Drachen von Krynn • Gute Drachen • Bronzene Drachen

Bronzene Drachen

Stille. Nichts war zu hören, außer dem Tropfen des Regens. Nur der Puls ging stetig, wie das rhytmische Trommeln einer Harmonie des Blutes.
Hier lag er mit seinen Kameraden, einer Abenteuergruppe, die aus dem südlichen Abanasinia kam.
Seit Tagen hatten sie schon eine Gruppe Drakonier verfolgt, sie den ganzen weiten Weg bis hier her nicht aus den Augen gelassen.
Diese Ausgeburten der Hölle, dachte Sahir, als er seinen Kameraden zu verstehen gab, sich leise zu verhalten.
"Was ist wenn sie doch nicht diesen Weg gehen", flüsterte Shaneska.
"Doch das werden sie", erwiderte er kurz und knapp.
Wie mochte er doch diese Menschenfrau. Er kannte sie erst seit ein paar Jahren, doch ihren Mut und ihr Geschick mit dem Schwert hatte ihn schon seit ihrer ersten Begegnung fasziniert.
Sahir zog seit dem Beginn des Krieges, der später in Astinus Büchern mit den klanglosen und einfachen Wörtern "Der Krieg der Lanze" betitelt werden würde, mit dieser kleinen Gruppe von Abenteurern umher. Immer darauf aus den Schergen der dunklen Königin in die Quere zu kommen.
Sie alle stammten aus einer Stadt, die dem Zorn der bösen Drachen zum Opfer gefallen war. Jeder von ihnen, ob Shaneska, oder Tergrym, der ein Waldläufer war, sowie das Magierehepaar Maurice und Lyriana, die beide die weißen Roben trugen, hatten bei einem Angriff auf die Stadt, in der sie alle heimisch waren, geliebte Menschen verloren.
Marice und Lyriana traf es besonders hart, sie hatten ihren kleinen Sohn verloren. Er kam ums Leben, als ein Blauer Drache mit seinem gefährlichen, die Luft zum Knistern bringendem Odem das Haus einhüllte, in dem sie lebten. Es ging sehr schnell, Schmerzensschreie ihres Jungen hatten sie nicht vernommen. Doch als sie kurze Zeit später wagten ins Kinderbett zu schauen, lag er tot da. Der Blitzodem hatte ihn nicht berührt, doch für so ein kleines Wesen war die Welle der Elektrizität schon ausreichend, um ihn sterben zu lassen.
Tergrym verlor einen guten Freund, bei dem er gerade auf Besuch war.
So viel wusste Sahir von den Leuten, doch wen Shaneska verloren hatte, das wusste er nicht. Oft hatte er versucht, in Augenblicken, in denen ihre Augen vor Schmerz und Verzweiflung nach Hilfe schrien sie zu trösten, mit ihr zu reden, doch sie ließ keinen an sich ran.
Nur durch ihr Schwert ließ sie ihre Wut und ihrer Trauer freien Lauf. Und befreite sich wenigstens in solchen Augenblicken von den quälenden Erinnerungen, die ihre Seele zu martern schienen.

Er kannte sie alle noch nicht lange. Doch er vertraute ihnen. Nachdem die guten Drachen geweckt worden waren, machte er sich sofort auf den Weg in eine Menschenstadt. Denn Menschen waren es, die ihn faszinierten. Er liebte sie. Sie machten ihn neugierig, diese Menschen. Jene Rasse, deren Lebensspanne nur einem Atemzug eines Drachen entspricht. Und dennoch waren sie zu so vielen großen Taten fähig. Sie vermochten zu lieben, waren Meister der Kunst, des Handels, der Poesie, der Magie, des Erschaffens und des Zerstörens. All das, was die Menschen an guten Seiten haben, ist in ihnen jedoch leider auch in Form von schlechten vorhanden, dachte Sahir still vor sich hin.
Krieg, Zerstörung, Hass, Wut, Neid und Zorn konnten ebenso das kurze Leben eines Menschen bestimmen, wie die anderen Dinge, die Sahir so sehr an ihnen mochte.
"Sahir", entkam es Tergrym, "sie werden diesen Weg doch nicht nehmen. Sonst wären sie doch schon längst hier vorbeigelaufen."
"Vielleicht hast du Recht". Sahir drehte sich um, starrte den anderen ins Gesicht und sah deren Enttäuschung, dass sie wohl heute doch nicht mehr ihrer Rache nachkommen konnten. Sein Blick fiel auf Lyriana, deren Hautfarbe ziemlich blass wirkte. Ob es Schweiß auf ihrer Stirn war, wusste er nicht. Sie waren erst seit einer knappen Stunde in dieser Höhle, von der aus sie einen guten Blick auf den Pfad durch den Wald hatten. Es konnten noch Regentropfen sein, die ihr aus ihrem dichten schwarzem Haar auf die Stirn liefen.

