Drachen von Krynn • Gute Drachen • Goldene Drachen

Ort der Szene ist Aurialastican, die Stadt aus Gold.
Wir sehen durch die Augen einer Kreatur, die mit großer Geschwindigkeit knapp unter den Wolken fliegt. Jeder Schlag der großen ledernen Schwingen taucht von unten in die Wolken hinein und treibt sie leicht auseinander. Es sind nur wenige Wolken am Himmel. Die Sonne scheint hoch oben und schenkt der Insel viel Wärme und Licht. Der Hals, an dem der Schädel sitzt, in dem die Augen ruhen, durch die wir sehen, schwenkt weit nach links und rechts, um die Stadt weit unten zu betrachten.
Häuser der Menschen, Minotauren und Kender liegen an der Küste und dem Hafen. Typisch den jeweiligen Rassen entsprechend sind sie gebaut. Der warmen Sonne müde laufen die winzigen Kreaturen durch die Straßen. Mit unseren scharfen Augen können wir jedes Detail erkennen. Kender, die im Hafen schwimmen. Minotaurische Seeleute, die sich aufgeregt über die Ankunft eines Schiffes unterhalten. Aber auch Elfen und Zwerge sind zu sehen, die sich selten aus ihren Vierteln trauen, doch trotzdem zum Bild dieser Stadt gehören.
Beiläufig nehmen wir die Anwesenheit eines vorbeifliegenden silbernen Drachen wahr, nicken ihm zu und legen die eigenen Schwingen an den Körper um rasend schnell in Richtung der Häuser zu tauchen. In einer engen Spirale stürzen wir wie ein Pfeil herab und breiten die Flügel gerade rechtzeitig wieder aus, um nicht gegen die Erde zu stürzen. Der Flug führt unseren Drachenleib um riesige Statuen aus Marmor, Stein und Metall. Teils abstrakte, teils realistische Motive, zeigen die Statuen vornehmlich Drachen der verschiedensten Metalle, prächtige Schiffe und bis auf die feinsten Blattäderchen exakt ausgearbeitete Bäume. Gleichmäßig schneiden unsere Schwingen duch die Luft, an einer Erhöhung in der Stadt entlang, auf der sich die meisten der Statuen und riesigen Villen und Burgen und Schlösser befinden. Wie eine fliegende Sonne nähern wir uns einem besonders schönen Haus. Fein gearbeitet aus kostbarem Marmor, die Mauern mit exotischen Pflanzen überrankt, die aus elfischen Ländern kommen und Blüten in den schönsten Farben tragen. Über dem Eingangstor feinste Verzierungen aus Gold, die aus zwergischer Hand stammen und in goldenem Licht erglänzen, das vom reflektierenden Leib des goldenen Drachen stammt, der nun katzengleich in der Bewegung, aber mit der Kraft einer gigantischen Kreatur vor dem Eingangsportal aufsetzt.
Die Augen bleiben. Doch der Körper verändert sich. Die großen goldenen Schwingen schrumpfen und verschmelzen mit dem Rücken, der schlanker und dünner wird. Sehr schnell verkleinert sich der gigantische Drachenleib und bildet menschliche Hände und Füße aus. Der Drachenschädel wird zu einem menschlichen Kopf mit einem Gesicht, das feine männliche Züge hat, mit Falten, die auf Erfahrung und Weisheit hindeuten. Die goldenen Schuppen verwandeln sich in menschliche Haut, über der das Gewand eines Gelehrten hängt. Das Kleidungsstück ist in typischen solamnischen Mustern geschnitten. Die goldenen Verzierungen zeigen Knotenmuster und Drachen. In Silber prangt die seit dem Chaoskrieg verlorene Sternenkonstellation des Platindrachens auf der Brust. Tiefgraues Haar bedeckt kurzgeschnitten die Kopfhaut. Das Alter des wahren Wesens läßt sich nur kaum abschätzen. Selbst die bernsteinfarbenen Augen mit dem leichten goldenen Schimmer würden die Wahrheit nicht preisgeben, da sie jenseits der Vorstellungskraft von Menschen liegt. Selbst die langlebigen Elfen hätten ihre Probleme. Mit erhobenem Kopf und erhabenem Gang schreitet der goldene Drache in Menschengestalt durch die Korridore seines Schlosses. Eine menschliche Dienerin steht an einer starken Holztür aus dem seltenen Holz der kräftigen Eisenklaue. Lächelnd hält sie ein Tablett in der Hand, von dem der gelehrt gewandete Mann ausdruckslos, aber mit einem dankbaren Nicken, ein Glas mit klaren Wasser nimmt und in dem Zimmer hinter der Tür verschwindet.
Die viele jahrhunderte alten Augen sehen einen gemütlichen Raum mit wertvollen Holzmöbeln, golden verziert und geschmackvoll eingerichtet. Endlose Reihen alter Bücher säumen die Wandregale. Ein steinerne Kamin auf der anderen Seite des Raumes spendet in kalten Tagen Wärme und und eine entspannende Atmosphäre. Doch heute sind nur einige Holzscheite geordnet aufgehäuft. Große brennende Kerzen lassen das Zimmer in gelb-goldenen Tönen erstrahlen. Mit ruhigen, aber langen Schritten schreitet der Mann zu einem Schreibtisch und setzt sich davor hin. Ein Pergament liegt vor ihm auf dem Holz. Daneben Tintenfaß und Feder. Für einige Sekunden besinnt sich der Mann in Ruhe auf das leere Pergament, dann tunkt er die Feder in das Tintenfaß und beginnt kurz darauf zu schreiben.

