zu schwer verwundet. Wenn wir ihn nicht gleich in den Mishakal-Tempel schaffen, stirbt er uns unter den Händen weg." "Na, was stehen wir dann noch hier rum?" fragte Gemalion und begann bereits, sich den stöhnenden Ritter auf die Schulter zu laden.
"Ääh, Moment mal", warf Dices ein, "bevor wir uns in alle Winde zerstreuen, sollten wir vielleicht noch absprechen, wer Verstärkung holt und wer bei den Gefangenen bleibt." Silvana war schon halb die Treppe unten und rief über die Schulter zurück: "Ich hole Verstärkung aus der Garde!" Und weg war sie. "Nun gut", konstatierte Dices mit leicht säuerlicher Miene. "Dieser Punkt wäre wohl geklärt." Er nickte Gemalion zu, der ihn fragend anblickte. "Mit den verschnürten Bündeln da unten werde ich wohl fertig werden. Beeilt ihr euch lieber, auch die Priester der Mishakal sind nicht allmächtig."

Nachdem Gemalion und Troska mit dem Verletzten unter Ächzen und Stöhnen verschwunden waren, prüfte Dices noch einmal die Fesseln der Gefangenen. Er betrachtete gerade mit einer gewissen Genugtuung die gewaltige Beule am Schädel des Zwergen, als irgendwo in seinem Hinterkopf die Frage nach dem Verursacher dieser Verzierung auftauchte. Wo im Namen der Fünfhäuptigen steckte eigentlich der Kender? Ein jäher Schreck durchzuckte den Magier. "Das Labor....!" Nur die Götter mochten wissen, was ein Kender in einem alchemistischen Labor alles anrichten konnte. Mit fliegender Robe stürzte er zu der Kammer, in der er Quickwig zu seiner großen Erleichterung in ein astronomisches Gerät mit vielen bunten Steinchen und Spiegelchen versunken vorfand. Beruhigt begann Dices, sich nun seinerseits genauer in dem Labor des Zwergen umzusehen. Dieses war vollgestopft mit den verschiedenartigsten Töpfen, Tiegeln, Mörsern und Retorten, denen mehrheitlich ein leicht stechender Geruch anhaftete. Er fand auch einige jener Bomben, mit denen der Zwerg versucht hatte, die Gefährten zu bekämpfen. Auf dem Labortisch lagen offensichtlich Materialien für die Herstellung weiterer Bömbchen, im Wesentlichen Sulphur, Salpeter und gemahlene Steinkohle. Einen Augenblick lang spielte Dices mit dem Gedanken, diese alchemistische Giftküche in Flammen aufgehen zu lassen. Aber auch wenn sein Zorn auf diesen schmierigen Imitator der Kunst noch so groß war, so konnte und wollte er doch nicht riskieren, daß dabei die halbe Stadt in Brand geriet. Das laute Poltern der von Silvana herbeigerufenen Verstärkung riß den Magier schließlich aus seinen Gedanken, und schon wenig später befanden sich die Ganoven auf dem Weg zu ihrem neuen Domizil, dem Stadtgefängnis, wo sie auf ihren Prozeß warten sollten.

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