Diesen Drakoniertrupp verfolgten sie schon seit einigen Tagen. Sie erreichten eine kleine Bauerngemeinschaft, und fanden nur noch verbrannte Erde vor. Alle Bewohner lagen mit Einstichen auf dem schmutzigen, vermatschten Boden herum. Das Blut vermischte sich mit dem schmutzigem Regenwasser, und das ganze strahlte, wenn es nicht zu makaber geklungen hätte, eine eigenartige Schönheit aus.
Sie waren auf der Durchreise gewesen, als sie diese Bauerngemeinschaft erreicht hatten. Und von da an verfolgten sie sie. Es bestand nur eine vage Ahnung, wo die Drakonier denn eigentlich genau hinwollten. Doch es gab Gerüchte über eine versteckte Armee hier in den Wäldern. Vielleicht waren sie nur ein Spähtrupp gewesen, wer wusste das schon. Interessieren tat dies hier keinen. Alle wollten nur eines, dieses grausame Böse vernichten.
"Wir sollten hier verschwinden, und uns einen geeigneten Platz für die Nacht suchen", brachte eine vor Kälte zitternde Lyriana hervor.
"Wie gehts dir? Du zitterst ja am ganzen Körper", sprach Maurice, während er sich nah an sie schmiegte und mit seiner Wärme versuchte die Kälte aus ihren Gliedern zu treiben. "Sie wird krank, wir müssen die Drakonier ziehen lassen. Ich möchte nicht auch noch meine Frau verlieren. Sie braucht ein Bett, eine anständige Mahlzeit, damit sie sich auskurieren kann."
"Er hat Recht", knurrte Tergrym. Wir brauchen alle etwas Ruhe. Seit drei Wochen ziehen wir durch diese Gegend, ohne auch nur einmal in einem richtigen Bett geschlafen zu haben."
"Ihr könnt ja gehen, ich werde bleiben", entfuhr es Shaneska. "Du siehst selbst nicht gut aus", erwiederte Maurice, "Schau dich doch mal an. Was nützt es dir beim nächsten Gefecht nicht einmal die Kraft aufbringen zu können, dein Schwert tief genug durch diese Drakonierschuppen treiben zu können." "Ruhe jetzt!" Sahir stand auf und schaute die anderen an. "Maurice hat recht, Shaneska. Wir brauchen alle ein paar Tage Ruhe."
Er ging die paar Schritte zu dem kleinen Abhang, der sie im handumdrehen auf den Pfad brachte. Sie folgten ihm. Shaneska wusste in ihrem Innern, das Sahir Recht hatte. Auch sie war müde und kraftlos. Auch sie konnte der Vorstellung einer Nacht in einem Bett nur schwer widerstehen.