Linaras, der 7. Tag in Paleswelt, 32 Saer Cataclius

Mein sehr verehrter Freund Sir Erik Colderet, Ritter des Schwertes,

Mit Freude habe ich Euren Brief vom Winter letzten Jahres gelesen. Vielen Dank dafür. Ich fühle mich befriedigt und geehrt, Eurem Wunsch nachzukommen und eine kurze und persönliche Abhandlung über meine Art zu verfassen.
Wissen ist Macht, heißt es doch so schön. Macht über den Feind, wenn man seine Stärken und Schwächen kennt. Aber letztlich auch Macht über ihn, wenn man ebenjene Kenntnisse über die eigenen Freunde und Verbündeten hat. Doch ist dies nur die militärische Seite, leider zu wichtig in unserer Zeit. Viel angenehmer ist das Wissen um die Schönheit derer und dessen, die man liebt und schätzt. Eigene Erfahrungen sind bei weitem wertvoller und angenehmer. Doch verständlich ist Euer Wunsch, denn tatsächlich ist es so, daß besonders der Gemeine selten die Möglichkeit hat, unsereins kennenzulernen und zu erfahren. So sei Euch gesagt, zu wiederholtem Male, daß ich es überaus schätze, mit eurer Anfrage betraut worden zu sein.
Mögen die folgenden Worte eine passende Ergänzung zu Eurer Sammlung und eine lehrreiche Schrift für Eure Schüler sein.