Als sie sich auf dem Pfad gesammelt hatten, und im Begriff waren loszugehen, blieb Tergrym plötzlich stehen.
"Was ist?", schaute Sahir ihn fragend an.
"Irgendetwas stimmt hier nicht. Lasst uns schleunigst diesen Pfad verlassen und durch das Dickicht des Waldes weiter ge..." Er hatte diesen Satz nicht zu Ende gesprochen, als ein Hagel von Pfeilen seinen Rücken traf.
"Eine Falle!", schrie Shaneska. Und plötzlich tauchten überall aus den Gebüschen Drakonier mit wild umherschwingenden Waffen auf.
Es waren viele. Zu viele, wie Sahir sofort erkannte. Wie hatte er diesen Hinterhalt nicht bemerken können? Er zog seine zwei Schwerter und stürzte sich auf den ersten Drakonier, der in seine Reichweite kam. Ein Wirbel aus Klingen zerschnitt dem Opfer, das nicht einmal genau das Gesicht seines Feindes erblicken konnte, die Kehle. Es kamen immer mehr aus dem Wald.
"Wie müssen uns in die Höhle zurückziehen", schrie Shaneska durch das Kampfgetümmel, als ihr Schwert einem heranstürmenden Drakonier den Schädel spaltete, "sonst werden sie uns überrennen!"
"Nein!" schrie Sahir, "Wenn wir uns in die Höhle zurückziehen, sitzen wir in der Falle." Maurice jedoch lief mit seiner Frau zurück zur Höhle. Dort angekommen, begann er sofort einen Moment der Ruhe zu finden, und einen Zauber zu sprechen.
Sahir und Shaneska, die jetzt immer enger zusammenrückten um ihre Flanken und den Rücken zu decken, sahen sich umzingelt von Drakoniern.
"Los Shaneska, wir müssen Richtung Höhle, damit wir Maurice und Lyriana decken können."
Ein Drakonier mit einer fiesen Narbe, die quer über sein schuppiges Gesicht verlief, war der Annahme, dass der Krieger mit den zwei Schwertern durch das Zubrüllen zu seinen Kameraden soweit abgelenkt war, dass er jetzt seinen tödlichen Schlag landen konnte. Doch weit gefehlt. Sahir bückte sich und hieb in einer anmutigen Drehung auf dem Boden dem Drakonier das Bein ab. Dieser schrie vor Schmerzen auf und schleuderte seinen Morgenstern aus Versehen seinem heranstürmenden Kameraden ins Gesicht. Shaneska, die ein Langschwert trug, zückte aus ihrem Gürtel einen Dolch und schmiss ihn einem weiter weg stehenden Drakonier ins Auge. Dieser kippte sofort um und bewegte sich nicht mehr.
Maurice begann oben am Höhleneingang einen Zauber zu wirken, und aus seinen Fingerspitzen kamen fünf magische Lichtkugeln geschossen, die auf einen Drakonier zurasten und ihn mitten in die Brust trafen.
Ein großer muskulöser Drakonier, der eine doppelseitige Axt in seinen Klauenhänden trug, begann auf Shaneska einzudreschen. Seinen plumpen Angriffen konnte sie sehr gut ausweichen. Dieser Drakonier stellte keine Gefahr da. Ein anderer schleuderte ihr etwas Matsch ins Gesicht, geblendet konnte sie dem nächsten mächtigen Hieb der Axt nicht so gekonnt ausweichen, stattdessen versuchte sie den Hieb mit ihrem Schwert zu parieren. Doch die Kraft, die hinter diesem Schlag steckte, riss ihr das Schwert aus den Händen. Den Tod vor Augen sah sie den Drakonier plötzlich seine Axt fallen lassen und mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Hände begutachten. Die Axt, so fiel Shaneska auf, begann plötzlich rot zu glühen, als hätte man sie eben erst aus der Esse gezogen.
Sie blickte zur Höhle und sah Maurice sie anlächeln.
Sahirs Reihen begannen sich mit der Zeit zu lichten. Einer nach dem anderen fiel seinen Klingen zum Opfer. Shaneska indes versuchte an ihr Schwert zu gelangen, doch es war noch zu weit von ihr entfernt. "Sahir, mein Schwert", und sie zeigte auf die Stelle an der es lag. Verdammt dachte Sahir, er konnte nicht die Drakonier bekämpfen, den Pfad zur Höhle sichern und auch noch ihr Schwert zurückholen. "Nimm eins von meinen", und er schmiss ihr sein Schwert zu. Geschickt fing Shaneska es auf, und stürzte sich sofort auf die immer weiter in Scharen heraneilenden Drakonier. Plötzlich blieben die Drakonier stehen, und zogen sich ein paar Schritte zurück.
Drei Aurak Drakonier, die die Magie beherrschten, traten näher auf Sahir und Shaneska zu.
"Ihr werdet sterben, Menschen", grollte es aus ihren kratzenden Kehlen. Jeder von ihnen begann seine Hand zu öffnen und einen Feuerball auf die beiden zu werfen.
Die Feuerkugel an sich strahlte keinerlei Hitze aus als sie auf sie zuraste, doch der Aufprall ließ eine Welle der Hitze frei, als würden sie in Reorx Schmiede zu Feinmetall verarbeitet.
Sahir schaffte es, sich durch einen schnellen Sprung noch aus einem Teil des Wirkungsbereiches zu befördern, doch für Shaneska kam jede Hilfe zu spät. In Flammen aufgehend rannte sie noch ein paar Schritte auf einen der Aurakmagier zu, und hieb ihm mit einem Schlag den Kopf von den Schultern, bevor sie zusammenbrach.
Die beiden verbliebenen Auraks starrten angsterfüllt auf ihren gestorbenen Kameraden, und beide malten sich aus, wie es wohl geendet hätte, wären sie an dieser Stelle gestanden.
"Tötet ihn", schrien beide im Chor, und die Horde Drakonier stürzte sich nun auf Sahir.
Seines zweiten Schwertes beraubt war sein Kampfstil zwar weniger effektiv, jedoch nicht weniger tödlich. Mit der Wut des Schmerzes fiel jedem seiner Hiebe ein Drakonier zum Opfer.
Seine verbrannte Gesichtshälfte schien ihn jedoch in keinster Weise zu stören, nur der Geruch nach verbranntem Fleisch, der kontinuierlich in seine Nase stieg, lies seinen Magen rebellieren.
Er schwang sein Schwert nach oben, um seinen nächsten Gegner in eine Finte laufen zu lassen, als er einen stechenden Schmerz an der Seite spürte. Ein Drakonier hatte es geschafft sein rostiges Kurzschwert in seine Seite zu rammen. Blut quoll hervor, und für einen Augenblick begann Sahir zu taumeln. Seinen Angriff, der als Finte gedacht war, brach er ab um den Gegner, der ihn getroffen hatte, das Leben aus seinem Körper zu schlagen.
Schon wieder Schmerz. Er war schon wieder getroffen. Diesmal die andere Seite. Er hätte seiner Wut nicht nachgeben dürfen und lieber diesen armseligen Drakonier noch eine kleine Weile leben lassen sollen. So hatte er jetzt eine Lücke einem anderen Gegner geöffnet, der dies mit einem breiten Grinsen ausnutzte.
Aus den Augenwinkeln sah er noch, wie Maurice und seine Frau von etwa fünf Drakoniern überwältigt wurden. Der Schlag eines Flegels riss Sahir zu Boden. Einem anlaufenden Bozak, der es auf Sahirs Magen abgesehen hatte und schon sein Bein in freudiger Erwartung im Heranstürmen anwinkelte, drückte er sein Schwert mit aller Kraft in den Unterleib. Sahir erhob sich mühsam, während ein paar Drakonier auf ihn sprangen um ihn zu Boden zu drücken.
Er gab sich hin. Er gab sich den Schmerzen hin, die seine Muskeln durchliefen. Die ihm das Gefühl gaben, dass er von Innen aus seinem Körper gedrückt werden würde. Ein Knurren entkam seiner Kehle. Mit einer Kraft, die nicht menschlich zu sein schien, schleuderte er die Drakonier von sich. Die anderen verfolgten das mysteriöse Schauspiel, sie blieben stehen und sahen zu, wie sich der Körper des Mannes zu verformen begann. Seine Arme wurde länger, seine Beine bekamen Schuppen, sein Hals wuchs, aus seinen Seiten begannen sich Flügel zu drücken. Er wuchs und nahm immer mehr die Gestalt der Drakonier an. Doch er hörte nicht auf zu wachsen.
Die Drakonier guckten sich angsterfüllt um und gingen alle etwa zehn Schritte zurück.
Maurice und seine Frau, die dieses Spektakel vom Eingang der Höhle beobachten konnten, trauten ihren Augen nicht. Dort, wo eben noch ihr Waffengefährte gestanden hatte, stand nun ein ausgewachsener, bronzefarbener Drache.
Ein ohrenbetäubender Knall und ein Blitzstrahl aus dessen Maul fuhr auf die Drakonier herab. Sein gigantischer Schwanz schlug peitschend etwa fünf Drakonier auf einmal weg.
In Panik begannen die Drakonier zu fliehen. Selbst die, die Maurice und seine Frau festhielten, waren schneller weg als sie gekommen waren.
Maurice sah, dass der Drache aus einigen Wunden blutete, und ohne Zweifel, es musste sich um ihren Freund Sahir handeln.
Der Drache ging ein paar Schritte auf die beiden zu, senkte seinen langen Hals, und Maurice sowie Lyriana hörten in ihren Gedanken die Worte: "Los, steigt auf. Ich bringe euch in Sicherheit."

Bronzene Drachen sind die in Menschen vernarrtesten unter allen Drachen. Wie alle guten Drachen, besitzen sie die Fähigkeit sich in eine humanoide Form zu verwandeln. Anders als bei den bösen Drachen, die dies nur durch einen zeitlich begrenzten Zauber schaffen, ist es den guten Drachen angeboren, und sie können so lange in der erwählten Gestalt bleiben, wie sie wollen.
Ausserdem besitzen Bronzene Drachen noch die Fähigkeit sich in Tiere zu verwandeln. Was sie auch gerne machen, um in der Natur herumlaufen zu können, oder aber den Menschen so nah zu sein, um ihre Art verstehen zu lernen.
Bronzene Drachen sind von Natur aus neugierig, was die Menschen, Elfen, Zwerge, Kender usw. betrifft. Sie können problemlos Jahre lang unter ihnen leben, ohne sich auch nur einmal zu erkennen zu geben.
Der Odem eines Bronzenen Drachen ist entweder ein Blitzstrahl, oder aber eine ätzende Gaswolke.
Außerdem sind Bronzene Drachen Liebhaber des Kampfes. Sie lieben Gegenstände, die die normal Sterblichen als Waffen bezeichnen. Sie treten lieber einem Kampf mit einer Waffe in humanoider Gestalt gegenüber als sich sofort in einen Drachen zu verwandeln. Denn wo würde denn da sonst der Spaß bleiben. Sollte jedoch ihr Leben ernstlich in Gefahr sein, werden sie keinen Augenblick zögern ihre wahre Gestalt anzunehmen.

Drachenlanze.de, Text: Thalas