Von unserer Art, den Goldenen Drachen Krynns

Wir goldenen Drachen sind die mächtigsten und größten aller Drachen. Unsere Größe übertrifft sogar die der roten Brut der finsteren Göttin. Die ältesten von uns sind von Kopf bis Schwanzende über hundert Schritt groß.
Unsere gefährlichste Waffe ist unser Feuerodem. Wir vermögen einen Kegel aus heißestem Feuer zu atmen, der so heiß ist, wie es nur der innere Kern Krynns sein kann. Weiterhin sind wir fähig ein tödliches, gelbgrünes Gas zu speien, das in der Form nur zweimal in der Natur Krynns vorkommt. Die andere Quelle sind die hinterhältigen grünen Drachen.
Die mächtigste Waffe ist allerdings unsere Intelligenz und unsere Magie. Wir verstehen um die magischen Geheimnisse und wissen sie wirkungsvoll einzusetzen. Kreaturen, die keine Drachen sind, kommen in der Regel nie bis zu einem Nahkampf mit unserer Art.
Wir goldenen Drachen sind Philosophen und Künstler. Wir lieben die Schönheit Krynns. Und wir bringen unserer schönen Welt ihren verdienten Tribut. Seien es Gemälde, seien es Lieder, seien es Bücher und Schriften. Auch haben wir geschworen, die Kunst dieser Welt, und die Welt als Kunstwerk selbst, zu beschützen und zu bewahren. Denn die Kunst ist das Junge des fruchtbaren Geistes. Ein jedes Kunstwerk eine eigenständige Schöpfung, das vor dem Verfall und der Vernichtung bewahrt und insbesondere vor dem Bösen und dessen Perversitäten verteidigt werden muss.
Wir goldenen Drachen sind bedachtvoll im Denken, weise in der Entscheidung und ehrenvoll im Handeln. Das gilt für das alltägliche Tun, das vorsichtige Planen für die Zukunft und die notwendigen Aktionen im Kampf.
Gewiß ist es für Menschen sehr schwer, den Geist unserer Art zu verstehen, ohne ihn erfahren zu haben. So sei als nähere Erläuterung, wie auch als respektvolles Kompliment gesagt, daß die ehrenvollen Ritter von Solamnia die würdigsten Gefährten eines goldenen Drachen sind.
Als Wesen, die eine für Nicht-Drachen unbegreifbare Zeitspanne auf dem Angesicht Krynns wandeln, haben wir die notwendige Geduld und Ruhe, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Durch unsere Macht und Stärke haben wir nur wenige andere Wesen zu fürchten und sind somit die Unabhängigsten aller Leben auf Krynn. Einzig und allein unsere Rivalität zu den roten Drachen kann uns aus der Ruhe bringen und einen wirkungsvollen Zorn heraufbeschwören. Einen Zorn, den die rote Drachenarmee im Drakonierkrieg sehr zu spüren bekam.
Doch der Fluß der Zeit floß weiter. Und nun sind heimtückische Felsen im Wasser. Die Großen Drachen haben den Kontinenten in ihrer Gewalt. Ausgeburten des Chaos ziehen schrecken- und todbringend über das Land. Und die Götter haben uns seit dem zweiten Cataclysmus verlassen. Einzig und allein hier, auf den Dracheninseln, haben die guten Drachen Zuflucht finden können.
Unser Lebensraum ist der Fels. Das kann sowohl eine Höhle im Berg sein, wie auch ein Schloss mit seinen harten Mauern. Viele der goldenen Drachen in Aurialastican wohnen in Burgen und Schlössern, wie es die solamnischen Menschen tun. Der Grund dafür ist die menschliche und elfische, also humanoide, Gestalt, die mit ihren geschickten und filigranen Händen, wie auch dem kurzsichtigen Auge, sehr vorteilhaft für die Arbeit eines Künstlers ist, und in die wir uns aus ebenjenem Grund so oft verwandeln.

Auch nun, in ebendiesem Moment, Sir Erik, sitze ich in meiner Bibliothek in menschlicher Gestalt und schreibe Euch diesen Brief. Wundert euch nicht, daß ich nichts über Taladas schreibe. Doch unter den dortigen Othlorx gibt es keine goldene Drachen. Als der Drakonierkrieg anfing und die metallenen Drachen zur Rückkehr von ihrer Suche nach den verlorenen Eiern aufgerufen wurden, sind einige feige und verräterisch an den Göttern des Guten auf Taladas geblieben. Doch waren unter diesen nun Ausgestoßenen keine goldenen Drachen dabei. Die Goldenen hatten allesamt den Ruf gehört und waren zurückgekehrt, um gegen die finstere Königin und ihre Armeen zu kämpfen.

Ich komme nun zum Ende meines Schreibens und wünsche mir, daß Ihr bald die Zeit und die Möglichkeit findet, mich hier in Aurialastican zu besuchen. Hoffen wir, daß die Bedrohungen unserer heutigen Zeit bald ihr Ende finden und persönliche Unterhaltungen endlich wieder unter friedlichen Bedingungen stattfinden können, ohne daß wir ständig die Augen gen Himmel richten müssen, in Furcht vor den Großen Drachen und den tödlichen Kreaturen von Chaos.

In Freundschaft und Vertrauen

Solmiranthus

Anmerkung: Mit "Drakonierkrieg" meinen Drachen den Krieg der Lanze. - Murmel Beutelleer



Copyright - Larry Elmore - www.larryelmore.de
Artwork: Larry Elmore, Drachenlanze.de